Staatsfeind und Hoffnungsträger

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Nietzsche in der Sowjetunion

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Teil I: Offizielle Zensur und Umdeutung

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Staatsfeind und Hoffnungsträger

Nietzsche in der Sowjetunion Teil I: Offizielle Zensur und Umdeutung

7.11.26
Vitalii Mudrakov
Die Oktoberrevolution, die, nach westlichem Kalender, am 6. und 7. November 1917 stattfand, war eines der einschneidendsten Ereignisse der Weltgeschichte. In einem der größten Staaten der Erde sollte, erstmals in der Geschichte, nicht nur eine Republik eingeführt, sondern auch die Ära des Privateigentums an Produktionsmitteln beendet, eine vollständig klassenlose Gesellschaft errichtet werden. In einem „Sechstel der Erde“, so der stolze Titel eines sowjetischen Films von Dziga Vertov aus dem Jahr 1926, der die Erfolge der Sowjetunion feiert und ihre unterschiedlichen Völker zeigt, sollte Sozialismus herrschen – gar ein „neuer Mensch“ geschaffen werden. Ein Experiment, das fehlschlug, doch die Geschichte des 20. Jahrhunderts wie kein zweites prägte und über das bis heute gestritten wird: War es von Beginn an zum Scheitern verurteilt? War der Preis der unbestreitbaren gigantischen Erfolge dieses riesigen Reiches zu hoch? Wann genau bog sie in die falsche Richtung ab? Nietzsche hätte wohl die erste Antwort gewählt – und umgekehrt war er in der Sowjetunion, gelinde gesagt, nicht gerade der beliebteste Philosoph. Er galt als bürgerlicher Reaktionär und Vordenker des Faschismus, seine Schriften wurden aus den Bibliotheken entfernt und zensiert, eine akademische Auseinandersetzung mit ihm war kaum möglich. Gleichzeitig lebten einzelne Motive seiner Philosophie in der revolutionären Kultur, in der Literatur und in der Vorstellung eines „neuen Menschen“ weiter – oft ohne ihn zu nennen. Der ukrainische Philosoph Vitalii Mudrakov gibt in diesem Zweiteiler einen Überblick über die Nietzsche-Rezeption des Landes, in dem geboren wurde, und das es schon längst nicht mehr gibt. Der erste Teil befasst sich mit dem Versuch von offizieller Seite, Nietzsches Denken zu zensieren und einzig im Sinne der marxistisch-leninistischen Ideologie zu deuten. Im folgenden zweiten wird es um die inoffizielle, subversive Nietzsche-Rezeption gehen.

Die Oktoberrevolution, die, nach westlichem Kalender, am 6. und 7. November 1917 stattfand, war eines der einschneidendsten Ereignisse der Weltgeschichte. In einem der größten Staaten der Erde sollte, erstmals in der Geschichte, nicht nur eine Republik eingeführt, sondern auch die Ära des Privateigentums an Produktionsmitteln und Land beendet, eine vollständig klassenlose Gesellschaft errichtet werden. In einem „Sechstel der Erde“, so der stolze Titel eines sowjetischen Films von Dziga Vertov aus dem Jahr 1926, der die Erfolge der Sowjetunion feiert und ihre unterschiedlichen Völker zeigt, sollte Sozialismus herrschen – gar ein „neuer Mensch“ geschaffen werden.

Ein Experiment, das fehlschlug, doch die Geschichte des 20. Jahrhunderts wie kein zweites prägte und über das bis heute gestritten wird: War es von Beginn an zum Scheitern verurteilt? War der Preis der unbestreitbaren gigantischen Erfolge dieses riesigen Reiches zu hoch? Wann genau bog sie in die falsche Richtung ab?

Nietzsche hätte wohl die erste Antwort gewählt – und umgekehrt war er in der Sowjetunion, gelinde gesagt, nicht gerade der beliebteste Philosoph. Er galt als bürgerlicher Reaktionär und Vordenker des Faschismus, seine Schriften wurden aus den Bibliotheken entfernt und zensiert, eine akademische Auseinandersetzung mit ihm war kaum möglich. Gleichzeitig lebten einzelne Motive seiner Philosophie in der revolutionären Kultur, in der Literatur und in der Vorstellung eines „neuen Menschen“ weiter – oft ohne ihn zu nennen.

Der ukrainische Philosoph Vitalii Mudrakov gibt in diesem Zweiteiler einen Überblick über die Nietzsche-Rezeption des Landes, in dem geboren wurde, und das es schon längst nicht mehr gibt. Der erste Teil befasst sich mit dem Versuch von offizieller Seite, Nietzsches Denken zu zensieren und einzig im Sinne der marxistisch-leninistischen Ideologie zu deuten. Im folgenden zweiten wird es um die inoffizielle, subversive Nietzsche-Rezeption gehen.

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Der philosophische Parteiausweis oder neue Regeln für eine neue Philosophie

Die Figur Friedrich Nietzsches gehört zu jenen Phänomenen der europäischen Geistesgeschichte, deren Präsenz man unmöglich übersehen kann und die man nicht einfach ablehnen oder durch einen politischen Beschluss außer Kraft setzen kann. Zwar können seine Texte aus Buchhandlungen, Bibliotheken und Lehrplänen entfernt werden, doch seine Ideen zirkulieren weiterhin im intellektuellen Raum und verändern Sprache, Bilder, Denkweisen und kulturelle Vorstellungen. Deshalb kann Nietzsches Stellung und Rolle in der Sowjetunion sowohl für Forscher, die sich mit der Geschichte seines Einflusses und den Besonderheiten seiner Rezeption befassen, als auch für das Verständnis der Funktionsmechanismen einer totalitären Kultur von großem Interesse sein.

In den ersten Jahren der Sowjetherrschaft war die Philosophie noch nicht endgültig auf einen einheitlichen Parteikanon reduziert worden, doch die Richtung ihrer künftigen Neuausrichtung zeichnete sich schon sehr früh ab. Bezeichnend hierfür ist die Festlegung der Aufgaben für die Zeitschrift Unter dem Banner des Marxismus1 durch Lenin im März 1922 in einer Sprache, die wenig Raum für akademische Unschuld ließ: Die Zeitschrift sollte zu einem „Kampforgan“ werden und eine „unerbittliche Entlarvung und Verfolgung“ der Vertreter der zeitgenössischen philosophischen Reaktion betreiben, die in Anlehnung an Josef Dietzgen als „diplomierte Lakaien des Pfaffentums“ bezeichnet wurden.2 Im selben Jahr nahm die erwähnte „Verfolgung“ eine ganz wörtliche Bedeutung an: Berdjajew, Losski und andere führende Denker, darunter aufmerksame Leser und Interpreten Nietzsches, wurden aus der Sowjetunion ausgewiesen. Unter ihnen befand sich auch Simon Frank (1877–1950), einer der Vertreter der Religionsphilosophie, der bereits 1902 die Studie Fr. Nietzsche und die Ethik der ‚Liebe zum Fernsten‘ veröffentlicht hatte.

