Nietzsche und Nordamerika

Ein Interview mit Willow Verkerk

Nietzsche und Nordamerika

Ein Interview mit Willow Verkerk

4.7.26
Willow Verkerk & Paul Stephan
Vor genau 250 Jahren, am 4. Juli 1776, erklärten dreizehn der nordamerikanischen Kolonien Großbritanniens die Unabhängigkeit von ihrem Mutterland. Wenig später bildeten sie eine der ersten modernen demokratischen Republiken der Welt, die Vereinigen Staaten von Amerika. Wir nahmen dieses besondere Jubiläum zum Anlass, um mit der kanadischen Nietzscheforscherin Willow Verkerk über die unterschiedlichen Perspektiven auf Nietzsche in Europa und Nordamerika zu sprechen. Wie unterschiedlich wird dieser Denker, der so tief in der europäischen Kultur verwurzelt ist, ‚hier‘ und ‚dort‘ gelesen? Was sagt das aus über die kulturellen Unterschiede zwischen Europa und seinen früheren Kolonien auf der anderen Seite des Atlantiks im Allgemeinen? Und was dachte Nietzsche selbst über die ‚Neue Welt‘?

Vor genau 250 Jahren, am 4. Juli 1776, erklärten dreizehn der nordamerikanischen Kolonien Großbritanniens die Unabhängigkeit von ihrem Mutterland. Wenig später bildeten sie eine der ersten modernen demokratischen Republiken der Welt, die Vereinigen Staaten von Amerika. Wir nahmen dieses besondere Jubiläum zum Anlass, um mit der kanadischen Nietzscheforscherin Willow Verkerk über die unterschiedlichen Perspektiven auf Nietzsche in Europa und Nordamerika zu sprechen. Wie unterschiedlich wird dieser Denker, der so tief in der europäischen Kultur verwurzelt ist, ‚hier‘ und ‚dort‘ gelesen? Was sagt das aus über die kulturellen Unterschiede zwischen Europa und seinen früheren Kolonien auf der anderen Seite des Atlantiks im Allgemeinen? Und was dachte Nietzsche selbst über die ‚Neue Welt‘?

Aus dem Englischen übersetzt von Paul Stephan.

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Abb. 1: Die vier Hauptkontinente in der Vorstellung des frühen 20. Jahrhunderts. Junge auf Schnecke, Repräsentation Amerikas, Skulptur aus Keramik, farbig glasiert (1931) von Willy Münch-Khe (1885–1960). Sie ist Teil einer Skulpturenserie, die in den 30ern vom Zoo Leipzig in Auftrag gegeben wurde, wo sie noch heute steht. (Foto: Paul Stephan)1

I. Von Kanada nach Europa und zurück

Paul Stephan: Liebe Willow, vielen herzlichen Dank für deine Bereitschaft zu diesem Gespräch über Nietzsche und Nordamerika. Ich bin auf deine Ansichten und Einschätzungen vor allem deswegen gespannt, weil du nicht nur eine Expertin für Nietzsche und kontinentale Philosophie im Allgemeinen bist, sondern auch eine Forscherin mit einem höchst internationalen Profil. Du hast in Belgien, in Großbritannien, wo wir uns bei einer Konferenz über Nietzsche und den Feminismus zum ersten Mal begegnet sind, Japan und jetzt in Kanada geforscht, wo du gerade als Dozentin an der University of British Columbia (UBC) unterrichtest. Vielleicht kannst du uns mehr über deinen Hintergrund erzählen? Wo wurdest du geboren und wie bist du auf Nietzsche gestoßen?

Willow Verkerk: Ich wurde in Victoria in British Columbia geboren, bin also Kanadierin. Ich begann mich für Nietzsche schon an der Highschool zu interessieren, als mir ein älterer Freund, der schon an der Universität studierte, ein Exemplar von Jenseits von Gut und Böse schenkte. Als ich dann in Montreal an der Concordia University mein Bachelor- und Masterstudium absolvierte unter der Betreuung von Horst Hutter, beschäftigte ich mich weiterhin mit Nietzsche. Ich musste nach meinem Abschluss jedoch feststellen, dass es in Kanada nur wenige Forscher gab, die zu Nietzsche arbeiteten – und sogar noch weniger, die sich in der kontinentalen Tradition verorteten. Ich sah mich daher in Europa um und stieß auf Paul von Tongeren, der damit einverstanden war, mich an der Katholieke Universiteit Leuven zu betreuen, wo ich erst einen Master of Philosophy2 erwarb und schließlich promovierte. Da mein Vater in Arnhem in den Niederlanden geboren wurde, konnte ich einen niederländischen Pass erwerben, was den Umzug nach Belgien wesentlich vereinfachte. Da hatte ich Glück, denn mein Vater starb, als ich sechs Jahr alt war und ich wurde nur von meiner Mutter großgezogen, einer Avantgarde-Filmmacherin, Dichterin und Feministin, die sich für die Rechte von Armen engagierte. Sie bestärkte mich sehr darin, meine künstlerischen und literarischen Interessen zu verfolgen, und unterstützte mein Philosophiestudium.

Abb. 2: Ein Symbol ‚asiatischer Beschaulichkeit‘? Junge auf Schildkröte, Repräsentation Asiens, von Münch-Khe (1934), Zoo Leipzig. (Foto: Paul Stephan)

II. ‚Kontinentale‘ vs. ‚analytische‘ Tradition

PS: Der Begriff ‚kontinentale Philosophie‘ erscheint mir wesentlich, um die Hauptunterschiede zwischen der europäischen und der nordamerikanischen Philosophiekultur zu verstehen. Du hast schon erwähnt, dass die kontinentale Philosophie in Kanada nicht sehr stark vertreten ist. Was versteht du unter kontinentaler Philosophie und warum ist es anscheinend schwierig auf deiner Seite des Atlantiks akademische Forschungen zu betreiben, die sich in dieser Tradition bewegen?

