

Nietzsche war Zeit seines Lebens ein großer Kritiker des Nationalismus. Besonders das aufkeimende deutsche Nationalgefühl war ihm ein Dorn im Auge und er schrieb seinem Herkunftsland beißende Sätze wie „Definition des Germanen: Gehorsam und lange Beine…“1 ins Stammbuch. Gleichzeitig zählen Nationalisten und Patrioten aller Couleur zu seinen Fans. Wie kann man Nietzscheaner und (deutscher) Nationalist sein? Was ist überhaupt „Nationalismus“ und ist es möglich, diesem Begriff einen positiven Sinn zu geben?
Paul Stephan diskutierte über diese heiklen Themen, die angesichts der Erfolge nationalistischer Parteien weltweit immer mehr an Brisanz gewinnen, in schriftlicher Form mit dem YouTuber, Nietzsche-Kenner und Nationalismusforscher Michael Drescher alias PhrasenDrescher.
Ergänzend setzten beide diesen Dialog in mündlicher Form auf YouTube fort – schauen Sie sich das Ergebnis gerne hier an (oder als reine Audioversion auf SoundCloud).


Nietzsches Philosophie gilt als Akt der Selbstbefreiung – doch gegen die eigene Familie blieb auch der Übermensch machtlos. Dieser Essay beleuchtet das pathologische Spannungsfeld zwischen dem einsamen Denker und den „Canaille“-Verwandten, Mutter Franziska Nietzsche und Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche. Während der Philosoph in seinen Schriften das „Weib an sich“ als flach, unselbstständig und geistlos (de)konstruiert, lässt er sich gleichzeitig Strümpfe stopfen und Wurstkisten aus Naumburg schicken. Ein Essay über den tiefsten Einwand gegen die ewige Wiederkunft: die eigene Verwandtschaft.
Dies ist der zweite Teil einer kleinen Serie zum diesjährigen Muttertag. Im ersten Teil schrieb Henry Holland über Franziska Nietzsches Leben mit besonderem Fokus auf ihre Zeit vor Nietzsche und ihre letzten Jahre.


Zum diesjährigen Muttertag widmen sich zwei unserer Stammautoren einer oft vergessenen Person aus dem Nietzscheversum, ohne die es den Philosophen jedoch nicht gegeben hätte: seiner Mutter Franziska Ernestine Rosaura Nietzsche, geborene Oehler. Die Pfarrerstochter erblickte am 2. Februar 1826 das Licht der Welt und starb am 20. April 1897, nur wenige Jahre vor ihrem Sohn, der zu diesem Zeitpunkt bereits so geistig umnachtet war, dass er ihren Tod womöglich gar nicht bemerkte. Wer war diese Frau? Inwiefern prägte und beeinflusste sie Friedrich Nietzsche?
Henry Holland berichtet in diesem ersten Teil unserer kleinen Reihe über ihr Leben und ihre Herkunft, während Natalie Schulte sich in dem folgenden vertieft dem Verhältnis zwischen ihr und ihrem Sohn widmen wird und der Frage, inwiefern es sein Bild von Frauen färbte.
Was waren die entscheidenden Faktoren, die Franziska Nietzsches Leben bestimmten? Wie gelang es ihr als Frau in einer zutiefst von patriarchalen Strukturen geprägten Lebenswelt, die nie einem bezahlten Beruf nachging, dennoch ein gewisses Maß an Selbstbestimmung zu behaupten? Wie verarbeitete sie den traumatischen frühen Tod ihres Mannes? Wie religiös war sie? Ein in der Forschung selten beachtetes autobiographisches Fragment, das sie kurz vor ihrem Tod verfasste, lässt ihr Leben in einem neuen Licht erscheinen.
Aus dem Englischen übersetzt von Paul Stephan.


Die Schauspielerin Andrea Ummenberger bringt derzeit in Halle Nietzsche mit einem Solotheaterstück auf die Bühne. In einem fesselnden Theaterabend kann das Publikum den Denker so erleben wie er, zumindest in der Interpretation des österreichischen Schriftstellers Alexander Widner, womöglich während seiner letzten Jahre war: Nicht unbedingt geistig umnachtet, sondern eher wahnsinnig und im Dauerkonflikt mit seiner Schwester, seiner Mutter – und nicht zuletzt seinem Heimatland. Ein selbsterklärter Narr, der gegen die engen Fesseln der deutschen Kleingeistigkeit rebelliert und vom Süden und einer befreiten Sinnlichkeit träumt. Ummenberger zeigt uns so einen Nietzsche, der uns noch heute etwas zu sagen hat; keinen genialischen Heroen, sondern eher einen Antihelden, der aber wichtige Fragen stellt.


