

Vor genau 250 Jahren, am 4. Juli 1776, erklärten dreizehn der nordamerikanischen Kolonien Großbritanniens die Unabhängigkeit von ihrem Mutterland. Wenig später bildeten sie eine der ersten modernen demokratischen Republiken der Welt, die Vereinigen Staaten von Amerika. Wir nahmen dieses besondere Jubiläum zum Anlass, um mit der kanadischen Nietzscheforscherin Willow Verkerk über die unterschiedlichen Perspektiven auf Nietzsche in Europa und Nordamerika zu sprechen. Wie unterschiedlich wird dieser Denker, der so tief in der europäischen Kultur verwurzelt ist, ‚hier‘ und ‚dort‘ gelesen? Was sagt das aus über die kulturellen Unterschiede zwischen Europa und seinen früheren Kolonien auf der anderen Seite des Atlantiks im Allgemeinen? Und was dachte Nietzsche selbst über die ‚Neue Welt‘?
Aus dem Englischen übersetzt von Paul Stephan.


Nietzsches Philosophie gilt als Akt der Selbstbefreiung – doch gegen die eigene Familie blieb auch der Übermensch machtlos. Dieser Essay beleuchtet das pathologische Spannungsfeld zwischen dem einsamen Denker und den „Canaille“-Verwandten, Mutter Franziska Nietzsche und Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche. Während der Philosoph in seinen Schriften das „Weib an sich“ als flach, unselbstständig und geistlos (de)konstruiert, lässt er sich gleichzeitig Strümpfe stopfen und Wurstkisten aus Naumburg schicken. Ein Essay über den tiefsten Einwand gegen die ewige Wiederkunft: die eigene Verwandtschaft.
Dies ist der zweite Teil einer kleinen Serie zum diesjährigen Muttertag. Im ersten Teil schrieb Henry Holland über Franziska Nietzsches Leben mit besonderem Fokus auf ihre Zeit vor Nietzsche und ihre letzten Jahre.


„Keep a stiff upper lip“, „halt die Oberlippe steif“, sagt man in England, wenn man seinen Gesprächspartner dazu aufrufen möchte, im Angesicht der Gefahr durchzuhalten und eine aufrechte Grundhaltung zu bewahren. Ein Rat, der sicherlich oftmals hilfreich ist. Um eine solche stoische Position muss man sich umso mehr als akademischer Außenseiter bemühen, der sich einerseits vom wissenschaftlichen Mainstream abgrenzt, andererseits jedoch auch auf seine Anerkennung angewiesen ist. In einer solchen delikaten Lage befand sich Nietzsche selbst, aber auch zahlreiche seiner Bewunderer. Ausgehend von mehreren solcher Außenseiterfiguren (neben Nietzsche selbst etwa Julius Langbehn und Paul de Lagarde) entwickelt Christian Saehrendt in diesem Beitrag eine Typologie der (vielleicht nicht immer ganz so) „glänzenden Isolation“ des akademischen Nonkonformismus.