„Steht auf, Sklaven, steht auf!“
Wanderungen mit Nietzsche durch das evangelikale christliche London: Teil 1
„Steht auf, Sklaven, steht auf!“
Wanderungen mit Nietzsche durch das evangelikale christliche London: Teil 1


Von den Hedgefund-Milliardären, die Nigel Farage finanzieren und dies mit evangelikaler Missionsarbeit verbinden, zu Nietzsches fulminantem Angriff auf das Christentum als ein „Sklavenaufstand“: Dieser Essay spürt der beunruhigenden Art nach, auf die die Religion mitten im Herz des britischen öffentlichen Lebens zurückkehrt. Ausgestattet mit Wanderschuhen, einem Rucksack und dem Skeptizismus eines Philosophen, folgt unser Autor dem Geld, der Theologie und der Straßenkultur rund um das charismatische Christentum und sein scheinbar unaufhaltsames Wachstum. Mitten im Zentrum all dessen steht Sir Paul Marshall: milliardenschwerer Finanzier, christlicher Medienmogul und die Verkörperung eines Glaubens, der sich dazu berechtigt fühlt, nach elitärer Macht zu streben.
Aber es geht um mehr als darum, den Knoten sichtbar zu machen, der Reichtum und Religion verknüpft. Es geht darum, Nietzsches tiefster historische These auf den Grund zu gehen: dass das Christentum triumphierte, weil die sogenannten „Schwachen“ lernten, gegen die „Starken“ zu moralisieren. Wandernd durch Kirchen, Cafés und metropolitane Straßen, fragt dieser Essay, ob das gegenwärtige evangelikale London eine neue Form dieses Aufstands repräsentiert – oder seine völlige Verdrehung.
Der erste Teil widmet sich dem wachsenden Einfluss evangelikaler Netzwerke im heutigen Großbritannien und ihrer problematischen Allianz mit dem Finanzkapitalismus. Der zweite Teil, der bald erscheinen wird, wird dann zu den ersten Christen selbst zurückkehren.
Dieser Artikel ist die Fortsetzung von Henry Hollands Bericht über seine Wanderungen durch den muslimisch geprägten Süden Glasgows (Teil 1, Teil 2).
Aus dem Englischen übersetzt von Paul Stephan.
Einleitung
Für Leser, die, wie ich, während einer Blütezeit des Säkularismus im Westen aufwuchsen, ist es überraschend und schockierend nun zu sehen, wie sich das Blatt wendet. Die säkularistische und konsumistische Welle erreicht ihren Scheitelpunkt vermutlich in den 1980ern: einer Welt, ganz eingenommen von den neusten Konsumgadgets in den Läden, dem letzten Fußballstar, dessen Ablöse beim Wechsel zu einem neuen Verein mal wieder den Weltrekord brach, und der Reklame, die einem weismachte, dass es an dir liegt, mit den heißesten Sexidolen zu schlafen – wenn du nur weit genug aufsteigst, Michael-Jordan-haft, indem du die grausamen sozialen Prüfungen bestehst, die darüber entscheiden, wer was besitzen darf.1 Religion und Theologie sind zu Staubfängern in den Abstellkammern der Seele geworden. Ich, der ich in eine Familie von klerikalen Kirchgängern hineingeboren wurde, gehörte zur Minderheit, die immer noch religiöse Erfahrungen sammelte auf den Sitzbänken der Church of Scotland2. Doch dies war eine kuriose Tradition, ein wunderliches Ritual; eine Mittelschichtsschrulle für Gutmenschen, die sich kaum so anfühlte, als hätte sie eine reale Bedeutung.
Nun flammt sie wieder auf, die Forderung der institutionalisierten Religion nach einer Führungsrolle in der britischen Zivilgesellschaft. An manchen urbanen Straßen weithin sichtbar – aber auch als Ergebnis hunderter Geschäftsdeals, bei denen es um richtig viel Kohle geht, geschlossen an Restauranttischen oder in Hinterzimmern, von denen die meisten von uns erst viele Jahre nach dem Handschlag erfahren. Einer von diesen spirituell gesinnten Geschäftsleuten ist Sir Paul Marshall. Er fing an, regelmäßig die Gottesdienste in Holy Trinity Brompton, heute weithin als HTB bekannt, in Westlondon zu besuchen, als er Ende 30 war. Das war 1997, im selben Jahr als er und sein Geschäftspartner Ian Wace ihre Familie, Freunde und George Soros dazu brachten, ihnen ein wenig von ihren entbehrlichen Ersparnissen zu überlassen, um ihren Hedgefonds mit 50 Millionen Dollar Startkapital auszustatten. Angesichts der Tatsache, dass derselbe Fonds, Marshall Wace, im Jahr 2025 über ein Vermögen von 69 Milliarden verfügte und den Reichsten der Welt damit dabei hilft, noch ein Ticken reicher zu werden, kommt einen schnell einer der nagendsten Verse des Neuen Testaments in den Sinn: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“3 Doch der Fairness halber sollten wir nicht unerwähnt lassen, dass sich Marshall beständig darum bemüht, große Teile seines Reichtums – Kapitalanlagen und sein persönliches Vermögen werden zusammen auf etwa 900 Millionen Pfund geschätzt – abzugeben. Der Habenichts Jesus hatte leicht reden – schwerreichen Christen fällt die Umsetzung seiner Forderung gar nicht so leicht, auch wenn Marshall „Hunderte von Millionen“ in „Schulen, Universitäten und Kirchen“ steckte und in Ausbildungsprogramme für Priester der Church of England, der offiziellen englischen Staatskirche.4
Sind diese Phänomene unbedingt suspekt? Und wie kann Nietzsche, mit seinen berüchtigten und immer noch nachhallenden Polemiken gegen das Christentum dabei helfen, eine neue Perspektive auf sie zu gewinnen? Diese Fragen ratterten mir durch den Kopf, als mein Zug Anfang August letzten Jahres den Bahnhof King’s Cross erreichte. Meinen Abstecher in die Islamwissenschaft in Glasgow hatte ich gerade hinter mir (siehe meinen Zweiteiler, der im November 2025 in diesem Magazin erschien5). Ich schnallte meinen Rucksack um, zog meine Wanderschuhe an und freute mich von ganzem Herzen darauf, direkt am Boden nach Antworten zu graben. Im ersten Teil dieses Essays werde ich den Schauplatz einführen im Hinblick auf Marshall und das charismatische oder auch evangelikale Christentum in London (ich werde diese beiden Begriffe synonym gebrauchen) und darüber berichten, wie meine urbane Pilgerwanderungen dort mich mit einer Gemeinschaft konfrontiert haben, die als eine unerwartete Verdrehung des „Sklavenaufstands“ verstanden werden sollte; Nietzsches treffende Wendung, um zu beschreiben, wie eine obskure jüdische Sekte des 1. Jahrhunderts eine Weltreligion werden konnte. Im zweiten Teil werde ich dann Nietzsches große Erzählung über die historische Rolle des Christentums selbst in den Blick nehmen und mich dabei auf neuere historische und religiöse Forschungen über die frühen Christen beziehen. Zahlreiche Anführer dieser Gruppe wuchsen tatsächlich als Sklaven oder als Kinder von Sklaven auf – sollte da ihre Rebellion gegen eine religiöse und soziale Orthodoxie, die auf Sklaverei fußte, nicht als ein ethischer Akt verstanden werden und eine Bewegung für Gerechtigkeit, gerichtet gegen die fatalistisch gestimmte und tyrannische griechisch-römische Welt, der sie entstammten?