Immer wieder widmet sich unser Blog übersehenen Figuren des Nietzscheversums. Der Leipziger Anglist Elmar Schenkel begab sich für uns tief in die Archive, um Ihnen eine nahezu unbekannte Figur der französischsprachigen Nietzsche-Rezeption nahezubringen: den „Taxi-Philosophen“ Jean-Baptiste Botul, der von 1896 bis 1947 lebte und auf seinen Fahrten durch Paris nicht nur mit zahlreichen prominenten Geistesgrößen seiner Zeit in Kontakt kam, sondern in mitunter stundenlangen Gesprächen mit ihnen eine ganz eigene Nietzsche-Deutung entwickelte, die aufgrund ihrer subversiven Sprengkraft vom Mainstream der Nietzsche-Forschung bis heute im Giftschrank verwahrt wird. Wenn Nietzsche, in seinen eigenen Worten, „Dynamit“ war, dann ist Botul eine Rakete der Force de frappe, die ihrer Detonation nach wie vor harrt – ein Glücksfall?


Im vergangenen Jahr publizierte die Kuratorin und Kunsthistorikerin Barbara Straka eine zweibändige Monographie mit dem Titel Nietzsche forever? Friedrich Nietzsches Transfigurationen in der zeitgenössischen Kunst, in der sie Nietzsches Bedeutung für die bildenden Künste der Gegenwart darlegt. Nachdem Michael Meyer-Albert ihrem Werk in den letzten Wochen eine zweiteilige Rezension widmete (Teil 1, Teil 2), folgt nun ein Interview, das unser Autor Jonas Pohler mit der Autorin in Potsdam führte. Er diskutierte mit ihr über ihr Buch, aber auch über das nicht immer einfache Verhältnis zwischen Philosophie und gegenwärtiger Kunst.


Ein fester Bestandteil der jährlichen Jahrestagung der Nietzsche-Gesellschaft ist die „Lectio Nietzscheana Naumburgensis“, bei der ein besonders verdienter Forscher am letzten Tag noch einmal ausführlich über das Thema des Kongresses spricht und einen prägnanten Schlusspunkt setzt. Beim letzten Mal wurde diese besondere Ehre Werner Stegmaier zuteil, dem langjährigen Herausgeber der wichtigen Fachzeitschrift Nietzsche-Studien und Verfasser zahlreicher wegweisender Monographien zur Philosophie Nietzsches. Das Thema der Tagung, die vom 16. bis 19. Oktober stattfand, lautete „Nietzsches Technologien“ (Emma Schunack berichtete).
Dankenswerterweise erlaubte uns Werner Stegmaier, diesen Vortrag in voller Länge zu publizieren. Er widmet sich in ihm dem Thema des Kongresses aus einer unerwarteten Sicht. Es geht hier nicht um das, was man landläufig unter „Technologien“ versteht – Maschinen, Cyborgs oder Automaten –, sondern um Nietzsches denkerische und rhetorische Techniken. Durch welche Methoden gelang es Nietzsche so zu schreiben, dass sein Werk bis heute immer wieder neue Generationen von Leserinnen und Lesern nicht nur überzeugt, sondern auch begeistert? Und was ist von ihnen zu halten? Er vergleicht dabei Nietzsches Techniken mit denen von zwei anderen bedeutenden Denkern der Moderne, Martin Heidegger (1889-1976) und Ludwig Wittgenstein (1889-1951). Alle drei Philosophen verabschieden sich seines Erachtens von den in der Antike begründeten klassischen Techniken des begrifflichen Philosophierens und erkunden radikal neue, um ein neues Philosophieren im Zeitalter des „Nihilismus“ zu erproben. An die Stelle eines einsinnigen, metaphysischen Verständnisses von Rationalität tritt ein plurales, perspektivisches Denken, das sich notwendig völlig anderer Techniken bedienen muss. Der Artikel schafft einen grundlegend neuen Rahmen für das Verständnis von Nietzsches Denken und seines philosophischen Kontexts.


Nietzsche hatte mit großer Gewissheit keine Kinder und äußert sich in seinem Werk auch nicht besonders freundlich zum Thema Vaterschaft. Der freie Geist ist für ihn ein kinderloser Mann, die Erziehung der Kinder die Aufgabe der Frauen. Gleichzeitig dient ihm das Kind immer wieder als Metapher für den befreiten Geist, als Vorahnung des Übermenschen. Vermag er dadurch heutige Väter vielleicht doch zu inspirieren? Und kann man gleichzeitig Vater und Nietzscheaner sein? Henry Holland und Paul Stephan, beide Väter, diskutierten über diese Frage.
Das komplette, ungekürzte Gespräch haben wir parallel auch auf dem YouTube-Kanal der Halkyonischen Assoziation für radikale Philosophie publiziert (Teil 1, Teil 2).


