„Thatsachen“ und eine verdammt gute Interpretation

Nietzsche als Solostück in Halle an der Saale

„Thatsachen“ und eine verdammt gute Interpretation

Nietzsche als Solostück in Halle an der Saale

28.4.26
Mandus Craiss
Die Schauspielerin Andrea Ummenberger bringt derzeit in Halle Nietzsche mit einem Solotheaterstück auf die Bühne. In einem fesselnden Theaterabend kann das Publikum den Denker so erleben wie er, zumindest in der Interpretation des österreichischen Schriftstellers Alexander Widner, womöglich während seiner letzten Jahre war: Nicht unbedingt geistig umnachtet, sondern eher wahnsinnig und im Dauerkonflikt mit seiner Schwester, seiner Mutter – und nicht zuletzt seinem Heimatland. Ein selbsterklärter Narr, der gegen die engen Fesseln der deutschen Kleingeistigkeit rebelliert und vom Süden und einer befreiten Sinnlichkeit träumt. Ummenberger zeigt uns so einen Nietzsche, der uns noch heute etwas zu sagen hat; keinen genialischen Heroen, sondern eher einen Antihelden, der aber wichtige Fragen stellt.

Die Schauspielerin Andrea Ummenberger bringt derzeit in Halle Nietzsche mit einem Solotheaterstück auf die Bühne. In einem fesselnden Theaterabend kann das Publikum den Denker so erleben wie er, zumindest in der Interpretation des österreichischen Schriftstellers Alexander Widner, womöglich während seiner letzten Jahre war: Nicht unbedingt geistig umnachtet, sondern eher wahnsinnig und im Dauerkonflikt mit seiner Schwester, seiner Mutter – und nicht zuletzt seinem Heimatland. Ein selbsterklärter Narr, der gegen die engen Fesseln der deutschen Kleingeistigkeit rebelliert und vom Süden und einer befreiten Sinnlichkeit träumt. Ummenberger zeigt uns so einen Nietzsche, der uns noch heute etwas zu sagen hat; keinen genialischen Heroen, sondern eher einen Antihelden, der aber wichtige Fragen stellt.

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Abbildung 1: Nietzsche im Zwist mit seinem „Erzfeind“. (Foto: Mandus Craiss.)

Im gediegenen Christian-Wolff-Saal des Stadtmuseums Halle, zwischen Gemälden aus dem 18. Jahrhundert und ebenso alten Möbeln, steht auf dem Parkett eine dominante Chaiselongue. Darauf, in Decken eingehüllt, zusammengekauert, eine androgyne Person mit markant-fussligem Schnauzbart, die sogleich den Raum elektrisiert mit ihrem ersten Ausruf: „Schauen Sie nicht so besorgt! Die besorgten Gesichter sind es, die mich krank machen.“ Eine klare Ansage: Hier möchte niemand christlich bemitleidet werden, sondern tragödienhaft bewundert ... Es erhebt sich, im Nachthemd und mit wirrem Blick: Friedrich Nietzsche. Und geht auf die Reihen der Zuschauenden zu. Bittet „Peter Gast“ aus dem Publikum, ihm die Flasche Wein aus dem Schrank zu holen, seine Schmerzen seien zu groß. Er bittet später auch, ihm den Rücken zu kratzen: „Nicht so zaghaft – oder sind Sie ein Klosterschüler?“ Und zerreißt unter dem Ausruf „Ich vernichte alle Altäre!“ ein Bild von Wagner, wirft Papier als „Hirnmeterware“ ins Publikum.

Ja, wer bei diesem Stück vorne sitzt, bekommt den Nietzsche der 1890er Jahre hautnah mit, keineswegs umnachtet, eher zwischen Wahnsinn und aufbäumendem, stürmendem und drängendem Genie, unterdrückt durch Schwester und Mutter in Naumburg1. Dieses Narrativ erzählt das Theaterstück Nietzsche oder Das deutsche Elend des Österreichers Alexander Widner, in Halle an der Saale hingebungsvoll auf die Bühne gebracht von Solo-Theater-Künstlerin Andrea Ummenberger.

Es erzählt eine fiktive Episode, in der Lou Salomé (die in Wirklichkeit Nietzsche nach deren intensiver gemeinsamer Zeit 1882 nicht mehr persönlich traf) zu Besuch ist im „Totenhaus“, wie Nietzsche den Ort seiner schwesterlichen Pflege im Stück nennt. Lou versucht, den an seine Gesundung im sonnigen Süden glaubenden, wenngleich körperlich und geistig schwerst beeinträchtigten Nietzsche zu einer erneuten Reise nach Italien zu animieren. Sowohl Lou als auch er selbst schwanken zwischen Motivation und Zweifel – Nietzsche verkörpert einmal mehr genau die von ihm vernichtend kritisierten Eigenschaften simultan in seinem Handeln, zum Beispiel:

Man sollte nur in Ländern leben, in denen der Knoblauch geschätzt wird! Knoblauchfeindliche Länder sind sinnenfeindliche Länder! Da schreibt man; statt seine Sinne zu pflegen und zu verwöhnen. Da schreibt man sich die Finger wund, da denkt man sich die Ganglien krumm, da schüttet man sein Herz aus – statt es zu füllen. In den Süden! In den Süden! In eine papierlose Gegend!