Marshall und das charismatisch-evangelikale Christentum: Wer darf wen beschimpfen?
Für Marshall sind Religion und Politik zwei Seiten derselben Medaille. Das wird daraus ersichtlich, wenn man in Betracht zieht, an welchen Medien er sich in den letzten fünf Jahren beteiligt hat und welche er förderte. Nach dem Start des Fernseh- und Radiosenders GB News im Jahr 2021 hat Marshall versprochen, die Plattform in den nächsten zwei Jahren mit 70 Millionen Pfund zu unterstützen. Es handelt sich um einen „Kessel Buntes“; die Hauptzutaten: Pseudonachrichten und eine Politik des Hasses, die immer wieder neu aufgekocht wird, bis einem übel wird.6 Das Portal verfolgt seine Obsessionen mit all dem Anmut eines Terriers, der seine halbtote Beute in seinem Maul herumträgt – ein Terrier, der eher sterben würde als sie fallen zu lassen. „HEUTE Landung des 200.000. Flüchtlingsboots [an der britischen Küste] – ausgewiesen in den letzten acht Jahren: weniger als 8.000“7, schreit GB News in einer Geschichte, die leicht abgewandelt immer wieder neu recycelt wurde. Der Plattform dämmert noch nicht einmal die philosophische Mahnung, dass die kollektive ethische Handlungsmacht von diesen 200.000 Einwanderern nicht besser oder schlechter zu bewerten ist als diejenige von jeder anderen zufällig ausgewählten Gruppe von Bewohnern des Königreichs. Ein anderes Medium, in das Marshall Millionen gesteckt hat, ist hingegen unvergleichlich nuancierter, bisweilen gar philosophisch. Es handelt sich um ein Portal für längere Reportagen und Essays, zu dem nonkonformistische Autoren sowohl aus dem linken als auch aus dem rechten Spektrum beitragen, und das den merklich nietzscheanischen Namen UnHerd trägt, der suggerieren soll: Hier geht es um Unerhörtes und -gehörtes jenseits der Meinung der „Herde“. Während seine Finanzen undurchsichtig sind (auch wenn wir schätzen, das Marshall seit dessen Gründung vor neun Jahren für das Projekt 17 Millionen Pfund berappt hat)8, vermag es UnHerd im Unterschied zu GB News, wirklich großartige Texte zu publizieren, indem es die unterschiedlichsten Perspektiven zusammenbringt. Der gefeierte Kulturtheoretiker Terry Eagleton zum Beispiel – Marxist und glühender Antinietzscheaner in politischer Hinsicht9 – hat Dutzende von Artikeln beigesteuert inklusive, für unser Thema sehr instruktiv, Was Jesus a Revolutionary?.
Eagletons Kollegen vom rechten Flügel des Blattes legen sich keine Zügel an, wenn es um starke Meinungen zum Brexit geht und was sie für seine emanzipatorischen Konsequenzen halten. Sohrab Ahmari, der zum Katholizismus konvertierte Herausgeber der US-amerikanischen Ausgabe von UnHerd, veröffentlichte ein katzenbuckelndes Interview mit Jamieson Greer, dem Handelsbeauftragten der Vereinigten Staaten, in dem er begeistert dessen Worte über das transatlantische Handelsabkommen von 2025 nachplapperte: „Brexit ermöglichte es dem Vereinigten Königreich, das zu wuppen“10, also das Abkommen zu besiegeln. Im Gesamtbild erscheinen die 100.000 Pfund, die der Eigentümer von UnHerd 2016 der „Vote Leave“-Kampagne gespendet hat, wie ein bisschen Kleingeld im Hut; dass Marshall Nigel Farage 80.000 Pfund pro Monat dafür bezahlt, dass er auf GB News eine Sendung moderiert, wirkt im Gegensatz dazu wie eine strategische Intervention, um eine neokonservative Zukunft für einen besonders gut abgeschirmten Inselstaat zu erstehen.11
Wem das wenig christlich im üblichen Verstande des Wortes klingt, also nur bedingt nach Mitleid und Engagement mit den Schwachen und Frommen, dem sei freundlich angeraten, ein Jahrzehnt, ein Jahrhundert, oder auch zwei, in der Geschichte zurückzugehen, um den evangelikalen bzw. charismatischen Flügel der Religion, der Marshall angehört, besser zu verstehen. Wir wissen um die etymologischen Wurzeln des altgriechischen Wortes εὐαγγέλιον (euangélion), das „gute Nachricht“ oder auch „frohe Botschaft“ bedeutet, und dass Johannes (etwa 6–100 n. Chr.) und die anderen Autoren der ersten Bücher des Neuen Testaments als „Evangelisten“ bezeichnet werden: als Verkünder von Dingen, „geschrieben, damit ihr glaubt, […] und damit ihr, weil ihr glaubt, das Leben habt“12, wie Johannes es formuliert. Und von dem Zeitpunkt an, als die anderen Bücher des Neuen Testaments Gestalt annahmen, also um 60–90 n. Chr., wurde der Ausdruck „Evangelist“ noch in einem weiteren Sinne gebraucht, um jeden Wanderprediger zu bezeichnen, der dieselbe gute Nachricht verbreitet.13 So wie die Prediger, deren Ausbildung von Marshall finanzierte wurde, sprachen diese Umherziehenden mit dem Willen zu bekehren und mit der Selbstsicherheit, den der Glaube zu spenden vermag. Andrew Graystone, der kürzlich ein Buch über den Kindesmissbrauchsskandal veröffentlichte, in den einige Mitglieder der evangelikalen Führungsriege verwickelt waren und der im vergangenen Jahr den Rücktritt von Justin Welby als Erzbischof von Canterbury (und mithin als Oberhaupt der Anglikanischen Kirche) bewirkte, resümiert die antiintellektuelle Gewissheit, die dem Ansatz von HTB zu Grunde liegt: „Man glaubt, dass sein Flügel des Christentums der einzige ist, der in den Himmel führt. Man glaubt, dass man von Gott auserwählt wurde, um zu regieren.