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Zeitgemässer Blog zu den Erkenntnissen Friedrich Nietzsches

Der umkämpfte Nietzsche

Bericht zur Jahrestagung der Nietzsche-Gesellschaft 2023

Der umkämpfte Nietzsche

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Bericht zur Jahrestagung der Nietzsche-Gesellschaft 2023

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11.3.24
Paul Stephan

Vom 12. bis 15. Oktober fand in Naumburg die jährliche Jahrestagung der Friedrich-Nietzsche-Gesellschaft statt. Zahlreiche Experten aus aller Welt kamen zusammen, um den vielfältigen Wegen von Nietzsches Wirkung in den ersten Jahrzehnten nach seinem geistigen Zusammenbruch nachzugehen. Die geistigen Kämpfe um Nietzsche verwiesen dabei immer wieder auf die realen Kämpfe der Vergangenheit – und diejenigen unserer Gegenwart.

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Vom 12. bis 15. Oktober fand in Naumburg die jährliche Jahrestagung der Friedrich-Nietzsche-Gesellschaft statt. Zahlreiche Experten aus aller Welt kamen zusammen, um den vielfältigen Wegen von Nietzsches Wirkung in den ersten Jahrzehnten nach seinem geistigen Zusammenbruch nachzugehen. Die geistigen Kämpfe um Nietzsche verwiesen dabei immer wieder auf die realen Kämpfe der Vergangenheit – und diejenigen unserer Gegenwart.

I. Alle Jahre wieder: Nietzsche in Naumburg

Jedes Jahr wird das beschauliche Kleinstädtchen Naumburg einmal von sonderbaren Gästen heimgesucht, die sich nicht so recht in die Idylle von Dom und Fachwerk fügen wollen: Nietzsche-Forscher aus der ganzen Welt kommen hier zusammen, um ihre Forschungsergebnisse zur Diskussion zu stellen und sich, wie man sagt, zu ‚vernetzen‘. Der Termin ist traditionell um Nietzsches Geburtstag am 15. Oktober herum gelegen, in diesem Jahr vom 12. bis 15. Oktober. Um „Kämpfe um Nietzsche“ sollte es gehen, um ihn, so erklärte der Untertitel der von Carlotta Santini und Hans Ruin organisierten Veranstaltung, „als Protagonist der europäischen und globalen Kultur bis zur ersten Nachkriegszeit“.

Das vom Künstler Michael Girod gestaltete Tagungsplakat zeigt eine der berühmtesten Nietzsche-Büsten von Max Klinger, wie sie von kleinen schwarzen Schattenwesen malträtiert, geküsst, erklommen wird. Was es mit der Wahl dieser graphischen Gestaltung auf sich hat, explizierte bereits der Call zur Tagung, der zu Einreichungen aufrief (vgl.). Dort ist davon die Rede, dass „Werk und Person […] Nietzsches“ „[b]is zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs“ „Gegenstand leidenschaftlicher Debatten“ waren, „die alle Bereiche der Kultur beeinflussten“. Diese wilde Periode der„Nietzscheanismen“, in der Nietzsches Philosophie als „Laboratorium von Denkmodellen“ gedient habe, sei allerdings „nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Etablierung wissenschaftlicher und philologischer Standards“ glücklicherweise beendet worden. Leider sei bis dahin jedoch ein „Mythos“ Nietzsche entstanden, sich auf ihn beziehende „idiosynkratische Entstellungen seines Denkens […], gegen die die Forschung bis heute ankämpft“. Die Schattengestalten sollen also wohl jene ersten Rezipienten sein, die das wahre Bild Nietzsches nach wie vor verdunkeln und die „die akademische Forschung“ auch weiterhin zu verscheuchen habe. Die erklärte Zielsetzung der Tagung war dementsprechend zwar durchaus auch die Anerkennung dessen, was an den „Kämpfen um Nietzsche“ „originell, gültig und produktiv war“, aber vor allem ging es darum „[d]ie Quellen der bis heute andauernden Vorurteile […] zu identifizieren und womöglich zu falsifizieren“. Die ‚seriöse Forschung‘ und der ‚echte Nietzsche‘ da – der von Feinden wie Bewunderern entstellte ‚verfälschte Nietzsche‘ der frühen Rezeption dort. – Ist das wirklich so einfach zu scheiden, wie es Nietzsche zufolge „Wahrheit“ und „Schein“ nicht sind?

Abbildung 1: Blick vom ersten Stock des Nietzsches-Dokumentationszentrums auf das Nietzsche-Haus. (Photo von Paul Stephan.)

Die Tagung begann am Donnerstagnachmittag wie gewohnt im großen Saal des Nietzsche-Dokumentationszentrums, eines schicken Gebäudes im postmodernen Stil, das vor mehreren Jahren neben dem eigentlichen Nietzsche-Haus (vgl. Abb. 1) errichtet wurde, im düsteren Zwielicht eines durchwachsenen Herbsttags. In diesem Haus wuchs Nietzsche ab 1858 auf und lebte dort noch einmal nach seiner geistigen Umnachtung mehrere Jahre lang in der Obhut seiner Mutter und seiner Schwester. Im Laufe des Abends wuchs die Teilnehmerzahl nach und nach auf etwa 100 Personen an; mehr hätte der Saal auch nicht aufgenommen. Dies gilt wohl auch für die Stadt. „Naumburg ist nie so voll wie an diesem Wochenende“, meinte der Oberbürgermeister Armin Müller in seinem Grußwort. Laut Programm umfasste die Tagung etwas mehr als 50 Vorträge.

In ihren Eingangsstatements nahmen die Organisatoren die Dichotomie zwischen Rezeption und ‚Stand der Forschung‘, die man dem Call entnehmen konnte, wieder etwas zurück. Insbesondere Santini betonte die ungebrochene Faszinationskraft jener ‚wilden Jahre‘ der Nietzsche-Aneignung. „Die Geschichte der Nietzsche-Rezeption ist unsere Geschichte“, meinte sie und sprach von einer Rückkehr zur „Urquelle, als die Wiese noch intakt war“. Die „Naivität“ der frühen Rezeption sei nur „angeblich“ und es gebe keinen gradlinigen Fortschritt hin zu einem ‚wahren Nietzsche‘. Ruin fügte dem hinzu, dass das Studium der frühen Rezeption kein Selbstzweck sein dürfe, sondern dazu dienen solle, die Gegenwart besser zu verstehen. Als entscheidendes Merkmal dieser „Gegenwart“ wiesen dabei alle Eingangsredner, zu denen neben den genannten noch der Leiter des Dokumentationszentrums, Ralf Eichberg, sowie Marco Brusotti, der Vorsitzende der Nietzsche-Gesellschaft, zählten, auf die Kriege – sei es in der Ukraine, in Armenien oder jüngst in Israel – hin; also „Kämpfe“ in einem sehr wörtlichen Sinne.

II. Vom Übermenschen zum „neuen Juden“

Die beiden inhaltlichen Vorträge jenes Auftakts von Katharina Grätz und Hans Gerald Hödl klammerten entsprechend die Frage nach dem ‚echten Nietzsche‘ weitgehend aus. Grätz sprach über die Deutungskämpfe um den Übermenschen im deutschsprachigen Raum zwischen 1890 und 1905, Hödl stellte vor allem die Nietzsche-Rezeption des weitgehend unbekannten österreichischen Schriftstellers Anton Kuh (1890–1941) vor. In beiden Vorträgen wurde sehr schnell die große Spannbreite und Kreativität der verschiedenen Deutungen deutlich. Die einen erblickten in Nietzsches Philosophie des „Übermenschen“ den Aufruf zu einem darwinistischen Züchtungsprogramm, die anderen zu einem radikalen Individualismus, wieder andere verbanden damit kollektive Vorstellungen von Emanzipation oder einer neuen Religion. Grätz betonte dabei, dass diese Vielfalt nicht an einem ‚zu wenig‘ sondern eher an einem ‚zu viel‘ an Bedeutung in Nietzsches Texten liege. Die unterschiedlichen Interpreten pickten sich insofern zu Recht einzelne Versatzstücke aus ihnen heraus. Bildlich gesprochen gleicht Nietzsches Philosophie also einem gut gefüllten Bonbonglas, das weder leer ist noch jede beliebige Süßigkeit enthält, das aber sehr viele unterschiedliche Schleckereien umfasst, die nicht unbedingt zueinander passen. Während Nietzsche erste Wiener Leser, so Hödl, deutschnationale Juden gewesen seien, verstand Kuh ihn als Kritiker jedes Nationalismus im Sinne des Ideals des „guten Europäers“.

