

Gibt es eine Verbindung zwischen Ort und Denken? Wie könnten Nietzsches Philosophie und der Wald zusammenhängen?
Der Wald erscheint in der deutschen Kultur oft als Inbegriff der Idylle. Im vorletzten Teil unserer Serie „Lebensgrundlage Wald“ vertritt unser Autor Michael Meyer-Albert die These, dass Nietzsche dieser Idyllik eine ganze neue Form gab, indem er sie dynamisierte.
Er diskutiert zunächst zwei Formen der traditionellen Idylle. Während die klassische Idylle in südeuropäischen Traditionen (wie bei Vergil) eher die sonnige, arkadische Hirtenlandschaft oder den geordneten Garten feierte, findet sich die philosophische Idylle in den Mauern der Akademie. Schutz vor der Doxa, Huldigen des Logos.
Den deutschen Wald als spezifisch deutsche Form der Idylle analysiert Meyer-Albert dann mit Hilfe des von dem romantischen Schriftsteller Ludwig Tieck (1773–1853) geprägten Begriffs der „Waldeinsamkeit“. Der Wald wird hier als geradezu religiös aufgeladener Schutzraum vor den Zumutungen der Moderne verstanden. Wird dieser aggressiv verteidigt, kann diese Romantik schnell in reaktionäre Mythologie, heutzutage auch im linken Gewand, umschlagen.
Nietzsches Modifikation der antimodernen deutschen Idylle des Waldes zu einer die Moderne bejahenden heroischen Idyllik bildet einen Gegenentwurf zu all diesen traditionellen Formen der Idyllik gleichermaßen – sie wird im Mittelpunkt des zweiten Teils dieses Artikels stehen.


Immer mehr Profisportler bekennen sich zu ihrem religiösen Glauben – und manche benennen auch Nietzsche als ideologische Motivationsquelle. Was ist dran an der Nietzsche-Verehrung unter manchen sports men? Taugt Nietzsche wirklich als Motivator der Leibesertüchtigung? Und: Ist der bekannte Gottesleugner Nietzsche ein besserer Trainer als Gott?


Im vierten Teil unserer Serie „Lebensgrundlage Wald“ untersucht der renommierte US-amerikanische Nietzsche-Forscher Gary Shapiro weitere Aspekte von Nietzsches Verbundenheit zu den Wäldern: die persönliche Begeisterung des Philosophen für das, was man heutzutage vermehrt als „Waldbaden“ bezeichnet, die naturwissenschaftliche Grundlage für den Nutzen dieser Praktik für Körper und Geist und die pure Freude am Atmen frischer Luft, ob im Wald oder wo auch immer man sie finden mag. Shapiros Essay unterstreicht, warum dieser besondere Lebensraum so wichtig ist – nicht nur für unser individuelles Wohlergehen, sondern für die Gesundheit des gesamten Planeten.
Aus dem Englischen übersetzt von Paul Stephan.


In diesem zweiteiligen Essay untersucht Paul Stephan, inwiefern bei Nietzsche der Wanderer als Personifikation des modernen Nihilismus dient. Nachdem er sich im ersten Teil (Link) vor allem mit der allgemeinen kulturellen Bedeutung von Bewegungsmetaphern und der Metapher des Wanderns bei Nietzsches wichtigem Bruder im Geiste, dem dänischen Philosophen Søren Kierkegaard, beschäftigte, wird es nun vor allem um Nietzsche selbst gehen.


Wie in unserer Artikelserie „Wanderungen mit Nietzsche“ bereits deutlich wurde, spielt die Metapher des Wanderns in Nietzsches Werk eine fundamentale Rolle. In diesem zweiteiligen Essay untersucht Paul Stephan, inwiefern bei Nietzsche der Wanderer als Personifikation des modernen Nihilismus dient und er damit ein zentrales Leitthema der kulturellen Moderne variiert, das sich u. a. auch den Schriften des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard, der am 5. Mai 1813 in Kopenhagen geboren wurde, wo er am 11. November 1855 auch verstarb, entnehmen lässt.


Vielleicht ist es Nietzsches philosophische Haupterrungenschaft, dass er das Denken als einen Vorgang beschrieb, der leibhaftig geschieht. Reflexion ist für ihn eine kooperative Spannung von Leib und Geist. Das Denken ist geerdet in der nervösen Weltoffenheit des Leibes. Nietzsches Umkehrung des Christentums: Das Fleisch wird Wort. Damit zeigt sich Denken in Gesten. Im Folgenden soll eine Skizze geliefert werden, die die Haupttypen dieser reflexiven Gestiken andeutet. Es soll dadurch verdeutlicht werden, was es heißt, wenn sich Nietzsche selbst immer wieder als ein Wanderer beschreibt. Ein intellektueller Rundgang, der vom Stehen und dem Sitzen als Grundmodi der traditionellen Philosophie hin zum Gehen, (Aus-)Wandern und halkyonischen Fliegen als Nietzsches alternativen Modi eines befreiten Denkens und Lebens führt.


In knapp 2.500 m Höhe entspringt in der Südostschweiz, im Kanton Graubünden, der Fluss Inn. Über eine Strecke von 80 km fließt er zunächst durch ein Hochgebirgstal, das man das Engadin nennt. Er durchzieht hier, unweit des mondänen Kurorts St. Moritz, zwei kleine Seen, den Silsersee und den Silvaplanersee, zwischen denen das idyllische Bergdorf Sils Maria liegt. Der Philosoph Friedrich Nietzsche verbrachte in dieser erlesenen Landschaft mehrere Sommer und ließ sich von ihr zu einigen seiner wichtigsten Werke inspirieren. Christian Saehrendt begab sich an diesem vielleicht wichtigsten „Pilgerort“ der Nietzsche-Szene auf Spurensuche.


In seiner jüngst erschienenen Studie Theorie der Befreiung fasst der Frankfurter Philosoph Christoph Menke Befreiung als „Faszination“, als lustvolle Desubjektivierung und Hingabe. Er bezieht sich dabei an entscheidender Stelle auf Nietzsche – doch für den bedeutet „Faszination“ gerade Verhexung, die Verstrickung in Unfreiheit und Ressentiment. Kann uns die mystische Kraft der Faszination wirklich befreien – oder ist nicht eher Nietzsche Recht zu geben und Befreiung bedeutet vor allem Selbstermächtigung und Autonomie, die faszinierte Aufopferung hingegen Unterwerfung, nicht zuletzt unter einen faschistischen Führer?