“14 Die Behauptung desselben Autors, dass „Marshalls Geld die Agenda der Church [of England; im Folgenden: C-of-E] unter Welby bestimmt hat“15, klingt gerechtfertigt, wenn man bedenkt, was „regieren“ im käuflichen System der heutigen Demokratie des Vereinigten Königreichs bedeutet. Marshalls „großzügige“ Unterstützung des HTB-Unternehmens St. Mellitus Theological College bewirkte, dass es heute einen von vier Geistlichen der C-of-E ausbildet;16 die (konservativ geschätzt) 10 Millionen Pfund, die er in den Church Revitalisation Trust steckte, haben es dieser Organisation ermöglicht, 185 Marshall’sche „City Centre Resource-Kirchen in Schlüsselstädten in ganz England und Wales zu platzieren“, eine aggressive Expansionskampagne, die die Einstellung von „Gottesdienstleitern […], Pädagogen […] und Sozialarbeitern“ umfasst.17 Diese Zahlen bringen deutlich ans Licht, dass Marshall mit seinen enormen Spenden die einst einflussreichste protestantische Kirche der Welt zumindest mitregiert.
Stinknormale Londoner und andere Evangelikale
Im Wissen um die Rolle, die Marshall spielt, ist die Kirche von HTB ein natürlicher Ausgangspunkt für meine investigative Wanderung. Zwei Minuten von dem Protz und den Boutiquen Knightsbridges entfernt und jetzt an einem Wochentag, an dem keine Gottesdienste stattfinden, fühlt sich die Kirche ganz wie aus einem Bilderbuch mit Szenen des englischen Landlebens entnommen an mit ihrem klotzigen quadratischen Turm inmitten von Bäumen. (Es ist eine schöne Ironie, dass sich die Erbauer der Kirchen in den 1820ern vor allem gegen einen Spitzturm entschieden, um Geld zu sparen.) Die mehreckige Sakristei, die links des Turms angebaut wurde, ist ganz Neogotik in Aktion und der Ort, wo die Geistlichen ihre Kleider an- und abwerfen, um dasjenige symbolisch zu repräsentieren, was Nietzsche als „die priesterliche Kaste“ bezeichnet.18 Wenn mich das Verhalten meiner christlichen Mitmenschen aus Fleisch und Blut mal wieder abstößt, ist es die Kirchenarchitektur, sind es all die Höhepunkte sakraler Kunst, die mich wieder versöhnlich stimmen, die mir das Gefühl geben, dass es da etwas gibt, das bewahrenswert ist – oder sogar etwas, das es verdient hat, aufs Neue verkörpert zu werden. Die Hinweistafeln außerhalb der Kirche, die Alpha bewerben, den weltweit erfolgreichen Evangelistenkurs, der in HTB in den 2000ern begründet wurde, bestätigen, dass ich hier am richtigen Ort für meine Untersuchungen bin.19 Ich will jedoch den Alltagschristen noch eine Chance geben und begebe mich hinab in die Krypta ins Bloom Café, wo ich daran erinnert werde, was, seitdem jegliche ethisch verantwortliche herrschende Klasse längst verschwunden ist, der eigentliche Treibstoff dieses Königreichs ist: eine Mischung aus heißen Getränken und Freundlichkeit zwischen seinen gewöhnlichen Bewohnern.
Als ich zurückkehre, um den zweiten Earl Grey zu bestellen, komme ich ins Gespräch mit Lisa, einer Südafrikanerin, die hier hinter den Tresen die Getränke zubereitet und die Kuchen serviert. Ich halte es für einen geschickten Schachzug, das Gespräch mit einer Erwähnung Alphas zu eröffnen – woraufhin Lisa mich fragt, ob ich ein Christ bin. Ich antworte ausweichend: „Gute Frage“. „Tja, dann ist Alpha vielleicht genau das Richtige für dich“, erwidert sie, ehe sie mir ein dünnes Taschenbuch – A Life Worth Living, verfasst von Nicky Gumbel, der Alpha konzipiert hat und an HTB als Pfarrer tätig war – in die Hand drückt. So von Gott zu sprechen, bringt mich etwas in Verlegenheit, also beginne ich wieder damit, den Zettel auf meinem Tisch zu studieren, der mich darüber informiert, dass die durch meinen Besuch erzielten Einnahmen dem „Programm für sozialen Wandel [Social Transformation Ministry]“ der Gemeinde zu Gute kommen, das sich gezielt denjenigen an den Rändern der Gesellschaft widmet, „insbesondere Frauen, Flüchtlingen, ehemaligen Sträflingen und Obdachlosen“. Während ich nicht in Zweifel ziehen möchte, dass diejenigen, die in diesem Programm beschäftigt sind, diese Individuen mit ganzem Herzen begleiten, fasziniert es mich doch, wie ein Projekt, hinter dem das Großkapital steht,20 in authentischer Weise so sozialistisch klingen kann. Diese Betonung von „Frauen“ als einer der am meisten marginalisierten Gruppen beschreibt zum einen die Realität – Londonerinnen verdienen durchschnittlich deutlich weniger als Londoner und unterliegen einem höheren Risiko, zum Opfer von Gewalt- und sexuellen Verbrechen zu werden –, zum anderen markiert sie kaum verhüllt einen politischen Standpunkt, sind die Kommentatoren des HTB-Umfelds doch eifrige Gegner von dem, was sie als „Transgender-Ideologie“ bezeichnen. Diese habe gar die BBC „gekapert“.21

Die Straßen von London der christlichen Dichter
