Eisvogel-Preis für radikale Essayistik

Der Eisvogel ist ein vom Aussterben bedrohter scheuer Gesell, den man nur selten zu Gesicht bekommt. Seine Nester sind so gut versteckt, dass man lange dachte, er würde sie in Zeiten der Windstille, den „halkyonischen Tagen“ vor und nach der Wintersonnenwende, auf dem Meer treiben lassen. Die antiken Griechen nannten ihn daher „Hal-kyon“, den auf der Salzflut brütenden.

Nietzsche verwendet die von dieser antiken Legende inspirierte Metapher des „Halkyonischen“ oft, um seine eigene Grundhaltung der fröhlichen Weltabgewandtheit zu bezeichnen: eine Stimmung der inneren Ruhe, die aus einer tiefen Weltdistanz erwächst. Diese Gelassenheit und Leichtsinnigkeit soll es ermöglichen, einen neuen, radikalen, Blick auf die Gesellschaft und die ihr zu Grunde liegenden Werte zu richten. Zur Befreiung ist die Entfremdung von sozialen Normen und Pflichten nötig; aus der Sicht des Befreiten erscheinen dieselben verfremdet und sie werden grundlegend auf ihren Sinn, ihren Ursprung, ihre Geltung hin befragt. Alternative Wertsetzungen werden dadurch formulierbar.

Die Halkyonische Assoziation für radikale Philosophie und das Buser World Music Forum wollen mit dem Eisvogel-Preis für radikale Essayistik philosophische Texte auszeichnen, die an diese Haltung der halkyonischen Radikalität anknüpfen und einen originellen philosophischen Beitrag zur Analyse und Kritik der vorherrschenden Werte unserer Gesellschaft leisten wie auch zum Aufzeigen von anderen Möglichkeiten der Wertung. Es sollen Experimente in fröhlicher Wissenschaft sein, jenseits akademischer Schreib- und Denkformen, die zu einem breiten Leserkreis sprechen und nicht nur zu Eingeweihten. Jährlich soll eine Preisfrage gestellt werden, die sich den Schriften Nietzsches selbst entnehmen lässt. Die besten Einsendungen werden auf dem Blog Nietzsche POParts publiziert und erhalten einen Geldpreis.

Eisvogel-Preis für radikale Essayistik 2026

Worin besteht die Aktualität von Nietzsches Analyse und Kritik des „Ressentiments“?

Der Begriff des „Ressentiments“ wird in der gegenwärtigen Diskussion geradezu inflationär verwendet. Klar ist dabei: Vom Ressentiment gebannt sind immer die anderen. Handelt es sich also um nichts weiter als einen politischen Kampfbegriff ohne größeren analytischen Wert, der zu nichts anderem dient, als die ‚Wahrheit‘ der eigenen Position und die Unwahrheit und Immoralität derjenigen der anderen zu unterstreichen?

Meist wird dabei unter „Ressentiment“ bloß „Vorurteil“ verstanden. Doch vor allem in Zur Genealogie der Moral entwickelt Nietzsche ein schärferes Verständnis des Begriffs. Er geht davon aus, dass sich Wut- und Aggressionsaffekte, wenn sie nicht unmittelbar ausgelebt werden, vom Anlass des Zorns verselbständigen und in einem verstetigten Rachebedürfnis gegenüber dem, vermeintlich, übermächtigen Feind resultieren. Diese verneinende Attitüde resultiert schließlich in einer umfassenden welt- und lebensnegierenden Welthaltung, die von Neid und Missgunst gegenüber den angeblichen ‚Schädigern‘ geprägt ist und das in ihr befangene Subjekt in seiner Ohnmacht fixiert. Dieser Überdruss wendet sich schließlich als „schlechtes Gewissen“ gegen es selbst – und ist die Wurzel der christlichen-abendländischen „Sklavenmoral“ und Metaphysik, sobald das Ressentiment versucht, „schöpferisch“ zu werden. Auf Verneinung fußend, muss jener Unwille schließlich in einem umfassenden Nihilismus münden, den Nietzsche als Grundcharakteristikum der Moderne fasst.

