Die ewige Eiche

Wo alles wiederkehrt

Die ewige Eiche

Wo alles wiederkehrt

21.3.26
Giulia Romina Itin
Mit diesem literarischen Beitrag von Giulia Romina Itin läuten wir unser Schwerpunktthema in diesem Jahr ein. Das ganze Jahr hindurch werden wir mehrere Artikel publizieren, die sich dem Thema „Wald“ widmen – der Wald in seiner zweifachen Bedeutung als geradezu mythologischer Ort der Begegnung mit den, bisweilen unheimlichen, bisweilen ermutigenden, Urkräften des Lebens, aber auch, eher pragmatisch gesehen, als nach wie vor entscheidende, aber auch bedrohte, wirkliche Lebensgrundlage unserer Zivilisation. Diese Doppelgesichtigkeit möchten wir mit Ihnen zusammen in diesem Jahr ausloten, um die Konturen des Lebensraums Wald in neuer Weise zu erschließen – mit Nietzsche und über ihn hinaus. Wir müssen den Wald wieder anders sehen und wertschätzen lernen.

Mit diesem literarischen Beitrag von Giulia Romina Itin läuten wir unser Schwerpunktthema in diesem Jahr ein. Das ganze Jahr hindurch werden wir mehrere Artikel publizieren, die sich dem Thema „Wald“ widmen – der Wald in seiner zweif achen Bedeutung als geradezu mythologischer Ort der Begegnung mit den, bisweilen unheimlichen, bisweilen ermutigenden, Urkräften des Lebens, aber auch, eher pragmatisch gesehen, als nach wie vor entscheidende, aber auch bedrohte, wirkliche Lebensgrundlage unserer Zivilisation. Diese Doppelgesichtigkeit möchten wir mit Ihnen zusammen in diesem Jahr ausloten, um die Konturen des Lebensraums Wald in neuer Weise zu erschließen – mit Nietzsche und über ihn hinaus. Wir müssen den Wald wieder anders sehen und wertschätzen lernen.

Wer sich den Artikel lieber anhören möchte, findet ihn zusätzlich eingelesen von Caroline Will auf dem YouTube-Kanal der Halkyonischen Assoziation für radikale Philosophie (Link) oder auf Soundcloud (Link).

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Meine Beine sind schwer, meine Arme fühle ich kaum noch. Mein Kopf dröhnt ununterbrochen und die Stimmen rauschen wie ein fernes Echo in meinem Schädel. Dieses Leben gehört mir nicht; meine Seele sitzt fest in einem Körper, der mir schon lange nicht mehr gehört. Vielleicht hat er das nie. Ich bin nicht krank. Nur müde, endlos müde von diesen Stimmen, die immer wieder flüstern: «Es gibt kein Entkommen.» Kein Entkommen wovon? Von dieser bleiernen Last auf meinen Schultern? Oder von diesem sich endlos wiederholenden Teufelskreis, der mir Tag für Tag denselben Schmerz serviert?

Ich spaziere allein im Wald. Ein kühler Herbsttag, doch die Sonne wärmt mich ausreichend. Ich gehe gerne hierher; der Wald entlastet meinen Kopf, lockert die verknoteten Gedanken, die mir Alltag tief im Brustkorb sitzen. Ich mag das Wort «Schwierigkeiten» nicht. «Schwerheiten» wäre ehrlicher, denn alles ist schwer. Doch hier, zwischen den Bäumen, wirkt diese Schwere für einen Moment leichter. Sinn gibt es keinen, schon gut, da bin ich mit Friedrich Nietzsche einig, aber hier bedrückt mich die Sinnlosigkeit nicht. Hier ist sie nur da, wie der Wind, wie das Rascheln, wie das Licht, das durch die Äste fällt.  

Ich denke an die unendliche Leere, an den Nihilismus, vor dessen Einbruch Nietzsche uns warnte. Warnen wollte? Ich glaube, der Nihilismus ist längst eingetreten. Nein, ich glaube nicht, denn Gott ist tot. Ich weiss, dass der Nihilismus längst eingetreten ist. Ich sehe ihn in den Augen der Menschen, in denen nur noch Dollar Zeichen leuchten. Sie halten dieses viereckige Ding, das schreit, blinkt, vibriert. Wenn ich sie frage «Warum?» zucken sie mit den Schultern. Manchmal wird mir schwindelig, wenn ich unter ihnen stehe, den Robotern. Ich bin eine von ihnen, aber sie haben mich wohl falsch programmiert. Ich spreche eine andere Sprache und sehe anders. Ist meine Perspektive die falsche oder ihre? Bin ich krank oder sie? «Du gehörst hier nicht dazu», höre ich die Stimme meiner Lehrerin. Da war ich sieben. Vielleicht bin ich wirklich krank.

Ein Stück weiter sitzt ein rotes Eichhörnchen. Die sieht man kaum noch. Ihre Welt stirbt, Baum für Baum, damit das Industriegebäude wachsen kann. Armes Eichhörnchen, denke ich. Arme Pfoten. Armer Wald. Alles vom Nihilismus befallen wie von einem Parasiten. Und der nihilistische Parasit ist effizient: Ein Schnitt und alles ist vorbei. Das Eichhörnchen flitzt den Stamm hoch. Weiter vorne ein Fuchs, seine Augen leuchten mich an wie zwei winzige Spiegel. Doch sobald ich einen Schritt mache, ist er verschwunden. Alles ist vorbei.

Photo der Autorin.