Mein meilenweiter Fußmarsch beginnt mit heiligem Eifer am nächsten Morgen. Ich habe mich für den London Martyrs’ Way entschieden, eine gemächliche und liebevoll kuratierte Strecke, die in Mäandern von Tower Hill im Osten der Stadt bis nach Tyburn Tree im Hydepark in ihrem Westen verläuft.22 Folgen Sie ihm und er führt Sie zu – und vorbei an – den Schauplätzen Dutzender religiös motivierter Hinrichtungen, an Kirchhöfen, an offenen und geschlossenen Kirchen, an Inseln der Stille nur wenige Schritte von belebten Straßen entfernt, nur wenige Schritte von jenem technoartigen Dröhnen, das London ist, und das nie wirklich verstummt. Wer für Literatur und Geschichte brennt – den Autoren eingeschlossen –, könnte auf diesem Pfad Tage verbringen: Wer würde nicht gerne noch kurz um die nächste Ecke lugen und noch den großen Metallknauf der nächsten Kirche probieren, um einen Blick auf die Orte zu erhaschen, wo Samuel Pepys oder William Blake einst Gottesdienste besuchten?23 Fast jeder Schritt verstofflicht meinen Bücherdrang. Mein Weg führt da vorbei, „wo Saint Mary Woolnoth die Stunde schlägt“24, kurz nachdem, wie T. S. Eliot in seinem epochalen Gedicht Das wüste Land (1922) berichtet: „Und jeder heftete den Blick vor seinen Fuß. / Das schob sich bergan und abwärts zur King William Street.“25 Im Klaren darüber, dass „das wüste Land“, durch das Eliot zwischen seinem ebenso brillanten wie quälenden Agnostizismus und seiner Konversion zum Anglokatholizismus26 wanderte, größtenteils Londoner Terrain ist, schließt der ungeplante Anblick dieser Kirche für mich einen Kreis. Doch es sind nicht nur weiße angloamerikanische Gottessucher, an die der Rundgang erinnert. Gleich nach Town Hill, wo die katholischen Anführer John Fisher und Thomas Morus im Somme des Jahres 1535 enthauptet wurden, weil sie der weltlichen Übergriffigkeit Heinrichs VIII. widerstanden, betreten Sie einen Platz, umringt von Wolkenkratzern, wo Sie auf eine Ansammlung von beschrifteten Säulen treffen. Es handelt sich um Gilt of Kain27, eine Skulptur, die an den 200. Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei im British Empire erinnert. Eine Säule fordert: „WHO WILL KICK OVER THE STALL AND TURN THE TABLE?“ („Wer wird den Marktstand umwerfen und den Spieß umdrehen?“), eine Zeile des Dichters Lemn Sissay, die auf die biblische Szene anspielt, in der Christus die Tische der sich im Tempel befindlichen Finanzdienstleister umschmeißt.28 Sie wirft so einmal mehr die noch unbeantwortete Frage auf: Wer wird dem Treiben des Finanzkapitals endlich Einhalt gebieten und den Verwüstungen, die es anrichtet; der Klasse, deren Reichtum auf den Profiten der Sklaverei basiert, die sie schlau investierte, und die noch, wenn auch eher symbolisch, das Viertel bewohnt, in dem diese Skulptur steht, die offiziell so genannte „City of London“?29
So wenig in der Lage diese Fragen zu beantworten wie jeder andere philosophisch interessierte Mensch, stiefele ich weiter. Ich komme am Eingangsportikus der National Provincial Bank of England vorbei, dessen tiefes Tonnengewölbe in uns dieselbe Ehrfurcht zu erwecken sucht, die wir an der Schwelle einer romanischen Kathedrale empfinden – oder uns unsere Taschen hastig nach unseren Architekturführern durchwühlen lässt, falls wir die Namen solcher Bauelemente vergessen haben sollten. Dann streife ich die Kirche St. Edmund, King and Martyr, deren altertümliche Tafel „206 Fuß oberhalb“ des „Bodens an beiden Seiten des Eingangs“ als ihr „freies Grundeigentum“ beansprucht. Ihr modernes, weniger pedantisches Schild bezeichnet sie als eine „imprint church“30. Das klingt nach Marketingsprech, ist aber zugleich göttlich inspirierte Sprache – wie jedenfalls Wole Agbaja behauptet, ein in Nigeria geborener und im Süden Londons aufgewachsener Evangelikaler, der im Alter von nur 24 Jahren diese Kirchgemeinde wiedergegründet hat, natürlich mit Unterstützung aus HTB. Agbaje erinnert sich an einen Traum, den er hatte, der sich über sieben Nächte erstreckte. Er träumte davon, „ein Schaufenster des Evangeliums zu schaffen, um die Geschichte Jesu durch kreative Medien zu erzählen“ und davon, zu fühlen, „dass Gott mir sagte, dass diese Bewegung ‚IMPRINT‘ heißen und seine verlorenen Söhne heimführen wird“. Dieses grüne Licht von „ganz oben“ lässt keinen Raum für Zweifel. Agbaje wird als jemand betrachtet, dem die ersehnte Verjüngung der Kirche gelungen ist: Knapp unter „200 junge Leute“ versammelten sich in St. Edmund im September 2019 zum Relaunch.31

Leuchtender Glaube, begleitet von langweiligster und großartigster Musik
Agbajes teilweise verwirklichter Traum besteht darin, die Bühnenkünste – „Schauspiel, Dichtung, Tanz, Videokunst und Musik“ – zu synthetisieren, um den Londonern „die Geschichte Jesu“ zu erzählen.32 Ich werde mich eines Urteils enthalten, bis ich an einem dieser christlichen Jamborees teilgenommen habe, die er kuratiert. Aber was den Rest der HTB-Mischpoke angeht – Sie können sich gerne ein eigenes Bild machen und einen ihrer Gottesdienste besuchen: Da gibt’s ausschließlich christlichen Gitarrenrock in Endlosschleife; zuversichtlich-peppig, generisch und unglaublich langweilig. Die Sänger und Gitarristen sind fraglos kompetent oder gar talentiert – und doch muss man schon ein abgehärteter Gläubiger sein, um nicht allzu schnell genug davon zu haben. Vom Anfang der Musik an ist klar: Die Protagonisten der Songs bekennen ihren Status als Sünder und dass nur Jesus sie zu erlösen vermag. Diese völlige Abwesenheit einer Entwicklung oder einer individuellen Stimme lässt skeptische Zuhörer mit der Frage zurück, wie sie die nächsten sechs Minuten