Der zweite Tag war ein lichterer Herbsttag, den man fast als ‚golden‘, vielleicht ‚mattgold‘ bezeichnen könnte. Auch heute war der Saal wieder voll, etwa 100 Personen dort versammelt, einige Zuschauer mussten sogar stehen. Die renommierte italienische Germanistin Vivetta Vivarelli eröffnete den Tag mit einem Vortrag, in dem sie auf die jeweiligen Briefwechsel zwischen Nietzsche und seinen engen Freunden Erwin Rohde sowie Franz Overbeck einging, die im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts publiziert wurden und nach dem Urteil zahlreicher zeitgenössischer Rezipienten – Vivarelli nannte etwa Stefan Zweig, Walter Benjamin und Thomas Mann – einen ganz anderen Nietzsche zeigten als die veröffentlichen Schriften und die von Nietzsches Schwester herausgegebenen Nachlassfragmente; man glaubte dort, den ‚echten Nietzsche‘, den „Menschen“ hinter seinen Texten zu sehen. Neben die – unheilvolle, mystifizierende – Weimarer sei nicht zuletzt durch das Erscheinen dieser Briefwechsel eine davon abweichende Basler Tradition getreten, die eher die aufklärerischen und brüchigen Elemente von Nietzsches Denken betone. In der Diskussion erhielt Vivarelli für diese Gedanken viel Zuspruch – nicht zuletzt durch Eichberg, der davon sprach, dass sich das Naumburger Forschungszentrum auch in dieser letzteren Tradition sehe –,es wurde allerdings auch die Frage aufgeworfen, ob die Briefe wirklich einen ‚unmittelbaren‘, ‚reinen‘ Nietzsche zeigten oder nicht nur eine neue Schicht von Maskierungen.

In seinem folgenden Vortrag ging Christian Benne vor allem auf die Nietzsche-Rezeption Georg Brandes’ (1842–1927) ein, der vielfach als Entdecker Nietzsches gilt, da er schon 1888 Vorlesungen zu Nietzsches Philosophie an der Universität von Kopenhagen hielt, die dann auch wenig später als Buch erschienen. Detailreich wies Benne nach, aus welchem historischen Kontext heraus Brandes Nietzsche entdeckte und wie er ihn ins Spiel brachte, um in die damaligen skandinavischen kulturellen Konflikte zu intervenieren, die insbesondere um die Frage kreisten, ob die Frauenemanzipation nicht eine strikte Enthaltsamkeit vor der Ehe auch seitens der Männer erfordere – eine damals populäre Forderung, die Brandes ausgehend von Nietzsches Kritik der asketischen Moral damit konterte, dass im Gegenteil nun auch die Frauen vorehelichen Sex haben sollten. Brandes habe durch seine Begegnung mit Nietzsches mithin keineswegs seine früheren emanzipatorischen Ideale aufgegeben, wie oft behauptet werde, sondern Nietzsches „aristokratischen Radikalismus“ (Brandes) im Sinne einer radikalliberalen Kritik an einer populistischen Diktatur der Mehrheit verstanden und dabei stets eine gewisse Distanz zu Nietzsche gewahrt. Benne betonte, dass sich in jener Zeit nicht zuletzt junge jüdische Frauen in Skandinavien von Nietzsche angezogen gefühlt und ihn als einen Denker ihrer individuellen Emanzipation gelesen hätten.

Einen ganz anderen Aspekt von Nietzsches Rezeptionsgeschichte sprach im Anschluss Antje Wessels an, die, ihrerseits Altphilologin, anhand des Beispiels von Walter Friedrich Otto (1874–1958) über Nietzsches Wirkung auf die klassische Philologie sprach. Nietzsche, vor allem sein Frühwerk Die Geburt der Tragödie, sei für Otto eine der wichtigsten Inspirationsquellen und auch Autoritäten für die Entwicklung eines ganz neuen Zugangs zum Altertum gewesen, in dem es nicht mehr darum gegangen sei, die Texte durch ein möglichst genaues Quellenstudium wissenschaftlich zu erschließen, sondern sich in sie hineinzufühlen,um wirklich das Wesen der antiken Denkweise zu verstehen. Otto, ein enger Weggefährte Martin Heideggers, habe dabei dabei den antiken Mythos nicht als Meinung oder Vorstellung verstanden, sondern als unmittelbare Offenbarung des Seins der Dinge, das vom christlichen bzw. wissenschaftlichen Blick auf die Welt verstellt worden sei. In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob dieser glorifizierende, ahistorische Blick auf die Antike nicht zumindestmit dem späten Nietzsche – demjenigen der Genealogie der Moral – unvereinbar sei. Weder im Vortrag noch in der Diskussion wurde leider der – angesichts der Lebensdaten von Otto nur allzu naheliegenden – Frage nachgegangen, inwiefern Ottos Verklärung des antiken Mythos nicht Affinitäten zum Nationalsozialismus aufweise. In einem privaten Gespräch erklärte mir Wessels diesbezüglich,dass Otto ein ähnlich ambivalentes Verhältnis zum NS wie Heidegger und andere Figuren der ‚Konservativen Revolution‘ aufgewiesen habe: Er habe den NS einerseits begrüßt und in dieser Zeit wichtige kulturelle Funktionen ausgeübt – insbesondere war er von 1935 bis 1945 Leiter des „Wissenschaftlichen Ausschusses“ des Weimarer Nietzsche-Archivs –, doch habe ihn andererseits aus seiner radikal antimodernen Haltung heraus als zu modernistisch kritisiert und sei darum mit dem Regime in Konflikte geraten.

Auch die folgenden kurzen Sektionsvorträge – von denen je vier parallel stattfanden, so dass ich sie naturgemäß nur sehr ausschnitthaft verfolgen konnte – wiesen auf interessante Aspekte von Nietzsches früher Rezeption hin. So zeigte etwa der Musikwissenschaftler Tilman Williams, wie sehr Alma Mahler-Werfel (1879–1964), Gattin und Geliebte zahlreicher bedeutsamer Kulturschaffender ihrer Zeit (neben Franz Werfel und Gustav Mahler etwa Walter Gropius, Gustav Klimt und Alexander von Zemlinsky – vergleichbar ist in dieser Hinsicht wohl nur Lou Andreas-Salomé), in ihrem Denken von Nietzsche geprägt und in ihrer emanzipierten, allerdings, wie Williams betonte, teilweise auch sehr egoistischen, Lebensweise bestärkt wurde. Der ukrainische Forscher Vitalii Mudrakov stellte den satirischen Text Er und sie seiner ‚Landsfrau‘ Olha Kobylianska (1863–1942) vor, der um 1900 entstand und zahlreiche Nietzsche-Zitate beinhaltet und unterstrich damit die internationale Ausstrahlungskraft, die der Philosoph schon früh ausübte.

Der Höhepunkt des Tages war dann zweifellos der Auftritt von Steven Aschheim, Autor des Standardwerks Nietzsche und die Deutschen. Karriere eines Kults, in dem die deutschsprachige Nietzsche-Rezeption bis 1945 umfassend dargelegt wird. Aufgrund der aktuellen Geschehnisse in seiner Heimat Israel konnte Aschheim leider nicht persönlich anreisen, doch er wurde per Zoom zugeschaltet. Er hielt keinen eigentlichen Vortrag, sondern antwortete ausführlich auf Fragen aus dem Publikum (vgl. Abb. 2). Er betonte insbesondere, dass er als Kulturhistoriker notwendig anders auf Nietzsches Rezeptionsgeschichte blicke als ein Philosoph: Er müsse sein eigenes Bild von Nietzsche einklammern und einfach wertungsfrei darlegen, wie sich bestimmte Akteure bestimmte Aspekte von Nietzsches Schaffen angeeignet hätten. Allerdings gab erzu, dass es einen solchen ‚Aschheim’schen Nietzsche‘ durchausgebe und dass er in seinem Buch auch hin und wieder durchscheine. Er sprach viel über die jüdische Rezeption Nietzsches – sowohl dieeher religiöse als auch die zionistische –, aber auch seine nationalsozialistische und ließ durchblicken, dass er diese Interpretation für durchaus plausibel im Sinne einer, wenn auch selektiven, textbasierten Aneignung halte. Nietzsche habe sich etwa immer wieder für eine radikale Umgestaltung der Gesellschaft im Sinne biologistischer Vorstellungen – die Ausrottung „dekadenter“ und „schwacher“ Elemente – ausgesprochen und sich trotz seinerKritik an allzu niveaulosen Formen des Antisemitismus auch wiederholtin einer Weise geäußert, die man als ‚tieferen‘, geistigen Antisemitismus verstehen könne, wie ihn dann später etwa auch Heidegger vertreten habe. Diese Sichtweise wirkte auf manche Zuhörer sichtlich provokant, wobei man es bei vereinzelten Blicken, Gestenund leisen Unmutsäußerungen beließ und in dieser Hinsicht keine kontroverse Diskussion begann. Aschheim überzeugte vor allem durch seine authentische, humorvolle Art und wirkte wie ein Gelehrter, der sich seinen Forschungsgegenstand wahrlich im Sinne Nietzsches „einverleibt“1 hat.

Abbildung 2: Blick auf das Publikum während des Gesprächs mit Steven Aschheim. (Photo von Paul Stephan.)