Die Ausweisung der Philosophen war nur eine der Methoden, den neuen intellektuellen Raum zu ordnen; nach den Autoren galt es auch, die Bücher in Ordnung zu bringen. Bereits 1923 erließ das Hauptkomitee für politische Aufklärung (Glawpolitproswet; kurz: Glawlit) unter der Leitung von Nadeschda Krupskaja die Instruktion zur Überprüfung der Buchbestände der Bibliotheken und zur Entfernung konterrevolutionärer und künstlerisch minderwertiger Literatur3. Sie regelte nicht nur das Verfahren der Säuberung der Bibliotheken, sondern legte auch normative Kategorien unerwünschter Literatur fest und ließ den örtlichen Behörden genügend Spielraum, die Aussonderung nach den vorgegebenen ideologischen Kriterien fortzusetzen. Im folgenden Jahr erschienen die „Musterlisten von Büchern zur Instruktion über die Säuberung der Bibliotheken“4 – jene Verzeichnisse, die auch als „Krupskajas schwarze Listen“ bekannt sind und in denen sich unter der unerwünschten philosophischen Literatur auch Nietzsche fand. Einen beinahe ironischen Kommentar eines Zeitgenossen zu dieser Sorge um die richtige Lektüre lieferte Maxim Gorki: In einem Brief an Wladislaw Chodassewitsch vom 8. November 1923, den dieser später in seinen Erinnerungen veröffentlichte, zählte der Schriftsteller empört die ausgesonderten Autoren auf: „Platon, Kant, Schopenhauer, Wl. Solowjow, Taine, Ruskin, Nietzsche …“5.

Eine Fortsetzung der allgemeinen „intellektuellen Erziehung“ der Werktätigen, die sich auch auf das philosophische Schaffen erstrecken sollte, bildete der Beschluss des Zentralkomitees der KPdSU (B) vom 25. Januar 1931. Dieser verlangte nun von der Zeitschrift Unter dem Banner des Marxismus, ein „Kampforgan des Marxismus-Leninismus“ zu sein, konsequent das „Leninsche Prinzip der Parteilichkeit der Philosophie“ umzusetzen, eine „schonungslose Kritik aller antimarxistischen“ Positionen zu betreiben und „im bolschewistischen Geist gefestigte philosophische Kader“ heranzubilden.6 Von nun an sollte die Philosophie eine Art Parteiausweis besitzen: Das Recht zu denken blieb bestehen, doch seine Gültigkeit hing von der Übereinstimmung mit der Generallinie der Partei ab. 1938 formulierte Stalin diese Konstruktion mit äußerster Knappheit: „Der dialektische Materialismus ist die Weltanschauung der marxistisch-leninistischen Partei.“7

Allerdings entwickelte die sowjetische Bibliothekspolitik später ein weitaus subtileres Instrument als das bloße Verschwinden eines Buches: den SPEZCHRAN (Sonderbestand). Ein unerwünschter Text konnte physisch in einer großen Bibliothek verbleiben und zugleich aufhören, ein Buch für den gewöhnlichen Leser zu sein; der geheime Befehl Nr. 10 des Glawlit vom 25. Oktober 1938 regelte bereits ausdrücklich die Einrichtung der „Sonderbestände“8, ihre Erfassung, Aufbewahrung und Nutzung.9 Das Verbot verwandelte sich damit in eine Abstufung des Zugangs: Entscheidend war nun nicht mehr nur, was man lesen durfte, sondern auch, wem dies gestattet war. Nur wenigen stand diese Möglichkeit offen. Der Literaturwissenschaftler Elmar Schenkel bezeichnet diesen Prozess mit Blick auf das Schicksal Nietzsches in der UdSSR treffend als „Renaissance der Giftschränke“.10

Der auf diese Weise geschaffene Raum – von einem Teil der unabhängigen Interpreten gesäubert, durch das Prinzip der Parteilichkeit diszipliniert und mit einer einzigen als richtig geltenden Weltanschauung ausgestattet – ließ offensichtlich nur wenig Spielraum für eine offene Entfaltung von Nietzsches Denken. Doch wenn der Repressionsapparat Publikationen und Namen kontrollieren konnte, war er dann auch in der Lage, die Bewegung der Ideen und ihre implizite oder gewissermaßen untergründige Entfaltung zu kontrollieren? Dies gilt es nun zu klären, indem der analytische Fokus auf die Identifizierung möglicher Formen der Präsenz des Philosophen in der UdSSR gerichtet wird.

Freilich wäre es ein Unterfangen, den gesamten Nietzsche in der gesamten Sowjetunion aufzuspüren, für das wohl selbst mehrere Fünfjahrespläne kaum ausreichen würden. Wir erheben daher keinen Anspruch auf eine erschöpfende Rekonstruktion seines sowjetischen Schicksals, sondern schlagen lediglich eine mögliche Perspektive auf dessen Deutung vor: die Unterscheidung zwischen offiziellen und inoffiziellen Formen der Präsenz Nietzsches, die wir anhand einiger ausgewählter, aussagekräftiger Beispiele veranschaulichen wollen.

Die erste dieser Formen ist die Herausbildung eines offiziellen Nietzsche – eines ideologisch konstruierten Bildes des Denkers, den man vor allem deshalb erwähnen durfte, um ihn gemäß den Vorgaben der Parteiführer zu entlarven. Weniger offensichtlich ist eine andere Form, deren Konturen sich aus unserer Frage nach den möglichen Formen der Präsenz ergeben: Bleibt Nietzsche im Verborgenen präsent, das heißt, gehen seine Begriffe, Motive und Intuitionen in veränderter Gestalt in neue kulturelle und ideologische Konstruktionen des sowjetischen Raums ein, ohne dass dabei notwendigerweise auf ihre Quelle verwiesen wird, oder bleiben sie in intellektuellen Milieus erhalten, die von der sowjetischen Ideologie verdrängt wurden? Gerade diese Fragen werden uns als Orientierungskarte für den weiteren Weg dienen – denn ohne sie besteht in dem Dickicht sowjetischer Verbote, Übernahmen, Verschweigungen und Umdeutungen Nietzsches allzu leicht die Gefahr, die Spuren seiner Präsenz für Beweise seiner Abwesenheit zu halten.