überleben werden.33 Back in the US, wo diese heiligen Gitarrenriffs herkommen, vermochte es Johnny Cash mehr Seelenqual in ein einziges Phonem, in einen einzigen Akkordwechsel seiner Dutzenden von Songs über das Christ-Sein zu packen; hören Sie sich nur einmal The Man Comes Around an.34 Zugestanden: Einen wie Cash gibt es in der gesamten Geschichte der Schöpfung nur einmal; doch mit einem solchen Erbe an Seele und Geist erweiternder sakraler Vokalmusik in englischer Sprache als Inspirationsquelle, sowohl populär als auch präelektrisch, wirkt die Entscheidung der HTB-Führung, auf der ganzen Linie auf Neogospelrock aus der Retorte zu setzen, einfach nur selbstgefällig und berechnend. Erhobenen Haupts, wie ein Cash-Protagonist uns lehren würde, fliehe ich diese bloße Wiederholung und werde in eine ganz andere ästhetische Welt geführt. Ohne, dass ich es geplant habe, trugen mich meine Stiefel an die Schwellen von St. Paul’s Cathedral, den Mittelpunkt des London Martyrs’ Way. Gerade richtig zur, wie in der C-of-E üblich, gesungenen 5-Uhr-Eucharistiefeier, zu der die Glocken die Neugierigen rufen. Diese findet im Tambour statt, der hohen zylinderförmigen Struktur, die die zentrale Kuppel des Gebäudes stützt. Die für eine Kirche dieser Zeit (vollendet unter der Leitung Christopher Wrens im Jahr 1708) ungewöhnlich großen Fenster erlauben es dem Sonnenlicht dieses Spätsommertags einzuströmen. Wenn Sie hier sitzen und des Beginns des Gottesdiensts harren, wird Ihr Blick unweigerlich die gewaltigen Steinpfeiler nach oben gezogen, verkleidet mit einer für diese Zeit typischen Kannelierung, hin zum Flüstergewölbe in 30 Metern Höhe. Die ganze erhabene Wirkung kommt glücklicherweise ohne jene aufdringliche Rosagoldheit aus, die so viele Barockkirchen affiziert. Sowohl Gläubige als auch überzeugte Säkularisten können hier Schönheit finden – und letztgenannte kommen unweigerlich ins Grübeln, welche Kraft einst von dieser Bewegung ausging, die, um eine nichtexistente Gottheit gescharrt, ihre Anhänger dazu brachte, solch eine Energie und solche Ressourcen aufzuwenden.
Die unbegleiteten liturgischen Gesänge des Geistlichen, aus denen der Gottesdienst besteht, und auf die die Gemeinde jeweils antwortet, sind wohlbekannt, doch wirken nicht im Geringsten repetitiv.35 Der Dialog Sursum Corda oder „Erhebet die Herzen“, den man singt, bevor das Abendmahl eingenommen wird, ist einer der ältesten der Kirche, sein Text stammt aus den Canones Hippolyti, die Anfang des 3. Jahrhunderts verfasst wurden.36 Auch seine melodische Struktur stammt aus ungefähr derselben Zeit und wird heute in der Tonart G-Mixolydisch gesungen (für Klavier- und Gitarrenspieler: wie G-Dur, nur mit F statt Fis).
Vom Londoner Sklavenschiffkapitän zum Teilnehmer am Sklavenaufstand
Als der begabte Pianist, und gelegentlich auch Komponist, der er war, schrieb Nietzsche viel über Musik37 und gelegentlich auch über Kirchenmusik. In jungen Jahren war er noch lange nicht der teuflische Christenschreck, als der er sich später inszenierte. Als 25-jähriger Professor in Basel schreibt Nietzsche seinem Freund Erwin Rohde, um ihm den „göttlichen Bach“ zu empfehlen, dessen Matthäus-Passion er in der vergangenen Woche „dreimal“ angehört habe: „Wer das Christenthum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium“ 38. Eine solche Leidenschaft passt gut zu seiner frühen Theorie des Christentums als einer affirmierenden statt nihilistischen Bewegung, die die kulturellen Früchte der altgriechisch-dionysischen Weltsicht weiterreicht. Folgende um den Jahreswechsel 1870/71 herum verfasste Notiz darf nicht aus dem Kontext gerissen werden, doch sie stellt das frühe Christentum nichtsdestotrotz als ein Zusammentreffen oder sogar Reibung von johannitisch-griechischen und jüdischen Haltungen dar:
Das Johannesevangelium aus griechischer Atmosphaere, aus dem Boden des Dionysischen geboren: sein Einfluss auf das Christenthum, im Gegensatz zum Jüdischen.39
Allerdings propagiert Nietzsche schon in dieser frühen Phase seines Schaffens originelle und enthistorisierende Ansichten über das frühe Christentum in Texten wie dem verstörenden Essay Der griechische Staat von 1872, das er zu seinen Lebzeiten allerdings nur einem kleinen Kreis von Vertrauten zugänglich machte.40 In diesem Text, in dem Nietzsche für die Sklaverei argumentiert – nachdem der Kongress der Vereinigten Staaten im Januar 1865 den 13. Zusatzartikel zur Abschaffung der Sklaverei erlassen und damit vier Millionen Afroamerikaner befreit hatte –, besitzt er die Dreistigkeit zu behaupten:
Aus der Verzärtelung des neueren Menschen sind die ungeheuren socialen Nothstände der Gegenwart geboren, nicht aus dem wahren und tiefen Erbarmen mit jenem Elende; und wenn es wahr sein sollte, daß die Griechen an ihrem Sklaventhum zu Grunde gegangen sind, so ist das Andere viel gewisser, daß wir an dem Mangel des Sklaventhums zu Grunde gehen werden: als welches weder dem ursprünglichen Christenthum, noch dem Germanenthum irgendwie anstößig, geschweige denn verwerflich zu sein dünkte.41
