Nietzsche und der Nationalismus?

Ein Streitgespräch zwischen Michael Drescher und Paul Stephan

Nietzsche und der Nationalismus?

Ein Streitgespräch zwischen Michael Drescher und Paul Stephan

27.5.26
Michael Drescher & Paul Stephan
Nietzsche war Zeit seines Lebens ein großer Kritiker des Nationalismus. Besonders das aufkeimende deutsche Nationalgefühl war ihm ein Dorn im Auge und er schrieb seinem Herkunftsland beißende Sätze wie „Definition des Germanen: Gehorsam und lange Beine…“ ins Stammbuch. Gleichzeitig zählen Nationalisten und Patrioten aller Couleur zu seinen Fans. Wie kann man Nietzscheaner und (deutscher) Nationalist sein? Was ist überhaupt „Nationalismus“ und ist es möglich, diesem Begriff einen positiven Sinn zu geben? Paul Stephan diskutierte über diese heiklen Themen, die angesichts der Erfolge nationalistischer Parteien weltweit immer mehr an Brisanz gewinnen, in schriftlicher Form mit dem YouTuber, Nietzsche-Kenner und Nationalismusforscher Michael Drescher alias PhrasenDrescher.

Nietzsche war Zeit seines Lebens ein großer Kritiker des Nationalismus. Besonders das aufkeimende deutsche Nationalgefühl war ihm ein Dorn im Auge und er schrieb seinem Herkunftsland beißende Sätze wie „Definition des Germanen: Gehorsam und lange Beine…“1 ins Stammbuch. Gleichzeitig zählen Nationalisten und Patrioten aller Couleur zu seinen Fans. Wie kann man Nietzscheaner und (deutscher) Nationalist sein? Was ist überhaupt „Nationalismus“ und ist es möglich, diesem Begriff einen positiven Sinn zu geben?

Paul Stephan diskutierte über diese heiklen Themen, die angesichts der Erfolge nationalistischer Parteien weltweit immer mehr an Brisanz gewinnen, in schriftlicher Form mit dem YouTuber, Nietzsche-Kenner und Nationalismusforscher Michael Drescher alias PhrasenDrescher.

Ergänzend setzten beide diesen Dialog in mündlicher Form auf YouTube fort – schauen Sie sich das Ergebnis gerne hier an (oder als reine Audioversion auf SoundCloud).

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I. Utopie, Nationalismus und Deutschsein

Paul Stephan: Lieber Michael, vielen Dank, dass du dich zu unserem Gespräch zum Thema „Nietzsche und der Nationalismus“ bereiterklärt hast. Manchen unserer Leser bist du wahrscheinlich nicht so sehr unter deinem bürgerlichen Namen, sondern als „PhrasenDrescher“ bekannt. Unter diesem Namen betreibst du einen sehr reichweitenstarken Kanal auf YouTube, auf dem du insbesondere einige der wichtigsten Werke Nietzsches als Hörbücher eingelesen hast – sehr empfehlenswert! – sowie Werke anderer bedeutender Philosophen und Schriftsteller, dich aber auch immer wieder zu philosophischen Themen selbst zu Wort meldest. Eines deiner Hauptthemen ist der Nationalismus, zu diesem Thema promovierst du auch gerade. Das ist also die zweifache Rolle, in der ich dich eingeladen habe: als Nietzsche-Experte und als Nationalismusforscher.

Man muss hierbei vielleicht direkt betonen, dass du dich keinem der beiden Themen ganz neutral widmest. Du hegst offenkundig große Sympathien für Nietzsche, aber auch für die Idee der Nation. Dazu hast du 2024 auch ein populärwissenschaftliches Buch publiziert, Deutschsein für Fortgeschrittene, in dem du für eine Art „Rehabilitation“ des deutschen Nationalismus wirbst.

Vielleicht beginnen wir unser Gespräch mit einer Begriffserklärung, denn deine Verwendung des Begriffs „Nationalismus“ sorgt wahrscheinlich schon jetzt für gewisse Irritationen bei manchen Leserinnen und Lesern – und ist auch mir beim Lesen des Buches aufgestoßen. Doch nicht zuletzt darum soll es in unserem Gespräch ja gehen: Die eigenen „Beißreflexe“ erst einmal zurückzustellen und in einen sachlichen Diskurs zu kommen zu wichtigen Grundfragen unserer Zeit, auch wenn man am Ende wahrscheinlich nicht zu einem Einvernehmen kommt. Zuhören, was der andere wirklich zu sagen hat, anstatt ihn sofort in eine Schublade zu stecken. Vielleicht kann man darin eine Übung in der Kunst des „perspektivische[n] Sehen[s]“2, von dem Nietzsche spricht, erblicken.

Normalerweise unterscheidet man ja zwischen Patriotismus und Nationalismus. Der Patriotismus sei eine unproblematische Identifikation mit der eigenen Nation, der Nationalismus dessen ungesunde Übertreibung. Du grenzt dich in deinem Buch zwar sehr klar vom Begriff des „Völkischen“, von Rassismus, Imperialismus, Chauvinismus, Antisemitismus und auch sehr unzweideutig dem Nationalsozialismus ab, möchtest aber am Begriff des „Nationalismus“ doch festhalten, und bezeichnest dich, wenn ich dich recht verstehe, auch als „Nationalist“. Wieso ist dir dieser Begriff trotz der negativen Konnotation, die er im heutigen Sprachgebrauch doch hat, dennoch wichtig? Was heißt es für dich, „Nationalist“ zu sein?

Michael Drescher: Lieber Paul, ich danke dir vielmals für deine netten Worte und deine Einführung. Geradezu gerührt bin ich, wie redlich du mich zu diesen Dingen fragst! So eine Offenheit bin ich nur noch aus meinem Studium gewohnt und selbst dort flogen nach einigem hin und her die Fetzen. Sowohl Nietzsche als auch der Nationalismus sind üblicherweise Themen, die in Seminarräumen oder auf Hauspartys meist nicht für bessere Stimmung sorgen. Geradezu verschrien sind beide und allzu gefährlich mutet beides an, wird doch das Denken, das mit beiden einhergeht, direkt für die Gräueltaten des Nationalsozialismus und die Weltkriege zumindest teilweise verantwortlich gemacht. Als Nietzscheaner weißt du, dass Nietzsche diesen Ruf zu Unrecht innehat, weshalb er heute auch weitgehend rehabilitiert wurde. Beim Nationalismus ist die ganze Sache etwas komplizierter.  