WV: In Nordamerika unterscheidet man zwischen kontinentaler Philosophie und angloamerikanischer und analytischer Philosophie, die ihre Ursprünge zu einem großen Teil in Großbritannien und den Vereinigten Staaten hat. Kontinentale Philosophie ist im Grunde einfach nur europäische Philosophie und so wird sie, vielleicht angemessener, im Vereinigten Königreich auch bezeichnet. Sowie die kontinentale als auch die europäische Philosophie beziehen sich auf diejenigen philosophischen Traditionen, deren Ursprung in Deutschland und Frankreich liegt, manchmal andere Teile Europas eingeschlossen, von Immanuel Kant an. Im englischsprachigen Raum gibt es mehr akademische Forschung zur analytischen Philosophie, vielleicht, weil sie hier entstand. In Quebec, wo man Französisch spricht, gibt es mehr kontinentale Philosophie. In den Vereinigten Staaten sind es die katholischen und jesuitischen Universitäten, wo man sich noch am ehesten mit der Geschichte der Philosophie befasst und seinen Schwerpunkt auf die kontinentale Philosophie legt. Oft wird kontinentale Philosophie in Nordamerika eher in der Politikwissenschaft, der Germanistik oder Romanistik oder auch der Literaturwissenschaft unterrichtet und erforscht als an den Philosophieinstituten.

Je nach Region wird die interne Arbeitsteilung innerhalb der Philosophieinstitute unterschiedlich geregelt und jede hat ihre eigenen aktuellen und historischen Gründe dafür, manche Forschungsbereiche gegenüber anderen zu priorisieren. Als ich Mitglied der American Philosophy Association wurde, lud man mich ein, einer Gruppe namens „Jenseits der Kluft von analytischer und kontinentaler Philosophie“ beizutreten. Vermutlich war die Vereinigung bestrebt, den Gegensatz zwischen diesen beiden Schulen etwas abzumildern. Analytischen Philosophen wurde früher nachgesagt, ihre kontinentalen Kollegen bewusst zu isolieren. Manche spekulieren, dass das damit zusammenhängt, dass sich Studierende viel lieber mit kontinentaler als mit analytischer Philosophie befassen. Mein begrenztes Wissen bezieht sich vor allem auf den westlichen Teil Nordamerikas, also British Columbia und Kalifornien. Die Philosophieinstitute hier waren traditionell sehr stark vom logischen Positivismus dominiert, der die kontinentale Philosophie nicht ganz ernstnahm, und versuchten mit verschiedenen Methoden, die Anstellung kontinentaler Philosophen zu verhindern. Heute jedoch scheint sich das institutionelle Klima zu ändern, denn junge Akademiker interessieren sich für diese Unterscheidung nicht so stark und auch analytische Forscher schreiben vermehrt über deutsche und französische Philosophie, da ihnen aufgeht, dass Hegel, Nietzsche, Sartre, Beauvoir und andere Einsichten zu bieten haben, die sich den Schriften angloamerikanischer Denker nicht entnehmen lassen – und auch nicht der Forschungsliteratur zu ihnen.

PS: Dieser Gegensatz wird oft als einer zwischen zwei Stilen beschrieben. Man sagt den kontinentalen Philosophen einen eher literarischen Schreibstil nach, der sich z. B. durch die Verwendung von Metaphern, Analogien und rhetorischer Sprache auszeichne; analytische Philosophen hingegen präferierten einen etwas ‚nüchterneren‘ Stil und versuchten, auf derartige Stilmittel zu verzichten. Nietzsche scheint in dieser Hinsicht klar dem kontinentalen Lager anzugehören und vielleicht rührt das hohe Ansehen (vorsichtig ausgedrückt), das er unter kontinentalen Philosophen genießt, daher, dass er dieser Herangehensweise eine Rechtfertigung verleiht, wenn er etwa darüber spricht, dass Wahrheit „ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen“3 ist, und den unhintergehbaren Perspektivismus unseres Wissens über die Welt betont.4 Zugleich lässt sich auch innerhalb des analytischen Lagers in den letzten Jahren ein wachsendes Interesse an Nietzsches Philosophie beobachten. Diese Interpreten interessieren sich mehr für seine Argumente als seinen Stil und versuchen, erstere von letzterem zu trennen. Hältst du das für eine vielversprechende Entwicklung? Oder steht Nietzsche in diesen Interpretationen am Ende nicht etwas ‚nackig‘ da?

WV: Erstmal scheint es eine gute Sache zu sein, wenn Nietzsche von unterschiedlichen Philosophen und Menschen gelesen wird. Aber, wie du zu Recht bemerkst, führen sein literarischer Stil und auch seine esoterische Art zu schreiben oft zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen. Diese Missverständnisse und Fehllektüren sind freilich nicht neu und nicht auf analytische Philosophen begrenzt. Doch die analytischen Philosophen trennen nicht nur seine Argumente von seinen Stilen, sie isolieren auch oft ein Argument von dem Buch, in dem es steht, und von Nietzsches anderen Werken. Sie neigen zudem dazu, ihn in Kategorien zu pressen, die ihnen selbst vertraut sind, derer Nietzsche sich nicht bediente (und die er wahrscheinlich problematisiert hätte), um ihn zugänglich zu machen. Indem sie so verfahren, übersehen sie jedoch die agonistischen Qualitäten von Nietzsches Schriften und die Hinweise, die er seinen Lesern hinsichtlich der Themen, Ziele und Aufgaben seiner verschiedenen Bücher an die Hand gab, die man seinen Vorreden entnehmen kann. Und wie du nahelegst, tendiert die analytische Philosophie dazu, zu einer abschließenden Analyse kommen zu wollen – eine Perspektive, die Nietzsche mit seinem Perspektivismus und seiner Kritik der Metaphysik grundsätzlich in Frage gestellt hat. Man könnte also so weit gehen zu behaupten, dass die Methodologien der analytischen Philosophie mit Nietzsche unvereinbar seien. Aber vielleicht wenden sich gewisse analytische Philosophen Nietzsche genau deswegen zu, weil sie die Mängel ihrer Methoden spüren.