Die Entwicklung von dieser philochristlichen Position, kaum haltbar vor dem Hintergrund neuerer historischer Forschungen über Christentum und Sklaverei, zu Nietzsches späterer und bekannterer Genealogie des Christentums als ein schlussendlich erfolgreicher „Sklavenaufstand“, durch den eine Klasse ehemaliger Sklaven nach zwei Jahrtausenden zur herrschenden „priesterlichen“ Klasse des Westens aufstieg und so gut wie jeden ihrer lebensverneinenden Weltsicht unterwarf, ist verworren. Sie ist jedoch das Thema einer kleinen Armee exzellenter Artikel und Bücher, teils populärer, teils wissenschaftlicher Natur.42
Ich kann diesen Diskurs hier nicht zusammenfassen, doch halte Nietzsches Behauptung von 1872 für falsch: Die frühen Christen, sowohl Geistliche als auch Laien, von denen viele selbst Sklaven oder ihre Nachfahren waren,43 waren der Vorstellung, dass eine Gruppe von Menschen das Recht besitzen sollte, über die Körper anderer Menschen willkürlich zu verfügen, so entgegengesetzt,44 dass diese Opposition ihre charakteristische Idee wurde, der Motor des Paradigmenwechsels, den sie auf ethischem und geistigem Gebiet bewerkstelligten. Was aus diesem Wechsel wurde, der in mancher Hinsicht vom späten 15. Jahrhundert an kollabierte, als Theoretiker des europäischen Kolonialismus die kanonischen christlichen Texte reinterpretierten, um die Versklavung nichteuropäischer Völker als Arbeitskräfte für die neu entstandenen Kolonien zu rechtfertigen, wird im zweiten Teil dieses Essays untersucht werden. Dort werde ich auch neue Perspektiven auf Nietzsches Schriften sowohl über das Christentum als auch Sklaverei beleuchten. Doch für den Augenblick werde ich noch einmal in die City of London zurückkehren. Wole Agbaja, der St. Edmund, King and Martyr im Jahr 2019 neu begründete, ist auch verantwortlich für die Pfarrkirche, die an jene „Kapelle der Ruhe“ angegliedert ist – St Mary Woolnoth – und spricht über ihre Geschichte.45 John Newton, ein ehemaliger Sklavenschiffkapitän, der zum Abolitionisten wurde und den Text von Amazing Grace verfasste, predigte hier als Rektor, also als ranghöchster Pfarrer, im ausgehenden 18. Jahrhundert: und zwar für die Abolition. Newton war der Mentor von William Wilberforce, evangelikaler Christ und Anführer des parlamentarischen Flügels des britischen Abolitionismus bis das Parlament im Jahr 1807 den Slave Trade Act verabschiedete, der den atlantischen Sklavenhandel auf dem Gebiet des Empire untersagte.46 Warum Nietzsche versuchte, diese äußerst brutalen Praktiken wiederzubeleben, während gleichzeitig schwarze Abolitionisten wie etwa Frederick Douglass (1818–1895), Harriet Tubman (um 1822–1913) and Sojourner Truth (1797–1883)47 ihr Leben dem Kampf gegen dieselben widmeten, und was diese Parteinahme hinsichtlich der Interpretation des Christentums als „Sklavenaufstand“ bedeutet, wird im abschließenden Teil dieses Essays diskutiert werden.
Fortsetzung folgt.
Alle Photographien stammen von Henry Holland. Das Artikelbild zeigt die Skulptur Gilt of Kain im Fen Court in der City of London. Auf ihr eingraviert ist ein Vers des schwarzen britischen Dichters Lemn Sissay: „WHO WILL KICK OVER THE STALL AND TURN THE TABLE?“ („Wer wird den Marktstand umwerfen und den Spieß umdrehen?“)
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Tubman, H.: Scenes in the life of Harriet Tubman. Graphic Arts Books: 2023. (Original: 1869).
Fußnoten
1: Ich möchte damit nicht sagen, dass Säkularismus und Konsumismus identisch wären. Aber in der jüngeren Geschichte sind sie oftmals Seite an Seite in Erscheinung getreten. Was Säkularismus im Lichte von Nietzsches Schriften bedeutet, wäre ein gutes Thema für einen weiteren Essay.
2: Anm. d. Übers.: Die presbyterianische Church of Scotland gilt als die inoffizielle Nationalkirche Schottlands.
3: Matthäus 19, 24; dieses und alle anderen Bibelzitate in diesem Essay sind, wenn nicht anders vermerkt, der revidierten Luther-Bibel von 2017 entnommen. Für einen informativen und entzaubernden Essay über Marshalls Vermögen und seine politische Agenda, inklusive der hier angeführten Statistiken, vgl. Peter Geoghegan, Making Media Great Again.
4: Ebd. Hier und im Folgenden wurden Zitate aus englischen Texten von Paul Stephan ins Deutsche übersetzt.
6: Anm. d. Übers.: Das deutsche Pendant dazu ist wohl Nius.
7: GB News, Migrant Crisis.
8: Für mehr über die Finanzierung der Plattform und Marshalls politisch-ökonomische Rolle in ihr vgl. Greystone, The Marshall Plan und Geoghegan, We need to talk about Paul (Marshall).
9: In seinem Aufsatz The Ideology of the Aesthetic – Friedrich Nietzsche (1990) nennt Eagleton Nietzsche „einen angriffslustigen Gegner beinahe jedes aufklärerisch-liberalen oder demokratischen Werts, der für ‚alles Selbstherrliche, Männliche, Erobernde, Herrschsüchtige‘ plädiert“ (vgl. Jenseits von Gut und Böse, Aph. 62). 34 Jahre später schrieb Eagleton erneut über Nietzsches „ranzige Politik“ (Seeds of What Ought to Be?; 2024).
10: Greer zit. n. Sohrab Ahmari, US Trade Chief. Brexit liberated the UK.
11: Vgl. zu diesen Statistiken Geoghegan, We need to talk about Paul (Marshall).
12: Johannes 20, 31.
13: Vgl. Epheser 4, 11 und Apostelgeschichte 21, 8.
14: Graystone zit. n. Geoghegan, Making Media Great Again.
15: Graystone zit. n. Geoghegan, Making Media Great Again.