Es gibt die Nation, es gibt den Nationalismus, es gibt den Patriotismus und es gibt das Deutschsein. Besonders letzterem habe ich versucht, in meinem Buch spielerisch auf die Schliche zu kommen, wobei all diese Begriffe, wie du bereits angedeutet hast, nicht gänzlich voneinander trennbar sind. Ich muss gestehen, dass sie in mir ein schwer zu beschreibendes, aber positives Gefühl auslösen. Ob das meine Objektivität gefährdet? Ich glaube nicht, solange ich dieses Gefühl, das ich mir mit vielen Menschen teile, reflektiere. In der Nationalismusforschung ist es oft (reflektiert oder unreflektiert) andersherum, die meisten Forscher lehnen den Nationalismus offen ab oder wünschen insgeheim, das Zeitalter der Nationen wäre endgültig vorbei.  

Besonders der deutsche Nationalismus spielt für die Nationalismusforschung aufgrund der den Nationalismus intellektuell erklärenden Schriften Johann Gottfried Herders, Leopold von Rankes oder Johann Gottlieb Fichtes eine besondere Rolle. Sie werden jedoch von der meist englischsprachigen Forschung heute weitgehend ignoriert; stattdessen herrscht mit der Vereinheitlichung des Forschungsbetriebs nicht nur sprachliche Einfalt, denn Sprache prägt unser Verständnis von der Welt. Dennoch möchte ich die Philosophen der deutschen Romantik, zu denen ja auch Nietzsche hin und wieder gezählt wird, hier erst einmal außen vor lassen, und direkt ans Ende des 20. Jahrhundert springen.  

Wenn ich den Nationalsozialismus definitorisch und inhaltlich in meinem Buch auch scharf vom Nationalismus abgrenze, gibt es dennoch kaum etwas dagegen einzuwenden, dass der frühe Nationalsozialismus den Nationalismus zumindest als Vehikel nahm, ihn für seinen weltanschaulichen Chauvinismus aber schließlich links liegen ließ. Die Welt, in der wir heute leben, ist durch zwei Epochenbrüche geprägt: 1945 und 1990. Nach 1945 war der Nationalsozialismus, der nun mit dem Nationalismus gleichgesetzt wurde, weltanschaulich als bankrott enttarnt und militärisch besiegt. Liberalismus und Kommunismus (wenn diese Begriffe auf die Realpolitik auch nur schlecht anwendbar sind) hatten sich durchgesetzt und prägten die ganze Welt für die nächsten Jahre. Konrad Adenauer nannte den Nationalismus schlicht den „Krebsschaden Europas“. Während der Nationalismus im Westen offen bekämpft wurde und teilweise durch einen weltbürgerlichen Amerikanismus ersetzt wurde, blieb das Selbstverständnis der Nationen in der Sowjetunion stärker erhalten, was sich bis heute zeigt. Sobald die Sowjetunion in sich zerfiel, meldete sich der Nationalismus aber in einer seiner schlimmsten Formen im Jugoslawienkrieg zurück. Der deutsche Bundespräsident Johannes Rau fasste nach seiner Wahl zusammen, wie die meisten Menschen inzwischen über den Nationalismus dachten: „[E]in Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt, ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.“3 Diese Definition verfestigte sich, obwohl sich der Patriotismus weiterhin auf die Errungenschaften, Farben, Lieder und Personen des Nationalismus stützte (wie etwa Schwarz-Rot-Gold oder die Nationalhymne). Laut dem Duden wird „Nationalismus“ heute „meist abwertend“ verwendet und bedeutet, ganz in chauvinistischer Manier, ein „übersteigertes Nationalbewusstsein“.  

Aber: „Selten“ bezeichnet der Begriff auch das „erwachende[] Selbstbewusstsein einer Nation mit dem Bestreben, einen eigenen Staat zu bilden“4. Hier liegt nun endlich die Crux an der Sache. Die Ansicht, dass Kollektive oder Völker sich selbst in einem eigenen Staat regieren dürfen. Das Streben nach diesem Staat und das Erhalten-wollen dieses Staates kann nicht anders bezeichnet werden als nationalistisch. Mit Chauvinismus, wie es die erste Definition des Dudens nahelegt, hat das erst mal gar nichts zu tun. Auch ist der Nationenbegriff in keiner Weise statisch oder biologisch determiniert. „Nation“ kommt zwar ursprünglich vom lateinischen „nasci“, was so viel heißt wie „geboren werden“. Aber längst hat die Nationalismusforschung sich darauf geeinigt, dass die gefühlte Verwandtschaft beim Nationalismus wichtiger ist als die tatsächliche.  

Nach 1990 wurde schnell klar, dass nach dem „Ende der Geschichte“5 nur der totgesagte Nationalstaat es leisten können würde, demokratische und freiheitliche Institutionen zu gewährleisten. Bis heute sind nur die Nationalstaaten in der Lage, die Vielfalt kultureller und politischer Systeme in einer am Funktionalismus orientierten Welt zu sichern, in der alles zur Uniformität drängt (wie etwa die Wissenschaftssprache; auch die Beiträge auf Nietzsche POParts sollen, wie ich gelesen habe, nun mehr auf ein englischsprachiges Publikum abzielen oder zumindest übersetzt werden6). Damit kann auch nur der Nationalstaat oder das Fordern dessen durch nationalistische Bestrebungen unterdrückten Völkern garantieren, ihr Recht auf Selbstbestimmung durchzusetzen (man denke an Kurdistan oder die Ukraine). Nun ist zwar eine Nation nicht gleich ein Nationalstaat (wie im Englischen oft durcheinandergebracht), aber ich denke es lässt sich sagen, dass die Nation sich durch den Nationalismus in einem Nationalstaat verwirklichen kann. Allein damit ist der Nationalismus ungemein emanzipativ und antiimperialistisch. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass der Nationalismus die größte Chance bietet, einer globalen Homogenisierung von Kultur, Sprache, und anderen Aspekten des gemeinsamen Miteinanders entgegenzuwirken. Meiner bescheidenen Meinung zufolge werden sich über kurz oder lang in der zukünftigen Welt nur Sprachen, Kulturen und Sitten halten können, die eine starke institutionelle Vertretung haben. Auch diese ist nur durch den Nationalstaat möglich, wobei selbst Regionalismen oder separatistische Bewegungen nationalistisch sind (man denke an Katalonien). Wie bei anderen politischen Systemen eher selten, kommt es beim Nationalismus vor allem darauf an, wie sich eine jeweilige Gruppe selbst sieht. Denn ganz abseits der intellektuellen Begründungen: Die meisten Menschen wollen die Nation, sie wollen Gleiche unter Gleichen sein und sie wollen ihr solidarisches Miteinander auch genau daran festmachen. Durch das Nicht-thematisieren und ignorieren, das haben die letzten Jahre gezeigt, lässt sich die Nation und ein nationales Empfinden jedenfalls nicht abschaffen. Spätestens wenn das Existenzrecht der Nationen, wie im Falle der Ukraine, Israels oder Palästinas gefährdet ist, kann auch der größte Nationalismuskritiker zum flaggenschwenkenden Nationalisten werden.  

