Ästhetik des Rauschs

Nitsch mit Nietzsche lesen

Ästhetik des Rauschs

Nitsch mit Nietzsche lesen

3.4.26
Emma Schunack
In seiner Frühschrift Die Geburt der Tragödie (1872) formuliert Nietzsche seine grundlegende Theorie zur antiken Tragödie. Der Moment des Rauschs ist hier ebenso fundamental wie für Nietzsches Kunstverständnis allgemein. Emma Schunack untersucht, inwiefern sich der dionysische Rausch der antiken Tragödie in der Gegenwartskunst Hermann Nitschs zeigt. Zwischen blutigen Tierfellen auf violetten, zinnoberroten und zitronengelben Farblachen + kandierten weißen Veilchen. Inwiefern lässt sich das Konzept des dionysischen Rauschs im „Orgien Mysterien Theater“ Nitschs als zeitgenössische Fortschreibung von Nietzsches Kunstverständnis verstehen? Ein Versuch, Nitsch mit Nietzsche zu lesen.

In seiner Frühschrift Die Geburt der Tragödie (1872) formuliert Nietzsche seine grundlegende Theorie zur antiken Tragödie. Der Moment des Rauschs ist hier ebenso fundamental wie für Nietzsches Kunstverständnis allgemein. Emma Schunack untersucht, inwiefern sich der dionysische Rausch der antiken Tragödie in der Gegenwartskunst Hermann Nitschs zeigt. Zwischen blutigen Tierfellen auf violetten, zinnoberroten und zitronengelben Farblachen + kandierten weißen Veilchen.1 Inwiefern lässt sich das Konzept des dionysischen Rauschs im „Orgien Mysterien Theater“ Nitschs als zeitgenössische Fortschreibung von Nietzsches Kunstverständnis verstehen? Ein Versuch, Nitsch mit Nietzsche zu lesen.

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I. Das Orgien Mysterien Theater

Blutüberströmte, von Gedärmen umhüllte Körper und die Orgie als äußerste Seinsbedeutungsform und Kommunion mit der Gottheit.2

Der österreichische Künstler Hermann Nitsch, geboren 1938, schafft mit seinem seit den frühen sechziger Jahren immer weiter entwickeltem Konzept des „Orgien Mysterien Theaters“ (im Folgenden mit O.M. Theater abgekürzt) eine grenzüberschreitende Gegenwartskunst. Orientiert an der antiken Tragödie, soll seine Aktionskunst über den Moment des Rauschs tiefe, nachhaltige Empfindungen auslösen. Der griechische Gott Dionysos steht hierbei neben Jesus Christus und Ödipus im Zentrum des mythologischen Konzepts der Aktionen.  

Das O.M. Theater kennt keine Bühne und keine Schauspielenden im gewohnten Sinne. Spielteilnehmende fiktionalisieren nicht, vielmehr wird das repräsentative Moment der Kunst zugunsten eines direkten Erlebens überwunden. Die Verwirklichung des O.M. Theaters findet in einer sechs Tage und sechs Nächte dauernden Aktionsarbeit ihren Ausdruck. Sexuelle und religiöse Tabus und deren obszöne Verletzungen werden dramatisch inszeniert, während ganzheitliche Sinneswahrnehmungen zu einer neuen Wirklichkeitserfahrung kulminieren sollen. Schönheit als singulärer Gegenstand der Kunst wird negiert. Die dabei freigesetzten Triebhandlungen beinhalten das Schlachten und Ausnehmen von Tierkörpern, ihre Kreuzigung und Zerfleischung, sowie die Entblößung von Geschlechtsorganen der Spielteilnehmenden, deren Einreiben mit Blut und Innereien des Schlachtopfers. Bis zu seinem Tod im Jahr 2022 führte Nitsch jährlich Aktionen des O.M. Theaters durch. Auch über seinen Tod hinaus werden weiterhin Aktionen realisiert, wie zuletzt vom 7. bis zum 9. Juni 2025 im Schloss Prinzendorf in Österreich.