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„Der offizielle Nietzsche“ oder „Fünf Jahre ohne Nietzsche – in vier Jahren!“

Wenn man Nietzsches Bücher aus den Bibliotheksregalen entfernen konnte, blieb ein schwierigeres Problem bestehen: Was sollte man mit Nietzsche selbst anfangen, wenn man angesichts seines außerordentlichen Einflusses doch über ihn sprechen musste? Anfang der 1930er-Jahre war die Antwort auf diese Frage noch keineswegs eindeutig. Aufschlussreich ist hier der Fall des ukrainischen Philosophen Petro Demtschuk (geb. 1900). Auf den ersten Blick las er Nietzsche ganz im Sinne des von der Sowjetmacht eingeschlagenen Kurses – im Rahmen der ideologischen Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen „bürgerlichen Philosophie“. Doch innerhalb dieses Rahmens blieb Raum für eine weitaus weniger eindeutige Lektüre. In seinem 1930 in der Zeitschrift Der rote Weg11 veröffentlichten Aufsatz „Die philosophische Weisheit der gegenwärtigen Bourgeoisie“12 erschien Nietzsche bei Demtschuk nicht nur als Gegenstand ideologischer Entlarvung, sondern auch als eine wichtige Quelle neuerer europäischer intellektueller Strömungen: Unter Berufung auf den deutschbaltischen Schriftsteller Eduard von Keyserling führte er die Charakterisierung des Philosophen als „Retter des Abendlandes“ und als „ersten und größten Propheten einer neu heraufziehenden Welt“ an.13 Wie schmal die Grenze zwischen gebotener Kritik und gefährlicher Eigenständigkeit wurde, zeigte das weitere Schicksal Demtschuks selbst. Wie heutige Forscher feststellen, wurde die Beschäftigung mit Nietzsche „buchstäblich gefährlich, selbst von ideologischen Positionen aus“. Als bezeichnend gilt gerade der Fall Demtschuks: „In seinem Aufsatz ‚Zur Philosophie des Faschismus (Am Beispiel der „Philosophie des Lebens“ von Leopold Ziegler)‘14 ging er den Ursprüngen des Nietzscheanismus nach. Vermutlich war dies einer der Gründe, ihn eines unkritischen Verständnisses des Verhältnisses von Theorie und Praxis zu beschuldigen und ihn 1937 als ‚Vertreter des ukrainischen Nationalfaschismus‘ in ein Konzentrationslager zu verschleppen und zu erschießen.“15 Freilich wäre es übertrieben, die Repression gegen Demtschuk unmittelbar auf seine Beschäftigung mit Nietzsche zurückzuführen: Sie konnte lediglich einer von mehreren Anlässen innerhalb eines wesentlich umfassenderen Mechanismus politischer Verfolgung gewesen sein, dem schließlich auch der Philosoph selbst zum Opfer fiel. Der Fall Demtschuk verdeutlichte das eigentliche Problem: Es genügte nicht festzulegen, ob man über Nietzsche sprechen durfte oder nicht – man musste auch bestimmen, wie er zu lesen war.

Die sowjetische Nomenklatura fand recht schnell eine Antwort: Dem gefährlichen Nietzsche musste ein ordnungsgemäßer Pass ausgestellt werden. Einen der ersten deutlichen Versuche einer solchen Einordnung finden wir im achten Band der offiziellen Literaturenzyklopädie16 von 1934. Den umfangreichen Artikel „Nietzsche“ verfassten Georg Lukács und Boris Michailowski: Ersterer lieferte eine allgemeine Charakterisierung des Philosophen und seines Einflusses, Letzterer untersuchte gesondert die Nietzsche-Rezeption in Russland.17 Und dies war keineswegs ein zufällig gewähltes Forum: Die mehrbändige Literaturenzyklopädie, die im institutionellen Rahmen der Kommunistischen Akademie und des Verlags Sowjetische Enzyklopädie18 erschien, erhob den Anspruch, ein maßgebliches Nachschlagewerk über Literatur und Kultur zu sein. Die Aufnahme Nietzsches in ihre Seiten bedeutete somit, dass dem breiten sowjetischen Lesepublikum nicht einfach eine von mehreren möglichen Interpretationen, sondern ein Bild des Philosophen im Namen der offiziellen Kultur präsentiert wurde. So erhielt der Artikel „Nietzsche“ in der Literaturenzyklopädie eine recht eindeutige politische Funktion: Die Verbreitung des Nietzscheanismus auf dem Gebiet der UdSSR wurde mit der zunehmenden Aktivität „konterrevolutionärer gesellschaftlicher Gruppen“ in Verbindung gebracht, während seine Philosophie unter dem Gesichtspunkt ihrer gesellschaftlichen Funktion für die bürgerliche Reaktion interpretiert wurde.

Noch im selben Jahr brachte Lukács diese Deutung in einem weiteren Aufsatz auf den Punkt, dessen Titel dem Leser kaum noch Raum für Spannung ließ: „Nietzsche als Vorläufer der faschistischen Ästhetik“19: „Es gibt kein einziges Motiv in der faschistischen Ästhetik, das nicht unmittelbar oder mittelbar auf Nietzsche zurückginge.“20 Noch bevor die Verbindung „Nietzsche – Faschismus“ zu einem der hartnäckigsten sowjetischen Klischees wurde, waren die grundlegenden Koordinaten einer solchen Lesart bereits auf der Karte verzeichnet: Klassenherkunft, Reaktion, Konterrevolution, Faschismus.