Nun habe ich sehr weit ausgeholt und dich mit einigen geschichtlichen Ausführungen und einer Definition des Dudens abgefrühstückt. Ich nenne dir noch die von mir am meisten geschätzte Definition von Nationalismus des Religionswissenschaftlers Steven Grosby. Dieser behandelt Nationalismus als „territoriale Verwandtschaft“. Doch Definitionen sind, frei nach Nietzsche, nichts als ein „bewegliches Heer von Metaphern“7 und bis heute ist es keinem Forscher, geschweige denn einem Politiker oder sonst jemandem gelungen, eine einheitliche und akzeptierte Definition von Nation und Nationalismus bereitzustellen. Dafür bezeichnen die Begriffe schlicht zu viele heterogene Phänomene. Aber die Welt ist nun einmal tief und Wahrheiten existieren aus einer nietzscheanischen Perspektive nur in der Übereinkunft. Diese ist – trotz der Werterelativität, die mit dem Nationalismus einhergeht – auch in einer Welt der Nationen und der Nationalstaaten möglich und erwünscht. Sie ermöglicht Zusammenarbeit und endet nur unter schlechten Bedingungen im Konflikt: Es fällt nicht schwer, sich anstelle der Staaten in Kants Schrift zum ewigen Frieden Nationalstaaten zu denken und auch das Subsidiaritätsprinzip der katholischen Soziallehre (Aufgaben sollen von so kleinen Institutionen wie möglich und so großen wie nötig gelöst werden) ist meiner Meinung nach ein Garant für ein friedliches Miteinander, mit dem auch supranationale, globale Probleme wie etwa der Klimawandel angegangen werden können.  

Die Alternativen zu eine in Nationalstaaten geteilte Welt sind für mich nicht überzeugend. Wenn die Utopie wörtlich der „Nicht-Ort“ ist, dann ist der Nationalstaat die Nicht-Utopie und das räumlich gebundene. Der Nationalismus ist dementsprechend das Einstehen für das kulturell multipolare. Er ist partikulärer Geist: Er denkt die Welt, wie Heinrich Heine über Herder schrieb, als die von Gott gespielte Harfe, bei denen die Völker die Saiten sind.  

Wenn so ein Nationalist denkt, bin ich einer! Damit die positiven Seiten des Nationalismus aber ausgelebt und die negativen verhindert werden können, muss der Nationalismus zweifelsohne besser verstanden werden. Auch deshalb beschäftige ich mich mit der Erforschung des Nationalismus, oder speziell seinem Verhältnis zur Nation und was von beiden zuerst da war.  

Ob ein friedliches und zukunftsorientiertes Leben in einem Europa und einer Welt, aufgeteilt in Nationen, möglich ist, steht natürlich in den Sternen. Aber ist das mit anderen politischen Systemen nicht auch so?

Abbildung 1: Briefmarke der Republik Togo aus dem Jahr 2011. Teil einer Serie über berühmter Deutscher, die neben Nietzsche Goethe, Adenauer und Erich Maria Remarque umfasste (Quelle).

II. Nietzsche, Heimat und Moderne

PS: Danke für deine ausführliche Antwort. Ja, der Nationalismus ist wirklich ein bemerkenswertes historisches Phänomen. Er kam im 18. Jahrhundert zusammen mit fortschrittlichen Ideen wie Volkssouveränität, Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit auf – heute versucht man, an diesen Ideen festzuhalten und sich zugleich vom Nationalismus zu lösen. Die Frage ist, ob das so ohne Weiteres möglich ist, ob es da nicht sogar einen engen Zusammenhang gibt – und sich der Nationalismus, auch wenn man ihn nicht mehr so nennt, deswegen so hartnäckig hält.

Für dich wichtige Denker wie Schopenhauer oder vor allem auch Nietzsche taten sich nun schwer mit all diesen „modernen Ideen“8. Du eröffnest dein Buch über das Deutschsein mit einem Schopenhauer-Zitat – aber dieses hätte vermutlich nicht so gut gepasst:

Die wohlfeilste Art des Stolzes […] ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, […] mit Händen und Füßen zu verteidigen.9

Goethe, den auch du zu den ganz großen Deutschen zählst, äußerte sich ähnlich abwertend über den Nationalismus – und auch Nietzsche war er ein Dorn im Auge, vor allem in seiner deutschen Variante. Das scheint mir auch etwas zu sein, was sich wirklich durch alle Schriften Nietzsches von der Geburt der Tragödie bis hin zu Ecce homo hindurchzieht: Seine Ablehnung des Nationalismus und vor allem der deutschen Nation im Namen seines Ideals des „guten Europäers“. In Ecce homo treibt er seinen Hass auf Deutschland so weit, sich als „polnischer Edelmann pur sang“10 zu definieren – deutscher Staatsbürger war er ohnehin niemals, sondern war seit 1869, als er in die Schweiz zog, staatenlos.

Er hält den Nationalismus in Zeiten der Globalisierung für eine künstliche Ideologie, die sich nur gewaltsam durchsetzen lasse.11 Wenn er selbst politisch wird, dann grenzt er sich von der Forderung nach „abgeschlossenen originalen Volks-Culturen“12 deutlich ab und verfolgt ganz klar ein ‚globalistisches‘ Ziel, klingt gelegentlich gar fast ein wenig marxistisch, wenn er etwa schreibt:

[D]ie Menschen können mit Bewusstsein beschliessen, sich zu einer neuen Cultur fortzuentwickeln, während sie sich früher unbewusst und zufällig entwickelten: sie können jetzt bessere Bedingungen für die Entstehung der Menschen, ihre Ernährung, Erziehung, Unterrichtung schaffen, die Erde als Ganzes ökonomisch verwalten, die Kräfte der Menschen überhaupt gegen einander abwägen und einsetzen. Diese neue bewusste Cultur tödtet die alte, welche, als Ganzes angeschaut, ein unbewusstes Thier- und Pflanzenleben geführt hat; sie tödtet auch das Misstrauen gegen den Fortschritt[.]13

Er kritisiert die Rückschrittlichkeit der deutschen Kultur und plädiert sogar für ein vereintes Europa:

Dank der krankhaften Entfremdung, welche der Nationalitäts-Wahnsinn zwischen die Völker Europa’s gelegt hat und noch legt, Dank ebenfalls den Politikern des kurzen Blicks und der raschen Hand, die heute mit seiner Hülfe obenauf sind und gar nicht ahnen, wie sehr die auseinanderlösende Politik, welche sie treiben, nothwendig nur Zwischenakts-Politik sein kann, – Dank Alledem und manchem heute ganz Unaussprechbaren werden jetzt die unzweideutigsten Anzeichen übersehn oder willkürlich und lügenhaft umgedeutet, in denen sich ausspricht, dass Europa Eins werden will.14

Nietzsche träumt im Zarathustra von „Einem Ziel“, unter dem man die Menschheit vereinigen müsse15 und schätzt an den Deutschen gerade „ihre alte bewährte Eigenschaft, Dolmetscher und Vermittler der Völker zu sein16 und dass sie eigentlich kein festes Wesen besäßen, sondern „das Täusche-Volk“17 seien.

