

Nietzsche modifiziert die typisch deutsche Vorstellung des Walds als Idylle, die unser Autor im ersten Teil dieses Zweiteilers (Link) beschrieb. In dieser Fortsetzung geht es nun darum, diese Modifikation und ihre Bedeutung für unsere Zeit genau zu verstehen.
Nietzsches bevorzugte Landschaft des Denkens wird das Hochgebirge. Der Wald wird in diesem Zuge wichtig als Waldgrenze und damit als Zone, in der das Leben gerade noch möglich ist, bevor es erfriert. Für Nietzsche wird die Vegetationsgrenze zur Muse eines Denkers, der gefährlich lebt und immer on the edge denkt. Die Moderne wird so als ein kultureller Hochwald beschreibbar, der stets am Rande des Verdorrens ist; das Verblassen der Idylle der Waldeinsamkeit für die Deutschen offensichtlich. Nietzsches Haltung ist dabei schon lange keine elitäre Attitüde mehr, sondern wird in der Nachkriegsmoderne, etwa in den unterschiedlichen Subkulturen, zur Massenmentalität. In der aktuellen gesellschaftlichen Radikalisierungsbewegung beobachten wir eine demgegenüber eine neue Massenverstimmung – um ihr zu entkommen, gilt es, die Kunst, das eigene Leben als heroische Idylle am Abgrund zu gestalten, neu zu lernen.


Gibt es eine Verbindung zwischen Ort und Denken? Wie könnten Nietzsches Philosophie und der Wald zusammenhängen?
Der Wald erscheint in der deutschen Kultur oft als Inbegriff der Idylle. Im vorletzten Teil unserer Serie „Lebensgrundlage Wald“ vertritt unser Autor Michael Meyer-Albert die These, dass Nietzsche dieser Idyllik eine ganze neue Form gab, indem er sie dynamisierte.
Er diskutiert zunächst zwei Formen der traditionellen Idylle. Während die klassische Idylle in südeuropäischen Traditionen (wie bei Vergil) eher die sonnige, arkadische Hirtenlandschaft oder den geordneten Garten feierte, findet sich die philosophische Idylle in den Mauern der Akademie. Schutz vor der Doxa, Huldigen des Logos.
Den deutschen Wald als spezifisch deutsche Form der Idylle analysiert Meyer-Albert dann mit Hilfe des von dem romantischen Schriftsteller Ludwig Tieck (1773–1853) geprägten Begriffs der „Waldeinsamkeit“. Der Wald wird hier als geradezu religiös aufgeladener Schutzraum vor den Zumutungen der Moderne verstanden. Wird dieser aggressiv verteidigt, kann diese Romantik schnell in reaktionäre Mythologie, heutzutage auch im linken Gewand, umschlagen.
Nietzsches Modifikation der antimodernen deutschen Idylle des Waldes zu einer die Moderne bejahenden heroischen Idyllik bildet einen Gegenentwurf zu all diesen traditionellen Formen der Idyllik gleichermaßen – sie wird im Mittelpunkt des zweiten Teils dieses Artikels (Link) stehen.


Im vierten Teil unserer Serie „Lebensgrundlage Wald“ untersucht der renommierte US-amerikanische Nietzsche-Forscher Gary Shapiro weitere Aspekte von Nietzsches Verbundenheit zu den Wäldern: die persönliche Begeisterung des Philosophen für das, was man heutzutage vermehrt als „Waldbaden“ bezeichnet, die naturwissenschaftliche Grundlage für den Nutzen dieser Praktik für Körper und Geist und die pure Freude am Atmen frischer Luft, ob im Wald oder wo auch immer man sie finden mag. Shapiros Essay unterstreicht, warum dieser besondere Lebensraum so wichtig ist – nicht nur für unser individuelles Wohlergehen, sondern für die Gesundheit des gesamten Planeten.
Aus dem Englischen übersetzt von Paul Stephan.


Der Wald ist im Trend. Und damit steht er keineswegs im Widerspruch zu einem anderen, noch größeren Trend unserer Zeit: der Digitalisierung. Mandus Craiss zeigt in diesem Artikel, dass der Wald ein Netzwerk ist. Auch die Digitalisierung geschieht netzwerkförmig; beide Phänomene sind daher charakteristisch für die Postmoderne.
Im ersten Teil des Artikels wird der Wald charakterisiert als nicht-zentralistisches und damit typisch postmodernes Naturphänomen. Im zweiten Teil wird die „Postmoderne“ definiert und die Frage erörtert, inwieweit dieser Epochenbegriff noch oder wieder aktuell ist – ein Diskurs, dessen ganz frühe Wurzeln auch bis zu Nietzsche zurückreichen. Im dritten Teil wird schließlich dargelegt, wie der Netzwerkaspekt der Postmoderne sich zeigt und wie sich das Mensch-Wald-Verhältnis in jüngster Zeit entwickelt hat.
Dieser Artikel ist Teil unserer diesjährigen Schwerpunktreihe „Lebensgrundlage Wald“.


Mit diesem literarischen Beitrag von Giulia Romina Itin läuten wir unser Schwerpunktthema in diesem Jahr ein. Das ganze Jahr hindurch werden wir mehrere Artikel publizieren, die sich dem Thema „Wald“ widmen – der Wald in seiner zweifachen Bedeutung als geradezu mythologischer Ort der Begegnung mit den, bisweilen unheimlichen, bisweilen ermutigenden, Urkräften des Lebens, aber auch, eher pragmatisch gesehen, als nach wie vor entscheidende, aber auch bedrohte, wirkliche Lebensgrundlage unserer Zivilisation. Diese Doppelgesichtigkeit möchten wir mit Ihnen zusammen in diesem Jahr ausloten, um die Konturen des Lebensraums Wald in neuer Weise zu erschließen – mit Nietzsche und über ihn hinaus. Wir müssen den Wald wieder anders sehen und wertschätzen lernen.
Wer sich den Artikel lieber anhören möchte, findet ihn zusätzlich eingelesen von Caroline Will auf dem YouTube-Kanal der Halkyonischen Assoziation für radikale Philosophie (Link) oder auf Soundcloud (Link).


In Barbara Strakas neu erschienenem Buch Nietzsche forever? wird der Frage nachgegangen, wie Nietzsche in der Kunst des 20. Jahrhunderts, insbesondere derjenigen nach 1945, rezipiert wird. Dabei stellt sich allerdings bei der Rezeption der Rezeption von Nietzsche die Frage, ob der Philosoph in seiner Monumentalität aus dem Blick gerät. Zeigt das ein grundsätzliches Problem der heutigen Zeit mit Monumentalität? Michael Meyer-Albert plädiert jedenfalls, von Nietzsche ausgehend, gegen Straka für einen „postmonumentale Monumentalität“ als Gegenentwurf zum ästhetischen Postmodernismus. Im ersten Teil des Zweiteilers widmete er sich ihrem Buch, nun akzentuiert er seine Gegenposition.