Abb. 3: Junge auf Kröte, Repräsentation Afrikas, von Münch-Khe (1934), Zoo Leipzig. (Foto: Paul Stephan)

III. Nietzsche in der amerikanischen Populärkultur und unter Studierenden

PS: Wir haben es also mit einer analytischen Tradition zu tun, die in Nordamerika traditionell sehr stark ist und deren Verhältnis zu Nietzsche angespannt ist, die aber seit Kurzem aufgeschlossener gegenüber seinen Einsichten ist, und eine demgegenüber minoritäre kontinentale Tradition auch auf der anderen Seite des Ozeans. Doch wie ist es um Nietzsches Rezeption außerhalb der Akademie bestellt? Ich denke, in Europa, und auch in Teilen Südamerikas, ist Nietzsche ein sehr populärer Philosoph, dessen kulturelle Bedeutung nach wie vor enorm ist. Kommt Nietzsche in Kanada und den Vereinigten Staaten eine vergleichbare kulturelle Bedeutung zu? Würden ihn Schüler lesen? Spielen seine Gedanken eine Rolle im Unterricht an den Highschools? Und inwieweit interessieren sich Studierende für seine Philosophie?

WV: Ich habe ja in unterschiedlichen Städten und Ländern in Europa und Nordamerika gelebt, gearbeitet und sie bereist und meine Erfahrung ist, dass es in Europa sehr viel wahrscheinlicher ist auf jemanden zu treffen, der sich für Philosophie interessant und ein wenig darüber weiß. In Nordamerika ist die Lektüre philosophischer Schriften eher eine Sache der Akademiker, Künstler und Kreativen. Ich habe Studierende, Freunde und Bekannte in den sozialen Medien und in einem Kurs, den ich gerade unterrichte, gefragt, ob sie in der Highschool philosophische Texte gelesen haben. Ich habe sowohl Antworten von US-Amerikanern als auch von Kanadiern erhalten, allerdings mehr von letzteren. Der Konsens schien, dass diejenigen, die Privatschulen besuchten, eher in Philosophie unterrichtet wurden, diejenigen, die öffentliche Schulen besuchten, hingegen nicht; ein paar hatten im Französischunterricht mit französischen Philosophen zu tun, doch deutsche Philosophie war für gewöhnlich kein Teil des Highschool-Curriculums. Es gibt da ein paar regionale Ausnahmen, größtenteils in den Teilen des Kontinents, die näher am Atlantik liegen und vor allem in frankophonen Regionen. Ein paar Studierende erwähnten, dass sie etwas über Nietzsche in Filmen oder im Fernsehen erfahren haben, aber, allgemein gesprochen, haben Nietzsche, und die Philosophie im Allgemeinen, keine kulturelle Bedeutung in Kanada und den Vereinigten Staaten, die mit derjenigen vergleichbar wäre, die ihr in Europa oder Teilen Südamerikas zukommt. Oft sind die es die Austauschstudierenden in meinen Seminaren an der UBC aus Brasilien, Chile, Mexiko, Südafrika, dem Mittleren Osten, Europa und China, die mehr über Nietzsche wissen als ihre Kommilitonen aus Nordamerika. Von den acht Seminaren, die ich pro Jahr an der UBC unterrichte, ist eines immer Nietzsche gewidmete, und zwei weitere beinhalten Nietzsche als Teil des Lektüreplans. Die Studierende scheinen sich im Allgemeinen sehr für ihn zu interessieren.

PS: Was interessiert deine Studierenden an Nietzsche besonders?

WV: Studierende, die einen religiösen Hintergrund haben und ihren Glauben hinterfragen oder hinterfragt haben, faszinieren sich für Nietzsches Behauptung aus dem 125. Aphorismus der Fröhlichen Wissenschaft, dass Gott tot ist und wir ihn getötet haben. Ich behandle diesen Text in einem Seminar, das „Existenzialismus“ heißt. Wir versuchen da die Texte der französischen Existenzialisten des 20. Jahrhunderts als Antwort auf Nietzsches Diagnose des Nihilismus nach dem Tod Gottes zu verstehen. In diesem Seminar ist mir aufgefallen, dass die Studierenden sich sehr dafür interessieren, über Nietzsches Nihilismuskonzept nachzudenken und dafür, es auf gegenwärtige Nihilismuskonzepte zu beziehen wie den Ökonihilismus und den Technonihilismus. Es ist erstaunlich, wie hochaktuell Nietzsches Kritik des passiven Nihilismus bleibt: Seine Darstellung des letzten Menschen in der Vorrede zu Also sprach Zarathustra als desjenigen, der jede Frage, die an ihn gerichtet wird, einfach ‚wegblinzelt‘, scheint bei den Studierenden hier auf eine tiefe Resonanz zu stoßen.

Auch Nietzsches Konzept des Willens zur Macht fasziniert die Studierenden, vielleicht, weil es so häufig verzerrt dargestellt wurde, aber auch, weil Nietzsche die Auffassung vertritt, dass hinter jedem Wahrheitsanspruch der Wille zur Macht steckt. Über das Verhältnis zwischen Macht und Wahrheit nachzudenken ist vor allem für Studierende interessant, die sich mit Sozialphilosophie und Politischer Philosophie beschäftigen, Kritischer Theorie, feministischen und antirassistischen Theorien, denn Sozialontologie und genealogische Untersuchungen erfreuen sich innerhalb der feministischen, queeren und antirassistischen Wissenschaft einer wachsenden Beliebtheit. Mir ist auch aufgefallen, dass Studierende verstärkt darauf kommen, mehr über Nietzsches genealogische Methodologie und seine Theorie des Perspektivismus erfahren zu wollen. Bisweilen sind die Studierenden aber auch verstört von Nietzsche oder verstehen ihn zu wörtlich. Einmal haben wir uns etwa in einem Nietzscheseminar mit Nietzsches Schriften über Frau und Mann auseinandergesetzt. Als wir über den 231. Aphorismus von Jenseits von Gut und Böse  diskutierten, gab es im Kurs zwei Studenten, die sich leidenschaftlich stritten, der eine den Tränen nahe ob Nietzsches Frauenfeindlichkeit, der andere stolz verkündend, dass Nietzsche traditionelle Familienwerte unterstütze.

Zu guter Letzt gibt es eine bedeutende Zahl von Studierenden, die sich für Nietzsches therapeutische Philosophie interessieren. Oft verstehen sie diese als Heilmittel gegen den Nihilismus, bisweilen als seine Philosophie der Überwindung. Vor Kurzem beeindruckten mich studentische Projekte, die sich auf seine therapeutische Philosophie fokussierten und Nietzsche mit den Dis(ability) Studies, der Phänomenologie und dem Projekt einer gewaltfreien Dekolonisierung in Verbindung brachten. Es ist unglaublich zu beobachten, wie sehr er nach wie vor Studierende aus unterschiedlichen Fächern inspiriert und für das Nachdenken über die kulturellen Herausforderungen unserer Zeit relevant bleibt.