Wenn du über die Nation schreibst, sie sei eine „Nicht-Utopie“, dann scheint mir das genau das entscheidende Problem am Nationalismus zu sein und der eigentliche Grund, warum Nietzsche ihn ablehnt. Es mag sein, dass es ‚realistische‘ Gründe gibt, die für ihn sprechen, aber sein Grundimpuls ist doch: Wieso nach etwas Höherem streben? Wir sind doch schon zu Hause. Und diese ‚Heimat’ muss man dann natürlich gegen alle möglichen Gefahren – die natürlich immer ‚von außen‘ kommen, nicht von innen – verteidigen, zur Not mit Gewalt. Viel nietzscheanischer scheint mir da ausgerechnet der Marxist Ernst Bloch zu sein, wenn er ganz am Ende von Prinzip Hoffnung schreibt:

Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.18

„Heimat“ ist hier nicht am Anfang, sondern eigentlich erst am Ende der Geschichte. Heimat ist nicht, sie wird. – Und diese radikale Haltung verbindet Bloch noch nicht einmal mit einem sonderlichen Antikonservativismus, sondern erkennt die hoffnungstragenden, nach vorne weisenden Gehalte der überlieferten Traditionen immer wieder an.

Philosophisch gesehen scheint mir das der einzige adäquate Begriff von Heimat zu sein. Er versetzt den Menschen auf eine unendliche Reise nach Nirgendwo: „Odysseus starb nicht in Ithaka“19. Aus dieser Sicht heraus blockiert der geläufige Nationalismus genau die Fortentwicklung der Menschheit, indem er Heimat nur simuliert und die Möglichkeit echter Heimat verheimlicht; ist eine Versuchung wie die Sirenen, die Kirke oder vielleicht, im besten Fall, Kalypso.

Was würdest du auf diese Kritik am Nationalismus antworten? Und wie vereinbarst du es für dich, Nietzscheaner und Nationalist zu sein?

MD: Du hast natürlich recht: Als eine politische Bewegung, die Massen mobilisieren kann, war auch der Nationalismus für Menschen, die ihr Dasein als Genie oft mit Einsamkeit erkauften, ein seltsames Phänomen. Ich halte es jedoch für ein problematisches Unterfangen, lang verstorbene Philosophen, die zu den jeweiligen Bedingungen ihrer Zeit gelebt haben, zu aktuellen politischen Themen zu Rate zu ziehen; vor allem, weil sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse durch das 20. Jahrhundert so stark verändert haben. Das Stichwort lautet hier Zeitgeist: Auch für das Schopenhauer-Zitat ist etwas Kontext wichtig. Schopenhauer stand politisch auf Seiten der preußischen Monarchie. Mit dem „erbärmlichen Tropf“ meinte er jene liberalen Demokraten, die 1848 und 1849 für ein vereintes, demokratisches Deutschland auf die Barrikaden gingen. In dem Zitat von dir heißt es etwa weiter:

Die Deutschen sind frei von Nationalstolz und legen hierdurch einen Beweis der ihnen nachgerühmten Ehrlichkeit ab; vom Gegenteil aber die unter ihnen, welche einen solchen vorgeben und lächerlicher Weise affektiren; wie dies zumeist die „deutschen Brüder“ und Demokraten tun, die dem Volke schmeicheln, um es zu verführen.20

Hinsichtlich den recht berühmten Ausführungen Schopenhauers muss also zusätzlich erwähnt werden, dass Schopenhauer viel von den Deutschen hielt, gleichzeitig aber mit seiner Kritik gegen den Nationalismus gegen die Demokratie und die Republik argumentierte. Er spendete sogar Geld für Soldaten, die bei Kämpfen mit den Demokraten ums Leben kamen, von seiner Misogynie ganz zu schweigen. Nun finde ich nicht, dass dies Schopenhauer disqualifiziert, um über den Nationalismus zu sprechen und es bedeutet ebenfalls nicht, dass Schopenhauer nicht auch mit manchem recht hatte: Stumpfe und oberflächliche Formen des Nationalstolzes schrecken auch mich ab. Allerdings verdeutlicht es die Wichtigkeit von historischem Kontext; die wenigsten, die Schopenhauer aufgrund seines Antinationalismus zitieren, wissen um die historischen Verhältnisse dieser Zeit und wollen sich auf die Seite der Reaktion und des zur Veröffentlichung der Schrift (1851) wieder etablierten deutschen Bundes schlagen.  

Auch Goethe und Nietzsche hatten Einstellungen, die dem modernen Menschen als kritikwürdig erscheinen. Beispielsweise waren sie der Demokratie gegenüber sehr ablehnend eingestellt. Ihre klassische Bildung ließ sie von einem Europa wie ein antikes Griechenland träumen und als die Genies, die sie waren, knüpften sie in ihrem Denken auch teilweise deutlich an ihre großen Vorbilder einer vielleicht übernationalen abendländischen Kultur an. Anders als etwa Heinrich von Kleist sahen sie als die Urväter der deutschen Kultur nicht die Germanen, sondern, wenn überhaupt, diese als späten Nachkommen Griechenlands und Roms. Goethe und Nietzsche kann man deshalb ohne Zweifel gute Europäer nennen.

Besonders der vereinsamte Freigeist Nietzsche, der politisch am liebsten im vorsokratischen Griechenland gelebt hätte, war aber, da hast du recht, gänzlich deutschlandfeindlich. Spätestens nach seinem Bruch mit Richard Wagner wollte Nietzsche die Deutschen als Verantwortliche für etliche Phänomene der Dekadenz enttarnen und drehte ihnen energischer den Rücken zu. Besonders Luther gegenüber, aber auch den preußischen und schwäbischen Philosophen, die Nietzsche als Folgephänomene der Reformation wahrnahm, war er feindlich gesinnt. Doch nicht nur Deutschland und seine Denker lehnte Nietzsche ab, sondern, wie du richtig geschrieben hast, auch den Nationalismus. Noch zu Nietzsches Zeiten ging dieser mit der Forderung der Gleichheit der Bürger einher. Solche Forderungen, vor allem wenn sie von der Masse kamen, waren für Nietzsche gelebter Nihilismus.  