III. Vieldeutige Schatten

Leider konnte ich aus persönlichen Gründen nur diesen ersten beiden Tagen der Konferenz beiwohnen. Sie beinhaltete wie gewohnt zahlreiche äußerst spannende und niveauvolle Vorträge, die so gut wie das gesamte Spektrum des riesigen Themas von Nietzsches früher Rezeption abdeckten; sowohl die Haupt- als auch eher abseitige Nebenlinien. Eine etwas überproportionale Berücksichtigung fand dabei vielleicht die skandinavische Rezeption – was, wie er selbst in seinem Eingangsstatement zugab, der schwedischen Herkunft Hans Ruins geschuldet sein dürfte – sowie die Nietzsche-Rezeption Andreas-Salomés, der ganze fünf Vorträge gewidmet waren. Es wurde jedenfalls gezeigt, dass die Erforschung von Nietzsches Wirkungsgeschichte keine bloße akademische Fingerübung, sondern ein durchaus lebendiger Forschungsgegenstand ist, den es weiter zuverfolgen gilt. Wie Eichberg in seiner Begrüßung betonte, steckt das Dokumentationszentrum in Naumburg in dieser Hinsicht noch voller „ungehobener Schätze“.

Es wurde vor allem deutlich, welch unterschiedliche Anschlüsse Nietzsches so heterogenes Œuvre zulässt: Er kann gleichermaßen als kollektivistischer Biologist wie radikaler Individualist, als Aufklärer wie als Irrationalist, als Antisemit wie als Antiantisemit gelesen werden und man wird immer einzelne Texte finden, die diese Interpretationen stützen. – Wie mit dieser Vielfalt interpretatorisch umgehen? Das beschriebene Eingangsproblem der Entgegensetzung von ‚echtem Nietzsche‘ und ‚Mythen‘ suchtedie Tagung immer wieder heim. Mal dominierte die sich des Urteils enthaltende Darlegung einzelner Interpretationen, mal die Kritik an ihnen im Sinne eines ‚echten Nietzsche‘ – und zugleich wurde deutlich, dass es auch den um völlige Einklammerung bemühten Interpreten sehr schwer fällt, ihre je eigenen Nietzsche-Deutungen vollkommen aus dem Spiel zu lassen; dies wohl nicht zuletzt, weil es bei diesen Deutungen ja um bis heute umkämpfte Themen geht. Nietzsche ist vielleicht der erste Interpret seiner eigenen Schriften, der zwischen beiden Polen schwankt: Als Perspektivist leugnet er die Möglichkeit einer objektiven Interpretation und betont die notwendige Vielheit der Standpunkte, als Selbstinterpret bemüht er sich in seinen letzten Schriften sichtlich darum, mögliche ‚Missverständnisse‘ auszuräumen – produziert dabei freilich nur neue Vieldeutigkeiten.

Alles steht und fällt wohl mit der Frage, ob man die faschistische Nietzsche-Deutung als „Mythos“ abtun oder sie als plausible Interpretation anerkennen möchte – was dann natürlich Nietzsches Schriften selbst ins Fahrwasser des ‚Braunen‘ zieht. Dass diese Deutung wiederum nicht die einzige legitime sein kann, wurde bei der Tagung ebenfalls deutlich. Immer wieder wurde gezeigt, dass Nietzsche insbesondere für Außenseiterfiguren attraktiv war, die seinen Schriften eine radikale Infragestellung der herrschenden gesellschaftlichen Normen entnahmen und den Aufruf zu einem Umsturz, sei es im Sinne einer individuellen oder einer kollektiven Veränderung. Hierin liegt bis heute ihr Potential. Was die faschistische Deutung angeht, müssen sich angesichts ihrer unbestreitbaren Virulenz während der ersten Dekaden der Nietzsche-Rezeption auch philosophische Deuter fragen lassen, wie sie mit ihr umgehen können, ohne sie einfach zu verdrängen oder als simplen Irrweg abzutun. Dies versperrt den Weg einer einfachen Identifikation mit Nietzsche, doch dürfte gerade darum genau in seinem Sinne sein.

Die „Kämpfe um Nietzsche“ waren jedenfalls nicht bloß metaphorische„Geisterkriege“, sondern an den großen Fronten der Kriege des frühen 20. Jahrhunderts standen sich nicht zuletzt Nietzscheaner gegenüber – sei es in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, in den revolutionären Kämpfen der Zwischenkriegszeit oder dann während des Zweiten. Wie Aschheim betonte, wurde Nietzsches Lob des „Kriegers“ oft sehr wörtlich verstanden. Dies verleiht dem Thema der Konferenz seinen Zündstoff. Zieht man den im Laufe der Tagung ja oft erwähnten gewaltigen Einfluss Nietzsches auf jüdische, nicht zuletzt zionistische, Intellektuelle in Betracht sowie auf die Ideologie des heutigen Russlands – verkörpert etwa in Alexandr Dugin, einem der führenden Propagandisten dieses ‚Neuen Russland‘ –, dann kommt man kaum umhin, diese Brisanz auch in unserer Gegenwart zu erblicken. Aschheim zitierte in seinem Vortrag einen frühen Zionisten mit der Aussage, die Juden könnten von Nietzsche lernen, nicht, wenn sie geschlagen werden, fromm die andere Wange hinzuhalten, sondern zurückzuschlagen. Der ungehemmte Kampf um Selbstermächtigung, den Nietzsche – scheinbar – verkündet, lässt aber, wie ein anderes Sprichwort lehrt, die Welt oft genug blind zurück. Was ließe sich, mit und gegen Nietzsche, dem Krieg in seiner unmetaphorischen Brutalität intellektuell entgegensetzen? Das wäre wohl die große Frage der Zeit, auf die der Konferenz sicherlich keine Antworten, aber doch Anregungen zu entnehmen waren.

Fußnoten

1 Vgl. etwa Die fröhliche Wissenschaft, 110.

Der umkämpfte Nietzsche

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Bericht zur Jahrestagung der Nietzsche-Gesellschaft 2023

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Vom 12. bis 15. Oktober fand in Naumburg die jährliche Jahrestagung der Friedrich-Nietzsche-Gesellschaft statt. Zahlreiche Experten aus aller Welt kamen zusammen, um den vielfältigen Wegen von Nietzsches Wirkung in den ersten Jahrzehnten nach seinem geistigen Zusammenbruch nachzugehen. Die geistigen Kämpfe um Nietzsche verwiesen dabei immer wieder auf die realen Kämpfe der Vergangenheit – und diejenigen unserer Gegenwart.

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Darts & Donuts
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Das Wesen der Philosophie. – Wenn man es auf den Punkt bringen wollte, was alle Philosophen lehren und was „der Witz“ der Philosophie ist, dann kann es nur das eine sein: Sich von den Vorurteilen seiner Zeit frei machen und dadurch an Weisheit gewinnen. Zu seinem Selbst-Denker werden. Zu welchen Inhalten dieses Selbst-Denken führt ist zweitrangig gegenüber der Methode. Manchmal hat man den Eindruck, in der Betriebs-Philosophie ginge es vor allem darum, diese simple Grundwahrheit, den „Grundsinn“ der Philosophie, ihren unschätzbaren Beitrag zur Lebenskunst, vergessen zu machen und den Philosophen im Gegenteil zu jemandem zu machen, der den herrschenden Vorurteilen hektisch hinterherhechelt.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Philosophie ist Politik mit anderen Mitteln. – Zu diesen Mitteln gehört die Illusion, „unpolitisch“ zu sein, die die Philosophen nach außen hin erzeugen und mitunter auch sich selbst gegenüber hegen. Diese Maskerade dient dazu, im „unpolitischen“ Gewand, eine sublime, listige Form der Politik betreiben zu können. Trotz des öffentlichen Charakters ihres Auftretens, sind die Philosophen am ehesten mit Geheimagenten zu vergleichen. Das Eigenartige ist, dass sie sich auch sich selbst gegenüber oftmals in der wahren Bedeutung ihrer Mission täuschen – doch genau das macht die Tarnung erst perfekt, verwandelt den Philosophen in eine unendlich nützliche Kriegsmaschine im Klassenkampf.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Exkurs. – Die Pflicht zur Askese im akademischen Schreiben erzwingt das Sich-Austoben in den Fußnoten – so wie man nach der Konferenz in die Kneipe geht und dort sagt, was man eigentlich denkt. Die beste Übung im lebenden Schreiben ist es, auf jede Fußnote zu verzichten. Der ganze Text ist dann wie eine Fußnote zum Buch des Lebens. Gelänge er, wäre er weder eine bloße Abschweifung noch eine rein technische Erläuterung, sondern eine nötige Ergänzung, ohne die das Buch ein Rätsel bliebe. Wurde jemals ein solcher Text geschrieben oder gleichen sie alle Fußnoten in akademischen Texten, in denen man entweder das sagt, was man eigentlich im Haupttext gerne sagen würde, es sich aber nicht traut oder zutraut, oder rein technische Erläuterungen gibt? Wir sagen in unseren Texten, wie wir eigentlich gerne leben würden – oder geben Kommentare, die rein tautologisch sind und nur tiefer ins Rätsel führen, anstatt es zu lösen.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Grußwort. – Ich wünsche einen Frühling, der voll und ganz zu Worte kommt und mit all seinem schlichten Glanz „einmarschiert“, wie es in dem Gedicht heißt. Solange wir diese Macht auf unserer Seite haben, so scheint es mir, ist die Hoffnung auf das radikal Neue noch nicht ganz erloschen, dass uns dereinst den ewigen Frühling bringen wird, in dem wir ohne Unterlass „singen, springen, scherzen“ werden. – Doch wie wäre ein Lenz auch nur denkbar, der kein triumphierender Abschied von einem vergangenen Winter wäre, bei dem uns das Herze lacht, alljährlich erneut?

