Der Gottesleugner als

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Übertrainer

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Nietzsche und die neue Gläubigkeit im Sport

Der Gottesleugner als Übertrainer

Nietzsche und die neue Gläubigkeit im Sport

6.10.26
Christian Saehrendt
Immer mehr Profisportler bekennen sich zu ihrem religiösen Glauben – und manche benennen auch Nietzsche als ideologische Motivationsquelle. Was ist dran an der Nietzsche-Verehrung unter manchen sports men? Taugt Nietzsche wirklich als Motivator der Leibesertüchtigung? Und: Ist der bekannte Gottesleugner Nietzsche ein besserer Trainer als Gott?

Immer mehr Profisportler bekennen sich zu ihrem religiösen Glauben – und manche benennen auch Nietzsche als ideologische Motivationsquelle. Was ist dran an der Nietzsche-Verehrung unter manchen sports men? Taugt Nietzsche wirklich als Motivator der Leibesertüchtigung? Und: Ist der bekannte Gottesleugner Nietzsche ein besserer Trainer als Gott?

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Es ist im Profisport ein wenig in Mode gekommen, sich im Wettkampf, auf Social Media oder in Interviews zu seinem Glauben zu bekennen: mit Gottes Hilfe geht es ins Finale, Gott entscheidet das Elfmeterschiessen, „dem Himmel sei Dank“ für neue Bestzeiten! Andererseits wird gelegentlich auch Nietzsche, der berüchtigte Gottesleugner, als Sportapostel zitiert. Wer ist der bessere Trainer? Gott oder Friedrich?

Eine Reihe von Spitzensportlern hat sich in den letzten Jahren als überzeugte Muslime oder Christen präsentiert. Zu den bekennenden Muslimen zählen beispielsweise der ägyptische Weltklassespieler Mohamed Salah (er feiert seine Tore oft, indem er sich aus Dankbarkeit gegenüber Allah auf dem Rasen kniet und mit der Stirn den Boden berührt), die französischen Stars Karim Benzema und Paul Pogba oder der deutsche Ex-Nationalspieler Antonio Rüdiger. Auch manche christliche Fußballprofis zeigen ihren Fans, wie wichtig ihnen ihr Glaube ist, etwa bei der letzten WM. Nach dem Abpfiff des deutschen WM-Auftaktspiels bildeten fünf Männer einen Kreis auf dem Rasen. Torschütze Felix Nmecha stand dort, Arm in Arm mit Nationalmannschaftskollege Jonathan Tah – und drei Spielern in den Trikots von Gegner Curacao. Ihre Köpfe sind gesenkt, sie beten gemeinsam. Nmecha ist einer der führenden Figuren der „Ballers in God", einer Vereinigung evangelikaler Fußballer. Auch in anderen Sportarten brillieren gläubige Christen. Der serbische Tennis-Star Novak Djokovic bekannte nach seinem Olympiasieg 2024 seinen Glauben direkt auf dem Tennis-Court. Die Kunstturnerin Simone Biles (mehrfache olympische Gold- und Silbergewinnerin 2024) gibt sich als gläubige Christin zu erkennen, ebenso wie die deutsche Kugelstosserin und Olympiasiegerin Yemisi Ogunleye.

Gelegentlich findet man auch bekennende Atheisten bzw. Agnostiker im Profisport, etwa der Formel 1-Fahrer Fernando Alonso Diaz, Fussballtrainer Pep Guardiola und der spanische Tennisstar Rafael Nadal.1  

Hingegen war es nicht so leicht, einen Spitzensportler zu finden, der sich zu Nietzsche bekennt. Hier wären die Boxlegende Mike Tyson, der japanische Fussballprofi Makoto Hasebe und der französische Radrennprofi Guillaume Martin-Guyonnet zu nennen. Tysons Bekenntnis zu Nietzsche im Wall Street Journal –

Ich liebe es, philosophische Texte zu lesen. Die meisten Philosophen sind dermaßen politisch inkorrekt – sie stellen den status quo in Frage, sogar die Existenz Gottes. Nietzsche ist mein Lieblingsphilosoph. Er ist einfach irre. Man muss einen IQ von mindestens 300 haben, um ihn wirklich zu verstehen.2  

