Die blonde Bestie und der „Hammertyp“

Wie Dieter Bohlen endlich einen ebenbürtigen Titan entdeckte

Die blonde Bestie und der „Hammertyp“

Wie Dieter Bohlen endlich einen ebenbürtigen Titan entdeckte

9.4.26
Christian Saehrendt
Dieter Bohlen und Friedrich Nietzsche verbindet auf den ersten Blick so wenig wie Marie Antoinette mit Rosa Luxemburg oder Napoleon mit Angela Merkel – doch ein zweiter offenbart größere Affinitäten, als man ahnt. Jedenfalls wird so eine neue Perspektive möglich – auf Bohlen und auf Nietzsche gleichermaßen. „[D]as Fremdeste paarend und das Nächste trennend“1, unternimmt unser Stammautor Christian Saehrendt in dem folgenden Text eine wahrhaft nietzscheanische Spurensuche auf den Fährten des „Titans“ des deutschen Pop, der bis heute wie nur wenige Prominente im deutschen Sprachraum polarisiert – auch dies eine Verbindungslinie zwischen Philosoph und Musiker.

Dieter Bohlen und Friedrich Nietzsche verbindet auf den ersten Blick so wenig wie Marie Antoinette mit Rosa Luxemburg oder Napoleon mit Angela Merkel – doch ein zweiter offenbart größere Affinitäten, als man ahnt. Jedenfalls wird so eine neue Perspektive möglich – auf Bohlen und auf Nietzsche gleichermaßen. „[D]as Fremdeste paarend und das Nächste trennend“1, unternimmt unser Stammautor Christian Saehrendt in dem folgenden Text eine wahrhaft nietzscheanische Spurensuche auf den Fährten des „Titans“ des deutschen Pop, der bis heute wie nur wenige Prominente im deutschen Sprachraum polarisiert – auch dies eine Verbindungslinie zwischen Philosoph und Musiker.

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Er ist das Gesicht der deutschen Musikwelt: Pop-Titan Dieter Bohlen […] er hat sich im Laufe seiner Karriere immer wieder neu erfunden […] nicht nur ein talentierter Musiker und Produzent, sondern auch eine fesselnde TV-Persönlichkeit […] ein echter Ausnahmekünstler.2

Glaubt man diesen und anderen Medienstimmen, lebten wir im Bohlenozän der deutschen Kulturgeschichte. Wer ist dieser faszinierende „Titan“? Ist er ein Wiedergänger jenes Göttergeschlechts von Riesen in Menschengestalt, die gemäß der griechischen Mythologie einst in einem legendären Goldenen Zeitalter lebten? Der Titan Bohlen war als Mitglied und Produzent des Pop-Duos „Modern Talking“ unter den sterblichen Menschen populär geworden. Zuvor hatte er höchst bescheiden im Verborgenen Songs für diverse deutsche Schlagersänger komponiert. Mit dem Sänger Thomas Anders an seiner Seite begann 1984 das Goldene Zeitalter des Titans. Das „größte deutsche Pop-Duo aller Zeiten“3 belegte mit unvergessenen Welthits wie You’re My Heart – You’re My Soul, You Can Win If You Want oder Cheri Cheri Lady mehrfach Platz eins der deutschen Single-Charts und brillierte zudem in anderen europäischen sowie in asiatischen (!) und afrikanischen (!) Hitparaden.  

Ich weiss keinen Unterschied zwischen Thränen und Musik zu machen, ich weiss das Glück […] nicht ohne Schauder von Furchtsamkeit zu denken.4

Abb. 1: Thomas Anders singt. Zeichnung auf Papier von Christian Saehrendt (2026).

Im Bohlenozän der deutschen Kulturgeschichte

Neben Modern Talking produzierte Bohlen mit „Blue System“ und „C. C. Catch“ weitere grandiose Eurodisco- und Eurodance-Hits. Sein Musikstil war vom Genre Italo Disco inspiriert und war von hohen Gesangseinlagen, eingängigen Rhythmen und eigenwillig poetischen englischen Texten geprägt. Die Titel des Titans wirkten stets wie aus einem Guss, basierten wie etwa der Mega-Hit Brother Louie auf eingängigen Drumcomputer- und Bassrhythmen, die mit Keyboard- und Klaviereinsätzen sowie Synthesizerklängen kombiniert und mit „fetzigen“ E-Gitarren- oder Synthesizer-Riffs angeheizt wurden.