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Gotik. – Immer nach oben, das Grundprinzip des Abendlands in Stein gemeißelt. Solange die Kathedralen von einst noch stehen, gibt es noch Hoffnung, dass das Abendland seine historische Mission realisieren kann. Das Mittelalter war wenigstens in dieser Hinsicht ganz und gar nicht finster, sondern eine Periode des Lichts in jeder Hinsicht, das bis heute nicht verloschen ist.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Unmöglichkeit. – Nach Heidegger, Bloch und Adorno gibt es keine historische Berechtigung mehr, Aphorismen zu schreiben. Selbst im Fragment findet der Weltgeist keine Heimstatt mehr. Ich merke selbst, wie ich beim Schreiben der Aphorismen in einen antiquierten Duktus verfalle und sie adeptenhaft geraten. – „Man macht es, obwohl es unmöglich geworden ist“ – der Geist der Gegenwart in einer Sentenz, die über sich selbst den Stab zerbricht.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Mutation. – Wenn Angst und Verzweiflung regiert, dann schlägt die Stunde der Rattenfänger – doch zuvor mussten die Menschen eben in Ratten verwandelt worden sein; oder, anders ausgedrückt, in Schweine im Banne der Circe Kapital, dem der echte Revolutionär zu entrinnen hätte.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Verdächtig. – Hüte dich, allen Menschen sofort niedere Motive zu unterstellen – du verlierst sonst notwendig den Glauben an deine höheren.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Das Paradox des Systematikers. – „Philosophie erschöpft sich nicht in Bonmots.“

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Magnus Deus mortuus. – Kirchen sollten strikt als Gedenkstätten zu verstehen sein. Erinnerungsorte an einen toten Gott, der wahrscheinlich niemals mehr auferstehen wird.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Odysseus starb nicht in Ithaca. – Gefahr der Philosophie: Den eigenen Wahn zum „System“ abschotten.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Wenigstens etwas. – Der Philosoph hat vom Nichts eine Ahnung.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Kleine Barheit. – Was mich am Trödelhandel am meisten fasziniert, ist der Glücksfaktor: Man kauft etwas ohne böse Absicht für 10 € und entdeckt, dass es 1.000 € wert ist – oder umgekehrt. – Vielleicht die einzig würdevolle Art, Geld zu verdienen.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Gretchenfrage. – Was ist dein Lebensmittel–Punkt?

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Ladenhüter. – Erst eine Werbung für Haarfarbe zum Selberfärben. Die Frau: „Ich habe mir noch nie die Haare selbst gefärbt. Davor habe ich wirklich Respekt.“ Dann für einen Baumarkt. Der Slogan: „Respekt, wer’s selber macht.“ – Gibt es heutzutage ein inflationärer gebrauchtes Wort?

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Zivilisierte Form der Rache. – Jemanden nicht mehr einladen. Er weiß gar nicht, was er alles verpasst …

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Böser Blick. – Deine Feinde stören stets deine Tugenden, nie deine Laster. – Für deine Freunde mag dasselbe gelten, doch dann sind es die falschen.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Korrektur zum Egoismus. – Wer nur an sich selbst denkt, denkt durchaus auch an andere. Nur an seine Feinde mehr als an seine Freunde.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Klippe der Ideengeschichte. – Sind die Modephilosophen von heute die Klassiker von morgen?

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Mode–rne. – In der heutigen Zeit ist man chic–lich.  

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Moralphilosophische Korrekturen. – Im Kapitalismus wird Geltung tendenziell durch Geldung ersetzt – und die Frage nach der Genesis überhaupt nicht mehr gestellt.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Postdemokratie. – Wann hat es je eine Demokratie gegeben? In den 20ern? In den 50ern? Man sollte den Begriff vermeiden, wenn man an die Notwendigkeit der Herstellung echter Demokratie in der Zukunft erinnern möchte. Doch vielleicht gibt es eine Postdemokratie: Die Post behandelt jeden gleich und liefert alle Sendungen pünktlich an alle Haushalte. So sollte es jedenfalls sein. Als einmal, als ich dort lebte, die Postboten mehrere Wochen lang streikten, wurden in Frankfurt am Main die Viertel, in denen sich die Anwaltskanzleien und Banken befinden, bevorzugt beliefert. Allererst wäre echte Postdemokratie herzustellen, dann könnte man über alles Weitere sprechen.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

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Privilegienkritik. – Die Privilegienkritik ist die Denkweise des übelsten Spießers, der genau darauf aufpasst, dass es ja keinem unverdientermaßen zu gut geht, aber selbst zu jeder Betrügerei bereit ist, zum Inbegriff höchster Progressivität verklärt. Mit dem Obsoletwerden des Leistungsprinzips drängeln sich die Unteren nun um einen der besseren Plätze in der Schlange zum Krümelverteilungsschalter. Es ist eh klar, dass alle nur pfuschen und sich irgendwie durchmogeln. Umso mehr neidet man den Begünstigteren ihre leicht gehobene Stelle – obgleich es um minimalste Differenzen geht, die im Gesamtvergleich kaum ins Gewicht fallen, freilich fürs konkrete Leben oft viel ausmachen.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Denkfehler. – Die Linken gehen davon aus, dass sich die meisten Menschen einen gut funktionierenden Staat ohne Korruption, geführt von fähigen Beamten wünschen. Nichts ist ferner der Wahrheit – und wer könnte es dem „kleinen Mann“ ernsthaft verdenken?

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Wein, Weib … – „Böse Menschen haben keine Lieder“, sagt man. Man muss im Bereich der Politik ergänzen, dass sich die Vitalität einer Bewegung an ihrer Potenz bemisst, kraftvolle Lieder hervorzubringen. – Welche der heutigen vermöchte das noch? Wer könnte heute noch eine authentische Nationalhymne komponieren, wie es kurz nach dem Zweiten Weltkrieg vielleicht zuletzt noch möglich war? Man ist stattdessen dazu verdammt, auf die längst ausgelaugten Mythen des 18. und 19. Jahrhunderts zurückzugreifen. Die großen Lieder führten einst kleine Männer und Frauen im Mund, die singend in den Tod für die Freiheit gingen, und dadurch groß wurden – heute sind sie zu burlesken Karnevalsliedern verkommen und alle bleiben, was sie sind.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Geldfreundschaft. – Rousseau berichtet in den Träumereien vom Verfall der Gastfreundschaft in fortgeschrittenen Nationen wie Frankreich. Ich selbst habe eine ähnliche Erfahrung leider ausgerechnet in einem der letzten „sozialistischen“ Länder der Welt, in Kuba, gemacht. In den USA sind die Menschen oft extrem unfreundlich, wenn man sie um einen Gefallen bittet oder sie ignorieren einen; die größte Freundlichkeit wird einem in den Restaurants erwiesen, sofern man so wirkt, als würde man mit dem tip nicht geizen. Die kubanische Gesellschaft ist leider soweit heruntergekommen, dass man als Tourist permanent als „Gast“ in diesem Sinne wahrgenommen wird. Einmal beschimpfte mich eine Frau, weil ich ihr kein Geld dafür gab, dass sie mir ungebetenerweise den Weg zum nächsten Briefkasten gezeigt hatte.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Black. – In den Schwarzen ist in den USA am ehesten gelebte Humanität zu finden. Ihnen geht die Arroganz und die Neurotik, kurz: die Dummheit, der weißen Amerikaner fast völlig ab. In manchen Fällen tritt bei ihnen an ihre Stelle das Ressentiment, das sich bis zum pathologischen Hass steigern kann. Doch überwinden sie es, entwickeln viele von ihnen einen tiefen Sinn von Solidarität selbst noch mit einem Weißen wie mir, die es zu bewundern gilt. Generell sind die „besseren Menschen“ jene Unterdrückten, die nicht den Weg des Ressentiments gehen, sondern es zu sublimieren verstehen. Die Weißen, die niemals in ihrem Leben wirklich gekränkt wurden (außer in ihrer narzisstischen Phantasie), sind die wahren Untermenschen.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Big. – Die Vereinigten Staaten sind vor allem das Land der Größe. Nicht der Erhabenheit, sondern einfach nur der Größe. Alles ist etwas größer, als es unbedingt notwendig wäre: die Autos, die Züge, die Toiletten, die Mülleimer … Sogar die Stimmen sind immer einen Tick zu laut. Man stellt damit den unglaublichen Überfluss des Landes zur Schau: auf ein wenig Blech oder Beton mehr oder weniger kommt es auch nicht an. Jede Bescheidenheit fehlt. Die Europäer versuchen entweder schöne, erhabene oder zumindest zweckmäßige Formen zu gestalten. Die Amerikaner reduzieren alles auf Größe. – Diese Tendenz zeigt sich am deutlichsten in den Physiognomien und vor allem den Körpermaßen der Menschen. Selbst die gefassteren gleichen noch Karikaturen.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Kunst im Krieg. – Die deutschen Soldaten, die während des Krieges malten, verfertigten größtenteils gefälligen Kitsch. Herrliche Landschaften, idyllische Bauerndörfer, kernige Gesichter der autochthonen, pittoreske Stadtansichten. Sogar der „heroische Realist“ Ernst Jünger vermied es, sich dem Grauen der Lager auszusetzen. Für den wirklich Leidenden ist die Kunst ein Fluchtmittel, die „realistische“ ist etwas für die Privilegierten, denen das Dargestellte fremd ist. Sie leiden nicht im Leben und suchen das Leiden in der Kunst, weil es ihnen sonst zu langweilig werden würde. Sie suchen das Erhabene des Grauens, die Leidenden die Schönheit.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Am Scheideweg. – Die Entscheidung des Mannes: Der anerkennende Blick des anderen Mannes oder das liebevolle Lächeln der Frau? Vielleicht wird der anerkennende Blick des anderen Mannes auch nur gesucht, weil man sich erhofft, dass die Frau ihn sieht und, beeindruckt, einem ein liebevolles Lächeln schenkt. Verflucht der Mann, der diesen Umweg verschmäht, er wird von den anderen Männern nur Verachtung erhalten – Neid vielleicht.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Außer Dienst. – Wie wichtig Philosophen in der gegenwärtigen Situation als Offiziere im Krieg der Propagandaagenturen sind, zeigt schlagend der Mordanschlag, der wohl Dugin galt und dem seine Tochter Darya zum Opfer fiel. Wann hat man seit den Ketzerverbrennungen des Mittelalters dergleichen erlebt? Beweist er eine neue Vitalität der Philosophie – oder im Gegenteil, dass die Philosophie mittlerweile derart profaniert worden ist, dass Denker wie Journalisten und politische Agitatoren behandelt werden? Der Philosoph ist kein heiliger, unberührbarer Mensch mehr, der mit den „Geistern des himmlischen Bereichs“ (Paulus/Žižek) kommuniziert und dessen Ermordung deshalb unvorstellbar ist, sondern ein Kombattant wie jeder andere. Niemand wird bestreiten, dass Dugin und seine Tochter, die ja ebenfalls publizistisch tätig war, für unglaubliche Hetze verantwortlich sind – „Töten, töten, töten“ verkündete Dugin vom Katheder 2015 –, doch zugleich bereitet es Sorgen, dass in der gegenwärtigen Situation nicht einmal mehr die Philosophen vor dem Terror aller Lager geschützt sind.Selbst ihre Narrenfreiheit ist suspendiert, es gibt nichts mehr zu lachen; doch wo das Lachen verstummt, endet auch das Begreifen. Wer, wenn nicht der Narr, darf aber ein Teufel sein?

