Frieden aus Stärke
Nietzsches Blick auf ausgehandelte Macht und bewaffneten Frieden
Frieden aus Stärke
Nietzsches Blick auf ausgehandelte Macht und bewaffneten Frieden


Krieg in Europa galt lange als undenkbar – bis er Realität wurde. Doch wie lässt sich Frieden denken, wenn normative Garantien versagen? Wenn es wenige mächtige und viele schwache Akteure gibt? Friedrich Nietzsche entwarf 1879 eine überraschend aktuelle Antwort: Frieden ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein aktiv ausgehandeltes Machtgleichgewicht. Er zeigte, wie ein stabiler Frieden alle Akteure zu eigener Stärke verpflichtet. Nietzsches Wandlung vom Kriegsbefürworter zum Denker eines Friedens aus Stärke ist eine Mahnung – auch und gerade an die Schwächeren.
Seit dem Ukraine-Krieg ist Europa operativ in die Kriegsführung und Verteidigung involviert. Hielt man gewaltsame Kriege in Westeuropa bis vor einigen Jahren noch für unwahrscheinlich, sind staatliche Akteure nun gezwungen, aktiv ins Geschehen einzugreifen. Während wir aus einem scheinbar „natürlichen“ Friedenszustand gerissen wurden, bahnte sich die Idee eines dauerhaften Friedens im 18. Jahrhundert überhaupt erst an (etwa bei Rousseau und Kant) und gewann im 19. Jahrhundert zunehmend politische und institutionelle Gestalt.
Vor diesem Hintergrund möchte ich darlegen, wie Nietzsche Recht und Gerechtigkeit durch Machtgleichgewichte erklärte und wie er im Jahre 1879 von der Notwendigkeit von Kriegen zu einer Perspektive dauerhaften Friedens aus Stärke gelangte. An Nietzsches Beispiel eines Friedens unter drei Stämmen wird dies veranschaulicht. Dann wird die Unterscheidung von bewaffnetem und wirklichem Frieden vorgestellt. Abschliessend wird ausgeführt, inwiefern Frieden als ausgehandeltes Machtgleichgewicht mit Blick auf die heutige Lage Europas ebenso starke wie schwache Akteure in die Pflicht nimmt. Nietzsches Sichtweise liest sich dabei aufdringlich aktuell.1

1. Recht als ausgehandeltes Machtgleichgewicht
Nietzsche verfasste 1879 während seines Sommeraufenthalts in St. Moritz das Buch Der Wanderer und sein Schatten (fortan kurz: Wanderer).2 Er vertritt dort die Auffassung, dass Gerechtigkeit nur unter Gleichen entstehen kann. Im Aphorismus mit dem Titel „Princip des Gleichgewichts“ heißt es prägnant: „Gleichgewicht ist die Basis der Gerechtigkeit.“3 Und einige Seiten später: „Recht, auf Verträgen zwischen Gleichen beruhend, besteht, solange die Macht Derer, die sich vertragen haben, eben gleich oder ähnlich ist“4. Nietzsche rechtfertigt das Vertragsrecht nicht normativ. Er verdeutlicht, dass es keinen metaphysischen Grund für das Recht gibt. Das wiederum impliziert: Der Naturzustand bleibt auch im Frieden bestehen, wird jedoch durch die aktive Ausübung von Macht unterdrückt. Im Notizbuch N IV 1 von 1879 ist das prägnant notiert: „Recht so lange als Machtgleichheit. Der Naturzustand hört nicht auf.“ (Abb. 1)5 Es gehöre ebenso zur „Klugheit“, dass sich ähnlich Mächtige nicht in sinnlosen Fehden verstricken wie, dass die Mächtigeren die Schwächeren nur soweit nötig unterwerfen, um wiederum Kräfte zu schonen.6 Im ein Jahr zuvor publizierten Aphorismenbuch Menschliches, Allzumenschliches heisst es 1878 mit Verweis auf Platons berühmten Melierdialog über den „Ursprung der Gerechtigkeit“: „[W]o es keine deutlich erkennbare Uebergewalt giebt und ein Kampf zum erfolglosen, gegenseitigen Schädigen würde, da entsteht der Gedanke sich zu verständigen und über die beiderseitigen Ansprüche zu verhandeln.