Heutzutage leben wir in einer anderen Welt: Zwei Weltkriege haben den Nationalismus, wie beinahe jede andere politische und ideengeschichtliche Denkweise, vollkommen verändert. In einer globalisierten und immer mehr digitalisierten Welt samt künstlicher Intelligenz und weltweiter Verbundenheit wird Europa nicht zu einem antiken Griechenland im Sinne Nietzsches (das selbstbewussten Nationen ohne Nationalstaat gar nicht ablehnend gegenübersteht), sondern eher zu einem östlichen Amerika. Ging der Nationalismus früher mit der Forderung nach mehr Gleichheit einher, ist er heute die Forderung nach mehr Vielfalt. Auch auf kleinerer Ebene: Das Fordern des Erhalts deutscher Dialekte durch Maßnahmen der Länder würde wahrscheinlich als nationalistische Forderung gedeutet werden. Wie dieses Beispiel verdeutlicht, gilt der Nationalismus heutzutage als eher reaktionär und konservativ, während er früher eher als revolutionär und liberal wahrgenommen wurde. Was Schopenhauer und Nietzsche heute vom Nationalismus halten würden? Eine schwierige Frage!

Bis heute hat der Nationalismus zudem viele Gesichter. Neben denjenigen, die am liebsten einfach nur – bildlich gesprochen – das Leben der Hobbits im Auenland führen wollen, gibt es auch andere, die mit einem Auge auf eine deutsche Kolonie auf dem Mars schielen. Auch wenn letzteres utopisch klingt, wäre etwas deutsches Selbstbewusstsein auch hinsichtlich seiner Führungsrolle in Europa bestimmt nichts Verkehrtes.

Deine Ausführungen zur Heimat fand ich sehr spannend, auch wenn ich eher widersprechen würde: Heimat ist meinen Augen das Vertraute. Gleichzeitig kann sie meiner Meinung nach niemals deckungsgleich mit der Nation sein, da letztere zu groß ist, um vollständig gekannt werden zu können. Besonders seit der Moderne wandelt sich die Welt in einem enormen Tempo. Das bedeutet sowohl den Verlust nationaler Eigenheiten wie auch oft den Verlust von Heimat. Die Moderne kann nicht rückgängig gemacht werden; aber sie kann in Bahnen gelenkt werden, die sowohl die Existenz der Heimat als auch die der Nation zu Gunsten einer lebendigen Vielfalt der Welt respektiert.

Nietzscheaner und Nationalist kann man also meiner Meinung nach sein, wenn man nicht an starren Konzepten festhält und sich in einer Welt des Werdens an die jeweils neuen Bedingungen formal anpasst. Wie der Nationalismus heutzutage ist auch Nietzsches Denken partikulär. Für beide ist ein moderner Weltstaat, der allgemeingültige Wahrheiten formulieren und umsetzen könnte, die wahrscheinlich größtmögliche Dystopie. Obwohl ein solcher zwar unrealistisch ist, wirken verschiedene Prozesse auch ohne einen dementsprechenden politischen Willen auf die Vereinheitlichung aller Kultur hin. Nur der partikuläre Geist kann sich dieser großen Einfalt oder, in Nietzsches Worten, dem Nihilismus, erwehren.

Abbildung 2: Nietzsche auf einer Briefmarke der Republik Ghana aus dem Jahr 2013 (Quelle). Die drei in diesem Artikel gezeigten Briefmarken sind die einzigen, die dem Philosophen jemals gewidmet wurden – Zeit für eine neue?

III. Weltstaat, Patriotismus und Konservative Revolution

PS: Wobei das, was Nietzsche da in Menschliches, Allzumenschliches beschreibt, ja bemerkenswert in Richtung Weltstaat geht … Aber ich gebe dir Recht, dass sich Nietzsche meist anders äußert, man denke nur an die berühmte Staatskritik im Zarathustra, wo er einerseits den Staat als „das kälteste aller kalten Ungeheuer“21 bezeichnet, zugleich jedoch zwischen Staat und „Völkern“ unterscheidet und die natürliche Gewordenheit der „Völker“ mit ihren partikularen Werten der abstrakten Universalität des Staats gegenüberstellt. Sein positiver Gegenentwurf ist aber auch hier nicht die Rückkehr zum Partikularismus der Völker, sondern eine Vision individueller Befreiung und der „Übermensch“ als vielleicht neuer Universalie, die an die Stelle des Staates treten könnte.

Widerspruch würde ich einlegen, was den „Genie“-Begriff angeht. Den übernimmt der frühe Nietzsche recht unkritisch von Schopenhauer und schon bei ihm hat er eine klar antidemokratische Bedeutung im Sinne des „großen Mannes“, der von der ‚dummen Masse‘ nicht verstanden und unterdrückt wird. Interessanterweise gibt es dann ab Menschliches, Allzumenschliches immer wieder Aphorismen, in denen Nietzsche diesen Begriff und die damit verbundenen Mystifikationen sehr deutlich kritisiert22 – sich aber zugleich doch nie ganz von ihm lösen kann.

Die Frage ist auch hier, was man mit all diesen Begriffen des 19. Jahrhunderts heute noch anfangen kann. Die Geschichte hat sie befleckt, gleichzeitig üben sie doch noch weiterhin eine große Faszination aus, sind aus unserem kulturellen Selbstverständnis kaum wegzudenken. Wer würde die Kunst ernsthaft ohne jedweden Rekurs auf den Geniebegriff verstehen wollen, als reines Handwerk wie jedes andere auch?

Bei den Begriffen „Heimat“ und „Nation“ stellt sich aus meiner Sicht ein ähnliches Problem. Auch ich meine, dass sie einmal sehr fortschrittlich waren mit einer klaren Spitze gegen die kosmopolitanen Aristokratien des 18. Jahrhunderts. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein war es auch nicht unbedingt ein Widerspruch, links und Patriot zu sein – was freilich auch zu der verhängnisvollen Entscheidung der großen Arbeiterparteien führte, den Ersten Weltkrieg nicht zu verhindern. Hier wurde von Seiten der damaligen Eliten – also dem „Schlamm auf dem Thron“23  – der Nationalismus als ‚Kokain des Volkes‘, wenn man so will,24 verwendet, um die Menschen in ungeahnten Maßen zu verheizen auf den Schlachtfeldern von Verdun etc. Ist der Nationalismus nicht schon allein aufgrund dieser Erfahrung zu Recht in Verruf geraten und müsste man hier nicht gerade als Nietzscheaner sagen: „Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe dieser Menschenopfer!“25 Und in der Tat gab es einige glühende nietzscheanische Pazifisten in jener Zeit wie den „roten Graf“ Harry Kessler, Emma Goldman, die in den USA gegen den Kriegseintritt agitierte, oder Hermann Hesse, um nur eine wenige Namen zu nennen.26

Ich meine, in dieser Zeit spaltete sich die nietzscheanische Bewegung endgültig in einen kosmopolitischen, pazifistischen, linken Flügel und in einen rechten, der von der Schwester angeführt wurde – die für den Krieg unter Heranziehung haarsträubender Lügen über die Gesinnung ihres Bruders trommelte27 –, mit Vertretern wie dem jungen Thomas Mann, Ernst Jünger oder Oswald Spengler. Man spricht hierbei oft auch von der „Konservativen Revolution“.