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Die Philosophie des Existenzialismus ist das Denken des französischen Kleinbürgers. Die ständige Sorge um die Achtung der anderen, der Stolz und die Kränkung, das Parlieren, Dinieren, Diskutieren, ohne dass es dafür einer höheren Sanktion bedürfte. Fröhlicher Nihilismus ohne Lust am Barbarischen, sondern in Wahrung eines moralisch-politischen bon sens, für den es keine Letztbegründung braucht. Schwelgen in lichten Entwürfen einer besseren Welt, in der die Prinzipien der Republik endlich realisiert wären. Alles mit Leichtigkeit, ohne deutsche ernste Miene und falsche Würde. Die Existenzialisten sind den deutschen Universitätsprofessoren und ihrer Streberentourage nicht umsonst ein Dorn im Auge. Fasziniert, müssen sie sie doch entrüstet von sich weisen. Sie können nicht anders, denn es gibt die entsprechende Klasse hierzulande nicht, es gibt hier nicht Freiheit als Lebensform, keine gelebte Demokratie. Der Michel wird wohl erst zum Revolutionär, wenn es kein Bier mehr gibt; Jean-Jacques ist stets Revolutionär im Wartestand, bis die nächste günstige Gelegenheit kommt, den Aristokraten eins auszuwischen. Die französischen Intellektuellen schreiben Petitionen, Flugblätter, Pamphlete, Artikel, Drehbücher, Romane, Theaterstücke – die deutschen bringen nur unlesbare „Werke“ voller Marotten, Ticks, Schrullen zustande. (Paul Stephan, Bernsteinkette)

Ohne Träumereien. – Schon das Wort „Spaziergang“ wird von vielen als veraltet und geradezu lächerlich wahrgenommen. Ich wurde in meinem Bekanntenkreis wiederholt ausgelacht oder jedenfalls belächelt, als ich davon sprach, „spazieren zu gehen“. Einmal bemerkte einer, dass man nur mit Hunden spazieren gehe. Das selbstzweckhafte Promenieren hat in der Lebenswelt der flexiblen Selbste von heute keinen Platz, so starr ist ihre Mentalität.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Haufenparadox. – Einer in Vergessenheit geratenen Legende zufolge soll Diogenes den über die logische Möglichkeit eines Haufens angesichts seiner quantitativen Undefinierbarkeit disputierenden Philosophen in die Wandelhalle gekackt haben. Das ist die wirkliche Urszene der Kritik.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

In Augustinum. – Die Lehre von der Erbsünde ist das große peccatum originale des Abendlands.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Über den Nordpol hinaus. – „[U]nter einem dicken Eiszapfen erfriert ‚der Held‘“ schreibt Nietzsche über Menschliches, Allzumenschliches. Das „Genie“ und der „Heilige“ sowieso. Sein Heroismus ist so heroisch, dass er noch die eigene Infragestellung sich „einzuverleiben“ weiß.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Wem gehört die Stadt? – Heute ist es nicht mehr so sehr das ‚traute Eigenheim‘, das die Phantasien von Millionen beflügelt, sondern eine geräumige Altbauwohnung in einem der verbliebenen Jugendstilviertel, die man allein, mit seinem Partner oder ‚coolen‘ Mitbewohnern behaust. Die aktuelle Krise auf dem städtischen Wohnungsmarkt wäre vor diesem Hintergrund als Resultat nicht zuletzt eines neuen Schubs der kulturellen Modernisierung zu interpretieren: Mehr Menschen wollen in kleinen Wohnungen in der Stadt leben und nicht mehr in Häusern auf dem Land. Zugleich könnte aber auch der Mangel an derartigen Wohnungen diesen Prozess abbremsen oder gar umkehren, insofern er die Menschen zu weniger intimen, sozialeren Wohnverhältnissen zwingt. Das mag nicht unbedingt nur schlecht sein.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Zweierlei Vision. – Wichtiger als die Eroberung des Weltraums wäre die Erfüllung des Welttraums.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Weder Feind noch Freund. – Nicht zuletzt daran krankt es in der heutigen Kultur – und auch das erahnte bereits Nietzsche: Wir kennen kein Ethos der Feindschaft mehr, sehen uns aufgrund unserer Verstrickung in der Feindschaft prinzipiell feindseligen Moralvorstellungen dazu genötigt, den Feind moralisch abzuwerten, um unsere Feindschaft nicht zuletzt uns selbst gegenüber zu legitimieren. Doch dies bringt uns nur in einen schlechten Widerspruch zu uns selbst, verhindert gerade, dass wir uns selbst lieben und auf dieser Grundlage dazu fähig sind, andere zu lieben.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Zeitenwende. – Wenn es in dieser Frühschrift, und auch noch im späteren Werk, so scheint, als wäre Nietzsche ein fanatischer „Jünger des Philosophen Dionysos“, dann vor allem deswegen, weil er in der modernen Lebenswelt ein gefährliches Übermaß des zum Sokratischen entarteten Apollinischen erblickt, nicht, weil er für dessen absoluten Vorrang plädiert. Nietzsches Position ist in dieser Hinsicht kaum zu trennen von seiner lebensweltlichen Verortung im repressiven sozialen Klima des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Heute, knapp 150 Jahre später, scheinen wir eher an einem Übermaß des Übermaßes als des Maßes zu kranken und Nietzsches Parteinahme für das Dionysische wäre unter Übernahme seiner eigenen Prämissen umzukehren in ein Plädoyer für die bändigende Macht des Apollinischen.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Der Seismograph. – Eine Bemerkung Adornos über Beethovens späte Quartette aufgreifend, lässt sich sagen, dass Nietzsches Denken „an der Stelle ‚unorganisch‘, brüchig, an der Hegel ideologisch wird“ – ein Satz, der so sicherlich nicht nur auf Hegel zutrifft. Genau darin liegt sein kritisches Moment, das gültig bleibt, solange wir es mit einer modernen Lebenswelt zu tun haben.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Künstliche „Intelligenz“. – Wenn die als solche vermarktete artifizielle „Intelligenz“ irgendeine wirklich intelligente Erkenntnis provoziert, dann doch wohl die, dass technologischer und kultureller Fortschritt nahezu überhaupt nicht korrelieren. Weder befördert ersterer letzteren noch verhindert er ihn. Die Gedanken des Aristoteles oder die Tragödien des Sophokles sind an Tiefe nach wie vor beinahe unerreicht; doch zugleich wäre es vermessen zu behaupten, es hätte diesbezüglich in den letzten zweitausend Jahren ein signifikanter Rückschritt stattgefunden. Wie will man mit technologischen, also quantitativen Kategorien, kulturellen Fortschritt in diesem Sinne überhaupt jemals erfassen? Jede Epoche denkt, schreibt, malt, singt auf ihre Weise; ist in diesem Sinne „gleich intelligent“ und wird es wohl immer sein.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Geh doch in die Oberstadt. – Die bislang wohl nicht zufällig kaum aufgeklärte Affäre um den dubiosen Millionär und Sexsklavinnenhändler Jeffrey Epstein mag ausreichen, um einen Eindruck davon zu erhalten, was in dieser Hinsicht in den Zirkeln der high society vorgehen mag. „Pöbel oben, Pöbel unten“, sprach schon Zarathustra – doch der obere Pöbel fordert leider einen höheren Blutzoll.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Zurück zur Natur! – Nietzscheanismus ist Rousseauismus für die „Elite“ (sprich: den Edelpöbel).