“7 Nietzsche interessiert sich nicht für die moralische und juristische Legitimation des Rechts, sondern für dessen konkrete praktische Durchsetzung. Zudem bilde das Recht nicht das physische Kräftegleichgewicht ab, sondern lediglich dessen Einschätzung: „Das Recht geht ursprünglich so weit, als Einer dem Andern werthvoll, wesentlich, unverlierbar, unbesiegbar und dergleichen erscheint.“8 Es geht also nicht um objektiv messbare Größen, sondern um einen Prozess gegenseitiger Verhandlung von Macht. Nietzsche kommt daher zur Schlussfolgerung: „unusquisque tantum juris habet, quantum potentia valet“ (zu deutsch: Jeder hat so viel Recht, wie man ihm an Macht zugesteht).9 So gelingt es Nietzsche, den normativen Gerechtigkeitsbegriff durch das Prinzip des Gleichgewichts zu vermeiden. Die fehlenden Normen führen also nicht zu einer rohen Machtpolitik, sondern zu einem komplexen und interaktiven Abwägungsprozess. Volker Gerhardt fasst dies für Nietzsches sogenannte mittlere Schaffensperiode treffend zusammen: „Es ist die einsichtige Macht, nicht pure Gewalt, die hier das Recht begründet. Recht ist das Produkt wechselseitiger, auf künftige Handlungen projizierte Machtschätzungen.“10
Intuitiv denkt man bei Gleichgewicht zwar an eine einfache Waage mit zwei Gewichten, die anhand eines einheitlichen Masses verglichen werden. Nietzsche stützt sich jedoch auch auf die zeitgenössische Physik – insbesondere die Thermodynamik und das Kräftegleichgewicht – sowie auf ökonomische Modelle.11 Gleichgewicht oder Balance beschreibt eine Relation der Kräfte, die sich stabilisiert, solange keine Seite die Oberhand gewinnt. Es ist also dynamisch, nicht statisch. Folglich gilt das Recht nur so lange, wie das Gleichgewicht der Kräfte anhält. Gerhardt schreibt dazu: „Die Gleichgewichte werden nicht nur die jeweils autorisierten Seiten, sondern auch das durch sie gebildete Ganze erhalten. Einzelnes und Ganzes, Element und System können unter Gleichgewichtsbedingungen gleichermaßen überdauern.“12 Ein Machtgleichgewicht bedeutet daher weder Aussetzung von Macht noch Machtlosigkeit, sondern ein intelligentes, dynamisches und aktives Spiel der Kräfte.
2. Die Neubewertung von Krieg und Frieden
Vor 1879 war die Beständigkeit einer Kultur in Nietzsches Schriften stets mit dem Krieg verknüpft. Der Frieden diente lediglich als Übergangsphase für neue Kriege – wie es häufig in seinen frühen und späten Werken der Fall ist.13 Noch 1878 in Menschliches, Allzumenschliches tauchte die Vorstellung auf, dass Kriege eine Gesellschaft entweder ermatten oder neu beleben könnten. Die „Lösung“ bestand darin, umso schrecklichere Kriege zu führen. So heißt es im Aphorismus „Der Krieg unentbehrlich“:
Man wird noch vielerlei solche Surrogate des Krieges ausfindig machen, aber vielleicht durch sie immer mehr einsehen, dass eine solche hoch cultivirte und daher nothwendig matte Menschheit, wie die der jetzigen Europäer, nicht nur der Kriege, sondern der grössten und furchtbarsten Kriege – also zeitweiliger Rückfälle in die Barbarei – bedarf, um nicht an den Mitteln der Cultur ihre Cultur und ihr Dasein selber einzubüssen.14
Das Auf und Ab von Frieden und Krieg soll zur ständigen Erneuerung und Regeneration der Kultur führen. Nur auf diese Weise kann sich Nietzsche 1878 das Entstehen einer höheren Kulturform vorstellen. Und doch setzt Nietzsche hier mit den „Surrogaten des Krieges“ den Keim für seine kommende Meinungsänderung. Die gewaltsame Konfrontation ist nämlich bloss eine von vielen Ausprägungen des Krieges. Friedlich gewordene Gesellschaften schaffen sich „Surrogate“, also Ersatzformen des Krieges: So etwa unternehmen die Engländer gefährliche Seereisen und abenteuerliche Expeditionen.15 Gerade diese Möglichkeit, kriegerische Funktionen zu substituieren, erlaubt es Nietzsche, sich ein gutes Jahr später vom Krieg zu distanzieren.