PS: Das unterscheidet sich in der Tat gar nicht so sehr von den Interessensschwerpunkten der Studierenden in Europa, würde ich sagen. Hier in Deutschland interessieren sie sich vielleicht außerdem noch stark für Nietzsches unglückliche Verbindung zu Faschismus und Nationalsozialismus. Dieses Thema führt regelmäßig zu kontroversen Debatten innerhalb und auch außerhalb des Seminarraums. Spielt dieser Aspekt auch in Nordamerika eine Rolle oder ist er von untergeordneter Bedeutung?

WV: Ich bin mir nicht sicher, ob sich Studierende in Nordamerika so stark für Nietzsches historische Verbindungen zu Faschismus und Nationalsozialismus interessieren. Manchmal taucht das Thema in meinen Seminaren und in meinem sozialen Umfeld auf, doch Kanadier und US-Amerikaner sprechen eher darüber, wie die gegenwärtige Mannosphäre5 und die politische Rechte Nietzsche zitieren und ihn als Gewährsmann für ihre Thesen zu verwenden suchen. Mein Wissen um die Verwendung Nietzsches bei Sexisten, Rassisten und Faschisten in Nordamerika ist sehr begrenzt. Ich weiß, dass Jordan Peterson, ein selbsternannter Selbsthilfe-Guru für ‚entrechtete‘ junge Männer, eine Online‚schule‘ betreibt und das er versucht, Nietzsche zu benutzen, um darüber zu sprechen, ein ‚männlicher Krieger‘ zu werden. Ich habe davon jedoch nur erfahren, weil ich – seltsamerweise – Anzeigen dafür in den sozialen Medien angezeigt bekam, kurz nachdem ich von der Konferenz über Nietzsches Zukünfte in Weimar im Jahr 2024 zurückgekehrt bin.6 Ansonsten habe ich immer wieder ein paar Studierende, die mich über die Beziehungen zwischen Nietzsche und dem Akzelerationismus befragen, manche von ihnen erwähnen dabei Nick Land. Die geistigen Wurzeln des Akzelerationismus liegen, wenn ich es recht verstehe, in Deleuzes und Guattaris Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie (1972) und Tausend Plateaus (1980) und werden als links angesehen, doch der heutige von Nietzsche inspirierte Akzelerationismus scheint eher rechte Perspektiven anzuheizen.

PS: Wie gehst du mit solchen Aneignungen um? Könnte Nietzsche vielleicht als Werkzeug dienen, um derartigen Tendenzen zu widersprechen – oder ist diese Lesart bis zu einem gewissen Grad gerechtfertigt?

WV: Man kann bei Nietzsche ganz unterschiedliche Zitate finden und sie mit allen möglichen Zielen interpretieren. Ein Zitat, das man für ‚akzelerationistisch‘ halten könnte, kann man Also sprach Zarathustra, Von alten und neuen Tafeln, 20 entnehmen: „Aber ich sage: was fällt, das soll man auch noch stossen! Das Alles von Heute – das fällt, das verfällt: wer wollte es halten! Aber ich – ich will es noch stossen!“ Einer der wichtigsten Grundsätze des Akzelerationismus ist es, den Verfall desjenigen zu beschleunigen, das sich bereits im Verfall befindet. Das scheint tatsächlich ein nietzscheanischer Wert zu sein, der mit seinen Äußerungen über die Überwindung des Problems des passiven Nihilismus durch die entschlossene Tat in Verbindung steht. Die Grundlagen des Akzelerationismus stammen jedoch nicht nur von Nietzsche. Eher geht es den Vertretern dieser Strömung darum, Marx ins Gespräch mit Nietzsche zu bringen. Sie behaupten, dass die Probleme des Kapitalismus beschleunigt, akzeleriert, werden müssen, damit sich der Kapitalismus selbst überwinden kann. Oft beziehen sich die Akzelerationisten in ihren Manifesten auch positiv auf die Automatisierung und manchmal auch den Futurismus. Ich denke, man kann in der Tat Nietzsches Werken eine abstrakte Unterstützung für diese Projekte entnehmen. Die Akzelerationisten vermischen Nietzsche jedoch, wie alle anderen politischen Akteure auch, mit anderen Denkern und Traditionen und bedienen sich seiner als Werkzeugkasten, um ihre eigene Agenda zu unterfüttern. Man findet in Nietzsches Werken sicherlich andere Zitate, die eine Praxis propagieren, die derjenigen des Akzelerationismus direkt widerspricht. Nietzsche schreibt auch, dass man sich verlangsamen, sorgfältig denken und zur Natur zurückkehren soll: In Also sprach Zarathustra schreibt er immer wieder, dass der Übermensch der „Sinn der Erde“ sei. Und in der Fröhlichen Wissenschaft äußert er sich kritisch über Industrialisierung, die Beschleunigung der Zeit und die Bedingungen technologischen Wandels, die es schwierig gestalten, noch lange Spaziergänge zu genießen und Gespräche mit guten Freunden – eine Situation, die sich seit Nietzsches Lebzeiten verschlimmert zu haben scheint. Es lassen sich also, oftmals mithilfe desselben Buchs, widersprüchliche Lesarten und Perspektiven untermauern.

Abb. 4: Der Philosoph und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson (1803–1882), Druck nach einem Holzschnitt von Robert Bryden (1901; Quelle). In den USA gilt er als geistiger Titan und er war einer von Nietzsches Lieblingsautoren und wichtigsten Quellen; heutzutage ist er in Kontinentaleuropa weitgehend in Vergessenheit geraten.

IV. Nietzsche and die amerikanische Kultur seiner Zeit

PS: Vielleicht ist nun der richtige Zeitpunkt gekommen, um Nietzsches eigene Beziehung zu Amerika in den Blick zu nehmen.

Die Welt, in der er lebte, war in vielen Hinsichten sehr anders als die unsere, vor allem im Hinblick auf Nordamerika. Die USA waren noch immer ein relativ junges Land, Kanada eine Kolonie, Europa der stolze unangefochtene Nabel der Welt.