In Nietzsches Frühschrift Die Geburt der Tragödie (1872; kurz: GT) formuliert er seine grundlegende Theorie zur antiken Tragödie, in deren Kern er das Spannungsverhältnis zwischen dem Apollinischen (Apollon: Gott des Maßes, der Form, der Klarheit) und dem Dionysischen (Dionysos: Gott des Rausches, der Ekstase, der Auflösung) verortet. Nietzsche versteht das Apollinische und das Dionysische einerseits als Naturkräfte, andererseits als ästhetische Kategorien oder Prinzipien. Kunst entsteht zwischen zwei Polen. Dabei beschreibt das Apollinische eine maßvolle, distanzierte Schönheit und Abgeklärtheit. Das Dionysische bezeichnet den Rausch als triebhafte Vitalität. Im Moment des dionysischen Rauschs erkennt Nietzsche eine unabdingbare physiologische Voraussetzung für die Entstehung von Kunst. Aus dem Dionysischen erwächst eine Kunst, die in ihrem Rausch die Wahrheit spricht.3  

100. Aktion, 1998. Foto: Archiv Cibulka-Frey

II. Der Schrei des Dionysos (ekstatisch)

Dionysos liegt nackt auf dem Boden, seine Genitalien werden mit frischem, nassem Fleisch beworfen. Begleitet von einem Schreichor, Lärmorchester und Posaunenbläsern wird er mit einem Eimer schlachtwarmen Blutes überschüttet. Dionysos läuft ekstatisch schreiend zu einem geschlachteten Ochsen, weidet ihn aus und wühlt in dessen Gedärmen.4

Bei den Aktionen des O.M. Theaters tobt dionysischer Rausch zwischen äußerster Lebensbejahung und tödlicher Zerstörungskraft. Nitschs Rausch ist fühlbar hin- und hergerissen. Im Schrei des Dionysos zerreißt alles Innere das Außen. So schreibt Nitsch in seinem 1990 erschienen Buch Das Orgien Mysterien Theater:

Eine Philosophie des Rausches, der Ekstasen, der Entzückungen zeigt, als Resultat, dass das Innerste des lebendig intensiv Vitalen, die rauschhafte Erregung, der Orgiasmus ist, der eine Daseinskonstellation darstellt, bei der sich Genuss, Qual, Tod und Zeugung annähern und durchdringen. (S. 8 f.)

Im Schrei ein Daseinsjubel, der sich in die Qual treibt. Möglich, dass der Körper des Dionysos im O.M. Theater genau jenen durchdringenden Schrei nach Außen treten lässt, den Nietzsche als Höhepunkt von Lust und Leid sowie Erkenntnis über das Übermaß der Natur bezeichnet hatte.5  

In Die Geburt der Tragödie beschreibt Nietzsche die antiken Dionysosfeste (jene Feste zu Ehren des Gottes Dionysos und die Ursprünge der griechischen Tragödie) als „abscheuliche[] Mischung aus Wollust und Grausamkeit”6. Kunst entsteht zwischen zwei Polen. Im O.M. Theater zwischen dem wohligen Duft von Rosen, dem süßlichen Geschmack von Rotwein und dem abgründigen Anblick von Blut und Schleim. In Nietzsches Worten: Ein künstlerisches Spiel, welches selbst im Hässlichen und Disharmonischen in der ewigen Fülle seiner Lust mit sich selbst spielt.7 Nitschs Rausch ist fühlbar hin- und hergerissen. Nietzsche beschreibt jene Kraft des Rausches mit seiner inhärenten Dualität besonders deutlich in der Götzen-Dämmerung:

Damit es Kunst giebt, damit es irgendein ästhetisches Thun und Schauen giebt, dazu ist eine physiologische Vorbedingung unumgänglich: der Rausch. Der Rausch muss erst die Erregbarkeit der ganzen Maschine gesteigert haben: eher kommt es zu keiner Kunst. Alle noch so verschieden bedingten Arten des Rausches haben dazu die Kraft: vor allem der Rausch der Geschlechtserregung, diese älteste und ursprünglichste Form des Rausches. Insgleichen der Rausch, der im Gefolge aller großen Begierden, aller starken Affekte kommt; der Rausch des Festes, des Wettkampfes, des Bravourstücks, des Siegs, aller extremen Bewegung; der Rausch der Grausamkeit; der Rausch in der Zerstörung; der Rausch unter gewissen meteorologischen Einflüssen, zum Beispiel der Frühlingsrausch; oder unter dem Einfluss der Narcotika; endlich der Rausch des Willens, der Rausch eines überhäuften und geschwellten Willens.8

III. Die Abreaktion

Nr. 0 greift mehrmals nach dem Geschlechtsteil von Nr. 6 (ausgreifen), Nr. 6 schreit fast parodistisch wie ein zu schlachtendes Schwein. (Kastration [ schamwut ]). Im Augenblick, als Nr. 0 das Geschlechtsteil von Nr. 6 berührt, setzt penetrativer Lärm des Orchesters ein, und das Geschrei des Chores steigert sich bei jeder neuen Berührung zu einer extremen Jubel Ekstase.9