Ich gehe weiter und komme zu einer mächtigen Eiche. Ihre Krone streckt sie wie eine Kathedrale in den Himmel, vielleicht tausend Meter, vielleicht nur zwanzig. Masse verschwimmen. Kann diese Eiche mir sagen, was dort oben auf uns wartet? Leere. Ich gehe weiter. Wie lange, weiss ich nicht. Ich verlasse mich ungern auf Zeit. Früher sagten sie immer: «Deine Zeit wird kommen.» Welche Zeit sie meinten oder wie sie kommen sollte, begriff ich nie. Heute weiss ich: Es war eine Lüge. Sie haben kaum je etwas anderes erzählt. Die Roboter.

Da steht wieder die Eiche. Das kann nicht sein. Ich bin doch bereits an ihr vorbeigegangen. Die grosse Eiche. Ich muss mich geirrt haben. Ich gehe weiter, denselben Weg zurück. Doch da ist sie erneut. Ich halte inne. Drehe mich um. Gehe schneller. Die Eiche. Ich gehe rückwärts. Die Eiche. Ich schliesse die Augen und gehe blind durchs Unterholz, spüre Wurzeln, Dornen, Äste. Ich öffne die Augen. Die Eiche. Ich gehe auf die Knie. Sie steht unverändert vor mir. Ich rolle mich über den Waldboden, Erde klebt unter meinen Fingernägeln, Moos drückt sich in mein Gesicht. Doch als ich aufschaue: die Eiche. Ich realisiere: Egal, was ich tue, diese Eiche wartet. Ich bin gefangen. In diesem Wald, in diesem Körper, in diesem Leben. Jeder Weg führt zu ihr zurück. Jeder Schritt wiederholt sich. Ich schlage meine Fäuste wund an ihrer Rinde, doch nichts verändert sich. Ich schreie in den dunkeln Wald, doch keiner hört mich. Da ist niemand.  

Und plötzlich, zwischen meinen hektischen Atemzügen, höre ich nicht mehr die Stimmen in meinem Kopf, sondern ein Satz, der sich aus den Tiefen meiner Erinnerung löst. Wie das Blatt, das dort vorne von einem Ast fällt. «Dieses Leben, so wie du es jetzt lebst, musst du noch einmal und noch unzählige Male leben.» Nietzsche. Der Dämon. Das grösste Schwergewicht. Ich starre die Eiche an, als hätte sie mir diesen Satz zugeflüstert. Vielleicht hat sie das. Vielleicht ist sie der Dämon.  

Ich wische mir Schmutz aus dem Gesicht und beobachte den Mondschein, der durch die Krone der Eiche fällt. Was, wenn diese Wiederkehr kein Zufall ist? Was, wenn sie eine Frage ist? Ich gehe einen Schritt zurück. Die Luft riecht nach Erde und Kälte. Mein Herz schlägt schneller, aber nicht aus Angst. Eher, weil etwas in mir sich hebt, wie ein Tier, das zu lange geschlafen hat. Eine Frage also: Kann ich ertragen, immer wieder genau an diesen Punkt zurückzukehren? Würde ich dieses Leben, jede Müdigkeit, jeden Fehler, jede Verzweiflung, noch einmal wollen? Und dann noch einmal und noch einmal? Und unendlich oft?

Die Gedanken in meinen Kopf drehen. Ich höre wieder meine Lehrerin, die anderen Schüler und schliesslich meine Grossmutter: Ich gehöre hier nicht dazu. Und ich könnte rennen, vor alldem davonrennen, vor der Eiche. Ich könnte so tun, als hätte ich sie nie gesehen und eine Lüge leben. Doch ich kann auch bleiben.

Ich sinke auf den Boden, zuerst ganz vorsichtig. Die Erde unter mir ist kalt, aber sie trägt mich. Mit meinem Rücken lehne ich mich an die Eiche und mein Blick wandert in den Nachthimmel. Ich sitze da, angelehnt an der Eiche, und atme. Tief ein, dann wieder aus. Ich atme einfach. Nicht schön oder ruhig, aber ich atme. Und während ich dort sitze, spüre ich, wie die Stimmen sich beruhigen, die Stimmen, die so lange laut waren. Wenn ich immer wieder zur Eiche zurückkehre, dann vielleicht, weil sie die Einzige ist, die mich versteht. Für die Eiche muss ich mich nicht verstellen, vor ihr muss ich mich nicht rechtfertigen. Und dann merke ich zum ersten Mal, dass eine ewige Wiederkehr vielleicht nicht bedeutet gefangen zu sein. Vielleicht bedeutet es, dass man im Leben Orte findet, die sich für einem vertraut anfühlen und an denen man einfach sein darf. An denen man auch bleiben darf. Meine verkratzte Hand streicht über die raue Rinde und es fühlt sich so an, als würden die Wunden heilen.

Ein kleines, schwaches «Ja» entsteht irgendwo in mir. Kein grosses «Ja» zum Leben, aber ein «Ja» zu diesem Moment. Zur Eiche. Zu mir. Und für einen Moment ist es genug, einfach da zu sein.

Giulia Romina Itin wurde 2007 in der Nähe von Luzern geboren und studiert derzeit Philosophie und Geschichte an der Universität Basel. In ihren Texten setzt sie sich mit existenziellen und gesellschaftskritischen Fragen auseinander: Sinn und Sinnlosigkeit, Auflehnung, Identität, das Träumerische und der Widerstand gegen das Vorgeformte. Ihr Denken wird vor allem von Friedrich Nietzsche und Albert Camus geprägt, deren Perspektiven auf Freiheit, Revolte und Absurdität ihren Blick für die Brüche der Gegenwart schärfen. Neben dem Studium schreibt Giulia Lyrik und Prosa, um in einer sinnleeren Welt nicht innerlich zu verstummen. Schreiben bedeutet für sie, weiterzufragen, wo andere schweigen.

Das Artikelbild stammt von dem australischen Künstler Mitchell Nolte (Link), den wir mit der Illustration unserer kompletten Waldreihe beauftragt haben.