Während Thomas Anders Gesang ein betäubend schlagerhaftes Fluidum verbreitete – „er verschmalzte sogar noch Schmalz“5 – fiel der Titan durch seine hohen, fast geschrienen Falsett-Einlagen auf.

Wann wird der Ton zur Musik? Vor allem in den höchsten Lust- und Unlustzuständen des Willens, als jubelnder Wille oder zum Tode geängsteter, kurz im Rausche des Gefühls: im Schrei.6

Bei Live-Auftritten von Modern Talking waren gelegentlich gottgleiche Fähigkeiten des Titans zu bewundern, wenn er etwa in die Hände klatschte und zugleich seine E-Gitarre weiterspielte.  

Äußerlich legte Anders einen androgynen Langhaarlook mit Make-Up an den Tag, während der Titan im weiten Hemdausschnitt güldene Kettchen klimpern liess. Beide liebten pastellfarbene Overalls, und beide waren unverkennbar exzessive Solariumsliebhaber, sodass übelwollende Chronisten monierten, sie seien „immer brauner und schwuchteliger geworden.“7 Doch was die Kritiker auch einwenden wollen – das Duo Modern Talking gehört mit rund sechs Millionen verkauften Tonträgern zu den Umsatzgiganten der deutschen Musikbranche. International setzten sie allein bis 2010 sogar das 20fache ab: rund 120 Millionen Platten, CDs und Downloads,8 wobei ihnen in der Sowjetunion bzw. in den GUS-Staaten ein überragender Erfolg beschieden war. Im Zuge der Glasnost-Politik der kulturellen Öffnung wurde Modern Talking 1986 die erste westliche Band, deren Platten in der UdSSR frei verkäuflich waren. Den Sowjetbürgern erschienen sie modern, beschwingt, polyglott, unpolitisch – sie lieferten eine Art Türöffner-Produkt, das den postsowjetischen Kulturraum für den westlichen Global-Pop erschloss. Als Duo und jeweils allein absolvierten Bohlen und Anders zahlreiche Konzerte in Russland. Dabei störte sich das Publikum nicht an der ominösen Tatsache, dass „Dieter Bohlen“ auf Russisch exakt wie „Dieter ist krank“ (Дитер болен) klingt. Thomas Anders trat zehnmal im Kremlpalast auf, der kranke Dieter wurde als „Held der russischen Jugend“ dekoriert und Anders erhielt in Kiew eine Ehrenprofessur mit der Begründung, Modern Talking habe den Musikgeschmack einer ganzen Generation geprägt – zurecht: Der Bekanntheitsgrad von Modern Talking in Russland und in der Ukraine ist immer noch sehr hoch, vor allem in der Boomergeneration, so dass beide Musiker ohne Übertreibung als erfolgreichster Kulturexport in der jüngeren deutsch-russischen Beziehungsgeschichte seit Richard Wagner gelten dürfen.  

Und so frage ich mich: was will eigentlich mein ganzer Leib von der Musik überhaupt? Ich glaube, seine Erleichterung: wie als ob alle animalischen Funktionen durch leichte kühne ausgelassne selbstgewisse Rhythmen beschleunigt werden sollten; wie als ob das eherne, das bleierne Leben durch gute zärtliche Harmonien vergoldet werden sollte.9

Abb. 2: Der junge Titan mit Gitarre. Zeichnung auf Papier von Christian Saehrendt (2026).