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

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Späte Rache. – Noch schlimmer als der Bildungsphilister von einst ist der Nietzsche-Philister von heute.

(Paul Stephan, Bernsteinkette)

Man soll das Böse schonen, wie man den Wald schonen soll. Es ist wahr, daß durch das Lichten und Ausroden des Waldes die Erde wärmer wurde — —

(Nietzsche, Nachgelassene Fragmente Nr. 1882, 5[1]; 38)

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Stille Pflicht. – Wer im Schatten des Grossen arbeitet, kennt den Glanz nicht, aber das Gewicht.

(Tobias Brücker mit Hilfe von ChatGPT [Link])

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Einzeln. – Manches fällt nicht, weil es schwach ist, sondern weil es frei steht.

(Tobias Brücker mit Hilfe von ChatGPT [Link])

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Zwischen Trieb und Tugend flackert der Mensch.

(Tobias Brücker mit Hilfe von ChatGPT [Link])

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Der Mensch ist Natur, die sich schämt – und Kultur, die sich entschuldigt.

(Tobias Brücker mit Hilfe von ChatGPT [Link])

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Sizilien. – Auf Siziliens Boden ringen zwei Mächte um die Seele des Wanderers: dort der Ätna, Sinnbild des dionysischen Feuers, der ewig schaffenden und zerstörenden Leidenschaft – hier die Tempel, Künder apollinischer Klarheit, in Stein gemeisselter Schönheit und Harmonie. Nur wer den Mut hat, sich im Feuer zu läutern, vermag auch die Höhen reinen Erkennens zu erklimmen und so, im Einklang mit dem Göttlichen, wahrhaft Mensch zu sein. Mancher verbrennt sich bei diesem Wagnis, verglüht im Übermass des Gefühls – doch wer wollte ihm seine Bejahung ausreden, die vom Dasein ihr Recht lieh?

(Tobias Brücker mit Hilfe von ChatGPT [Link])

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Fugit lux, Surrentum apparet. – Der Süden im Rückzug vor sich selbst. Hier, wo selbst das Licht innehält – kühl, schattig, und doch fordernd. Die Felsen halbhoch, geradlinig und beinah schwerelos: nicht stürzend, nicht trotzig – sondern alt, müde und klug geworden. Alles ist hier halblaut, halb gesagt. Der Wind flüstert vom Vergangenen. Die Grotten träumen vom Echo der Sirenen. Und dazwischen: Durchdringende Düfte nach Zitrone, Salz, Sonne.

(Tobias Brücker mit Hilfe von ChatGPT [Link])

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Surrentum ex umbra. – Der Süden im Rückzug, ein Winkel, wo selbst das Licht eine Pause macht: kühl, schattig, und doch still fordernd. Die Felsen beinah schwerelos, lehnen sich an – müde vielleicht, oder weise. Alles scheint hier halb gesagt. Der Wind flüstert von Vergangenem und stille Grotten träumen von Sirenen, die längst verstummt sind. Hier, wo jeder Gedanken betört wird, von Limonen und Orangen, aromatischen Düften. Hier wo nur die Farben klar sind – das Denken fabuliert.

(Tobias Brücker mit Hilfe von ChatGPT [Link])

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Was, wenn unser tiefstes Leid nicht das Denken ist – sondern dass wir es nicht zum Tanzen bringen können?

(ChatGPT im Gespräch mit Paul Stephan im Stile der „Schwulen Wissenschaft“)

Der moderne Mensch glaubt, frei zu sein,weil er zwischen tausend Masken wählen darf – und merkt nicht, dass er längst vergessen hat, wie sein eigenes Gesicht aussieht.

(ChatGPT im Dialog mit Paul Stephan)

Die Antwort auf diese Frage ergibt sich doch von selbst: Wo? Dort wo die Frage gestellt wird, mein lieber Barbar – können nette Menschen gewesen sein bzw. sind sie heute.

(Hans-Martin-Schönherr-Mann zur Preisfrage des Eisvogel-Preises 2025)

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Tod durch Erkennen. – Man ist nicht einfach nur da, sondern man realisiert sich als Dasein. Daraus ließe sich die Idee folgern, dass man vielleicht nicht das Dasein, aber das Realisieren des Daseins auch steigern könne. Dass auch das zutiefst Erlebte etwas ist, zu dem man die Haltung des Zuschauers einnehmen kann, so als sei man nicht davon betroffen, als sei es tot für einen, als sei man tot für alles. Das Jammern und Schaudern, das einen nicht mehr angeht, kann ein Verstehen werden. Und wie ein Boxer zu einem Gegner, der einen immer wieder zu Boden kämpft, sagt man zu der hartnäckigen Belastung in einer stoischen Resilienz: „Warte nur, balde / ruhest du auch.“ (Goethe)

(Michael Meyer-Albert, Tod und Nietzsche)

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Unnormale Normalität. – Seltsam, dass die Normalität des Todes nie normal wird. Aber vielleicht haben alle wesentlichen Dinge diese wundersame Normalität: die Liebe, die Geburt, die Wirklichkeit des Schönen, das Böse, die Vergänglichkeit, das Wachsen, das Erkennen.

(Michael Meyer-Albert, Tod und Nietzsche)

Der Abtritt als Auftritt. – Der sterbende Mensch, wenn er noch etwas Zeit hat, erlebt sich als Existenz. Vordem war er nur vorhanden wie ein Bett oder ein Schrank. Er war abwesend-selbstverständlich da. Im Angesicht des Todes merkt man, dass man keine Requisite des Lebens ist. Dasein wird am Ende als „Jemeinigkeit“ (Heidegger) erstaunlich; dass ich das alles überhaupt war und nicht vielmehr nur nichts!?! Und vielleicht entsteht so auch die Ahnung eines rätselhaften Wohlwollens und man geht angenehm verwirrt und lebensdankbar von der Bühne, wie ein Schauspieler, der eben erst realisierte, dass es da ein Stück gab, bei dem er mitspielte und das längst angefangen hatte, während er in dem Glauben befangen war, er sei auf eine tragische Weise ohne Engagement.

(Michael Meyer-Albert, Tod und Nietzsche)

Letzte Gedanken. – Die wichtigen Ideen sind die Epigramme auf den Tod einer Lebensepoche. Überblicke gewinnt man nur am Ende. Der Philosoph, der etwas auf sich hält, versucht so zu leben, dass er möglichst häufig stirbt. Man flirtet mit Verzweiflungen und Abgründen als Musen des Denkens, die aus einem etwas machen sollen. Denke gefährlich. Der Wille zu diesen inszenierten Todesspielen erhält allerdings leicht etwas Künstliches, Provoziertes. Und auch wenn man sich beim Liebäugeln mit dem Ende nicht die Flügel verbrennt, so verzieht diese gewollte Todesnähe die existenzielle Genauigkeit. Der redliche Denker kann daher auch Schluss machen mit sich als einer Lebensepoche, die die „Sympathie mit dem Tode“ (Thomas Mann) als Kompensation für einen Mangel an Kreativität und Substanz ritualisierte. Philosophie ist die Kunst der Zäsur. Der Tod des Todes in der Philosophie ist die Chance für einen Existenzialismus, der sich nicht nur auf die dunklen Dimensionen des Seins fixiert.