Zwischen Theater und Fest setzt Nitsch das Dionysische mit dem für ihn tragenden Abreaktionsdrang gleich. Das Theater ist seit seinen Anfängen geprägt von einem kollektiven Bedürfnis nach Abreaktion. Nitsch geht es nicht nur um eine Überwindung, sondern vielmehr um das Generieren von Energien durch die Abreaktion des Unbewussten. Nietzsche erkennt in der Tragödie sowohl eine reinigende als auch eine entladene Kraft und schreibt von jener pathologischen Entladung der Katharsis des Aristoteles,10 auf die sich auch Nitschs Abreaktionsbegriff stützt. Über den Moment der Gewalt zielt Nitsch darauf ab, dass bei den Teilnehmenden eine Katharsis im geschützten Rahmen des Theaters eintritt und der Mensch von Affekten gereinigt wird, die sich ansonsten unkontrolliert und gewaltsam im Alltag entladen würden.

Die nächste Ebene des Rausches also. Und so soll am dritten Tag der Aktion durch den Rausch der dionysischen Orgie jene Abreaktion vollzogen werden, die für Nitsch die Erfüllung sublimierter Triebbefriedigung darstellt. Nitsch zufolge erreicht die Abreaktion hier ihren Höhepunkt, „erreicht den sado-masochistischen Exzess, schlägt ins Zerstörerische um, zur Zerstörung des Körpers”11. Das hierdurch bewirkte ekstatische sinnliche Erleben soll als Medium der Triebdurchbrechung fungieren und die Freisetzung, die Bewusstwerdung verdrängter psychischer Inhalte ermöglichen. Reinigung und Entladung.

Die zerreißende Seite des Rauschs entfaltet ihr inneres Potential in einer Abreaktion, die reinigen und entladen will. Der Moment der Gewalt ist nicht nur als Pol in der Dualität des Rauschs von Bedeutung, sondern steht zudem für jenen regenerierenden Anspruch der Aktionskunst. BLUT WIRD AUS DEN FENSTERN DES SCHLOSSES GESCHÜTTET. Leibwarmes Sperma verteilt sich auf den Körpern.12

100. Aktion, 1998. Foto: Archiv Cibulka-Frey

IV. Die Einheitsempfindung

Nachts brach sein Mund gleich einer roten Frucht auf.13

Die Sonne steigt sechs Mal auf und ab, während das Fest voranschreitet. Der Rausch verlangt von den Teilnehmenden des O.M. Theaters die Auflösung der Grenzen des eigenen Körpers, die Abgabe der Kontrolle über sich selbst – Heraustreten aus sich. Ein Gefühl der All-Einheit. Man fühlt sich in allen Dingen, man ist Stein, Gras, Baum, Tier, Mitmensch. Ein Gefühl des Aufgehens im Ganzen. Göttlichkeit, aufgehen in Gott.14

Die mystische Einheitsempfindung im Rausch, die das Individuum zu vernichten und zu erlösen sucht,15 erkennt auch Nietzsche als „nächste Wirkung der dionysischen Tragödie”, in der „Staat und die Gesellschaft, überhaupt die Klüfte zwischen Mensch und Mensch einem übermächtigen Einheitsgefühle weichen, welches an das Herz der Natur zurückführt”16. Nietzsche geht so weit, dass er vom „Zerbrechen des Individuums und sein Einswerden mit dem Ursein”17 schreibt. Die Mysterienlehre der Tragödie sei „die Grunderkenntnis von der Einheit alles Vorhandenen, die Betrachtung der Individuation als des Urgrundes der Uebels, die Kunst als freudige Hoffnung, dass der Bann der Individuation zu zerbrechen sei, als die Ahnung einer wiederhergestellten Einheit”18.  

Einheit meint Gegensatzauflösung. Im Theater will Nitsch offenbaren, dass alles einander bedingt; dass alles Eins ist. Das gemeinsame Essen und Trinken, die Einverleibung, alle sinnlichen Erfahrungen (Gerüche, Töne, Farben) durchdringen von außen ins Innen, werden Teil. Im Austausch des Rauschs wird in alle Richtungen durchdrungen – wir erinnern uns an den Schrei des Dionysos (von innen nach außen).  