Ob bei „Anarchisten“ oder „Antisemiten“ – Nietzsche erblickt im Ressentiment nicht nur den affektiven Motor des Christentums, sondern auch der gesamten modernen Kultur sowie der modernen politischen Bewegungen. In der Analyse und Kritik des Ressentiments kulminiert seine gesamte Moralkritik – und er wird nicht müde, für ein bejahendes, nicht auf Rache und Hass basierendes Selbst- und Weltverhältnis zu plädieren.

In der Folge ist Nietzsches Analyse und Kritik des Ressentiments immer wieder aufgegriffen und weitergedacht worden, etwa in der ambivalenten Aufklärungskritik der Frankfurter Schule, der Subjektkritik des Poststrukturalismus oder, ausgerechnet, in der anarchistischen Theoriebildung. Sie inspirierte Künstlerinnen und Aktivisten, Theoretikerinnen und Individualisten in ihrem Kampf gegen die „Sklavenmoral“ und ihren lebensfeindlichen Asketismus und für eine bejahende Haltung auf individueller wie auf kollektiver Ebene. – Doch ist diese Analyse noch aktuell? Vermag der Rekurs auf Nietzsche, der zur Floskel erstarrten Rede vom „Ressentiment“ einen neuen Sinn einzuhauchen, und eignet sich sein Verständnis dazu, unsere Gegenwart besser zu begreifen? Was sind mögliche blinde Flecken von Nietzsches Ressentiment-Konzept?

Wir suchen nach Essays, die die gestellte Preisfrage im Rekurs auf Nietzsche und die Tradition der nietzscheanischen Kritik zu beantworten suchen. Mit oder gegen Nietzsche, verneinend – womöglich ist sein „Ressentiment“-Begriff ja auch veraltet – oder bejahend. Es geht uns vor allem um Beiträge, die nicht nur einen neuen Blick auf Nietzsche wagen, sondern dazu verhelfen, unsere gegenwärtige Situation und unsere Handlungsmöglichkeiten in ihr besser zu erkunden: Erdrücken uns Ressentiment und Sklavenmoral weiterhin? Und wenn ja: Wie könnten wir der „ewigen Wiederkunft“ von Unterdrückung und Ressentiment entkommen?

Die Halkyonische Assoziation für radikale Philosophie und das Buser World Music Forum suchen nach originellen Einreichungen, die sich durch ihr denkerisches, stilistisches und gesellschaftskritisches Niveau auszeichnen und denen es zugleich gelingt, zu einem breiteren Publikum zu sprechen. Die Essays müssen in deutscher Sprache verfasst sein und dürfen eine Länge von 15.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) nicht überschreiten. Weder Fußnotenapparat noch Literaturverzeichnis sind erforderlich; in jedem Fall sollten die Nachweise kurz und knapp gehalten werden. Bereits anderweitig publizierte oder in wesentlichen Teilen von KI verfasste Texte sind nicht zugelassen.

Die Jury wird aus einem Vertreter des BWMF und mehreren Stammautoren des Blogs Nietzsche POParts bestehen. Die drei besten Artikel werden auf diesem Blog publiziert und mit Preisen von 750 Fr. (1. Platz), 500 Fr. (2. Platz) und 250 Fr. (3. Platz) prämiert.

Die Texte sind als PDF- und Word-Datei bis zum 25. August 2026 an eisvogelpreis [at] gmail.com zu senden. Die Datei sollte komplett anonymisiert, die Kontaktdaten des Einsenders in einem separaten Dokument enthalten sein. An diese E-Mail-Adresse können auch gerne Rückfragen gerichtet werden.

Wir behalten uns vor, den Preis bei nicht genügend überzeugenden Einsendungen nicht zu vergeben oder das Preisgeld anders als angegeben aufzuteilen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Zur Kurzfassung der Ausschreibung als PDF.

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Ausschreibungen der vergangenen Jahre:

Eisvogel-Preis für radikale  Essayistik 2025

„Wo sind die Barbaren des 21. Jahrhunderts?“

Der Wettbewerb für das Jahr 2025 wurde mittlerweile beendet. Die Jury, bestehend aus Theodor Schild, Hans-Martin Schönherr-Mann, Lukas Meisner, Natalie Schulte und Paul Stephan, vergab den Preis wie folgt:

  1. Platz: Tobias Kurpat: Der Übermensch im Hamsterrad. Nietzsche zwischen Silicon Valley und Neuer Rechter
  2. Platz: Olimpia Smolenska: Barbarinnen – wenn Frauen zur Gefahr werden & Marion Friedrich: Die Barbaren des 21. Jahrhunderts. Narzissmus, Apokalypse und die Abwesenheit des Anderen

Der dritte Preis wurde nicht vergeben. Wir gratulieren herzlich den Gewinnern!