Dies alles spiegelt sich auch in Nietzsches Werken wider, wo Amerika nur selten erwähnt wird – auch wenn seine Schwester einige Jahre lang in Paraguay lebte, wo sie mit ihrem Gatten Bernhard Förster – ein glühender Antisemit, den Nietzsche verachtete – eine ‚arische‘ Kolonie zu begründen gedachte.

Zuerst sollte man vielleicht darauf hinweisen, dass Nietzsche ein begeisterter Leser amerikanischer Autoren wie Edgar Allan Poe, Mark Twain7 und, am bedeutsamsten, Ralph Waldo Emerson (1803–1882) war. Heute kennt ihn in Deutschland kaum jemand, doch der Einfluss Emersons auf Nietzsche kann kaum unterschätzt werden. In seiner frühen und mittleren Schaffensphase zitiert ihn Nietzsche exzessiv (manchmal ohne ihn namentlich zu erwähnen), vor allem in Schopenhauer als Erzieher. Der heroische Individualismus Emersons beeindruckte ihn offensichtlich und er huldigt ihm immer wieder, sogar in seinen späteren Werken.8

Spielte Emerson in Nordamerika noch immer eine relevante Rolle? Und wird sein gewaltiger Einfluss auf Nietzsche viel diskutiert?

WV: Ich pflichte dem bei, Nietzsches Zeit war sehr anders als die unsrige, denn heute scheint es, dass Amerika die lauteste imperialistische Stimme ist, die von sich behauptet der Nabel der Welt zu sein, während zuvor Europa diese Position einnahm. Nietzsche schien jedoch das imperialistische europäische Projekt zu unterstützen, wenn er darüber schreibt, dass die Europäer der Welt ihre Kultur und ihre Aufsicht zur Verfügung stellen sollen, suggerierend, dass die europäische Kultur überlegen sei, während er zugleich den deutschen Nationalismus kritisiert (vgl. Der Wanderer und sein Schatten, Aph. 879). Du weist freilich zu Recht darauf hin, dass Nietzsches Beziehung zu seiner Schwester sich verschlechterte während ihrer Zeit mit dem faschistisch-kolonialistisch gesonnenen Bernhard Förster; er hielt ihren Versuch, eine Kolonie zu gründen, der krachend scheiterte, für ein ausgesprochen törichtes Unterfangen. Was Nietzsches Interesse an amerikanischen Autoren angeht, habe ich immer wieder gehört, dass Emersons Name fällt, wenn amerikanische Nietzscheforscher über diese Thematik sprechen. Er spielte auch in meinen eigenen Forschungen eine Rolle, als man mich während meines Promotionsstudiums dazu ermunterte, ihn zu lesen. Ich habe den Eindruck, dass Emerson nach wie vor eine wichtige Größe in der amerikanischen Literaturgeschichte ist und in den Vereinigten Staaten wird er an den Highschools behandelt und es werden auch an den Universitäten Seminare zu ihm angeboten. Bis zu welchem Grad er von der allgemeinen Öffentlichkeit gelesen wird, ist mir unklar; vielleicht mehr als Nietzsche, denn er ist einer der Gründerväter der amerikanischen Literatur. Amerikaner lesen jedoch eher Belletristik als Philosophie und hören sich eher Podcasts an, gucken Videos oder lesen Lebensratgeber als die Werke des Kanons zu studieren. Oft kennen sie Emerson and Nietzsche nur aus der Popkultur. Während der Einfluss Emersons auf Nietzsche bei ihren Lesern bestimmt auf Interesse stößt, kann ich nicht sagen, dass darüber viel diskutiert wird. Ihre philosophische Beziehung wurde vielleicht in den Vereinigten Staaten am sichtbarsten von Stanley Cavell (1926–2018) untersucht, ein prominenter amerikanischer Philosoph und Professor in Harvard, der sowohl in akademischen als auch in populären Kontexten publizierte. Er schrieb einmal, dass es ihm selten klar gewesen sei, was ihn dazu motiviert hatte, wieder Nietzche zu lesen, doch dass die Nietzschelektüre ihn unvermeidlich immer wieder zurück auf Emerson bringen würde.10

Abb. 5: Junge auf Fisch, Repräsentation Europas, von Münch-Khe (1934), Zoo Leipzig. (Foto: Paul Stephan)

V. „Keine amerikanische Zukunft!“ – Nietzsches Ansichten über Amerika

PS: Wenn Nietzsche über Amerika selbst schreibt, sehe ich zwei Grundtendenzen, die die allgemeine europäische Haltung gegenüber der ‚Neuen Welt‘ in seiner Zeit widerzuspiegeln scheinen – und heute gar nicht so anders sind. Zum einen hält er die amerikanische für nicht wesentlich von der europäischen Kultur unterschieden. In der Morgenröthe spricht er etwa kritisch von „unserer jetzigen gehetzten, machtdürstigen Gesellschaft Europa’s und Amerika’s’“11, deren extreme Gier nach Macht sich, in auf den ersten Blick paradoxer Weise, in einer kulturellen Sehnsucht nach „Ohnmacht“ (ebd.) manifestiere – eine nur kurzzeitige und oberflächliche Illusion freilich, die im Grunde nur eine Art Ablenkung und Erholung für diese entschlossenen Krieger sei.

„[E]uropäisch“ ist, schreibt er in Der Wanderer und sein Schatten, geradezu synonym mit „modern“, Europa reiche also, in kultureller Hinsicht, weit über seine geographischen Grenzen hinaus. Es sei mehr als „die kleine Halbinsel Asien’s“12, denn „namentlich gehört Amerika hinzu, soweit es eben das Tochterland unserer Cultur ist“ (ebd.). Entsprechend teilen beide Kontinente dieselbe „europäisch-amerikanische Rastlosigkeit“13, die Nietzsche mit der, angeblichen, „hundertfach vererbten asiatischen Beschaulichkeit“ (ebd.) kontrastiert. Er kritisiert diese moderne Haltung und strebt nach seiner Synthese von „europäisch-amerikanischer“ Hektik und asiatischer Gelassenheit.14 All das reflektiert natürlich die fortschreitende Industrialisierung und auch den europäischen Imperialismus, den Nietzsche also anscheinend zumindest teilweise ablehnte.