16: Graystone, The Marshall Plan.
17: Vgl. Geoghegan, Making Media Great und Graystone, The Marshall Plan.
18: Nietzsche deutet seinen Begriff der „priesterlichen Kaste“ erstmals in Vom Nutzen und Nachtheil der Geschichte für das Leben, der zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung, an (vgl. Abs. 8). Er entwickelt ihn vollständig in Zur Genealogie der Moral (1887; vgl. Abs. I, 6) und Notizen aus derselben Zeit (vgl. etwa Nachgelassene Fragmente Nr. 1887 11[280]), wo er eine Gruppe bezeichnet, die in lebensverneinender, asketischer Weise die heutige Gesellschaft dominiert.
19: Vgl. Graystone, Bleeding for Jesus, S. 158 f. Graystone beschreibt hier, wie Alpha von dem ehemaligen HTB-Pfarrer Nicky Gumbel zusammen mit Charles Marnham und John Irvine entwickelt wurde. Sie alle seien laut Graystone entscheidend von ihrer Teilnahme an „den Irwerne-Camps“ als Kinder und Jugendliche geprägt worden: evangelikale Ferienangebote, die sich primär an die Kinder der britischen Elite richteten, also diejenigen, die Großbritanniens führende Privatschulen besuchen. 2017 kam es zu einem Skandal, als bekannt wurde, dass John Symth (1941–2018), Chairman des Iwerne Trust, regelmäßig Kinder in den Lagern während der 1970er und 80er Jahre missbraucht hatte. Justin Welby, Erzbischof von Canterbury von 2013 bis 2025, nahm an diesen Lagern als Heranwachsender ebenfalls teil und hielt persönliche Beziehungen zu Symth jahrelang aufrecht (vgl. diesen Artikel vom 19. 12. 2024: https://www.lrb.co.uk/blog/2024/december/technically-leading).
20: Rosa Luxemburg (1861–1919) und andere marxistische Denker ihrer Generation sprachen häufig vom „Großkapital“, womit sie diejenigen Kapitalisten meinten, die die Produktionsmittel mit dem höchsten Geldwert kontrollieren, und die ökonomischen Interessen dieser Kapitalisten. Vor dem Hintergrund, dass spätere marxistische Denker darin übereinkommen, dass die Produktionsmittel auch die Kultur (re)produzieren, bleibt dieser Begriff relevant.
21: Rob Burley, Inside the capture of the BBC. How transgenderism killed impartiality.
22: Für einen Plan und einen gut gemachten digitalen Führer vgl. www.britishpilgrimage.org/portfolio/london-martyrs-way.
23: Samuel Pepys (1633–1703): englischer Marinebeamter und Tagebuchschreiber, vor allem bekannt für sein detailliertes Tagebuch, das das Alltagsleben im England der Stuart-Restauration dokumentiert, inklusive der Großen Pest und dem Großen Brand von London. William Blake (1757–1827): englischer Dichter, Künstler und Druckgrafiker, dessen visionären Werke – etwa Lieder der Unschuld und Erfahrung – romantische Dichtung mit einer distinkten bildlichen Darstellung vereinten.
24: T. S. Eliot, The Waste Land, S. 89 (Abs. I).
25: Ebd., S. 87.
26: Diese Strömung innerhalb der Anglikanischen Kirche, beliebt vor allem unter Künstlern und Intellektuellen in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts, bleibt der Anglikanischen Gemeinschaft verbunden, während sie in ästhetischer und intellektueller Hinsicht bestrebt ist, sich als Teil „der einen Kirche“ zu begreifen, die ihren diesseitigen Hauptsitz in Rom hat.
27: Für das Kunstwerk kollaborierten der Bildhauer Michael Visocchi (geb. 1977), der Dichter Lemn Sissay (geb. 1967) und der Grafikdesigner Gareth Howat. Die Auftragsarbeit der City of London wurde 2008 enthüllt. Anm. d. Übers.: Der Werktitel ist quasi unübersetzbar. Er spielt mit der Mehrdeutigkeit des Wortes gilt, das „Jungsau“, „etwas Goldenes“ oder auch „Geld“ bedeuten kann, aber auch dem Gleichklang mit guilt, „Schuld“.
28: „Und Jesus ging in den Tempel und fing an, hinauszutreiben die Verkäufer und Käufer im Tempel; und die Tische der Geldwechsler […] stieß er um“ (Markus 11, 15). Das griechische Wort, das hier mit „Geldwechsler“ übersetzt wird, kollybistēs (plural kollybistai), bezeichnet wörtlich jemanden, der Währungen umtauscht und dafür eine Gebühr verlangt. Diese Aufgabe war notwendig, weil die Tempelsteuer, die einen halben Schekel betrug, mit einer tyrischen Tetradrachme bezahlt werden musste, eine Währung, die viele Besucher des Tempels nicht besaßen. – Für eine historisierende Untersuchung dieses Bibelverses vgl. H. Olshanetsky, A. Silverman & L. Cosijns, Turning the tables.
29: Auch bekannt als Square Mile, handelt es sich sowohl um einen lokalen Verwaltungsbezirk im Herzen Londons als auch um ein globales Zentrum des Finanzkapitalismus.
30: Anm. d. Übers.: Gemeint ist in etwa: „eine Kirche, die einen bleiben Abdruck hinterlässt“.
31: Für die Statistiken und Zitate vgl. CCX, Plant stories. Diese Quelle beansprucht nicht, neutral zu sein. Unparteiische Quellen über HTB-unterstützte „Kirchpflanzungen“ sind kaum zu finden.
32: Ebd.
33: Hören Sie sich beispielweise den Videomitschnitt des HTB-Gottesdiensts vom 10. 8. 2025 von ca. 6:20 ab an: https://www.youtube.com/watch?v=Hm7vP_sOI60.
34: 4 ½-minütige YouTube-Version: https://www.youtube.com/watch?v=k9IfHDi-2EA&list=RDk9IfHDi-2EA&start_radio=1.
35: Die Frage nach der Unterscheidung zwischen Wiederholung und Differenz verdient philosophische Beachtung, aber kann hier nicht im Vorbeihuschen beantwortet werden. Ich empfehle Lesern, die sich mit ihr vertieft beschäftigen möchten, die gründliche nietzscheanische Untersuchung Differenz und Wiederholung von Gilles Deleuze (1968).