Bezeichnend ist, dass diese Interpretation Nietzsches nicht bloß eine Ansammlung einzelner ideologischer Ausarbeitungen blieb, sondern eine institutionell erarbeitete Form annahm. Wie neuere Forschungen21 auf der Grundlage von Archivmaterialien des Instituts für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR zeigen, arbeitete die Redaktionskommission des Instituts von April bis Dezember des darauffolgenden Jahres 1935 gezielt an einem Sammelband, der der Kritik am Faschismus und Rassismus gewidmet war. Im Rahmen dieser Arbeit wurde der Aufsatz von Ber Bernadiner „Nietzscheanismus in der Ideologie des Faschismus“22 diskutiert, der zu einer weiteren modellhaften Interpretation von Nietzsches Philosophie für diese Zeit wurde.23 Sein grundlegendes Deutungsschema reduzierte Nietzsches Lehre vor allem auf den Willen zur Macht und erklärte die Politik des deutschen und italienischen Faschismus zu dessen praktischer Verwirklichung. Erkenntnis wurde als Instrument der Macht gedeutet, die Kritik an der Vernunft als Apologie des Instinkts und der Illusion, die Hierarchie als Rechtfertigung der Unterwerfung und die ewige Wiederkunft als Verneinung des gesellschaftlichen Fortschritts und sogar als Ausdruck des Rassismus. Es ging somit nicht mehr bloß um ein Verbot oder eine negative Bewertung Nietzsches, sondern um die Etablierung eines bestimmten normativen Deutungsschemas, das festlegte, in welcher Gestalt Nietzsche im offiziellen sowjetischen Diskurs dargestellt werden durfte.

Dieses Deutungsschema blieb nicht auf einen einzigen Text oder einen einzigen Autor beschränkt. Die Forscherin Julia Sineokaja rekonstruiert die Herausbildung dessen, was sie als sowjetischen „Anti-Nietzsche“ bezeichnet, und verfolgt dessen weitere Ausgestaltung in den Schriften und Vorträgen einer ganzen Reihe sowjetischer Philosophen – darunter Abram Deborin und Boris Bychowski.24 In den folgenden Jahren wurde diese Perspektive also präzisiert und ergänzt, als würde man die Art und Weise justieren, in der Nietzsche für den sowjetischen Leser sichtbar sein sollte. So weist die erwähnte Forscherin darauf hin, dass Deborin im April 1935 in einem Vortrag ausdrücklich die Möglichkeit einer Annäherung Nietzsches an Marx, den Sozialismus, den Anarchismus oder den Materialismus zurückwies und seinen Perspektivismus als „absoluten Voluntarismus und optische Illusion“ charakterisierte.25 Eine noch deutlichere politische Ausprägung erhielt diese Perspektive während des Krieges. In seinem 1942 in der uns bereits bekannten Zeitschrift Unter dem Banner des Marxismus veröffentlichten Aufsatz „Nietzsche und der Faschismus“26 ordnete Boris Bychowski Nietzsches Philosophie in eine nahezu fertige Tabelle ideologischer Entsprechungen ein: Das Pathos der Distanz wurde zur Rechtfertigung sozialer Hierarchie und Ausbeutung, die Herren- und Sklavenmoral zur Ethik der „Herrscher, Vergewaltiger und Herren“, die ewige Wiederkunft zur Verneinung der Idee des gesellschaftlichen Fortschritts.27 Nietzsche selbst erschien schließlich als „Reservoir der nationalsozialistischen Propaganda“.28 Der Anti-Nietzsche erhielt somit zunehmend einen eigenen Kanon: Der Philosoph blieb im sowjetischen intellektuellen Raum präsent, allerdings als eigens konstruiertes Negativbild seiner Lehre. Das Paradoxe daran war, dass auch die Produktion eines solchen Anti-Nietzsche die Lektüre Nietzsches erforderte – und sei es nur, um immer genauer erklären zu können, warum man ihn nicht lesen sollte.

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Abbildung 1: Stepan Odujewes Studie Тропами Заратустры von 1971 erschien auch auf Deutsch in der DDR. Cover der Übersetzung von Günther Rieske von 1977 (Bildquelle). Das Buch erschien zeitgleich als Lizenzausgabe in Westdeutschland.

Der staatliche anerkannte Nietzsche-Kenner

Man kann sagen, dass dieses Bild in den Arbeiten von Stepan Odujew (1918–2012) seine endgültige Systematisierung erfuhr, dessen Stellung in der sowjetischen Nietzsche-Forschung nahezu einzigartig war. Die heutigen Forscher der Nietzsche-Rezeption in dieser Region bezeichnen ihn nahezu übereinstimmend als den faktisch einzigen offiziell anerkannten Nietzsche-Forscher in der UdSSR.29 Damit begegnet uns eine Art autorisierter Fachmann, der zwischen Nietzsche und dem sowjetischen Leser vermittelte. Die institutionelle Herkunft seines ersten größeren Werkes spricht für sich: Das reaktionäre Wesen des Nietzscheanismus30 erschien 1959 im Verlag der Höheren Parteischule und der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der KPdSU. Odujew selbst stellte zu Beginn des Buches fest, dass marxistische Untersuchungen zu Nietzsche nach wie vor selten seien und sich überwiegend mit der Klärung des Zusammenhangs zwischen dem Nietzscheanismus und der Ideologie und Politik des Faschismus befassten. Damit reihte er seine eigene Arbeit faktisch in die uns bereits bekannte Linie Bernadiners, Bychowskis und anderer Autoren der vorangegangenen Jahrzehnte ein.31 Nun erhielt diese Linie jedoch eine wesentlich systematischere Ausarbeitung: Die „Umwertung aller Werte“ wurde als Reaktion interpretiert, die ewige Wiederkunft als Feldzug gegen den gesellschaftlichen Fortschritt, der Wille zur Macht als Verfälschung gesellschaftlicher Verhältnisse, der Übermensch als reaktionärer Mythos, während Nietzsches Hierarchiedenken zu Antidemokratismus, Rassismus und Kriegsverherrlichung führe.32 Die eigentliche Aufgabe einer solchen Lesart formulierte Odujew mit bezeichnender Offenheit: Der Nietzscheanismus sollte als „illusorische theoretische Vorwegnahme und Rechtfertigung der Politik und Praxis der Monopolbourgeoisie“ entlarvt werden.33

Bezeichnend ist jedoch, dass die offizielle Nietzsche-Interpretation damit nicht erstarrte. In seinem wesentlich umfangreicheren im 1971 Jahr erschienenen Werk Auf den Pfaden Zarathustras34 änderte sich Odujews ideologisches Urteil grundsätzlich nicht, doch die Untersuchung selbst wurde merklich differenzierter: Er erkannte nun das Ausmaß und die Dauer von Nietzsches Einfluss auf die Philosophie des 20. Jahrhunderts an, warnte davor, dessen Denken auf eine Reihe politischer Formeln zu reduzieren, und stellte sich die Aufgabe, unterschiedliche Formen der Aneignung des Nietzscheanismus in der deutschen Philosophie nachzuzeichnen.35 Zwischen 1959 und 1971 veränderte sich somit nicht das offizielle Urteil über Nietzsche selbst, sondern die zulässige Komplexität seiner wissenschaftlichen Interpretation: Der Anti-Nietzsche konnte allmählich zum Gegenstand einer immer ernsthafteren philosophischen Untersuchung werden, während er zugleich innerhalb der festgelegten ideologischen Grenzen blieb.