Im zweiten Teil seines Artikels über seine Reise durch den muslimisch geprägten Süden Glasgows geht unser Stammautor Henry Holland vertieft auf Nietzsches immer wieder aufflammende Beschäftigung mit der Religion Mohammeds ein, erläutert näher, wie der französische Künstler und Theoretiker Pierre Klossowski in seinem experimentellen Roman Der Baphomet Nietzscheanismus, sexuelle Transgression und vom Islam inspirierte Mystik in eigensinniger Weise verband und kehrt dann noch einmal zurück in die schottische Großstadt, um seinen Reisebericht abzurunden.
Aus dem Englischen übersetzt von Lukas Meisner und Paul Stephan.


Vor 125. Jahren, am 25. August 1900, starb der Philosoph Friedrich Nietzsche. Dieses bedeutende Datum nehmen wir zum Anlass, um rund um den diesjährigen Jahrestag seiner Geburt am 15. Oktober 1844 herum Interviews mit zweien der international renommiertesten Nietzsche-Forschern, Andreas Urs Sommer und Werner Stegmaier, zu publizieren. Der Freiburger Philosophieprofessor Sommer arbeitet gerade an einer umfangreichen Biographie des Denkers, weshalb sich das Gespräch mit ihm insbesondere um dessen Leben drehte; das Gespräch mit seinem Greifswalder Kollegen, in dem es vor allem um Nietzsches Denken geht, wird in Kürze folgen (Link). Dass beides nicht zu trennen ist, wird sich schnell zeigen. Wir befragten den Experten u. a. zu Nietzsches Charakter, seiner Sexualität und der Frage, inwiefern er das lebte, was er verkündete.


Die stetige Verfeinerung von Large-Language-Models, kurz LLMs, erlaubt zunehmend treffende Stilimitationen von Texten. Das gilt auch für die Schreibstile von Philosoph:innen. So lässt sich unlängst mit Sokrates oder Schopenhauer chatten – meist mit durchzogener Qualität und begrenzter inhaltlicher Tiefe.1 Unser Gastautor Tobias Brücker hat in den vergangenen Monaten versucht, mittels verschiedener KI-Methoden spannende Nietzsche-Texte zu generieren. Er wird im Folgenden einige dieser „neuen Nietzsche-Texte“ präsentieren, ihre Entstehung beschreiben und ein kurzes Fazit ziehen.


Dass sich Nietzsche schwer mit Frauen tat, ist allgemein bekannt. Um seine sexuelle Orientierung und Aktivität ranken sich bis heute Rätsel und Spekulationen. Immer wieder inspirierte diese Frage Künstlerinnen und Künstler zu provokant-spöttischen Darstellungen. Lässt er sich womöglich als „Incel“ bezeichnen? Als unfreiwilliger Junggeselle, im Sinne der heutigen Debatte um die frauenfeindliche „Incel-Bewegung“? Christian Saehrendt geht dieser Frage nach und versucht Licht ins Dunkel um Nietzsches kompliziertes Verhältnis zum „anderen Geschlecht“ zu bringen.


Vom 7. bis 11. Oktober 2024 fand in Weimar die von der Klassik Stiftung Weimar organisierte Veranstaltung Nietzsches Zukünfte. Global Conference on the Futures of Nietzsche statt. Unser Stammautor Paul Stephan war am ersten Tag vor Ort und gibt einen Einblick in den gegenwärtigen Stand der akademischen Diskussionen um Nietzsche. Seine Frage: Wie ist es um die Zukunft der akademischen Nietzsche-Forschung bestellt, wenn man sie aus der Perspektive von Nietzsches eigenem radikalen Verständnis von Zukunft heraus betrachtet?


In der Reihe „Was bedeutet Nietzsche für mich?“ werden unsere Stammautoren in den nächsten Wochen ihren je persönlichen Zugang zu Nietzsche und seinem Denken vorstellen. Unser leitender Redakteur Paul Stephan macht den Anfang und berichtet darüber, wie er als Jugendlicher Nietzsche entdeckte – und sich heute nicht mehr unbedingt als „Nietzscheaner“ versteht.


Vom 12. bis 15. Oktober fand in Naumburg die jährliche Jahrestagung der Friedrich-Nietzsche-Gesellschaft statt. Zahlreiche Experten aus aller Welt kamen zusammen, um den vielfältigen Wegen von Nietzsches Wirkung in den ersten Jahrzehnten nach seinem geistigen Zusammenbruch nachzugehen. Die geistigen Kämpfe um Nietzsche verwiesen dabei immer wieder auf die realen Kämpfe der Vergangenheit – und diejenigen unserer Gegenwart.