Wie der Titan zur Bestie wurde

Als wäre all das nicht genug, machte der Titan im reifen Mannesalter eine Metamorphose durch und wandelte sich vom Musiker zum Richter über Musik. Diese zweite Karriere entrückte ihn den Sterblichen noch weiter als zuvor, verschaffte ihm aber in jüngeren Jahrgängen neue Prominenz: Er wurde Jurymitglied der Casting-Sendungen Deutschland sucht den Superstar (DSDS) und Das Supertalent. Bis 2024 war er – gut 20 Jahre lang – Juror bei DSDS gewesen, 2026 wird er es nach kurzer Unterbrechung wieder sein.Seine knallharten Sprüche, die immer schonungslos ehrlich waren sowie gnadenlos unterhaltsam, machten ihn zum Gesicht der Show“, lobhudelten die Fernsehjournalisten.10 Wie einstmals Nietzsche versuchte sich nun auch Bohlen als „Meister der kurzen Form“: Messerscharfe Urteile, pointierte Aphorismen, provokant, geistreich und so gut, dass sie auch noch einmal in Buchform publiziert werden mussten.11 Huldvoll produzierte er mit einigen DSDS-Siegern gefällige Pop-Balladen, wichtiger war allerdings die Rolle, die er in der Jury spielte. Hier figurierte er als unberechenbar raubtierhafte Gestalt, die den Kandidaten mal wohlwollende, mal vernichtende Urteile entgegenfauchte. Diese seine „Hammersprüche“, oftmals noch mit Fäkalhumor überreich garniert, schienen alle Regeln von Höflichkeit und Fairness zu ignorieren. Die mehr oder minder gefassten Kandidaten mussten die Verdikte vor laufenden Kameras quittieren. Im gleißenden Licht der Fernseharena, vor Millionen von Zuschauern, waren sie der Bestie Bohlen ausgeliefert, die bisweilen mokant mit ihnen spielte, bevor sie sie zerriss.

Auf dem Grunde aller vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen; es bedarf für diesen verborgenen Grund von Zeit zu Zeit der Entladung, das Thier muss wieder heraus …12

Kann es ein, dass Bohlen – wie auch der sprunghafte „Don the Con“ Trump oder der apokalypsengläubige „Contrarian“ Peter Thiel – zu jenen „blonden Bestien“ gehört, die von Zeit zu Zeit die Zivilisation durch disruptive und brutale Interventionen erneuern?13 Jene verführerischen „Neue Barbaren“, die nun überall ankommen, all „Die Cyniker. […] Die Versucher“14?

Menschen mit einer noch natürlichen Natur, Barbaren in jedem furchtbaren Verstande des Wortes, Raubmenschen, noch im Besitz ungebrochner Willenskräfte und Macht-Begierden, warfen sich auf schwächere, gesittetere, friedlichere, vielleicht handeltreibende oder viehzüchtende Rassen, oder auf alte mürbe Culturen, in denen eben die letzte Lebenskraft in glänzenden Feuerwerken von Geist und Verderbniss verflackerte.15  

Abb. 3: Unvergessliche Verdienste um den Weltfrieden und Botschafter deutscher Kultur im Ausland – Modern Talking. Zeichnung/Multimedia-Installation von Christian Saehrendt (2026).

Bohlens barbarisches „Jurieren mit dem Hammer“, seine Haltung, den Kandidaten Fleiss, Härte, Durchsetzungskraft und Willensstärke zu predigen, war das nicht die überfällige Attacke der blonden Bestie auf unsere „alte mürbe Cultur“?16 Leider trug Bohlen nach seiner Metamorphose zur Bestie nicht mehr die charakteristische löwenhafte Mähne, die in jungen Jahren sein Markenzeichen gewesen war: jenes dezent auftoupierte, strähnchenblondierte und lässig geföhnte Vokuhila-Meisterwerk. Nunmehr trat der Bestie gewordene Titan mit gegelter und nachblondierter Kurzhaarfrisur auf, ballte nicht mehr zähnebleckend die Faust wie zu besten Modern-Talking-Zeiten, sondern breitete die Arme raumbeherrschend aus, stach erregt mit dem Finger in die Luft oder schüttelte langsam den Kopf, was einer wortlosen Hinrichtung für ungut befundener Kandidaten gleichkam.