In deinem Buch scheinst du dich auf dieses Konzept positiv zu beziehen und betonst, dass auch die Attentäter vom 20. Juli oder sogar die Weiße Rose dieser intellektuellen Strömung nahestanden und Nationalisten gewesen seien. Auf deinem YouTube-Kanal hast du auch schon mehrere Schriften Spenglers eingelesen – was ich jetzt nicht unbedingt als Zustimmung verstehe, aber doch als eine gewisse Sympathiebekundung.

Aber ist die eigentliche „Konservative Revolution“ nicht doch, wie der Name schon sagt, eine sehr avantgardistische Bewegung, die sich vom Nationalismus des 19. Jahrhunderts gerade abkehrt und sich um die radikalere Vision der Neuerrichtung hierarchischer Ordnung im 20. Jahrhundert bemüht – wobei der italienische Faschismus oft als Vorbild diente und die Beziehungen zum Nationalsozialismus durchaus zweideutig waren; Spengler zum Beispiel spricht ja schon 1920 in seinem Aufsatz Preußentum und Sozialismus, den du auch eingelesen hast, von einem ‚cäsarischen Sozialismus‘, auch wenn er sich später vom NS distanzierte.28 Oder man denke an Ernst Jüngers Der Arbeiter von 1932, wo er für die ‚Rumpelkammer‘ des 19. Jahrhunderts nur Verachtung hegt, und den NS direkt vorwegzunehmen scheint – seine deutliche und ehrenwerte Distanznahme vom Nazigräuel scheint mir nicht zuletzt auch eine Distanzierung vom Vorkriegs-Jünger zu sein.

Worauf ich hinauswill: Wenn es für mich nach der infernalischen Periode von 1914 bis 1945 – und man muss hier betonen, dass zuvor der europäische Imperialismus einen ähnlichen Horror auf anderen Kontinenten verbreitete – noch eine sinnvolle Bezugnahme auf den Nationalismus als Idee des 19. Jahrhunderts geben kann, dann müsste man sich sehr stark gerade auf dieses liberale und demokratische Erbe des Nationalismus beziehen, etwa die Revolution von 1848. Die Hymne eines solchen ‚Nationalismus‘, wenn man so sprechen möchte, hat vielleicht Bertolt Brecht, den du ja immerhin zu den „großen Deutschen“ zählst in deinem Buch, 1950 mit der Kinderhymne verfasst, aus meiner Sicht sollte man die eigentlich zur Nationalhymne erklären. – Aber ein solcher ‚Nationalismus‘ schiene mir sehr den antidemokratischen und antiliberalen Gedanken der Konservativen Revolution zu widersprechen.

Man könnte ausgehend von einem solchen Patriotismus, wie ich es lieber nennen würde, die Bewahrung kultureller Vielfalt verbinden mit der gemeinsamen Arbeit im Sinne universeller „übermenschlicher“ Ideale. Bloch spricht in diesem Sinne auch von einem „Multiversum“ der kulturellen Erbschaften, die alle auf ähnliche Hoffnungsgehalte verweisen.

Ich bin mir freilich nicht sicher, ob an einen solchen Patriotismus in Deutschland heute noch zu denken ist. Schwarz-Rot-Gold wird von den wenigsten mit der Fahne der demokratischen Revolution von 1848 assoziiert – einer der wenigen wahrhaft heroischen Momente in der Geschichte des deutschen Volkes, möchte ich behaupten (und es sagt nicht viel Gutes über die deutsche Kultur aus, dass sich ausgerechnet der wohl größte deutsche Philosoph jener Zeit hier so ‚genial‘ positionierte) –, sondern mit den Weltkriegen und der Nazibarbarei, obwohl dies alles unter anderer Beflaggung stattfand; allenfalls noch mit einem seichten ‚Hurra-Partiotismus‘ oder einer wenig hoffnungsverheißenden deutschen Kopie des Trumpismus. Vielleicht ist der deutsche Patriotismus – trotz allem Sympathischen, das man der deutschen Tradition abgewinnen mag wie der Wirtshauskultur, dem deutschen Essen, der reichhaltigen Schatzkammer der Volkslieder, Märchen und Sagen (du schreibt darüber ja sehr ausführlich) – in den Schützengräben und dann später den Konzentrationslagern auch unrettbar verlorengegangen und unsere Hoffnungen müssen eher, wie es schon bei Nietzsche anklingt, im Europäischen liegen – und im Lokalen? Wobei man dann Europa eher als ‚Weltschweiz‘ oder ‚Weltschweden‘ konzipieren müsste, als geläuterten Kontinent ohne jede imperiale Ambition, als Hort von Demokratie, Liberalismus und sozialer Marktwirtschaft, unter dessen Fittich sich die unterschiedlichen Nationalkulturen in ihrer Vielfalt ausleben könnten auf nichtrepressive Weise. Mit letzterem meine ich: ‚Vielfalt‘ müsste auch die Anerkennung nichttraditioneller Lebensweisen und der Lebensweisen von Migranten aus nichteuropäischen Kulturen implizieren, sonst klingt es fast so, als würde man im Namen der ‚Vielfalt‘ etwa Homosexuelle zur Schließung heterosexueller Ehen und Muslime zum Weißwurstessen und Biertrinken zwingen wollen; da hätte Orwell seine helle Freude.