Denn 1879, im Wanderer, hat Nietzsche seine Position grundlegend geändert. Er distanziert sich von der abstrakten Vorstellung, Krieg sei ein fairer Wettstreit oder eine reinigende Auseinandersetzung zwischen zwei isolierten Gegnern. Das neue Mittel der Europäisierung ist nun eine friedliche Demokratie. Der Krieg erscheint überflüssig, destruktiv und rückständig: „Die demokratischen Einrichtungen sind Quarantäne-Anstalten gegen die alte Pest tyrannenhafter Gelüste.“16 Nietzsche akzeptiert den demokratischen Wandel und dessen Folgen – darunter Sicherheit, Friedenszeiten, Gesundheit, Menschenrechte, geistige und körperliche Freiheit sowie die Möglichkeit langfristiger Planung. Das neue zeitliche Modell sieht einen langfristigen Übergang durch die Demokratie hin zu höheren Kulturformen vor. Da der Krieg als Heilmittel nur kurzfristige Erfolge bringt, jedoch große Zerstörung hinterlässt, setzt Nietzsche auf alternative Formen des Krieges – insbesondere auf die Diplomatie. Der ‚unentbehrliche Krieg‘ wurde innerhalb eines Jahres zum ‚unnötigen Krieg‘.17 Der Übergang von Menschliches, Allzumenschliches zum Wanderer bedeutet somit keine Entwertung der Bedeutung des Krieges, sondern vielmehr eine Transformation seiner Erscheinungsformen. Im Wanderer wird der Krieg als vielfältige und substituierbare Praxis verstanden.
3. Frieden als ausgehandelter Gleichgewichtszustand
Diese Wandlung im Denken lässt sich am Aphorismus „Das Lob des Uneigennützigen und sein Ursprung“ aus dem Wanderer nachvollziehen: Nietzsche schildert in einem ausführlichen Beispiel, wie zwei verfeindete Stämme durch das strategische Eingreifen einer dritten Partei zum Frieden gezwungen wurden: „Zwischen zwei nachbarlichen Häuptlingen war seit Jahren Hader: man verwüstete einander die Saaten, führte Heerden weg, brannte Häuser nieder, mit einem unentschiedenen Erfolge im Ganzen, weil ihre Macht ziemlich gleich war.“18 Der gewaltsame Krieg unter Gleichen lohnt sich nicht, da er allen Kontrahenten großen Schaden zufügt und der Nutzen ungewiss bleibt. Eine dritte Stammesgruppe befand sich mit ihren Besitztümern in einer geschützten Position und war für beide Konfliktparteien nicht angreifbar. Sie drohte jedoch, sich im Falle eines neuen Angriffs auf die Seite des Angegriffenen zu stellen. Diese Drohung führte zur Herstellung des Friedens. Im neuen friedlichen Zustand profitierten alle drei Stämme von wachsendem Wohlstand. Auch wenn die dritte Stammesgruppe sich theoretisch – durch ihre entfernte geographische Lage – aus dem Konflikt heraushalten könnte, würde dies Wohlstand und Wohlfahrt aller Akteure mindern. Nietzsche beschreibt dies wie folgt:
Jeder sah mit Erstaunen, wie plötzlich sein Wohlstand, sein Behagen wuchs, wie man jetzt am Nachbar einen kaufs- und verkaufsbereiten Händler, anstatt eines tückischen oder offen höhnenden Uebelthäters hatte, wie selbst, in unvorhergesehenen Nothfällen, man sich gegenseitig aus der Noth ziehen konnte, anstatt, wie es bisher geschehen, diese Noth des Nachbars auszunutzen und auf’s Höchste zu steigern; ja es schien, als ob der Menschenschlag in beiden Gegenden sich seitdem verschönert hätte: denn die Augen hatten sich erhellt, die Stirnen sich entrunzelt, Allen war das Vertrauen zur Zukunft zu eigen geworden, – und Nichts ist den Seelen und Leibern der Menschen förderlicher, als diess Vertrauen.19
Das Prosperieren und Aufblühen menschlicher Gemeinschaft in einem nicht durch Kriege erschütterten Vertrauensverhältnis zur Umwelt wurde Nietzsche 1879 zu „einem“ wünschenswerten Zustand. Darüber hinaus klingt mit dem verschönerten Menschenschlag, den entrunzelten Stirnen und der wohligen Vertrauenskultur eine Ästhetik des friedlichen Zusammenlebens an – aber auch eine ironische Übertreibung des zeitgenössischen Demokratiediskurses.20
Nietzsche nutzt das Beispiel der drei Stämme, um den Frieden als ein aktiv und geschickt hergestelltes Gleichgewicht der Kräfte zu beschreiben. Dieses Gleichgewicht beruht nicht auf normativen Gerechtigkeits- und Friedensbegriffen. Vielmehr baut der Frieden als Gleichgewichtszustand auf ausgehandelten Machtansprüchen, spezifisch situierten Akteuren sowie auf rationaler Nützlichkeit. Die diplomatische Verhandlung des dritten Stammes stellt eine Ersatzform des Krieges dar. Die Diplomaten vertreten die Machtpositionen im Hinblick auf die angestrebten Ziele und müssen diese den anderen Verhandlungspartnern möglichst überzeugend vermitteln. In diesem Sinne ist die Diplomatie eine höhere Form des Krieges als der gewaltsame Konflikt. Die dritte Stammesgruppe führte diesen Frieden aber auch durch Drohung herbei. In Gestalt der Drohung formierte der Krieg als Option die diplomatische Verhandlung. Die Diplomatie spielt im Wanderer folgerichtig eine bedeutende Rolle. So heisst es im Aphorismus „Sieg der Demokratie“, man brauche Diplomaten der Zukunft, „die zugleich Culturforscher, Landwirthe, Verkehrskenner sein müssen und keine Heere, sondern Gründe und Nützlichkeiten hinter sich haben.“21 Nietzsche entwirft im Vergleich zu seinen früheren Schriften ein komplexeres Modell des Machtgleichgewichts, das unter Berücksichtigung der jeweiligen Lage der beteiligten Stämme unterschiedliche Machtpotenziale sichtbar macht. Zwischen den frühen Schriften und dem Wanderer hat sich die Demokratie von einer Tyrannei der Schwachen zu einem machtgeladenen Aushandlungsprozess gewandelt.