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Nietzsche in sowjetischen Nachschlagewerken

Wie das von Fachleuten entwickelte Nietzsche-Bild in das normative sowjetische Wissen überging, lässt sich am besten nicht mehr anhand von Spezialuntersuchungen, sondern anhand philosophiegeschichtlicher Darstellungen, Wörterbücher und Enzyklopädien erkennen, in denen der Leser Nietzsche gewissermaßen bereits mit einer kurzen Gebrauchsanweisung für den richtigen Umgang mit ihm erhielt. So wurde seine Lehre im dritten Band der sechsbändigen Geschichte der Philosophie36 von 1959 im Kontext der reaktionären bürgerlichen Philosophie des imperialistischen Zeitalters behandelt.37 Noch deutlicher tritt dieses normative Bild im Philosophischen Wörterbuch38 hervor, das 1963 unter der Herausgeberschaft von Mark Rosenthal und Pawel Judin im Verlag für politische Literatur mit einer Auflage von 400.000 Exemplaren erschien: Nietzsche wird hier als „einer der Vorläufer der faschistischen Ideologie“ bezeichnet, und seine Philosophie wird unter anderem durch den Hass auf den „Geist der Revolution“ und die Volksmassen charakterisiert.39

Elf Jahre später zeigt die dritte Auflage der Großen Sowjetischen Enzyklopädie40 bereits einen etwas anderen „offiziellen Nietzsche“: Der Artikel von Alexander Michailow hält zwar an der Charakterisierung seiner Philosophie als Irrationalismus und Voluntarismus fest, behandelt jedoch ausführlicher seine Werke, das apollinische und das dionysische Prinzip, seine Kulturkritik, den Willen zur Macht sowie seinen Einfluss auf das spätere europäische Denken. Die ideologische Absicherung war allerdings keineswegs verschwunden: Am Ende wurde der Leser an die Verwendung des Nietzscheanismus durch die Ideologen des deutschen Faschismus erinnert, und unter der empfohlenen Literatur fand sich Odujews Auf den Pfaden Zarathustras.41 Es zeigt sich also, dass der offizielle Nietzsche in den 1970er-Jahren bereits komplexer werden durfte, man ihn aber noch immer nicht unbeaufsichtigt lassen wollte: Der philosophische Gehalt nahm zu, doch der ideologische Rahmen bestimmte weiterhin die Grenzen seiner Interpretation.

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Nietzsche jenseits des sowjetischen Zentrums

Der Moskauer Kanon gab selbstverständlich auch für die Publikationen der einzelnen Sowjetrepubliken den normativen Rahmen vor. Die lokalen akademischen Milieus lassen jedoch erkennen, wie unterschiedlich dieser Rahmen vor Ort wirkte. In der zweiten Auflage des ukrainischen Philosophischen Wörterbuchs42, das 1986 unter der Herausgeberschaft von Wolodymyr Schynkaruk erschien, gab es überhaupt keinen eigenen Eintrag zu Nietzsche. Stattdessen wurde der „Nietzscheanismus“ als „reaktionäre ideologische Strömung“ definiert, die allerdings bereits mit der Philosophie des Irrationalismus und Subjektivismus sowie mit der „neuesten Mythologie der Bourgeoisie“ in Verbindung gebracht wurde.43

In Georgien nahm dieser Rahmen im Laufe der Zeit eine merklich flexiblere Gestalt an. Während Alexandre Kutelia 1944 in Tiflis noch eine Schrift mit dem bezeichnenden Titel Die Ursprünge der Ideologie des deutschen Faschismus (Nietzsche und der Faschismus)44 veröffentlichte,45 widmete Tamaz Buatschidse Nietzsche in seinem 1986 erschienenen Buch An den Ursprüngen der modernen bürgerlichen Philosophie: A. Schopenhauer, F. Nietzsche, S. Kierkegaard46 bereits ein umfangreiches eigenes Kapitel mit einer eigenständigen Analyse des Nihilismus, des Willens zur Macht, des Übermenschen und der ewigen Wiederkunft. Der ideologische Rahmen bleibt allerdings auch hier noch erkennbar: Nietzsche, Schopenhauer und Kierkegaard werden mit der „tiefen Krise“ der bürgerlichen Gesellschaft in Verbindung gebracht, und die Zielsetzung der Untersuchung schließt eine „kritische Bewertung“ ihrer Lehren ein.47 Noch weiter vom vertrauten Anti-Nietzsche entfernte sich Awtandil Popiaschwili, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter desselben Instituts für Philosophie, in seiner Monographie Das Problem des Individuums in der Philosophie S. Kierkegaards und F. Nietzsches48 (1988). Im Mittelpunkt seiner Interpretation standen nun das Individuum und dessen Suche nach einer weltanschaulichen Orientierung, während Nietzsches „Tod Gottes“ und der Übermensch im Kontext der Krise der europäischen Kultur betrachtet wurden. Die für den sowjetischen Anti-Nietzsche charakteristischen Verbindungen zu Rassismus, Faschismus oder klassenbedingter Reaktion bestimmten nicht den ausdrücklich formulierten Forschungsrahmen der Arbeit.49