Zusätzlich publizierten wir eine „Sondereinreichung“ von ChatGPT (Link) sowie die Einreichung Der Sinn ist gefallen, doch ich träume noch von Giulia Romina Itin (Link). Auf unserem „Schwesterblog“ HARPblog erschien zudem als Beitrag außer Konkurrenz der Text Wer sind die Barbaren von heute? von Christina Stephan (Link) und auf dem YouTube-Kanal der HARP eine künstlerische Kontribution von Robert Linke (Link).

Der Ausschreibungstext lautete:

„[W]o sind die Barbaren des 20. Jahrhunderts?“, fragt Nietzsche in einem Nachlassfragment aus dem Jahr 1887 (Nr. 13[31], Link). Anders, als man auf den ersten Blick vermuten würde, meint er diese Frage nicht kritisch – im Gegenteil sehnt er diese „Barbaren“ als „stärkere Art“ geradezu herbei als Gegenkraft zum herrschenden europäischen Nihilismus und sein „kosmopolitisches Affekt- und Intelligenzen-Chaos“. Aus diesem Chaos sollen die „Barbaren“, beseelt vom „Muth zur psychologischen Nacktheit“, zu unbedingter Authentizität, eine neue „Gestaltung“ schaffen: „[E]s werden die Elemente sein, die der größten Härte gegen sich selber fähig sind und den längsten Willen garantiren können…“  

Wir suchen nach Essays, die diese von Nietzsche gestellte Frage bezogen auf unser Jahrhundert beantworten. Dabei soll es nicht um eine unkritische Anknüpfung an Nietzsche gehen, sondern darum, seine Frage als Ausganspunkt für eine eigene Gegenwartsdiagnose zu nehmen: Lässt sich Nietzsches Diagnose des Nihilismus noch auf unsere Zeit anwenden? Und wenn ja: Wo muss dann nach denjenigen Kräften gesucht werden, die diesem Nihilismus etwas entgegensetzen könnten? Oder hat der Nihilismus gesiegt und die Antwort muss „Nirgends“ lauten? Gelte es vielleicht gar, Nietzsches Wertungen umzudrehen: Ist der Nihilismus schlicht die zu verteidigende Zivilisation und die „Barbaren“ mithin die Gefahren, vor denen man sie schützen muss?

Die Halkyonische Assoziation für radikale Philosophie und das Buser World Music Forum suchen nach originellen Einreichungen, die sich durch ihr denkerisches, stilistisches und gesellschaftskritisches Niveau auszeichnen und denen es zugleich gelingt, zu einem breiteren Publikum zu sprechen. Die Essays müssen in deutscher Sprache verfasst sein und dürfen eine Länge von 15.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) nicht überschreiten. Weder Fußnotenapparat noch Literaturverzeichnis sind erforderlich; in jedem Fall sollten die Nachweise kurz und knapp gehalten werden. Bereits anderweitig publizierte Texte sind nicht zugelassen.

Die Jury wird aus einem Vertreter des BWMF und mehreren Stammautoren des Blogs Nietzsche POParts bestehen. Die drei besten Artikel werden auf diesem Blog publiziert und mit Preisen von 750 Fr. (1. Platz), 500 Fr. (2. Platz) und 250 Fr. (3. Platz) prämiert.

Die Texte sind als PDF- und Word-Datei bis zum 25. August 2025 an eisvogelpreis [at] gmail.com zu senden. Die Datei sollte komplett anonymisiert, die Kontaktdaten des Einsenders in einem separaten Dokument enthalten sein. An diese E-Mail-Adresse können auch gerne Rückfragen gerichtet werden.

Wir behalten uns vor, den Preis bei nicht genügend überzeugenden Einsendungen nicht zu vergeben oder das Preisgeld anders als angegeben aufzuteilen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Zur Kurzfassung der Ausschreibung als PDF.