4. Bewaffneter und wirklicher Frieden
In einem auffälligen Aphorismus mit dem Titel „Das Mittel zum wirklichen Frieden“ thematisiert Nietzsche die militärischen Heere der einzelnen Staaten. Die Heere würden zwar als Mittel zur Notwehr legitimiert, bildeten aber implizit das Misstrauen gegenüber den anderen Akteuren ab: „So stehen nun alle Staaten jetzt gegen einander: sie setzen die schlechte Gesinnung des Nachbars und die gute Gesinnung bei sich voraus. Diese Voraussetzung ist aber eine Inhumanität, so schlimm und schlimmer als der Krieg.“22 Diese Aussage irritiert doppelt: Einerseits, weil sie das dargelegte dynamische Machtgleichgewicht als „bewaffneten Frieden“ kritisiert, andererseits weil es je nach Sichtweise idealistisch oder naiv scheint, wenn Nietzsche dafür plädiert, dass die kriegerische Gesinnung nur dann durchbrochen werden kann, wenn sich „der“ Mächtigste wehrlos macht und sein Heer zertrümmert: „Sich wehrlos machen, während man der Wehrhafteste war, aus einer Höhe der Empfindung heraus, — das ist das Mittel zum wirklichen Frieden, welcher immer auf einem Frieden der Gesinnung ruhen muss.“23 Zunächst wendet sich dieser Aphorismus an eine unbekannte Zukunft und beschreibt für Nietzsche keine aktuelle Möglichkeit („Und es kommt vielleicht ein grosser Tag“). Ich interpretiere den Aphorismus als schlichte Fortsetzung des Gedankens eines Friedens aus Stärke: Der Wehrhafteste, d. h. der Stärkste, macht sich aus der Position der Stärke heraus wehrlos.24 Dies ist für Nietzsche die einzig denkbare Variante, um einen wirklichen Frieden zu erhalten: Denn wie dargelegt glaubt Nietzsche (anders als Kant) nicht an vertragliche Friedensgarantien, welche unabhängig von dynamischen Machtgleichgewichten bestehen. Zugleich ist für Nietzsche ein ewiger Friede nicht mit kriegerischen Mitteln herstellbar, weil diese die „schlechte Gesinnung des Nachbars“25 voraussetzen und weitere Kriege provozieren. Deshalb könne es auch keinen graduellen, allmählichen Abbau von Kriegsmitteln zur Etablierung eines dauerhaften Friedens geben. Nietzsches Verweis auf eine beinahe utopische Zukunft eines friedensstiftenden hochentwickelten Imperiums („höchste Ausbildung der militärischen Ordnung und Intelligenz“) zeugt insbesondere davon, wie unplausibel diese Fiktion ist.26 Nietzsches These ist so gesehen kein pazifistisches Plädoyer, sondern gar eine Ermahnung: Denn wer sich wehrlos macht, ohne über höchste Macht und Stärke zu verfügen, schwächt das dynamische Machtgleichgewicht.
Das zukünftige Friedensszenario mit einem einzigen Hauptakteur wirkt unterkomplex im Vergleich zum oben besprochenen Aphorismus „Das Lob des Uneigennützigen und sein Ursprung“. Anstelle des dynamischen komplexen Gleichgewichts dreier je anders situierter Akteure tritt hier die vereinfachte Sicht eines agonalen Wettkampfs mit einem einzigen, friedliebenden Gewinner. In der damaligen wie heutigen imperialen Machtordnung mit mehreren Grossmächten ist es schwer vorstellbar, dass es einst einen einzelnen „Wehrhaftesten“ bzw. im Singular „ein Volk“ gäbe, das seine militärischen Mittel zerstören könnte. Zudem unterschlägt diese alternativlose Friedensaussicht die vielfältigen Vorteile des friedlichen Zusammenlebens im Beispiel der drei Stämme. Letzteres führte zum „Vertrauen zur Zukunft“27, welches ein grosses Potenzial friedensstiftender Gesinnung in sich birgt.