Eine vollständige Karte des „baltischen Nietzsche“ ergeben die wenigen von mir gefundenen Episoden selbstverständlich nicht. Sie lassen jedoch etwas erkennen, das für unsere Darstellung noch wichtiger ist: Selbst in benachbarten Sowjetrepubliken und nahezu zur gleichen Zeit konnten die Grenzen dessen, was über den Philosophen gesagt werden durfte, erstaunlich unterschiedlich verlaufen. Noch 1980 reproduzierte der damalige Bildungsminister der Estnischen SSR, Ferdinand Eisen, in der republikanischen pädagogischen Zeitschrift Sowjetische Schule50 nahezu den klassischen sowjetischen Anti-Nietzsche: Der Philosoph erschien als „Ideologe der deutschen reaktionären Bourgeoisie und des Junkertums“, seine Lehre als gegen den Klassenkampf des Proletariats und den Sozialismus gerichtet. Nietzsches Philosophie selbst wurde als „reaktionäre, rassistische Ideologie“ bezeichnet, die zu „einer der wichtigsten theoretischen Quellen der faschistischen Ideologie“ geworden sei.51 Bereits im folgenden Jahr begegnet uns ein anderer Fall und, was besonders wichtig ist, ein anderes institutionelles Umfeld: Der litauische Philosoph Zenonas Burnys behandelte in der philosophischen Zeitschrift Probleme52 Nietzsches Ethik als eigenständiges philosophisches Problem. Dabei unterzog er nicht mehr Nietzsche selbst einer Kritik von leninistisch-stalinistisch-marxistischen Positionen aus, sondern untersuchte kritisch die Grenzen der neuthomistischen Nietzsche-Kritik im Litauen der Zwischenkriegszeit.53 Der „ordnungsgemäße Pass“, den die sowjetische Kultur Nietzsche in den 1930er-Jahren ausgestellt hatte, erwies sich somit als ein Dokument von langer Gültigkeit. Doch selbst in benachbarten Republiken konnten sich die darin vorgenommenen Eintragungen erheblich unterscheiden.

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Tauwetter in der späten SU

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Sowjetrepubliken waren allerdings nur eine Erscheinungsform eines umfassenderen Wandels, der sich Ende der 1970er- und in den 1980er-Jahren abzeichnete. Aufschlussreich ist bereits die Intensität des akademischen Interesses: Nach Berechnungen der Forschung entfielen von den zehn Dissertationen54 über Nietzsche, die zwischen 1938 und 1988 in der UdSSR verteidigt wurden, sechs auf das letzte Jahrzehnt dieses Zeitraums.55 Noch aufschlussreicher erscheint jedoch der Wandel ihrer Themenstellungen. So zeigen neuere Untersuchungen, dass Nietzsche früher vor allem im Zusammenhang mit Faschismus, Imperialismus oder dem „reaktionären Wesen“ des Nietzscheanismus zum Gegenstand von Dissertationen wurde, während sich das Forschungsinteresse nun allmählich auf die innere Problematik seiner Philosophie verlagerte: 1979 wurde der Nihilismus bei Nietzsche und Heidegger untersucht, 1981 Nietzsches philosophische Entwicklung, 1985 seine erkenntnistheoretischen Auffassungen und 1986 seine philosophisch-ästhetische Konzeption.56 Das alte Vokabular blieb dabei allerdings noch erkennbar: Mal wurde Nietzsche weiterhin der „modernen deutschen bürgerlichen Philosophie“ zugeordnet, mal klangen noch Anklänge an die obligatorische ideologische Kritik durch. Verändert hatte sich somit noch nicht Nietzsches offizieller Status, sondern vielmehr das, wonach man bei ihm bereits zu fragen wagte: Nihilismus, Entwicklung seines Denkens, Dionysos, Erkenntnistheorie und Ästhetik.

Die Forscher betonen, dass die Veränderungen nicht nur die Themen der Untersuchungen betrafen, sondern auch die Frage, was man über Nietzsche inzwischen lesen durfte. Ein besonders deutliches Signal war der 1984 vom Institut für wissenschaftliche Information auf dem Gebiet der Gesellschaftswissenschaften der Akademie der Wissenschaften der UdSSR (ІНІОН АН СCСР) herausgegebene wissenschaftlich-analytische Überblick von Iskra Andrejewa, der für den eingeschränkten Dienstgebrauch durch Mitarbeiter der Akademie bestimmt war. Hier ging es bereits um die neuere internationale Nietzsche-Forschung und die wichtigsten Tendenzen ihrer Entwicklung.57 Es entstand eine beinahe paradoxe Situation: Der Staat, der nach 1945 so vieles entnazifiziert hatte, vermochte ausgerechnet Nietzsche für die breite Öffentlichkeit nicht zu entnazifizieren. Im Ausland führten seine Texte und ihre Interpretationen längst ein anderes akademisches Leben, während in der UdSSR der Zugang zu diesem neuen Nietzsche zunächst buchstäblich auf dem Dienstweg eröffnet wurde.  

Am Ende des Jahrzehnts wurde der Wandel schließlich unübersehbar. 1989 veröffentlichte die Zeitschrift Fragen der Philosophie58 die ersten beiden Hauptstücke von Jenseits von Gut und Böse. Der redaktionelle Begleittext klang beinahe wie ein Eingeständnis der Ergebnisse der vorangegangenen Jahrzehnte: „Dem sowjetischen Leser ist Nietzsches Werk nur sehr wenig bekannt.“ Anschließend wurde die Veröffentlichung zum Beginn einer „schwierigen Arbeit an der Erforschung und angemessenen Erschließung seiner Philosophie“ erklärt.59 Dabei formulierte die Redaktion in ihrer Einleitung eine geradezu revolutionäre These: „Die treffendste Bestimmung des Willens zur Macht bei Nietzsche ist die ‚Selbstüberwindung‘, nicht aber das Streben nach Herrschaft, Rang, Ehren und anderen Folgen der Unterordnung der einen Menschen unter die anderen.“60 Der Weg vom „reaktionären Wesen des Nietzscheanismus“ bis zur Forderung nach seiner „angemessenen Erschließung“ war somit zurückgelegt worden – zumindest von einzelnen Vertretern einer schmalen und streng kontrollierten akademischen Schicht.

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Fortsetzung folgt.

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Artikelbild

Gustav Klutsis: Zum Weltoktober (1932) (Bildquelle)

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Vitalii Mudrakov ist Philosoph, der in der Ukraine geboren wurde. Er hat Musik, Ethik und Ästhetik an der Geisteswissenschaftlichen Hochschule (Chmelnytzkyj, Ukraine) studiert und dann Philosophie und Religionswissenschaft an der Jurij-Fedkowytsch-Universität in Czernowitz (Ukraine). Seit 2022 lebt und forscht er in Deutschland. Nach wissenschaftlichen Stationen am Kolleg Friedrich Nietzsche der Klassik Stiftung Weimar, am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster und am Center for Religious Studies (CERES) der Ruhr-Universität Bochum ist er derzeit Stipendiat der Philipp Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung am Kolleg Friedrich Nietzsche in Weimar. Darüber hinaus ist er wissenschaftlich mit dem Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) in Leipzig verbunden.  

Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Nietzsche-Rezeption in der Ukraine, die Methodologien und Methoden von Nietzsches Philosophieren, insbesondere in ihren unterschiedlichen Ausprägungen innerhalb seiner Erkenntnistheorie, sowie die Philosophie in den Krisenzeiten. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung eines Konzepts der „Identitätssicherheit“ (identity security) im Zusammenhang mit nationaler Identität, kulturellen Transformationen und gesellschaftlichen Krisen.

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Fußnoten

1: Auf Russisch: Под знаменем марксизма.

2: Ленин, В. И. (1970): О значении воинствующего материализма. In: Полное собрание сочинений. 5-е изд. Т. 45. Москва: Издательство политической литературы, S. 23–33. https://ru.djvu.online/file/F2WvIoLBUdDX6

3: Auf Russisch: Инструкция о пересмотре книжного состава библиотек и изъятию контр-революционной и анти-художественной литературы.

4: Auf Russisch: Примерные списки книг к инструкции по очистке библиотек.

5: Ходасевич, Владислав (1989): Воспоминания о Горьком. Москва: Правда, S. 23.

6: ЦК ВКП(б) (1931): Постановление ЦК ВКП(б) „О журнале ‚Под знаменем марксизма‘“ от 25 января 1931 г. https://docs.historyrussia.org/ru/nodes/445920-postanovlenie-tsk-vkp-b-o-zhurnale-locale-nil-pod-znamenem-marksizma-locale-nil-25-yanvarya-1931-g?

7: Сталин, И. В. (1997): О диалектическом и историческом материализме. В: Сочинения. Т. 14. Москва: Писатель, S. 253. https://grachev62.narod.ru/stalin/t14/t14_55.htm

8: Auf Russisch: особые фонды.

9: Приказ № 10/с (1938): Приказ уполномоченного СНК СССР по охране военных тайн в печати и начальника Главлита «Об организации особых фондов в библиотеках» от 25 октября 1938 г. In: История советской политической цензуры. Документы и комментарии. Москва, 1997, с. 492–493 (https://opentextnn.ru/censorship/russia-after-1917/institutions-after-1917/central-censorship-organization/glavlit/1922-1938-glavlit/instrukcii-cirkuljary/1938-25-oktjabrja-prikaz-10-upolnomochennogo-snk-sssr-po-ohrane-voennyh-tajn-v-pechati-i-nachalnik-glavlita-ob-organizacii-osobyh-fondov-bibliotek). Das Originaldokument wird im Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) aufbewahrt: Fonds R-9425, Findbuch 1, Akte 2, Bl. 32–34. Der Befehl trug den Geheimhaltungsvermerk „GEHEIM“ und regelte die Einrichtung, Erfassung, Aufbewahrung und Nutzung der Materialien in den Sonderbeständen der Bibliotheken. Er begründete jedoch nicht die Praxis der Sonderbestände, die sich bereits wesentlich früher herausgebildet hatte, sondern dokumentierte die weitere Institutionalisierung eines Systems des eingeschränkten Zugangs zu Literatur. Die Geschichte seiner Entstehung und Funktionsweise in den 1920er- und 1930er-Jahren hat Michail Selenow eingehend untersucht. Siehe: Зеленов, М. В. (2000): Спецхран и историческая наука в Советской России в 1920–1930-е годы. In: Отечественная история, № 2, C. 129–141.

10: Schenkel, Elmar (2025): Nietzsche global. In 80 Übermenschen um die Welt. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, S. 178.

11: Auf Ukrainisch: Червоний шлях.

12: Auf Ukrainisch: Філософська мудрість сучасної буржуазії.

13: Демчук, П. (1930): Філософська мудрість сучасної буржуазії (До характеристики філософської школи Кайзерлінга). In: Червоний шлях, № 10, S. 105. https://irbis-nbuv.gov.ua/ulib/item/ukr0000027048

14: Демчук, П. (1930): До філософії фашизму (З приводу «Філософії життя» Леопольда Циглєра). In: Пролітфронт, № 5–6, S. 241–300.

15: Лютий, Тарас (2017): Ніцше. Самоперевершення. Київ: Темпора, S. 841.

16: Auf Russisch: Литературная энциклопедия.

17: Лукач, Г.; Михайловский, Б. (1934): Ницше. In: Литературная энциклопедия. Т. 8. Москва: ОГИЗ РСФСР, Государственное словарно-энциклопедическое издательство «Советская энциклопедия», S. 91–108. https://feb-web.ru/feb/litenc/encyclop/le8/le8-0911.htm. Anm. d. Red.: Zur Nietzsche-Rezeption Lukács’ vgl. auch den entsprechenden Artikel von Moritz Pliska auf diesem Blog (Link).

18: Auf Russisch: Советская энциклопедия.

19: Auf Russisch: Ницше как предшественник фашистской эстетики. Anm. d. Red.: Der Artikel erschien 1934 auch auf Deutsch und löst innerhalb der deutschen linken „Emigrantencommunity“ heftige Kontroversen aus im Kontext der „Expressionismusdebatte“.

20: Лукач, Георг (1934): Ницше как предшественник фашистской эстетики. In: Литературный критик, № 12, S. 27. https://libcat.ru/knigi/nauka-i-obrazovanie/kulturologiya/257113-georg-lukach-nicshe-kak-predshestvennik-fashistskoj-estetiki.html

21: Sineokaya, Yulia V. (2018): The Prohibited Nietzsche: Anti-Nietzscheanism in Soviet Russia. In: Studies in East European Thought 70, S. 273–288. DOI: 10.1007/s11212-018-9315-3

22: Auf Russisch: Ницшеанство в идеологии фашизма.

23: Бернадинер, Б. М. (1936): Ницшеанство в идеологии фашизма. In: Против фашистского мракобесия и демагогии: сборник статей. Под ред. И. Дворкина, А. Деборина, М. Каммари, М. Мишина, М. Савельева. Москва: Соцэкгиз, S. 265–293. https://djvu.online/file/a2ukwIE2oQrYC?

