„Eine Frage des Zusammenhangs“

Gedanken und Erinnerungen an Alexander Kluge

„Eine Frage des Zusammenhangs“

Gedanken und Erinnerungen an Alexander Kluge

31.3.26
Barbara Straka
Am 25. März verstarb der 1932 geborene Filmemacher, Schriftsteller, Rechtsanwalt und Philosoph Alexander Kluge. Inspiriert war Kluge, der nicht zuletzt durch seine Filme und seine kunstvollen Fernsehinterviews einem großen Publikum bekannt wurde, immer wieder von Nietzsche. Er widmete sich ihm in seinem vielfältigen Schaffen nicht nur immer wieder dezidiert, sondern verfolgte zeitlebens einen zutiefst nietzscheanischen, perspektivistischen Grundansatz. Grund genug, ihm auf unserem Blog einen Nachruf zu widmen, den die Kunsthistorikerin und Kuratorin Barbara Straka dankenswerterweise für uns verfasst hat.

Am 25. März verstarb der 1932 geborene Filmemacher, Schriftsteller, Rechtsanwalt und Philosoph Alexander Kluge. Inspiriert wurde Kluge, der nicht zuletzt durch seine Filme und seine kunstvollen Fernsehinterviews einem großen Publikum bekannt wurde, immer wieder von Nietzsche. Er widmete sich ihm in seinem vielfältigen Schaffen nicht nur wiederholt dezidiert, sondern verfolgte zeitlebens einen zutiefst nietzscheanischen, perspektivistischen Grundansatz. Grund genug, ihm auf unserem Blog einen Nachruf zu widmen, den die Kunsthistorikerin und Kuratorin Barbara Straka dankenswerterweise für uns verfasst hat.

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Alexander Kluges Filme, seine Schriften, Theorien und Denkanstöße habe ich seit Mitte der 1970er Jahre intensiv verfolgt. Er war einer der ganz großen Universal- und Querdenker zwischen Kunst, Literatur, Film, Philosophie, Wissenschaft, Geschichte und Politik. Sein Tod reißt eine riesige Lücke auf, wenn nicht einen Abgrund. Und das in diesen Zeiten!

Mein Lieblingsfilm war immer Die Patriotin (1979), den habe ich bestimmt zwanzig Mal gesehen. Kult! Merkwürdigerweise wird der ebenso sperrige wie poetische Film, mit Hannelore Hoger in der Hauptrolle, heute selten erwähnt oder gezeigt. Denn es geht um Deutschland. Damals geteilt. Heute darüber nachzudenken, kann einen leicht ins Abseits bringen. Wirklich? In einem der Zwischentitel heißt es: JE NÄHER MAN EIN WORT ANSIEHT, DESTO FERNER SCHAUT ES ZURÜCK: DEUTSCHLAND. Wie könnte es da Missverständnisse geben oder gegeben haben? Und das ein Jahrzehnt vor dem Fall der Mauer? Die Worte Kluges stehen exemplarisch für die kritische Selbstreflexion, die er in uns, der 1968er- und Nach-68er-Generation anstoßen wollte. Unvergesslich ist mir, damals Lehramtsstudentin, die Szene mit der Geschichtslehrerin Gabi Teichert, die nach dem Ausgangsmaterial für die deutsche Geschichte forscht und gräbt, die leibhaftig in den Bonner Bundestag geht, um Abgeordnete zu befragen: „Sind Sie nicht auch der Meinung, dass das Ausgangsmaterial für die Geschichtsbücher in der Bundesrepublik Deutschland verändert werden muss?“ Also die Geschichte? Wie sollte man die verändern? Einer der typischen Gedankenanstöße Kluges, die zu einem mentalen Schluckauf führten. Das musste man erstmal verdauen. Denn damals, in den 1970ern, dachten wir Linksintellektuellen im alten Westberlin und in Westdeutschland alle nur an die revolutionäre Veränderung der Geschichte nach vorn. Natürlich lässt sich Geschichte nicht nachträglich verändern, aber der Blick darauf. Mit diesem Kunstgriff gelang es dem Wort- und Bildkünstler Kluge fast nebenbei, eine nietzscheanische, nämlich perspektivische Sicht auf Geschichte zu installieren und ebenso auf den Wahrheitsbegriff. Denn hielten wir nicht das, was in den Geschichtsbüchern der Generation Gabi Teichert stand, für „Wahrheit“? Es war nur eine von vielen. Wie heute. Es sind im postfaktischen Zeitalter sogar noch viel mehr geworden, aber es ist niemand mehr da, der sie, wie Alexander Kluge, für uns sortiert.