5. Schluss: Frieden aus Stärke verpflichtet alle Akteure
Das 19. Jahrhundert in Europa war zwar von Kriegen geprägt, doch war es vergleichsweise eine „Zeit von geringer Gewalttätigkeit.“28 Das liess Raum für neue Friedensvorstellungen. Nietzsche, der im Deutsch-Französischen Krieg 1871 kurz als Sanitäter im Einsatz war, schien 1879 gedanklich genug distanziert, um den gewaltsamen Kriegen überwiegend zerstörerische Folgen zu attestieren. Zugleich war er durch die Kriegserfahrungen erstens davor gefeit, einem naiven Pazifismus zu verfallen und zweitens zu vertraut mit der Realpolitik, um an eine universalistische Vertragstheorie zu glauben. So liess die Geschichtsschreibung wenig Hoffnung für die Durchsetzbarkeit einer philosophischen Legitimation von Recht. Nietzsche lädt dazu ein, aktuelle Herausforderungen aus dem nüchternen Blickwinkel der Machtpolitik anzuschauen und sie nicht vorschnell als blosses Gewaltgeschehen zu verwerfen. Denn Nietzsches Neubewertung von Frieden und Demokratie im Wanderer ist ein Plädoyer für eine intelligente, machtbewusste Friedensordnung. Frieden ist nicht wie in früheren Werken ein Zeichen der Ermattung, der Schwäche oder des Rückzugs, sondern das bewusste Aushandeln und Balancieren eines dynamischen Gleichgewichts. Frieden ist ein aktiver Zustand, der Kräfte bindet und neu ordnet – nicht die Abwesenheit von Macht. Frieden ist daher auch kein passives Ergebnis determinierter Machtverhältnisse. Frieden als dynamisches Machtgleichgewicht ist eine kulturelle Entwicklungsleistung: In den Notizen von 1879 steht: „Dass es Gleichg. gibt, ist eine grosse Stufe“ (Abb. 2).29 Es handelt sich hierbei, wie Henning Ottmann formulierte, um eine „Philosophie des Friedens“, deren „Bedingung […] die Stärke“ ist.30 In dieser Sichtweise gibt es keine normativen Garantien, welche fernab von Situiertheit, Nützlichkeiten und Machtansprüchen die Zeiten überdauern.
Davon lässt sich heute (leider) einiges lernen. Denn gerade in einer Zeit der erstarkten (oder sichtbar gewordenen) Machtpolitik, der erodierenden multilateralen Institutionen sowie der nuklearen Drohkulissen, ist Nietzsches Perspektive bemerkenswert: So stellt sich im Sinne Nietzsches heute die Frage, welche diplomatischen Aushandlungen jenseits normativer Wertvorstellungen einzelner Akteure zu neuen, stabilisierenden Machtgleichgewichten führen können? Wie kann ein für alle Akteure nützlicher Frieden aussehen? Wie können in Bezug auf Frieden alle Akteure ihre Macht aktiv bewirtschaften (im Gegensatz zum Machtverzicht)? Denn schwächere Akteure können sich nicht mit dem Hinweis auf ihre Schwäche oder ihren Pazifismus aus der Verantwortung ziehen, weil selbst in den Modalitäten der Unterwerfung stabilisierende Effekte auszuhandeln sind. Dieses Bewusstsein für Macht und Verletzlichkeit ist wichtig in der Verhandlung mit Akteuren, welche auf kriegerische Mittel zurückzugreifen drohen (und mit solchen, welche die mit Ersatzmitteln ausgehandelten Regeln nicht befolgen). Ein Gleichgewicht in Relation zu allen stabilisierenden Kräften verpflichtet alle Akteure zu eigener Stärke. In Zeiten eines bewaffneten Friedens und zunehmender Aufrüstung kann dies nicht bloss durch diplomatisches Geschick geschehen, sondern muss auch durch wirtschaftliche und militärische Stärke gestützt werden. In dieser systemischen Sichtweise bricht ein Chaos auch nicht nur aufgrund des Fehlverhaltens einzelner Akteure aus, sondern weil der von allen getragene Gleichgewichtszustand von mehreren Seiten instabil wurde. So haben wir es heute mit der umgekehrten Ausgangslage von Nietzsches Fiktion zu tun: Die Wehrhaftesten machen sich noch wehrhafter, weshalb der bewaffnete Frieden weiterhin das einzig erreichbare Gleichgewicht darstellt. Und dieses verpflichtet alle Akteure zu aktiver Machtpolitik und Stärke. Dies entspricht der heutigen Lage Europas in einer Zeit, in welcher Regeln nur so lange gelten, „wie eine Autorität bereit ist, sie durchzusetzen.“31
Tobias Brücker ist promovierter Kulturwissenschaftler und Leiter der HR-Personalentwicklung an der Zürcher Hochschule der Künste. Er hat zu Nietzsches Arbeitsweise geforscht und 2019 die Monografie Auf dem Weg zur Philosophie. Friedrich Nietzsche schreibt „Der Wanderer und sein Schatten“ publiziert. Er interessiert sich für alle Facetten von Diäten, Autorschaft und Kreativitätstechniken in der Philosophie und in den Künsten.