Zum anderen charakterisiert Nietzsche Amerika jedoch, um die Metapher vom „Tochterland“ aufzugreifen, als eine sehr ‚missratene Tochter‘, die die negativen Eigenschaften ihrer ‚Mutter‘ ins Extrem treibt. Amerika – und es ist sehr klar, dass er in diesen Passagen die Vereinigten Staaten meint, da er bisweilen explizit zwischen „Amerika“ und „Südamerika“ unterscheidet15 – wird mithin zum Inbegriff all dessen, was Nietzsche an den modernen Gesellschaften verachtet, ein Alptraum einer perfekt rationalisierten Welt bar jedweder Schönheit16, ohne einen tieferen Sinn für Bedeutung, Authentizität, Größe, in der jeder nur ein bloßer Schauspieler seiner selbst ist; eine vollendete „Gesellschaft des Spektakels“, wie es Guy Debord in den 1960ern formulieren sollte. Du hast bereits über Nietzsches Geringschätzung der Moderne in dieser Hinsicht geschrieben.

Merkwürdigerweise scheint Amerika sogar der wahre Ursprung dieser barbarischen „indianerhafte[n] […] eigenthümliche[n] Wildheit in der Art, wie die Amerikaner nach Gold trachten“ (ebd.) und „ihre[r] athemlose[n] Hast der Arbeit – das eigentliche Laster der neuen Welt“ (ebd.) zu sein. Dieser Arbeitskult droht nun „das alte Europa“ (ebd.) zu infizieren – Nietzsche zufolge eine große Gefahr für seine Kultur. – Diese Passage ist natürlich ein wenig seltsam, denn wir alle wissen, dass dieser skrupellose Hunger nach Gold von den Europäern nach Amerika gebracht wurde und nicht andersherum.

Sei es nun eine innere Entartung der europäischen Kultur selbst – es überrascht nicht, dass Nietzsche in diesem Kontext oft England für den Hauptschuldigen hält – oder das Ergebnis eines fremden ‚barbarischen‘ Einflusses von außen: Nietzsche hält diese Tendenz für eine große Bedrohung und verlangt nach ihrer Korrektur. Er fasst diese Haltung vielleicht am besten in Menschliches, Allzumenschliches zusammen:

Die moderne Unruhe. – Nach dem Westen zu wird die moderne Bewegtheit immer grösser, so dass den Amerikanern die Bewohner Europa’s insgesammt sich als ruheliebende und geniessende Wesen darstellen, während diese doch selbst wie Bienen und Wespen durcheinander fliegen. Diese Bewegtheit wird so gross, dass die höhere Cultur ihre Früchte nicht mehr zeitigen kann; es ist, als ob die Jahreszeiten zu rasch auf einander folgten. Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Civilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Thätigen, das heisst die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört desshalb zu den nothwendigen Correcturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschauliche Element in grossem Maasse zu verstärken. Doch hat schon jeder Einzelne, welcher in Herz und Kopf ruhig und stetig ist, das Recht zu glauben, dass er nicht nur ein gutes Temperament, sondern eine allgemein nützliche Tugend besitze und durch die Bewahrung dieser Tugend sogar eine höhere Aufgabe erfülle.17

In seinen Notizbüchern empfiehlt Nietzsche eine kulturelle und politische Allianz zwischen Europa und Asien, inklusive Russland,18 um diesen „Wahnsinn der Bewegung“19 aufzuhalten. „Keine amerikanische Zukunft!“20, erklärt er in diesem Zusammenhang. Und er hofft: „Die Amerikaner zu schnell verbraucht – vielleicht nur anscheinend eine zukünftige Weltmacht.“21

Alle diese Erwägungen werden dadurch verkompliziert, dass der späte Nietzsche, wie du bereits erwähnt hast, die Dinge weniger romantisch als der frühe und mittlere Nietzsche sieht und Attribute wie ‚Barbarei‘, ‚Streben nach Macht‘ etc. nun nicht mehr als notwendig schlecht ansieht. Im Gegenteil, an manchen Stellen erblickt er in ihnen überhaupt nichts Schlechtes. ‚Akzelerationistische‘ Lesarten Nietzsche erscheinen, was das angeht, als zumindest plausibel.

Ich denke, in all diesen Hinsichten ist Nietzsche ein ziemlich typischer Europäer. Er verachtet Amerika vor allem aufgrund seiner Assoziation mit dem modernen Kapitalismus in seinen extremsten Formen, doch ist ihm gegenüber zugleich auch ein wenig ängstlich, neidisch und sogar fasziniert. Und etwas ratlos, wenn es um die Frage geht, was man dieser scheinbar unaufhaltsamen Macht und dem Erfolg dieses jungen, dynamischen Kolosses entgegensetzen könnte.

Eine Allianz mit Russland und Asien gegen die Vereinigten Staaten? Das ist keineswegs nur eine müßige intellektuelle Kopfgeburt, sondern wird immer wieder als eine Alternative zur empfundenen ‚Amerikanisierung‘ des Kontinents ins Spiel gebracht. Europa entweder als eine bloße Variante des ‚American way of life‘ oder als eine echte alternative Interpretation ‚des Westens‘, gemäßigter, weniger aggressiv.22

Kannst du mit diesen Erwägungen Nietzsches etwas anfangen? Resonieren sie in irgendeiner Hinsicht mit einer amerikanischen Sicht auf die Welt?