MD: Meines Erachtens lässt sich ein moderner Weltstaat mit Nietzsche keinesfalls rechtfertigen. Weltbürger, oder Kosmopolit, ist nach Abschnitt 16 des Antichrist sowieso nur der Gott eines untergehenden Volkes. Am Ende des von dir zitierten Aphorismus 475 aus Menschliches, Allzumenschliches schreibt Nietzsche, dass das Judentum im Gegensatz zum Christentum den Okzident nicht orientialisieren wollte, sondern verhalf, „Europa’s Aufgabe und Geschichte einer Fortsetzung der griechischen zu machen.“29 Das unterstreicht mein Argument, nach dem Nietzsche ein europäisches antikes Griechenland wollte. Jedoch ist das mit den Nietzschezitaten wie du weißt immer so eine Sache, denn „[i]m Bergwerk dieses Denkers ist jedes Metall zu finden“30. So schreibt Nietzsche im selben Aphorismus aus Menschliches, Allzumenschliches vom Fortschritt im Sinne des Sieges der bewussten über die unbewusste Kultur, während er in der Götzen-Dämmerung Fortschritt in seinem Sinne wie folgt definiert:

Auch ich rede von „Rückkehr zur Natur“, obwohl es eigentlich nicht ein Zurückgehn, sondern ein Hinaufkommen ist – hinauf in die hohe, freie, selbst furchtbare Natur und Natürlichkeit, eine solche, die mit grossen Aufgaben spielt, spielen darf31

Im selben Paragraphen betont Nietzsche – wie so oft – seine Verachtung gegenüber dem Gleichheitsgedanken.

Ich halte es für notwendig, hier etwas klarzustellen. Ich begreife mich aufgrund fünf Übereinstimmungen in der Weltsicht als Nietzscheaner. Ich betrachte:

  • den Willen zur Macht als eine generelle Antriebskraft der Welt,
  • das Streben nach Exzellenz bei gleichzeitiger Kritik des Gleichheitsgedankens als wichtig,
  • vermeintliche allgemeingültige Wahrheiten kritisch und betone die Wichtigkeit der Kunst,
  • einen gewissen Pessimismus, was Zukunftsvisionen angeht, als angebracht, besonders im Hinblick auf den letzten Menschen,
  • die Moral als in seiner Entwicklung materialistisches Konzept, das oft mit Schwäche zusammenhängt.

Dies bedeutet nicht, dass ich alle Äußerungen von Nietzsche gutheiße.32 Dennoch nehme ich sie zur Kenntnis: Meines Erachtens lässt sich deshalb aus Nietzsche, trotz einiger pazifistischen Anmerkungen, kein Pazifist machen. Zarathustra liebt seine „Brüder im Kriege“.33 Ich glaube aber auch, und das wird wohl Teil unseres Gesprächs werden, aus Nietzsche lässt sich kein linker Kosmopolit machen („Kein Hirt und Eine Heerde!“34). Allein die fünf von mir genannten Aspekte aus Nietzsches Denken widersprechen diesem Wunsch zu stark.

Auch mir ist die Kriegsbegeisterung heutzutage, so wie vor und nach dem ersten Weltkrieg fremd. Gleichzeitig verurteile ich sie nicht moralisch, sondern betrachte sie eher historisch. Das Leben und Wirken Ernst Jüngers empfinde ich dementsprechend als nietzscheanisch durch und durch. Auch Spengler ist ein begeisterter Nietzscheaner, der sich viel auf ihn bezieht – und aus dem Nietzsche-Archiv austrat, als es ihm dort zu nationalsozialistisch wurde. Ihn habe ich in jüngeren Jahren viel studiert, weil ich den Fortschrittsoptimismus vieler Kommilitonen, auch im Hinblick auf den historischen Materialismus, nicht teilen konnte. Die Hörbücher habe ich vor allem vertont, weil ich ihn in der deutschen Geistesgeschichte als sträflich unterrepräsentiert empfinde. Schon seit längerem habe ich mich aber zugunsten eines nietzscheanischen Vitalismus inhaltlich von seiner Geschichtsphilosophie entfernt.

Ich glaube du stimmst mir zu, wenn ich darauf poche, dass sich ein nietzscheanisches Weltbild nicht mit nationalsozialistischer Ideologie decken kann. Das beweisen nicht nur Spengler oder der späte Jünger, sondern auch der Hitler-Attentäter Stauffenberg, der seine Kameraden schwören lässt:

Wir wollen eine Neue Ordnung, die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht und ihnen Recht und Gerechtigkeit verbürgt, verachten aber die Gleichheitslüge und fordern die Anerkennung der naturgegebenen Ränge.35

Diese Passage ist in meinen Augen sowohl nietzscheanisch als auch nationalistisch.  

Um also auf den Kern der Sache zu kommen: Es gibt eine Kontinuität nicht-nationalsozialistischer, deutsch-nationalistischer Denkweisen von den Befreiungskriegen bis heute, wobei die Geschichte stark auf sie gewirkt hat und uns heute anders denken lässt als vor 50, 100 oder 150 Jahren. Das starke Moralisieren betrifft meistens nur das nationale Denken, nicht etwa in gleichem Umfang das antidemokratische oder antiliberale, das neben Anhängern der Konservativen Revolution ebenso von Schopenhauer und Nietzsche vertreten wird. Nun, ich nehme das zur Kenntnis, beharre aber darauf, dass der Nationalsozialismus nicht auf ein Mix aus diesen oder auf eines allein reduziert werden darf, mit der Intention, alles daran Anknüpfende zu sich in den Abgrund zu reißen. In meinem Buch weise ich deshalb detailliert auf die ideologische Grundlage des Nationalsozialismus im Antisemitismus und im Rassenchauvinismus hin. Anstatt sich auf die emanzipativen und nicht-chauvinistischen Nationalismen zu stützen (auf die sich der deutsche Staat mit seinen Hoheitszeichen bezieht), wird seit 1945 bis heute jeglicher Nationalismus verurteilt und mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt. Als Linker kennst du es bestimmt nur zu gut, wenn linkes Denken mit den Gräueln der Sowjetunion oder der DDR assoziiert wird. Beides empfinde ich vordergründig betrachtet als unredlich. Ebenfalls glaube ich nicht, dass der deutsche Patriotismus (dem Sozialismus könnte ähnliches vorgeworfen werden) durch die Gräuel des 20. Jahrhunderts „unrettbar verlorengegangen“ ist. Ich glaube vielmehr, antinationale Denkweisen würden dies gerne voraussetzen, werden aber allein durch die Wahlprognosen der letzten Zeit widerlegt, in denen nicht-patriotische Parteien und Personen eher abgestraft werden.

Ich bin fest davon überzeugt, dass das nationale Empfinden (beispielsweise als territoriale Verwandtschaft) ein Natürliches ist und ein solidarisches Miteinander überhaupt erst ermöglicht. Gleichzeitig ist die Aufteilung Europas in Nationalstaaten der Status quo und jegliche Forderungen nach einer Neuordnung bedürfen guter Argumente. Nietzscheaner wissen derweil, dass moralische Argumente dafür oft aus einem Antrieb der eigenen Schwäche, wie beispielsweise dem Nicht-Nation-sein-wollen entspringen. Dennoch werden wir eine Nation bleiben. Quasi im Gegensatz zu jedem anderen Volk stößt dies vielen Deutschen sauer auf, was sich bei einem Teil der Nation ironischerweise längst zu einer typisch deutschen Eigenheit entwickelt zu haben scheint.  