24: Sineokaya, Yulia V. (2018): The Prohibited Nietzsche: Anti-Nietzscheanism in Soviet Russia. In: Studies in East European Thought 70, H. 4, S. 280–282. DOI: 10.1007/s11212-018-9315-3

25: Деборин, А. М. (1935): Философия Ницше. Стенограмма лекции от 3 апреля 1935 г. Государственный архив Российской Федерации (ГАРФ), ф. Р-5205, оп. 1, д. 213, C. 3. Zit. nach: Sineokaya (2018), S. 281–282.

26: Auf Russisch: Ницше и фашизм.

27: Быховский, Б. Э. (1942): Ницше и фашизм. In: Под знаменем марксизма, № 8–9, C. 120, 123. Vgl.: Sineokaya (2018), S. 280–281.

28: Быховский, Б. Э. (1942): Ницше и фашизм. In: Под знаменем марксизма, № 8–9, C. 112–124. Zit. nach: Sineokaya (2018), S. 280–281.

29: (1) Синеокая, Ю. В. (1999): Восприятие идей Ницше в России: основные этапы, тенденции, значение. In: Фридрих Ницше и философия в России. Отв. ред.-сост. Н. В. Мотрошилова, Ю. В. Синеокая. Санкт-Петербург: Издательство Русского Христианского гуманитарного института, C. 35; (2) Лютий, Тарас (2017): Ніцше. Самоперевершення. Київ: Темпора, S. 825.

30: Auf Russisch: Реакционная сущность ницшеанства.

31: Одуев, С. Ф. (1959): Реакционная сущность ницшеанства. Москва: Издательство ВПШ и АОН при ЦК КПСС, S. 4.

32: Одуев, С. Ф. (1959): Реакционная сущность ницшеанства. Москва: Издательство ВПШ и АОН при ЦК КПСС, S. 62–255.

33: Одуев, С. Ф. (1959): Реакционная сущность ницшеанства. Москва: Издательство ВПШ и АОН при ЦК КПСС, S. 5.

34: Auf Russisch: Тропами Заратустры.

35: Одуев, С. Ф. (1971): Тропами Заратустры. Влияние ницшеанства на немецкую буржуазную философию. Москва: Мысль, S. 7–18.

36: Auf Russisch: История философии.

37: История философии (1959): В 6 т. Т. 3. Москва: Издательство Академии наук СССР, S. 356–360.

38: Auf Russisch: Философский словарь.

39: Философский словарь (1963): под ред. М. М. Розенталя и П. Ф. Юдина. Москва: Издательство политической литературы, S. 310–311.

40: Auf Russisch: Большая советская энциклопедия.

41: Михайлов, Ал. В. (1974): Ницше. In: Большая советская энциклопедия. 3-е изд. Т. 18. Под ред. А. М. Прохорова. Москва: Советская энциклопедия. https://gufo.me/dict/bse/%D0%9D%D0%B8%D1%86%D1%88%D0%B5

42: Auf Ukrainisch: Філософський словник.

43: Філософський словник (1986): За ред. В. І. Шинкарука. 2-ге вид., перероб. і допов. Київ: Головна редакція Української радянської енциклопедії, S. 449.

44: Auf Georgisch: გერმანული ფაშიზმის იდეოლოგიის სათავეები (ნიცშე და ფაშიზმი).

45: ქუთელია, ალექსანდრე (1944): გერმანიის ფაშიზმის იდეოლოგიის სათავეები (ნიცშე და ფაშიზმი). თბილისი: სახელგამი. Zur Stellung dieser Schrift in der Geschichte der georgischen Nietzsche-Rezeption siehe: ნიცშე საქართველოში (2007). Hrsg. von თენგიზ ირემაძე. თბილისი: არხე, S. 22. https://dspace.nplg.gov.ge/handle/1234/555461.

46: Auf Georgisch: თანამედროვე ბურჟუაზიული ფილოსოფიის სათავეებთან: ა. შოპენჰაუერი, ფ. ნიცშე, ს. კირკეგორი.

47: ბუაჩიძე, თამაზ (1986): თანამედროვე ბურჟუაზიული ფილოსოფიის სათავეებთან: ა. შოპენჰაუერი, ფ. ნიცშე, ს. კირკეგორი. თბილისი: მეცნიერება, გვ. 3–6, 76–87.

48: Auf Georgisch: ინდივიდის პრობლემა ს. კირკეგორისა და ფ. ნიცშეს ფილოსოფიაში.

49: ფოფიაშვილი, ავთანდილ (1988): ინდივიდის პრობლემა ს. კირკეგორისა და ფ. ნიცშეს ფილოსოფიაში. თბილისი: მეცნიერება.

50: Auf Estnisch: Nõukogude Kool.

51: Eisen, Ferdinand (1980): Saksa fašistliku ideoloogia krahh teises maailmasõjas. In: Nõukogude Kool, Nr. 5, S. 4–5. http://www.digar.ee/id/nlib-digar:235792

52: Auf Litauisch: Problemos.

53: Burnys, Zenonas (1981): Apie F. Nyčės etikos neotomistinę kritiką Lietuvoje. In: Problemos, Bd. 26, S. 84–87. DOI: https://doi.org/10.15388/Problemos.1981.26.6295.

54: Von den zehn Arbeiten waren neun Kandidatendissertationen („кандидатская диссертация“ – ungefähr vergleichbar mit einer deutschen Promotion) und nur eine Doktordissertation („докторская диссертация“ – als höhere wissenschaftliche Qualifikation etwa mit einer Habilitation vergleichbar), nämlich die Arbeit von Stepan Odujew. Vgl.: Sineokaya, Yulia V. (2018): The Prohibited Nietzsche: Anti-Nietzscheanism in Soviet Russia. In: Studies in East European Thought 70, S. 275. https://doi.org/10.1007/s11212-018-9315-3

55: Sineokaya, Yulia V. (2018): The Prohibited Nietzsche: Anti-Nitzscheanism in Soviet Russia. In: Studies in East European Thought 70, S. 275. https://doi.org/10.1007/s11212-018-9315-3.

56: Ebd.

57: Андреева, И. С. (1984): Современные зарубежные исследования философии Ницше: научно-аналитический обзор. Москва: ИНИОН АН СССР. Zit. nach: Sineokaya (2018), S. 284.

58: Auf Russisch: Вопросы философии.

59: От редакции (1989). In: Вопросы философии, № 5, S. 112. https://imwerden.de/pdf/voprosy_filosofii_1989_05__ocr.pdf.

60: Ebd.