WV: Du beginnst deine Frage mit einer Aussage Nietzsches über Europa und Amerika, die, wie er behauptet, deswegen nach Macht streben, jedenfalls teilweise, um sich dann davon erholen zu können. Wenn man diesen Gedanken ein wenig vereinfacht interpretiert, könnte man sagen, dass Nietzsche hier die Stimmung des kapitalistischen Amerika einfängt, das hart arbeitet, um dann ‚hart‘ spielen zu können nach dem bekannten Motto work hard, play hard: Man generiert Mehrwert, damit er exzessiv verausgabt werden kann und das ist eine der hässlichen Freuden des Reichtums, die in den Vereinigten Staaten zelebriert werden. Natürlich gibt es dazu auch eine Gegenbewegung, inspiriert von westlichen Interpretationen ‚des Ostens‘ oder buddhistischen Perspektiven, die sich um Minimalismus bemühen und Achtsamkeit pflegen, ein Trend, der innerhalb der gebildeten Mittelschicht sehr beliebt ist. Nietzsche, als der großartige Philosoph der Kultur, der er war, hat also anscheinend zwei Trends in ihren frühen Manifestationen erkannt, die die europäische und amerikanische Gesellschaft prägten und durch die Zeit hindurch verstärkt wurden. Mir scheint es jedoch an dieser Stelle wichtig zu sein, anzumerken, dass dieser Genuss der Verausgabung und Erholung nicht spezifisch ‚westlich‘ ist: Wir neigen dazu, ‚den Osten‘ zu romantisieren und zu verklären. Es ist nicht so, dass man sich dort nicht gleichfalls am Exzess erfreut. Diese Exotisierung ‚des Ostens‘, ein Trend zu Nietzsches Lebzeiten und heute noch weit verbreitet, kann man unter nordamerikanischen Buddhisten beobachten. Ich selbst wurde im Alter von acht Jahren in den Buddhismus eingeführt und habe einige Zeit in Japan verbracht, wo ich mit japanischen Mönchen und Leuten aus dem Westen meditiert habe. Mir fiel in diesem Zusammenhang immer wieder auf, dass Amerikaner, die diese Religion praktizieren, dazu neigen, es mit ihrer ‚Achtsamkeit‘ zu übertreiben, so, als ginge es dabei um einen Wettbewerb. Sie tragen so diesen Geist der Unruhe, den Nietzsche so luzide erläutert, auch in den Buddhismus hinein, was sich in einer nachdrücklichen, und zweifellos selbstdarstellerischen, Befolgung der Dogmen manifestiert.

Während es bestimmt so ist, dass manche Europäer Amerika noch immer als eine ‚missratene Tochter‘ betrachten, der der Schein wichtiger ist als die Substanz und die Anhäufung von Besitz wichtiger als Stimmigkeit, habe ich nicht den Eindruck, dass sich die Amerikaner selbst so wahrnehmen. Es mag sein, dass der Aufstieg des Populismus in Amerika zu einer weitverbreiteten Ernüchterung hinsichtlich des American way of life geführt hat, aber die Mehrheit derer, die diese Ernüchterung erfahren, bleiben demokratischen euro-amerikanischen Werten verbunden, anstatt nach einer grundsätzlichen Alternative zu ihnen zu streben.

Eine europäische Allianz mit Russland und Asien anstatt mit Amerika? Manche Amerikaner, die besonders entzückt vom Spätkapitalismus sind oder die den Ideologien des neuen Faschismus in Amerika Glauben schenken, würden den ‚sozialistischen Werten‘ einer solchen europäischen Allianz mit ‚dem Osten‘ mit Furcht und/oder Sorge entgegenblicken. Es ist bisweilen schwierig, die Vielfalt der Antworten auf unsere jetzige Situation in Amerika zu verstehen: vom Aufstieg der trad-wives23, über die Impfgegner, diejenigen, die mit alternativen Formen des Zusammenlebens experimentieren – manchmal von linken, manchmal von rechten Idealen beseelt –, bis hin zur Spekulation über Trumps Beziehung zu Putin leben wir in einer Zeit, in der es zunehmend schwierig ist, zwischen Realität und Fake zu navigieren. In Kanada bemüht sich die Regierung gerade darum, neue Bündnisse mit Europa und Asien zu schmieden, seitdem sich die Beziehung zu den USA unter Trump derart verschlechtert hat. Im akademischen Bereich gibt es einige, die die USA Richtung Kanada verlassen und geringere Gehälter in Kauf nehmen, um an einem Ort zu leben, den sie als sicher empfinden. Und auch innerhalb der queeren und Transgender-Communities kehren manche Familien und Individuen den USA den Rücken zu und sind nach Kanada und andere gastfreundlichere Staaten emigriert, da es für sie unmöglich geworden ist, dort zu bleiben, aufgrund gesetzlicher Änderungen bezüglich geschlechtsangleichender medizinischer Behandlungen und einem Anstieg von Trans- und Homophobie. Rassismus ist in vielerlei Gestalt wieder öffentlich sichtbarer geworden und auch der Antisemitismus ist zurückgekehrt in neuen, oft nur schwer durchschaubaren Formen. Meiner Ansicht nach könnte Nordamerika viel von der europäischen Erinnerung an vergangene Fehler lernen. Zugleich müssen diejenigen von uns, die im ‚Westen‘ leben, sehr vorsichtig sein, nicht in Stereotype zu verfallen, die sich in immer neuen Gewändern zeigen, die jedoch immer wieder in denselben Fehler münden, den Anderen zu exotisieren und zu entmenschlichen.

PS: Ich hoffe aufrichtig, dass es uns hier und dort gelingen wird, die schwere Krise, in der sich ‚der Westen‘ im Augenblick befindet, zu überwinden. Was das angeht, gäbe es noch viel zu diskutieren – doch ich befürchte, wir müssen unser Gespräch an diesem Punkt beenden. Liebe Willow, hab vielen herzlichen Dank für deine so aufschlussreichen Antworten!

WV: Hab Dank, lieber Paul, für diese hochinteressante Konversation. Es war mir eine Freude, mich einmal mehr mit dir auszutauschen. Ich freu mich schon auf unsere nächste Begegnung!

Willow Verkerk (geb. 1976 in Victoria, Canada) ist Dozentin für Kontinentale Philosophie und Sozialphilosophie an der University of British Columbia. Sie ist Autorin des Buches Nietzsche and Friendship (Bloomsbury: 2019) und gab zusammen mit Nidesh Lawtoo den Band Homo Mimeticus III: Plasticity, Mimesis and Metamorphosis with Catherine Malabou (Leuven University Press: 2025) heraus. Sie hat zahlreiche Fachaufsätze über Liebe, Freundschaft, Heroismus, Monstrosität, Geschlechtlichkeit, Verdinglichung, Entfremdung und Souveränität veröffentlicht, meist Bezug nehmend auf Nietzsche, französische Philosophie des 20. Jahrhunderts, Kritische Theorie und feministische Philosophie.