Und vielleicht lösen sich auch bei Nietzsche am Ende die Pole auf, wenn er schreibt: „Dionysus redet die Sprache des Apollo, Apollo aber schliesslich die Sprache des Dionysos: womit das höchste Ziel der Tragödie und der Kunst überhaupt erreicht ist”19. Einheit meint Gegensatzauflösung: Genuss und Leid. Der Mensch und das andere Tier. Ich und Du. Ich und Gott. Sein und Nichts. Apollon und Dionysos.

V. Epilog. Oder: Die Wiedergeburt des Dionysischen Geistes

Der letzte Morgen, 05:30 Uhr. Erwarten des Sonnenaufgangs, die Spielteilnehmenden umarmen und küssen sich, trinken Wein und essen Brot.20

Haben wir hier das Wiedererwachen des dionysischen Geistes und die Wiedergeburt der Tragödie im Sinne Nietzsches erlebt? Nitsch folgt Nietzsche in einem Kunstverständnis, welches Rausch, Traum, Spiel und Fest miteinander verbindet. Beide verstehen Kunst als Teil des Lebens, im Schrecken und Schmerz, in Schönheit und Freude. In Nitschs O.M. Theater erfahren die Teilnehmenden den dionysischen Rausch als komplexe Versinnlichungs- und Abreaktionsaktion. In diesem Sinne kann das O.M. Theater als Schauplatz der Wiedergeburt des dionysischen Geistes betrachtet werden. Nitsch möchte jenen Geist der Tragödie wiederbeleben und am Leben erhalten, auch über seinen eigenen Tod hinaus. Vielleicht besteht Nitschs Radikalität darin, Nietzsche wörtlich zu nehmen. Denn Nitsch entwickelt Nietzsche nicht radikal weiter, das Exzessive steht schon geschrieben – Nitsch setzt es performativ um. Und so durchdringt die Stimme Nietzsches das O.M. Theater:

Ich möchte glücklich sein, ich möchte ekstatisch rasen vor Glück, ich möchte einen außergewöhnlichen Zustand, ich möchte nicht vegetieren, ich möchte nicht Angst vor dem Leben und dem Sterben haben, ich möchte da sein und wenn man will, sogar in den Abgrund des Daseins hineinschauen und sogar hineinschreiten. Das ist etwas eminent Wichtiges. Die Kunst ist für mich etwas, bei der es darum geht, sich zu berauschen, Intensität zu verwirklichen und die Schöpfung zu verwirklichen.21  

Im O.M. Theater erfahren die Teilnehmenden den dionysischen Rausch im Schrei, in Abreaktion, in Einheit. Kunst hebt zwei Pole auf.

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100. Aktion, 1998. Foto: Archiv Cibulka-Frey

Literatur

Martin Poltrum im Gespräch mit Hermann Nitsch. In: Hermann Nitsch zu Gast im Salon Philosophique des Anton-Proksch-Instituts, Spectrum Psychiatrie 3/2010, S. 70.  

Nitsch, Hermann: Das Orgien Mysterien Theater. Manifeste, Aufsätze, Vorträge. Salzburg 1990.

Ders.: Das Orgien Mysterien Theater. Partituren aller aufgeführten Aktionen. Band 10: Das 2-Tage-Spiel des Orgien-Mysterien-Theaters. Prinzendorf a. d. Zaya 2004.

Ders.: O.M. Theater-Lesebuch. Wien 1983.

Fußnoten

1: Vgl. Nitsch, Das Orgien Mysterien Theater, S. 85.

2: Vgl. Nitsch, O.M. Theater-Lesebuch, S. 240.

3: Vgl. GT, Abs. 4.

4: Vgl. Nitsch, O.M. Theater-Lesebuch, S. 398.

5: Vgl. GT, Abs. 4.

6: GT, Abs. 2.

7: Vgl. GT, Abs. 24.

8: Götzen-Dämmerung, Streifzüge, Abs. 8.

9: Nitzsch, O.M. Theater-Lesebuch, S. 567.

10: Vgl. GT, Abs. 22.

11: Nitsch, Das Orgien Mysterien Theater, S. 37.

12: Nitzsch, O.M. Theater-Lesebuch, S. 549.

13: Georg Trakl, Dichtungen.

14: Nitzsch, Das Orgien Mysterien Theater, S. 55.

15: Vgl. GT, Abs. 2.

16: GT, Abs. 7.

17: GT, Abs. 8.

18: GT, Abs. 10.

19: GT, Abs. 21.

20: Vgl. Nitzsch, Das Orgien Mysterien Theater. Partituren aller aufgeführten Aktionen. Band 10, S. 207.

21: Martin Poltrum im Gespräch mit Hermann Nitsch, S. 70.