Er war ein großer Einzelner, wie Nietzsche, aber er hatte auch Verbündete und Mitdenker wie Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler. Den Anfang machte Oskar Negt (1934-2024), mit dem er 1972 Öffentlichkeit und Erfahrung schrieb und 1981 das ungeheure Mammutwerk Geschichte und Eigensinn vorlegte. Wurde in ersterem die Organisation von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit analysiert, indem Negt und Kluge die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Erfahrungen und Strukturen der Öffentlichkeiten untersuchten, ging es danach, pragmatischer nun, um ein „Gebrauchsbuch“. „Uns interessiert“, schrieben die Autoren, „was in einer Welt, in der es offenkundig ist, daß Katastrophen eintreten, die stoffverändernde Arbeit leistet. Das sind die geschichtlichen Arbeitsvermögen: Entstanden aus Trennungsprozessen und bewaffnet mit Eigensinn, der sich gegen die Trennungen wehrt“1. Dagegen setzte Kluge zeitlebens die Kategorie des Zusammenhangs. Gegen die politisch-soziologische, puristische Sicht Negts rückte Kluge die persönlichen, realen menschlichen Erfahrungen ins Bewusstsein, um eine neue, autonome Öffentlichkeit zu ermöglichen. Dazu bedurfte es Einsicht in die Zusammenhänge, letztlich die alte faustische Frage danach, was die Welt im Inneren zusammenhält. Aber Kluge wollte die „Sinnlichkeit des Zusammenhangs“2. Er war von einem ungeheuren Erkenntnisinteresse getrieben und von einer Vermittlungsleidenschaft, die ihresgleichen sucht in einer Zeit, in der sich jeder selbst der nächste ist. Geschickt verstand er es, die kapitalistische Kategorie des „Eigeninteresses“ vom Kopf auf die Füße zu stellen: Er forderte von seinem Publikum, lesend und sehend sich aus dem Großen und Ganzen der Geschichte diejenigen Dinge, Botschaften, Beispiele und Erfahrungen herauszusuchen, die mit dem eigenen Leben zu tun haben. Seine Filme und Bücher waren Angebote innerer Einsichten, Aufforderungen zum individuellen Widerstand, Emanzipationshilfen eines späten Aufklärers auch, der aus der Unmündigkeit heraushelfen will. Aber es gab keinen durchgängigen Erzählstrang mehr, nur Collagen und Fragmente eben, die es gleichwohl in sich hatten und im Gedächtnis blieben. Er wollte keine ‚Durchleser‘ von A bis Z, sondern wünschte sich ein punktuelles Eintauchen, gewissermaßen durch Kopfsprung ins kalte Wasser, mit Permanenz der Wiederholbarkeit in der individuellen Rezeption: „Mehr als die Chance, sich selbständig zu verhalten, gibt kein Buch“ (ebd.). Das erforderte auch Mut, aber das konnte man als Leser von ihm lernen, und man konnte süchtig danach werden wie beim Schwimmen, wenn man sich einmal ans kalte Wasser gewöhnt hatte.

Später waren es andere Verbündete, die sich Kluge anschlossen oder die er fand: der Schriftsteller Ferdinand von Schirach oder die Künstler Anselm Kiefer und Gerhard Richter. Sie alle verkörperten das, was er suchte: die Sinnlichkeit des Zusammenhangs. Denn längst hatte Kluge die Erfahrung gemacht, dass Sprache allein nicht ausreicht. Er war nicht nur ein Sammler von Geschichten, sondern auch von Bildern, Zeitungs- und Werbefotos, die er zu Bild-Text-Collagen verarbeitete und in seine Filme und Bücher einstreute, teils verwirrend und irritierend, scheinbar zusammenhanglos. Arbeit des Entdeckens, des Ordnens und Strukturierens kam auf den Leser zu, den Kluge zur Selbstständigkeit ermächtigen wollte wie auch Nietzsche sein Publikum.