Das Lokale und das Europäische widersprechen dem Nationalen in meinen Augen nicht per se. Aber egal, ob ein Europa der Vaterländer oder eine „Weltschweiz“: Das konservative Element dieser Systeme muss auf den Erhalt von Kultur abzielen, was angesichts der demographischen Lage Westeuropas, dem Sterbenlassen traditioneller Kulturgüter und vor allem auch antinationalistischer Strömungen aus dem Umkreis der sogenannten Paypalmafia, die oft auch antidemokratisch sind oder gar als neofaschistisch bezeichnet werden können, keine Selbstverständlichkeit ist.

PS: Bei einigem würde ich auch hier wieder sofort Widerspruch einlegen, doch ich denke, zumindest in der Ablehnung der „Paypalmafia“ treffen wir uns, das stimmt mich zuversichtlich. Weiteres werden wir dann bestimmt im mündlichen Nachtrag zu diesem schriftlichen Austausch erörtern können, auf den ich mich schon sehr freue. Danke einstweilen für deine Bereitschaft zu diesem Gespräch, Michael.

MD: Auch ich danke dir vielmals, lieber Paul! Auf unser gemeinsames Gespräch freue mich ebenfalls, in der Hoffnung, weitere Parallelen und Schnittpunkte auszumachen sowie Unterschiede besprechen zu können.

Michael Drescher (geb. 1995 in Süddeutschland) alias PhrasenDrescher ist YouTuber, Autor und promoviert derzeit zur Frage des Alters von Nationen. Er lebt in Wien und beschäftigt sich während und nach seinem Philosophiestudium vor allem mit Friedrich Nietzsche. Auf seinem YouTube-Kanal „PhrasenDrescher“ hat er zahlreiche Werke des Philosophs eingelesen und einzelne seiner Konzepte erklärt, führt aber auch Interviews, bespricht Filme, Bücher oder veröffentlicht sonstige philosophische Inhalte. 

Das Artikelbild zeigt die einzige Briefmarke, die Nietzsche in einem deutschen Staat bisher gewidmet wurde. Sie erschien 2000 anlässlich seines hundertsten Todestags (Quelle). Sie basiert auf einer Zeichnung von Edvard Munch.

Literatur

Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt a. M. 1976.

Colli, Giorgio: Nach Nietzsche. Frankfurt a. M. 1980.

Förster-Nietzsche: Elisabeth: Nietzsche und der Krieg. In: Hamburgischer Correspondent v. 15. 9. 1914 (Nr. 468, Jg. 184), S. 2.

PhrasenDrescher: Deutschsein für Fortgeschrittene. Krefeld 2024.

Schopenhauer, Arthur: Parerga und Paralipomena. Kleine philosophische Schriften I. Sämtliche Werke Bd. IV. Leipzig 1979.

Stephan, Paul: Links–Nietzscheanismus. Eine Einführung. 2 Bd.e. Stuttgart 2020.

Zeller, Eberhard: Geist der Freiheit. Der 20. Juli. Berlin 2004.

Fußnoten

1: Der Fall Wagner, Turiner Brief, Abs. 11.

2: Zur Genealogie der Moral, Abs. III, 2.

3: https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Johannes-Rau/Reden/1999/05/19990523_Rede.html (letzter Abruf: 23.04.2026).

4: duden.de/rechtschreibung/Nationalismus (letzter Abruf: 23.04.2026).

5: Anm. d. Red.: So rief es insbesondere der US-amerikanische Philosoph Francis Fukuyama aus. Vgl. dazu etwa diesen Artikel von Michael Meyer-Albert auf unserem Blog.

6: An dieser Stelle eine kleine Anekdote: Ich habe vor nicht allzu langer Zeit eine junge Frau kennen gelernt, die als deutsche Muttersprachlerin aufgrund ihres Jobs sehr viel Englisch spricht und liest. Als das Gespräch auf Nietzsche wechselte, sagte sie mir, und ich kann es bis heute kaum fassen, dass sie den Zarathustra auf Englisch gelesen habe.

7: Ueber Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, Abs. 1.

8: Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 358.

9: Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena, Aphorismen zur Lebensweisheit, Kap. 4; S. 430 f.

10: Ecce homo, Warum ich so weise bin, 3. Zu Nietzsches „Polentum“ vgl. ausführlicher meinen Artikel „Noch ist Polen nicht verloren“ auf diesem Blog.

11: Vgl. Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 475 und auch ähnlich der 23. Aphorismus des Buches.

12: Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 24.

13: Ebd.

14: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 256.

15: Vgl. Von tausend und Einem Ziele.

16: Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 475.

17: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 244.

18: Das Prinzip Hoffnung, S. 1628.

19: Ebd., S. 1201.

20: Schopenhauer, Parerga und Paralipomena I, S. 430.

21: Also sprach Zarathustra, Vom neuen Götzen.

22: Im 126. Aphorismus des ersten Bandes von MA heißt es etwa: „Zu den grössten Wirkungen der Menschen, welche man Genie’s und Heilige nennt, gehört es, dass sie sich Interpreten erzwingen, welche sie zum Heile der Menschheit missverstehen.“ – Vielleicht ließe sich diese Beobachtung auch auf Nietzsche selbst anwenden.

23: Also sprach Zarathustra, Vom neuen Götzen.

24: Vgl. hierzu Nietzsches sehr treffliche Bemerkungen in Zur Genealogie der Moral, 3. Abh., Abs. 26.

25: Also sprach Zarathustra, Vom neuen Götzen.

26: Wie du weißt, gehe ich all dem sehr ausführlich in meinem Buch über den Links–Nietzscheanismus nach.

27: Man kann das nachlesen in ihrem direkt 1914 publizierten Artikel Nietzsche und der Krieg.

28: Zu einer Kritik an Spenglers Nietzscheanismus vgl. auch Christian Saehrendts entsprechenden Artikel auf unserem Blog.

29: Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 475.

30: Giorgio Colli, Nach Nietzsche, S. 209.

31: Götzen-Dämmerung, Streifzüge, Aph. 48.

32: „[E]rst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren“ (Also sprach Zarathustra, Von der schenkenden Tugend, 3). Nietzsche wollte damit ausdrücken, dass seine Leser nicht einer vermeintlich „wahren“ Lehre anhängen sollen, sondern sie und sich stets neu erfinden sollen.

33: Vgl. Also sprach Zarathustra, Vom Krieg und Kriegsvolke.

34: Also sprach Zarathustra, Vorrede, 5.

35: Zit. n. Eberhard Zeller, Geist der Freiheit, S. 324.