36: Vgl. Paul F. Bradshaw, Maxwell E. Johnson & L. Edward Phillips, The Apostolic Tradition, S. 39.
37: Für einen ersten Überblick über Nietzsches tiefe biographische und philosophische Verbindung zu dieser Kunstform vgl. zwei Artikel, die zum Thema „Nietzsche und die Musik“ auf diesem Blog publiziert wurden von Christian Saehrendt und Paul Stephan.
38: Nietzsche an Erwin Rohde am 30. April 1870.
39: Nachgelassene Fragmente 1870, Nr. 7[13].
40: Nietzsche widmete den Essay als Privatdruck Cosima Wagner. Es handelt sich um die dritte der Fünf Vorreden zu fünf ungeschriebenen Büchern.
42: Der beste Ausgangspunkt einer solchen Lektüre ist Nietzsches eigene Genealogie der Moral (1887), Abs. I, 7 und I, 10. Abs. I, 7 stellt das Christentum als eine von einer „Priesterkaste“ angeführte Machtergreifung dar, in asketischer Weise gerichtet gegen alles, das dem Leben „eine blühende, reiche, selbst überschäumende Gesundheit“ und „Leiblichkeit“ verleiht. Darüber hinaus beschuldigt Nietzsche „die Juden“, diese Deformation in der Geschichte der Moral bewirkt zu haben, und erblickt das Christentum als eine Fortsetzung dieser Intervention, keinen Bruch mit ihr: „Ich erinnere in Betreff der ungeheuren und über alle Maassen verhängnissvollen Initiative, welche die Juden mit dieser grundsätzlichsten aller Kriegserklärungen gegeben haben, an den Satz, auf den ich bei einer anderen Gelegenheit gekommen bin […] – dass nämlich mit den Juden der Sklavenaufstand in der Moral beginnt: jener Aufstand, welcher eine zweitausendjährige Geschichte hinter sich hat und der uns heute nur deshalb aus den Augen gerückt ist, weil er – siegreich gewesen ist…“ – Auch Tom Hollands Geschichte des frühen Christentums, wie er sie in seinem Buch Herrschaft darlegt, ist nicht gerade neutral – Hollands macht keinen Hehl aus seiner eigenen philochristlichen Position –, aber ein äußerst informativer und kraftvoll vorgetragener Ansatz. Vgl. auch M. N. Forster, Nietzsche. Three genealogies of Christianity; P. Stewart-Kroeker, Nietzsche on Socrates, Jesus, and the slave revolt in morality; J. Rayman, Nietzsche’s genealogy in its relation to history and philosophy; A. Snelson, The history, origin, and meaning of Nietzsche’s slave revolt in morality und G. Elgat, Slave revolt, deflated self-deception.
43: Im Kapitel „Mission: 19. n. Chr.: Galatien“ seines Buches Herrschaft (S. 91 ff.) betont Tom Holland die Rolle der Galater (die in der heutigen Türkei lebten) als einer staatenlosen Nation, die einst von den Autoritäten des Römischen Reiches „versklavt“ worden waren. Das Christentum bestärkte sie nicht nur darin, selbst der Sklaverei zu entfliehen, sondern später so weit zu gehen, das Prinzip der Sklaverei an sich abzulehnen. In diesem Kontext zitiert Holland den Brief des Apostels Paulus (ca. 5–64/65 n. Chr.) an die Galater: „Da gibt es nicht mehr Juden und Griechen, Sklaven und Freie, da gibt es nicht Mann und Frau. Denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (3, 28 f.; zit. n. S. 98).
44: Im Kapitel „Mission: 19. n. Chr.: Galatien“ seines Buches Herrschaft (S. 91 ff.) zitiert Tom Holland Musonius Rufus und andere Quellen aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert, um zu zeigen, dass die Männer, die man zu den „freigeborenen Römer[n]“ (S. 110) zählte, in dieser Zeit geringe Skrupel zeigten im Umgang mit ihren Untergebenen, sie „benutzten […] mit größter Selbstverständlichkeit den Straßenrand als Abtritt, und ebenso selbstverständlich benutzten sie Sklaven und Prostituierte, um ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen“ (S. 111). Im Gegensatz dazu erblickt Holland in Paulus und anderen Mitgliedern der Hagioi – der Kollektivbezeichnung für die frühchristliche Glaubensgemeinde – von Rom als Aktivisten im Kampf gegen diese sexuelle Unterwerfung und der all jener, die keine „freigeborenen Römer“ waren. Er beschreibt diese Versammlungen der frühen Christen als antiautoritäre Räume, „wo sie sich trafen, um der Festnahme und des Leidens Christi mit einem gemeinsamen Mahl zu gedenken“ (ebd.), dort „standen Männer direkt neben Frauen, Bürger neben Sklaven“ (ebd.). Vgl. hierzu auch D. M. Seal, The intersectionality of gender and slavery.
45: Für Abgajes Sicht auf diese Geschichte vgl. das Interview vom 29. Mai 2025 mit Premier Christianity. Was die Gliederung von Agbajes Gemeinde angeht, ist zu beachten, dass St. Edmund, King and Martyr als eine „Kapelle der Ruhe“ fungiert, die organisatorisch an St. Mary Woolnoth angebunden ist. Vgl. https://register-of-charities.charitycommission.gov.uk/en/.
46: Für Newtons Einfluss auf Wilberforce, vgl. J. Pollock, Wilberforce, S. 38 und C. L. Brown, Moral Capital, S. 383. Der Slave Trade Act stellte eine Verbesserung dar, doch befreite weder diejenigen, die bereits versklavt waren, noch untersagte er den Besitz von Sklaven in den britischen Überseegebieten. Die Sklaverei wurde dort erst illegal durch die Verabschiedung des Slavery Abolition Act des Jahres 1833.
47: Für mehr zu diesen schwarzen Abolitionisten, inklusive ihrer eigenen Schriften, vgl. F. Douglass, My bondage and my freedom; P. S. Foner, Frederick Douglass; N. I. Painter, Sojourner Truth; M. C. Sernett, Harriet Tubman; J. Stauffer, Giants; S. Truth, The narrative of Sojourner Truth and H. Tubman, Scenes in the life of Harriet Tubman.