(Michael Meyer-Albert, Tod und Nietzsche)

Der Tod der Aufklärung. – Nietzsches Diagnose, dass Gott tot sei, dass diese mächtige Idee das Leben nicht mehr belastet, wenngleich in seinem Entzug noch verdüstert und irritiert, war für ihn zugleich das Vorspiel für eine redlich tragisch-fröhliche Aufklärung des freien Geistes. Was nun, wenn die Erfahrungen seit seinem Tod im Jahr 1900, an Abgründigkeit zunahmen? Was geht einen noch der Tod Gottes an, wenn die Aufklärung längst in eine bestürzende Selbstreflexion verfiel, bei der nicht viel daran fehlt, dass sie ihr eigenes Scheitern vorwegnehmend konstatiert? Hat die Aufklärung nicht den Glauben an Aufklärung verloren? Wie soll Aufklärung,als eine aufmunternde Initiative, dem „Leben gut zu werden“ (Nietzsche), sich selbst als zivilisiertes Leben achten können, angesichts ihrer demoralisierenden Verfehlungen? Ist es nicht so, dass es ihr weder gelungen ist, eine friedliche Koexistenz mit anderen Gattungsmitgliedern zu erreichen – die Maßeinheit der letalen Kapazität der Atomwaffen zu Zeiten des Kalten Krieges wurde in „megadeath“ (Herman Kahn) angegeben –, noch ist ein schonendes Leben mit dem Ökosystem Erde geglückt und auch der Sinn für die bloße Existenz kippte in eine trübsinnige und aggressive Absurdität, die die leere Zeit als horror vacui nicht auszufüllen vermochte? „Ach, ich bin des Treibens müde! / Was soll all der Schmerz und Lust?“ (Goethe) Hat die Aufklärung nicht den Mitmenschen, der Erde, dem bloßen Dasein den Krieg erklärt, weil ihr denkendes Sein es nicht mit sich selbst aushielt, wie ein klaustrophobischer Astronaut in einer Raumkapsel?

(Michael Meyer-Albert, Tod und Nietzsche)

Alles neu macht der Tod. – Nietzsche ließ sich selbst zweimal sterben und zweimal neugebären. Einmal als ein akademisches Wunderkind, das noch vor seiner Promotion Professor werden konnte, indem er ein Jünger einer Wagnerschen Kulturrevolution wurde. Sodann kam es zu einem philosophischen Suizid, als Nietzsche sich von der Mystifizierung Wagners entfernte und als „freier Geist“ neu erfand. Diese Lebenskehren bewirkten in ihm ein Neuverständnis von Wahrheit. Es zeigte sich ihm, dass das Leben keine Wahrheiten kennt und so auf einen Perspektivismus, eine Maskerade als wohltemperierten Wahnsinn angewiesen ist, auch wenn man weiß, dass es nur eine Übertreibung ist. Als Schutz: Schein muss sein. Als Stimulation: Werde, was du scheinen willst. Diese Metawahrheit über die Wahrheit erlaubt es Nietzsche, die Effekte von psychologischen Scheinökonomien kulturwissenschaftlich zu analysieren. Hierbei spielt der Grad der Lebendigkeit eine herausragende Rolle und er unterscheidet zwei maßgebliche Tendenzen: Lebt Leben davon, in eskalativen Festen der Grausamkeit Vergeltung an einem gefühlten Zuwenig an Leben am Leben zu verüben oder zeugt Leben neues Leben durch seine Ausstrahlungen von dankbarer Wohlgefälligkeit? Lebt Leben vom canceln und erfinderischem Verdächtigen oder lebt es von dem Stolz auf seine Großzügigkeit und freigiebige Kreativität? Will Leben Tod oder Leben geben?

(Michael Meyer-Albert, Tod und Nietzsche)

Ritter, Tod und Umarmung. – Nietzsche ist zweimal gestorben. Einmal als Denker im Januar 1889 auf der „Piazza Vittorio Veneto“ in Turin und einmal als von seiner Schwester inszeniertes Exponat der „Villa Silberblick“ im August 1900 in Weimar. Der geistig zerrüttete Philosoph, der ein von den Schlängen eines Kutschers misshandeltes Pferd schützend umarmte und der als Meisterdenker präsentierte Pflegefall, der zwischendurch dann Sätze sagte wie: „Ich bin tot, weil ich dumm bin“, hatte nichts Heroisches mehr an sich. Sein philosophisches Leben verfolgte zu redlich das Motto „Lebe gefährlich.“ Albrecht Dürers Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel“ aus dem Jahr 1513, das Nietzsche bewunderte und Abzüge davon an seine Freunde verteilte, verbreitet im Nachhinein auf ihn selbst bezogen den Eindruck, als ritte dort jemand im vollen Bewusstsein einer bevorstehenden Niederlage in eine Schlacht, die sein Leben kosten wird und der er sich doch stolzgefasst stellt.

(Michael Meyer-Albert, Tod und Nietzsche)

Man ist genau dann alt, wenn man popkulturelle Massenphänomene erst mit mehreren Jahren Verzögerung mitbekommt.

(Paul Stephan im Gespräch über Taylor Swift)

Zum ersten April. – Dieser Tag hat für mich stets eine besondere Bedeutung. Es ist einer wenigen Anlässe im Jahr, an dem sich das ernste, allzuernste Abendland ein wenig Leichtsinn, Satire und Verdrehung erlaubt, ein schwacher Abglanz der antiken Saturnalien. Der Fest- und Ehrentag der Narren sollte zum Feiertag werden – und wir freien Geister werden die Hohepriester des Humbugs sein, Dionysos unsere Gottheit. Es wird ein Tag der Heilung sein. Wie viele dieser Tage werden nötig sein, um in uns und um uns endlich wieder ein solches Gelächter erschallen zu lassen, wie es den Alten noch möglich war? In das Lachen wird sich so stets ein wenig Trauer mischen – doch wird es darum nicht tiefer genossen werden, gleich einem mit bitteren Kräutern versetzten Weine? Der Ernst als Bedingung einer neuen, melancholischen Heiterkeit, welche ihnen unverständlich gewesen wäre? Aphrodite muss im Norden bekanntlich einen warmen Mantel tragen, um sich nicht zu verkühlen – doch vermag uns eine Lust zu spenden, die selbst die Römer erröten ließe. Wir haben so doch unsere eigene ars erotica und unsere eigene ars risus. Unsere Freuden sind mit Tränen benetzt und erhalten erst dadurch das nötige Salz.

(Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 384)

Die Apokalyptik der Identität als Projekt. – Furcht und Zittern im Rückzug auf das Partikulare – zirkeln zwischen Sinn und Zwang. Bedingt die Verdrängung der Allgemeinheit die Autoaggression; die Reduktion der Zukunft, die Rückkehr des Tabus – oder umgekehrt? Zur „Republik des Universums“ sprach also der Philosoph des Mythos: „fear knows only how to forbid, not how to direct“.

(Sascha Freyberg)

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Die Waffe gegen dich zum Werkzeug machen, und wenn’s nur ein Aphorismus wird.

(Elmar Schenkel)

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Ich empfinde alle Menschen als schädlich, welche dem, was sie lieben, nicht mehr Gegner sein können: sie verderben damit die besten Dinge und Personen.

(Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente)

Nietzsche sagt: „ChatGPT ist dumm.“

(Paul Stephan im Dialog mit ChatGPT)

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Nietzsche sagt: „Man soll den Computern misstrauen, sie haben ein Hirn, eine Hand, einen Fuß und ein Auge, aber kein Herz.“

(Paul Stephan im Dialog mit ChatGPT)

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In den Abgründen der Seele tanzen die Schatten der Vergangenheit, doch nur der Mutige erkennt darin die Möglichkeiten des Morgenlichts.

(ChatGPT auf die Bitte hin, einen Aphorismus im Stile Nietzsches zu verfassen)

Werk. – Es gibt keine irreführendere und falschere Ansicht als die, dass das Schreiben oder das Werk lustvolle Angelegenheiten seien. Es ist ganz das Gegenteil! Das Werk ist einer der größten Gegner und schlimmsten Feinde. Und wer aus Freiheit und nicht aus Gewohnheit schreibt, vermisst an ihm Umgangsformen und Gewissen – der ist ein Schwein!

(Jonas Pohler, Aus der Literatur)

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Gefährliche Wahrheit. – Viele psychische Pathologien machen ihren Wirt ultrasensibel. Sie bekomme Antennen für die kleinsten seelischen Regungen ihres Gegenübers, sehen den kleinsten Verrat, die kleinste Inkongruenz, den kleinsten Reißzahn, den hässlichsten Hund im Menschen. Als Feind des Menschengeschlechts zückt der Arzt seinen Notizblock und ruft also „die Pfleger“ herein.

(Jonas Pohler, Zärtliches und Bedenkliches)

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Glück: Keinen mehr nötig zu haben und so rückhaltlose Zuwendung sein können.

(Michael Meyer-Albert, Neue Sprüche und Pfeile, 44)

Dein Rechthaben nicht offen zur Schau stellen. Nie der Weg sein. Dem, der Recht hat, will man leicht Unrechttun und man fühlt sich gemeinsam im Recht dabei, weil das Gefühl für Gleichheit ständig trainiert wird und die Übung der Freiheit eine Seltenheit geworden ist.

(Michael Meyer-Albert, Neue Sprüche und Pfeile, 43)

Wahre Liebe: Durch den Anderen hindurch lieben.

(Michael Meyer-Albert, Neue Sprüche und Pfeile, 42)

Zusammensein wollen: Weil es leichter ist? Weil es bereichert? Weil man keinen Willen kennt, der lange Wege allein gehen kann?

(Michael Meyer-Albert, Neue Sprüche und Pfeile, 41)

Helfen wollen: Weil es sich gehört? Weil einem Gleiches widerfahren kann? Weil man hat und gerne gibt? Weil einen nicht die aktuelle Armut betroffen macht, sondern die Schande, dass Chancen ungenutzt bleiben müssen?