Abbildung 2: Nietzsche in den Fängen seiner Schwester, gespielt von der stummen Statistin Juliane Apel. (Foto: Mandus Craiss)

Nietzsche, der poetische Philosoph der Uneindeutigkeit, ein Apologet von Aussagen wie: „Thatsachen giebt es nicht, nur Interpretationen.“2 Er wird in diesem Stück in vielinterpretierbaren Facetten dargestellt, vorneweg auch von seiner linken, deutschland- und staatskritischen Seite. Insofern ist die Wahl des Stückes von Alexander Widner, welches die Kritik an der deutschen Nation im Titel trägt, sicher eine gute – gerade in den aktuellen Zeiten, in denen eine nationalistische Partei im Bundesland der Aufführung laut Umfragen bei 40 % liegt.

Alexander Widner stellt Nietzsche dar als Kritiker sämtlicher „überirdischer“ Instanzen, von Staat über Kirche bis zum Geist selbst, als Philosophen des Leibes, der die Kraft von Natur und Instinkt hochhält. Er lässt ihn rufen, in Anlehnung an den Zarathustra3: „Körper sind wir, Körper, nicht Geist! […] Erde sind wir! Erde! Erde! […] Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden!“

Aktueller denn je: Damals waren es die christlichen Priester, die mit dem überirdischen Gott falsche Hoffnung schüren wollten, heute sind es die Tech-Milliardäre, die auf anderen Wegen Untreue zur Erde predigen: Hoffnung auf extraterrestrische Kolonien im All, Hoffnung auf Unsterblichkeit durch Gentechnik und Nanochips, Hoffnung auf Entkörperlichung durch digitale Alter Egos. Dem lässt sich auch mit Nietzsche hier entgegenstellen, die Erde im Sinne der Umwelt zu achten und nicht grenzenloses Wachstum auf einem begrenzten Planeten anzustreben.

Abbildung 3: Das Plakat, das zu Ummenbergers Stück einlädt.

Doch mehr noch als diese ernsten Subtexte ist das Stück auch eine Ode an den „tanzenden und lachenden Gott“, denn Andrea Ummenberger versteht es, in all ihren Stücken mit subtilem oder direktem Humor die Zuschauenden zum Lachen und Schmunzeln anzuregen und daher – wie von Nietzsche sicher gutgeheißen – die Affekte anstelle der Ganglien anzukurbeln. So hat sie sich in Halle schon eine gewisse Fangemeinde gesichert. Gute Bedingungen, sich als nächsten Schritt nun der komplexen Materie Nietzsche als „One-Woman-Show“ anzunehmen und erfrischend, den „peitschenden“ Friedrich mal im Körper einer Frau auf der Bühne zu sehen – zugleich eine Anerkennung dessen, dass der Geist (und die Philosophie) bei aller Kritik daran eben das ist, was übergeschlechtlich und damit auch verbindend ist.

Angesichts von so viel Mut und Engagement dürfen kleinere technische Fauxpas gerne übersehen werden und die Hoffnung ausgesprochen, dass dieses Stück, mit Ummenberger als Nietzsche, noch viele Zuschauende finden, vielleicht auf die Bühnen vieler Städte reisen wird und die hervorragende Schauspielerin sich womöglich sogar bei künftigen Aufführungen noch ein paar mehr Leute auf oder hinter der Bühne leisten können wird.

Wer den „alten“ Nietzsche in seinem natürlichen Habitat „auferstehend“ erLEBEN möchte, sollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, ihn so nah an seiner vorletzten Wirkstätte und so authentisch in Szene gesetzt zu sehen, zu hören und zu fühlen. In Halle wird das Stück noch bis zum 30. Mai gespielt.

Mandus Craiss (geb. 1983) ist in Ludwigsburg aufgewachsen und hat Politikwissenschaft, Kulturwissenschaften, Philosophie, Neue Geschichte und Geographie in Tübingen und Leipzig studiert. Er ist in der ökologischen und altermondialistischen Bewegung sozialisiert und in diesem Kontext viel gereist, zu einem großen Teil per Anhalter. Als zentraler Redakteur der früheren BUNDjugend-Zeitschrift Kritische Masse hat er auch Artikel und Interviews zu politischer Philosophie von Fromm bis Foucault veröffentlicht. Seine Magisterarbeit behandelt die Werke von Deleuze & Guattari in Bezug auf das bedingungslose Grundeinkommen. Er lebt mit seinem Sohn in einer Hausgemeinschaft am Rande von Leipzig.  

Das Artikelbild wurde von Juliane Apel fotografiert.

Fußnoten

1: Widner lässt das Stück um 1896/97 spielen, verortet Nietzsche allerdings fälschlicherweise nach Jena, wo er sich 1889/90 in einer psychiatrischen Klinik befand.

2: Nachgelassene Fragmente Nr. 1886 7[20].

3: Vgl. Vorrede, 3.