Wie Nietzsche war Alexander Kluge ein Wort- und Bildkünstler. Beide sprachen in Metaphern und Fragmenten, deren Sinn man evozieren oder die man sich neu zusammensetzen musste. Beide nutzten die ganze Bandbreite literarischer und visueller Möglichkeiten. Bei Kluge kamen die Medien, der souveräne Umgang mit Foto und Film dazu. Wie Nietzsche verstand er es, mit Worten Bilder vor unserem inneren Auge entstehen zu lassen und vice versa Bilder in Worte zu fassen, die eigentlich Unaussprechliches und Ungeheuerliches enthielten, Unfassbares zeigten wie etwa Episoden des Zweiten Weltkriegs, die der in Halberstadt geborene Kluge miterlebt hatte und immer wieder aus dem Gedächtnis abrief, aufrief, in seinen Kurzgeschichten und Filmen vor Augen führte und als Lehrstücke etablierte. Im Film Die Patriotin gelingt Kluge das mit Hilfe der Kunstfigur „Das Knie“ aus Christian Morgensterns Gedicht Ein Knie geht einsam um die Welt, das Kluge personifiziert und zum teilnehmenden Beobachter der Weltkriegsereignisse macht, gegen das „zänkische Gehirn“ ankämpfen lässt. Es gelang ihm so, das Inkommensurable als jene „Darstellung des Nicht-Darstellbaren“ (Jean-François Lyotard) geradezu körperlich zu beschreiben oder zu verfilmen. Das pathetische, im Nachkriegsdeutschland abgenutzte „Nie wieder“ hatte er verinnerlicht und authentisch verwandelt als eigene Lebenserfahrung, aber sprachlich und bildkünstlerisch überhöht und eindrücklich nachvollziehbar gemacht für die nächste Generation.

 

Kluge war ein exzellenter philosophischer und wissenschaftlicher Denker und Autor, aber er war auch ein talentierter Geschichten- und Märchenerzähler. „Wer über die Märchen lacht, war nie in Not“, heißt es im Drehbuch zur Patriotin, und er verstand es meisterhaft, aus den seit Menschengedenken gesammelten Überlieferungen der Mythen, Sagen und Märchen emanzipatorische und utopische Gehalte und Potenziale herauszuschälen, als Zwischentitel in seine Filme einzublenden oder als Unterüberschriften in seine Abhandlungen einzustreuen. Das Märchen vom Eigensinnigen Kind der Gebrüder Grimm ist so ein Beispiel. Da wird Ungehorsam bestraft und führt zum Tode, doch noch aus dem Grab meldet sich Eigensinn, indem das tote Kind immer wieder seine Hand aus der Erde herausstreckt. Die Grimm’schen Märchen – für Kluge ein Beispiel des Grabens in der deutschen Geschichte: „Sie haben gegraben und gegraben und die Märchen gefunden. Ihr Inhalt: Wie ein Volk über 800 Jahre an seinen Wünschen arbeitet“3.  

Ich habe Kluge, wenn ich ihn denn „live“ oder bei Interviews im Fernsehen erleben konnte (er war selbst nie im Bild), immer gern zugehört. Einmal habe ich mich getraut, ihn selbst anzurufen, es war in den frühen 80ern. Es herrschte damals eine merkwürdige Atmosphäre der Angst und Hoffnungslosigkeit in allen Diskursen der alten Bundesrepublik; es gab eine vitale und nicht nur virtuelle Friedensbewegung gegen die drohend bevorstehende US-Mittelstreckenstationierung in Europa. Was konnte die Kunst dagegen ausrichten? Das war die große Frage. Konnte sie politisches Bewusstsein oder gar die Realität verändern? Ich kuratierte gerade eine Ausstellung mit politisch kritischer Kunst in Berlin und wollte Alexander Kluge zu einer Podiumsdiskussion einladen, aber er sagte ebenso trocken wie höflich: „Ich bin Rechtsanwalt und habe leider keine Zeit nach Berlin zu kommen.“ Aber er schickte mir ein Porträt von sich, signiert, das ich aufbewahrt habe. Das zeigte ihn natürlich nicht als Rechtsanwalt, sondern als Autor. Er hatte viele Rollen und war in unzähligen Veranstaltungen und Foren präsent. So konnte er sich, bei Bedarf, hinter der einen oder anderen verstecken.