Fußnoten

1: Anm. d Red.: Wir sind uns des hochproblematischen Kontexts dieser Skulpturen vollauf bewusst. Sie repräsentieren rassistische Stereotype. Münch-Khe war zudem ein Nazi, der sogar nach dem Krieg nach Argentinien fliehen musste. Gerade aufgrund dieses problematischen Charakters eignen sie sich jedoch besonders gut als Illustration für einen Artikel, der sich auf kritische Weise mit diesen Stereotypen beschäftigt.

2: Anm. d. Übers.: „Master of Philosophy“, kurz: MPhil, ist ein vor allem in Ländern des Commonwealth und manchen europäischen Staaten (wie eben Belgien) geläufiger Abschluss zwischen Master und Promotion, in dessen Rahmen man innerhalb von ein bis zwei Jahren eine eigenständige Forschungsarbeit verfassen muss.

3: Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne, Abs. 1.

4: Vgl. Zur Genealogie der Moral, Abs. III, 2.

5: Anm. d. Übers.: ‚Mannosphäre‘ bzw. manosphere bezeichnet eine bestimmte Subkultur, die überwiegend im Internet stattfindet, in der sich antifeministisch und maskulinistisch eingestellte Männer vernetzen und sich wechselseitig in ihren Ansichten bestärken. Es geht etwa um problematische manipulative Verführungstechniken („Pick-Up Artists“), die Unterscheidung zwischen ‚starken‘ „Alpha-“ und ‚verweichlichten‘ „Beta-Männern“ und die Pflege von frauenfeindlichen Ressentiments.

6: Anm. d. Red.: Vgl. den Bericht über diese Konferenz, den Paul Stephan für unseren Blog verfasst hat, wo er auch über Willow Verkerks Vortrag spricht.

7: Über Twain schreibt Nietzsche in einem Brief an Paul Rée aus der zweiten Juni-Hälfte des Jahres 1877: „[I]ch liebe dessen Albernheiten mehr als die deutschen Gescheutheiten“. Vgl. auch Nachgelassene Fragmente, Nr. 1880, 7[229].

8: Von der dritten Unzeitgemäßen Betrachtung abgesehen, ist Nietzsches deutlichste Anerkennung von Emersons Einfluss auf ihn das Motto der ersten Ausgabe der Fröhlichen Wissenschaft von 1882, das ein direktes Zitat von ihm ist. In einem Fragment des Jahres 1879 nennt Nietzsche Emerson den „reichste[n] Amerikaner“. In einem Fragment des Jahres 1881, wo er anscheinend über Emerson spricht, geht er so weit zu schreiben: „[D]er gedankenreichste Autor dieses Jahrh<underts> ist bisher ein Amerikaner gewesen“. – Sogar noch in Götzen-Dämmerung (Streifzüge, Aph. 13) widmet ihm Nietzsche einen ganzen huldigenden Aphorismus.

9: Anm. d. Red.: Vgl. auch das Streitgespräch zwischen Michael Drescher und Paul Stephan zu Nietzsches Beziehung zum Nationalismus auf diesem Blog.

10: Vgl. Cavell, Old and New in Emerson and Nietzsche. In: International studies in philosophy, 2003, Bd. 35, Nr. 3.

11: Morgenröthe, Aph. 271.

12: Menschliches, Allzumenschliches II, Der Wanderer und sein Schatten, Aph. 215.

13: Nachgelassene Fragmente, Nr. 1876, 17[55].

14: Vgl. ebd.

15: Vgl. Nachgelassene Fragmente, Nr. 1887, 11[234] und Nr. 1884 25[112].

16: Vgl. zu diesem Aspekt Nachgelassene Fragmente, Nr. 1880, 7[194] und Nr. 1880, 7[100].

17: Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 285.

18: Vgl. Nachgelassene Fragmente, Nr. 1876, 17[53].

19: Nachgelassene Fragmente, Nr. 1876, 17[54].

20: Nachgelassene Fragmente, Nr. 1884, 26[336].

21: Nachgelassene Fragmente, Nr. 1884, 26[247].

22: Die Vorstellung von einem vereinten Europa, das sich mit Russland oder sogar China gegen die USA verbündet, lag etwa dem Ansatz der deutschen Sozialdemokratie von Willy Brandt bis Gerhard Schröder zu Grunde, die Beziehung zum ‚Osten‘ zu normalisieren, aber auch dem Aufruf zu einem ‚neuen Europa‘, der von Habermas und Derrida in einem gemeinsamen Manifest im Jahr 2003 artikuliert wurde (February 15) (auch wenn sie dort nicht explizit auf die Frage nach neuen Bündnispartnern eingehen). In jüngster Zeit ist diese alte Idee aus verschiedenen Gründen ein wenig in den Hintergrund getreten, doch Europa hadert noch immer mit seiner Rolle als einer bloßen Puppe US-amerikanischer Interessen, die ihm immer wieder neu zugeschrieben wird, so dass davon auszugehen ist, dass sie wieder zweifellos erneut aufgegriffen werden wird. Die Strategie der Nazis, Osteuropa und Teile der Sowjetunion zu kolonisieren und sich mit Japan zu verbünden, um sowohl den USA als auch dem British Empire etwas entgegenzusetzen, stellt eine Perversion dieser Idee dar. Das strategische Dilemma, vor dem Europa steht – und dessen sich bereits Nietzsche sehr bewusst ist –, besteht klarerweise darin, dass eine Unabhängigkeit von den USA kaum erreichbar ist, ohne neue Bündnispartner zu finden – was wiederum zu neuen Abhängigkeiten führte. Ein wahrhaft souveränes Europa würde zumindest eine mehr oder wenige vollständige Unabhängigkeit von Öl- und Gasimporten voraussetzen.

23: Anm. d. Übers.: ‚Trad-wife‘, ein Kofferwort aus ‚traditional‘ und ‚wife‘, ist ein in den sozialen Medien geprägter Begriff, der sich auch im Deutschen etabliert hat bzw. für den es noch keine gute deutsche Übersetzung gibt. Es geht, teilweise im Zusammenhang mit in Fn. 5 erwähnten Mannosphäre, gewissermaßen als deren weibliches Pendant, um Frauen, die sich bewusst für ein ‚traditionelles‘ Leben als Hausfrau und Mutter entscheiden und sich dementsprechend in den sozialen Medien inszenieren (insofern durchaus berufstätig als Influencerinnen sind). Meist verbinden sie dies mit einer rechten, antifeministischen politischen Agenda.