Vielleicht, dass auch unsre letzte Musik, so sehr sie herrscht und herrschsüchtig ist, bloss noch eine kurze Spanne Zeit vor sich hat: denn sie entsprang einer Cultur, deren Boden im raschen Absinken begriffen ist, – einer alsbald versunkenen Cultur.17

Anlässlich der Publikation der autobiografischen Schrift Der Bohlenweg suggerierte die Zeitschrift „Stern“ im Interview mit der Bestie, einige Stellen im Buch läsen sich „wie Nietzsche“ und hakt nach: „Haben Sie denn noch genügend Chaos in sich, ‚um einen tanzenden Stern zu gebären‘“? Worauf der blonde Autor antwortet: „Wow, cooler Spruch! Könnte von mir sein!“ „Ist aber von Nietzsche“, sagt der Reporter, während die Bestie nun plötzlich in Nietzsche einen ebenbürtigen Giganten erkennt:  

Hammertyp! Ich bin immer wieder erstaunt, dass anderen Leuten auch geile Sachen einfallen.18

Abb. 4: Der reife Titan. Zeichnung auf Papier von Christian Saehrendt (2026).

Artikelbild

Der Titan in jungen Jahren. Pastellkreidezeichnung auf Papier (2025). Von Nelly.

Literatur

Bohlen, Dieter: Meine Hammersprüche. München 2006.

Bohlen, Dieter & Katja Kessler: Hinter den Kulissen. München 2003.

Spöcker, Christoph: Dieter Bohlen. Kleine Anekdoten aus dem Leben eines Pop-Titanen. München 2019.

Fußnoten

1: Ueber Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, Abs. 2.

2: https://www.gala.de/beauty-fashion/beauty/von-modern-talking-bis-pop-titan--so-sehr-hat-sich-dieter-bohlen-im-laufe-der-jahre-optisch-veraendert-24182340.html (14. 5. 2025).

3: Christoph Spöcker, Dieter Bohlen, S. 43.

4: Nietzsche contra Wagner, Intermezzo.

5: Dieter Bohlen & Katja Kessler, Hinter den Kulissen, S. 66.

6: Die dionysische Weltanschauung, Abs. 4.

7: Spöcker, Dieter Bohlen, S. 52.

8: https://www.sueddeutsche.de/panorama/dsds-neues-modern-talking-mit-medlock-und-bohlen-1.854734 (17. 5. 2010).

9: Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 368.

10: https://www.tvspielfilm.de/news/stars/aus-dsds-und-supertalent-dieter-bohlens-100-heftigste-sprueche,10500354,ApplicationArticle.html (6. 4. 2026).

11: Bohlen, Meine Hammersprüche.

12: Zur Genealogie der Moral, Abs. I, 11. – Bei der Figur der „blonden Bestie“ mag Nietzsche von Überlieferungen vom Auftauchen blonder und rothaariger germanischer und keltischer Krieger im Römischen Reich inspiriert worden sein. Zeitweilig färbten sich römische Frauen sogar die Haare blond, um „wild“ und „barbarisch“ zu wirken.

13: Vgl. die Erörterung von Tobias Kurpat, Der Übermensch im Hamsterrad. Nietzsche zwischen Silicon Valley und Neuer Rechter, auf diesem Blog: „Sind die neuen Tech-CEOs wirklich die Barbaren, auf die Nietzsche gehofft hat – oder eine postironische Simulation derselben Idee?“

14:Nachgelassene Fragmente, Nr. 1885 35[28]. Zu Nietzsches Figur des Barbaren s. a. Marion Friedrichs Artikel Die Barbaren des 21. Jahrhunderts. Narzissmus, Apokalypse und die Abwesenheit des Anderen auf diesem Blog.

15: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 257.

16: Dieser Rolle widerspricht ein wenig das Interview, das Bohlen im Herbst 2025 dem Goldhändler Dominik Kettner gewährte. Hier zeigt sich die mittlerweile 71-jährige blonde Bestie selbst als Exponent „alter mürber Culturen“: enttäuschend kulturpessimistisch und altbacken-populistisch. Vielleicht fordert das Alter hier bereits seinen Tribut, die Kräfte der Bestie erlahmen.

17: Nietzsche contra Wagner, Eine Musik ohne Zukunft.

18: https://www.stern.de/lifestyle/leute/dieter-bohlen--selbstzweifel-sind-nur-was-fuer-weicheier--3748176.html (11. 10. 2008).