Artikelbild
L’Equilibre Européen („Das europäische Gleichgewicht“) ist eine berühmte Lithografie es französischen Karikaturisten Honoré Daumier (1808–1879). Sie wurde 1866 in der satirischen Zeitschrift Le Charivari veröffentlicht – in einer Phase grosser europäischer Spannungen, kurz vor und um den Preussisch-Österreichischen Krieg herum (Quelle).
Literatur
Brücker, Tobias: Auf dem Weg zur Philosophie. Friedrich Nietzsche schreibt „Der Wanderer und sein Schatten“. Paderborn 2019 (Link).
Gerhardt, Volker: Das „Princip des Gleichgewichts“. Zum Verhältnis von Recht und Macht bei Nietzsche. In: Nietzsche-Studien 12 (1983), S. 111-133.
Kaufmann, Sebastian: Kommentar zu Nietzsches „Der Wanderer und sein Schatten“. Berlin & Boston 2024.
Münkler, Herfried: Die alte Weltordnung ist zerbrochen. In: NZZ, 2.7.2025, S. 32.
Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 2009.
Ottmann, Henning: Philosophie und Politik bei Nietzsche. Berlin & New York 1999.
Fußnoten
1: Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag mit dem Titel „La paix : un état de la puissance dans Le Voyageur et son ombre“, den ich an folgender Tagung gehalten habe: „Les figures de la puissance chez Nietzsche“, Journée d’études nietzschéennes à l’ENS, École normale supérieure de Paris, 29.03.2018.
2: Als Anhang zu Menschliches, Allzumenschliches betrachtet, wurde diesem Werk in der Rezeption bisher wenig Bedeutung beigemessen. Eine ausführliche Untersuchung zur Editionsgeschichte sowie zum Thema der Demokratie findet sich in: Tobias Brücker, Auf dem Weg zur Philosophie, S. 197-239.
3: Der Wanderer und sein Schatten (in der Folge: WS), 22.
4: WS 26.
6: Vgl. WS 26.
7: Menschliches, Allzumenschliches Bd. 1, 92.
8: Menschliches, Allzumenschliches Bd. 1, 93.
9: Ebd.
10: Vgl. Volker Gerhardt, Das „Princip des Gleichgewichts“, S. 127.
11: Vgl. Gerhardt, Das „Princip des Gleichgewichts“.
12: Ebd., S. 129.
13: Vgl. z. B. CV 3, MA I, 477, MA I, 444, JGB 210, JGB 238, NF 1888, 14[192]. Siehe auch Brücker, Auf dem Weg, S. 201-207.
14: Menschliches, Allzumenschliches Bd. 1, 477.
15: Vgl. ebd.1
16: WS 289.
17: Vgl. ausführlich: Brücker, Auf dem Weg, S. 197-239.
18: WS 190.
19: Ebd.
20: Vgl. Brücker, Auf dem Weg, S. 209 ff.
21: WS 292.
22: WS 284.
23: Ebd.
24: Im Kommentar zu WS sind verschiedene Interpretationen aufgeführt, vgl. Sebastian Kaufmann, Kommentar, S. 485-489.
25: WS 284.
26: Vgl. auch hier die Bemerkungen zur Funktion von Rhetorik und unbestimmter Zukunft in Nietzsches Demokratie-Aphorismen in Brücker, Auf dem Weg, S. 209 f.
27: WS 190.
28: Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt, S. 705.
29: Notizbuch N IV 1, S. 3. Auf den Seiten 2 und 3 sind Notizen, welche als Vorstufen für den zitierten Aphorismus WS 22 „Princip des Gleichgewichts“ verarbeitet wurden.
30: Henning Ottmann, Philosophie und Politik bei Nietzsche, S. 127.
31: Herfried Münkler, Die alte Weltordnung ist zerbrochen.



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