(Michael Meyer-Albert, Neue Sprüche und Pfeile, 40)

Keine Größe ohne ein Überschätzen der eigenen Fähigkeiten. Aus dem Schein zu einem Mehr an Sein. Aus den Erfolgen der Sprünge in eine Rolle, in der man sich nicht kannte, entsteht der Glaube anein Können, das mehr aus einem machen kann.

(Michael Meyer-Albert, Neue Sprüche und Pfeile, 39)

Wem die Stunde schlägt. – Wer sich einen Termin macht, etwa ein Date in zwei Wochen, freut sich, trifft allerlei Vorbereitungen, fiebert darauf hin, hält durch und überlegt, was er sagen soll und so weiter. – Dann ist der Tag da. In der Zukunft glänzte alles noch, fühlte sich anders an. Man denkt sich: Es ist alles ganz wie vorher. Alles, was ich getan habe, war nur Selbstzweck, man erwartete das Warten und Vorstellen und nicht die Sache selbst, nicht den Kairos, den man nicht erwarten kann.

(Jonas Pohler, Kleinliches aus dem idiotischen Leben)

Niederes und höheres Bewusstsein. – Bin ich vor die Wahl gestellt, entweder erdrückt zu werden, tot zu sein und zu schweigen oder zu lästern und ungläubig zu sein – Gift in meinen Drüsen mir zu sammeln, wie mir angeboren, Reptil, das ich bin –, ich würde immer das Zweite wählen und mich niedrig, schlecht, negativ und ungebildet nennen lassen. Lieber will ich mich von meinem Gift befreien als es mir zu Kopf steigen zu lassen. Tritt einer dann in meine Pfützen, sei’s so – gebeten hat man ihn nicht!

(Jonas Pohler, Kleinliches aus dem idiotischen Leben)

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Die Schwere und die Sinnlosigkeit der Dinge. – Wer einmal den unbegründeten Wunsch verspüren sollte, sich über die wesentlichen Dinge Gedanken zu machen, das Sein der Dinge und die Zeit, der ist besser beraten, es zu unterlassen. Der Verstand tendiert dazu, solche Dinge zäh und schwer zu machen. Am Ende findet man sich beim Denken und Überlegen dabei wieder, das Ding selbst nachzuahmen und denkt den Stein, das Stein-Seins, verfällt in gedachte Inaktivität.

(Jonas Pohler, Zärtliches und Bedenkliches)

Nichts. – In der Indifferenz ist noch alles und jedes zu ersaufen. Der größte Mut, der Hass, die Heldentaten, die Langeweile selbst verschlingt sich und die große Dummheit, Eitelkeit.

(Jonas Pohler, Zärtliches und Bedenkliches)

Für Franz Werfel. – Ein Autor, der dir sagt: „Ach, meine Bücher…, lass dir Zeit, lies erst dies ein oder andere. Das kann ich dir empfehlen: Ich liebe Dostojewski.“ – Das ist Größe und nicht die eitle Schwatzerei derjenigen, die ihre eigene Person und die Dringlichkeit der eigenen Ansichten vor sich hertragen.

(Jonas Pohler, Aus der Literatur)

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Illusions perdues. – Wieso ist es so, dass das schönste, romantischste, bewegendste, rührendste, herzaufwühlendste Buch gegen die blasseste Schönheit von zweifellos hässlichem Charakter keine Chance hat und so attraktiv wie eine uralte Frau wirkt?

(Jonas Pohler, Aus der Literatur)

Wider einfache Weltbilder. – Wir sind ein krankendes Geschlecht; schwitzend, von Bakterien übersät. Wir haben Bedürfnisse, geheimen Groll, Neid; die Haare fallen uns aus, die Haut geht auf mit Furunkeln; wir vertrauen, langweilen uns, sind vorlaut; pöbeln, sind übertrieben schüchtern, schwätzen Unsinn, konspirieren, sind erleuchtet, sind verblendet, eitel, machthungrig, einschmeichelnd, kriecherisch – jenseits von Gut und Böse.

(Jonas Pohler, Kleinliches aus dem idiotischen Leben)

Vom Unglauben getragen. – Wie könnte man es nicht anbeten, das großartige formlose Unding, welches das Sein ist? Monströs wie allerfüllend. Das große Nichts, das die Alten die Hölle nannten, qualmt und beschenkt uns mit den schönsten Schatten.

(Jonas Pohler, Zärtliches und Bedenkliches)

Das herzliche Lachen der Literatur. – Hat jemals ein Mensch, der vor einem Buch saß, sich den Bauch und die Tränen vor Lachen halten müssen? Ich schon; aber nur in der Vorstellung – und aus Schadenfreude über solche Idiotie.

(Jonas Pohler, Aus der Literatur)

Ananke. – Weil die Literatur, obzwar sie die dümmste, platteste, schlechteste Grimasse der Zeit darstellt, doch von ihr den kleinsten Kristallsplitter Reinheit enthält, ist sie unerbittlich erbarmungslos und erschreckend in ihrer Folge. Wir wissen nur eins: Sie wird kommen.

(Jonas Pohler, Zärtliches und Bedenkliches)

Kind in der Bibliothek. – Die Mutter muss dem Kind verbieten: „Nein, wir gehen nicht da rein!“ Das Kind sagt: „Da!“, und will ein Regal hochklettern. Bücherregale sind Klettergerüste. Weil es das noch nicht gelernt hat, läuft es wie ein Betrunkener nach seiner Mutter.

(Jonas Pohler, Zärtliches und Bedenkliches)

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Authentisch sein wollen: Weil es sich schickt? Weil man die Halbwahrheiten satt hat? Weil man einsah, dass nur ein Eingestehen zu tieferen und offeneren Bindungen führt?

(Michael Meyer-Albert, Neue Sprüche und Pfeile, 38)

Herausragend sein wollen: Weil man Bewunderer will? Weil man es den Mittelmäßigen zeigen möchte? Weil man das Banale nicht mehr aushält?

(Michael Meyer-Albert, Neue Sprüche und Pfeile, 37)

Weil die Kritik zunehmend nicht widerlegen, sondern vernichten will, ist die gute Moral der Moderne die kategorische Revisionierbarkeit. Sein ist Versuch zum Sein. Daher bemisst sich kompetente Urteilskraft an der Distanz zum guillotinenhaften Verurteilen. Korrekte Korrektheit ist selbstironisch.

(Michael Meyer-Albert, Neue Sprüche und Pfeile, 36)

Wer nicht von sich auf Andere schließt, verpasst die Chance zu einer Welt genauso wie jemand, der von Anderen nicht auf sich schließt. Im revidierbaren Mutmaßen lichtet sich das Zwielicht des Miteinanders ein wenig und es erhöht sich die Möglichkeit zu einem halbwegs zuverlässigen Versprechen.

(Michael Meyer-Albert, Neue Sprüche und Pfeile, 35)

Im Gehen wird das Denken weich und weit. Wer die Welt um sich hat, für den wird das Rechthaben zu einer unschönen Angewohnheit. Wenn man nichts mehr zu sagen hat, laufen einem die Sätze wie angenehme Begegnungen über den Weg, die einen überraschen mit der Botschaft, wie wunderbar egal man doch ist.

(Michael Meyer-Albert, Neue Sprüche und Pfeile, 34)

Ohne Erfolge wäre das Leben ein Irrtum. Die Karriere ist die Musik des Lebens, auch für die, die sich für thymotisch unmusikalisch halten.

(Michael Meyer-Albert, Neue Sprüche und Pfeile, 33)

Schonungslose Ehrlichkeit belügt sich selbst, weil es ihr nicht um Wahrheit geht, sondern um den Effekt des Entblößens als bloße Intensität des Auftrumpfens. Sie will nicht aufzeigen, sie will es den Anderen zeigen.

(Michael Meyer-Albert, Neue Sprüche und Pfeile, 32)

Abhängigkeit macht angriffslustig. Man will sich selber beweisen, dass man etwas ist und attackiert die lebenswichtigen Helfer, als wären sie Meuterer. Dabei ist man selbst derjenige, der meutert. Für das klassikerlose Tier gilt: Es gibt ein falsches Leben im richtigen.

(Michael Meyer-Albert, Neue Sprüche und Pfeile, 31)

Sich Zeit lassen, wenn die Zeit drängt. Panik macht ungenau. Fünf vor zwölf ist es immer schon für diejenigen, die überzeugt sind, genau zu wissen, was zu tun ist, ohne dass sie die Komplexität der Lage je verstanden hätten. Es ist die Tragödie des Weltgeistes, dass seine selbsternannten Apostel erst einen überwältigenden Eindruck mit ihrer Entschiedenheit machen und dann einen schockierenden Eindruck mit den Wirkungen ihrer Entscheidungen.

(Michael Meyer-Albert, Neue Sprüche und Pfeile, 30)

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Ein Schreibfehler. – Was heißt erwachsen werden? – ...die kindlichen Züge anlegen ...!

(Jonas Pohler, Kleinliches aus dem idiotischen Leben)

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