Am 6. Dezember 2016 sah ich Kluge nochmal „live“ in der Filmuniversität Babelsberg, da hielt er einen Vortrag zu DADA und bekam anschließend einen Preis von den Studierenden verliehen. Es war ein Erlebnis, ihm zuzuhören – brillanter Redner mit der Stimme eines Märchenerzählers, der er auch war –, aber es war auch lustig mit dem Schaukelpferd auf der Bühne und anderem Krimskrams, der dort herumstand. Studierende zeigten dann einen Film zu Nietzsche mit einer Figur, die einer anderen mit einem Hammer auf den Kopf schlägt, begleitet von schräger Musik. Das Ganze als Strichmännchen-Ästhetik vor dem Hintergrund des Nietzsche-Museumszimmers in Sils Maria, wo nicht nur Also sprach Zarathustra entstanden war, sondern auch der Gedanke der Ewigen Wiederkehr. Der Film war ganz im Stil Kluges, schwarz-weiß, fragmentarisch, mit Leinwand füllenden Zwischenüberschriften. Dann kam der Hammer groß ins Bild. Es war Nietzsches und Kluges symbolisches Werkzeug. Wie hätte man besser verdeutlichen können, was Nietzsche in Zur Genealogie der Moral mit seinem Ausspruch meinte: „[N]ur was nicht aufhört, weh zu thun, bleibt im Gedächtniss“? Kluge zitiert ihn vollständiger, in typischer Unbequemlichkeit, schon 1979 in einem Entwurfstext zu Die Patriotin: „‚Es ging niemals ohne Blut, Martern, Opfern ab, wenn der Mensch es nötig hielt, sich ein Gedächtnis zu machen! Ah, die Vernunft, der Ernst, die Herrschaft über die Affekte, diese ganze düstere Sache, welche Nachdenken heißt, alle diese Vorrechte und Prunkstücke des Menschen: wie teuer haben sie sich bezahlt gemacht! Wie viel Blut und Grausen ist auf dem Grund aller guten Dinge.‘“ – Unser schönes Deutschland, ergänzt Kluge, „ist eine ‚ungeheure Sammlung‘ von solchen ‚guten Dingen‘. Sie sind die Ware, mit der die Geschichte umgeht, dieses gute Ding im Menschen, das unablässig fortarbeitet“4.

Alle im Artikel verwendeten Bilder sind Fotografien der Autorin, die bei dem erwähnten Vortrag am 6. 12. 2016 in Babelsberg entstanden.

Barbara Straka, geb. 1954 in Berlin, studierte Kunstpädagogik/Germanistik und Kunstgeschichte/Philosophie in Westberlin. Sie initiierte als Kuratorin und Kunstvermittlerin seit 1980 Ausstellungen und Großprojekte zeitgenössischer Kunst im In- und Ausland. Sie war Direktorin des ‚Haus am Waldsee Berlin – Ort internationaler Gegenwartskunst‘, Präsidentin der niedersächsischen Kunstuniversität HBK Braunschweig sowie Referentin für Kultur- und Kreativwirtschaft und für Internationales beim Senat Berlin. Sie ist Autorin und Herausgeberin zahlreicher Veröffentlichungen zur Kunst nach 1945 (www.creartext.de).

Literatur

Kluge, Alexander: Die Patriotin. Texte/Bilder 1 – 6. Berlin 1979.

Kluge, Alexander & Oskar Negt: Geschichte und Eigensinn. Geschichtliche Organisation der Arbeitsvermögen – Deutschland als Produktionsöffentlichkeit – Gewalt des Zusammenhangs. Berlin 1981.

Höhne, Petra & Michael Kötz: Sinnlichkeit des Zusammenhangs. Zur Filmarbeit von Alexander Kluge. Köln 1981.

Fußnoten

1: Kluge & Negt, Geschichte und Eigensinn, S. 5.

2: Petra Höhne & Michael Kötz, Sinnlichkeit des Zusammenhangs.

3: Die Patriotin, ebd., S. 123.

4: Alexander Kluge, Die Patriotin. Texte/Bilder 1 – 6, S. 26.