– erfolgte allerdings zu einem Zeitpunkt, als seine aktive Boxerlaufbahn schon beendet war. Ob er auch in jungen Jahren, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, Nietzsche las, um sich motivieren, ist nicht bekannt und nicht sehr wahrscheinlich. Stattdessen trat er damals öffentlichkeitswirksam zum Islam über, wie einstmals Cassius Clay. Der ehemalige Eintracht-Frankfurt-Profi (heute Assistenztrainer bei der zweiten Mannschaft in der Regionalliga Südwest) und langjährige Kapitän der japanischen Fussballnationalmannschaft (114 Spiele), Makoto Hasebe, bekannte sich 2014 zur Nietzsche-Lektüre.3 Demnach wurde er beim Verfassen seines Buches „Die Ordnung der Seele. 56 Gewohnheiten, um den Sieg zu erringen“ stark von Nietzsche beeinflusst.4 Hasebe schrieb damit einen Philosophiebestseller, der in Japan fast zwei Millionen Mal verkauft wurde (eine deutsche Ausgabe gibt es leider nicht). Eine Interviewanfrage zu diesem Thema hat er leider abgelehnt. Dafür war Guillaume Martin-Guyonnet (vgl. Abb. 1) zu einer Zusammenarbeit bereit und wird im Verlauf dieses Artikels noch mehrfach zu Wort kommen, wobei Martin-Guyonnet auch als Theoretiker in Erscheinung trat, vor einigen Jahren schloss er eine Master-Arbeit zum Thema ab „Der Sport als zeitgenössische Anwendung der Philosophie von Nietzsche“. Darüber hinaus publizierte er zwei Bücher im Themenfeld „Sport und Philosophie“.5

Im Kraftsport, Bodybuilding und bei Personal Trainern hört man den Namen Nietzsches hingegen häufiger. Als Leitfäden der folgenden Erörterung sollen einige grundsätzliche Fragen dienen: Welche Zitate, Gedanken oder Texte Nietzsches werden am häufigsten als Motivationsquellen im Sport verwendet? Auf welche Weise könnte Nietzsche dazu beitragen, bessere sportliche Leistungen zu erbringen oder Wettbewerbe zu gewinnen?

Ist Nietzsche eher ein Mentor für den offenen Kampf im Wettbewerb, für das wilde und dramatische Duell gegen einen Gegner oder eher ein Philosoph für Training, Rekonvaleszenz und systematische Vorbereitung? Ist Nietzsche ein besserer Mentor als andere Philosophen oder als religiöse Figuren? In diesem Sinne: Ist der weithin als „Gottesleugner“ bekannte Nietzsche ein besserer Trainer als Gott?

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Abbildung 1: Le Ubermensch Guillaume Martin-Guyonnet. Copyright: Guillaume Martin-Guyonnet 2026.

I. Nietzsche über den Sport und den Leib

Das Thema „Nietzsche und der Sport“ erscheint als ein Paradox: Zu Nietzsches Lebzeiten existierte das Konzept des modernen Sports in seinen beiden Ausprägungen als leistungsorientierter Körperkult, milliardenschwere Unterhaltungsmaschine und volksgesundheitlicher Breitensport noch gar nicht. Die Olympischen Spiele wurden erst 1896 wiederbelebt, der Fussball war noch eine exzentrische Vergnügung junger Briten. Allenfalls die Turnbewegung des nationalistischen Pädagogen Friedrich Ludwig Jahn war im Deutschland des 19. Jahrhunderts etabliert und hatte 1818 bereits 12.000 Mitglieder, die sich in Wehrertüchtigung und patriotischen Ritualen ergangen. Jahn brachte Reck und Barren als Sportgeräte in Stellung, er gilt als Erfinder des Geräteturnens, mit dem seit nunmehr 200 Jahren Kinder und Jugendliche im Schulsport gequält werden. Schul- und Vereinssport hatte damals u. a. die Funktion, die Wehrtüchtigkeit der männlichen Jugend sicherzustellen.  

Wie sich Nietzsche beim Geräteturnen angestellt hat, wissen wir nicht.6 Später, als Erwachsener, hat er immerhin regelmäßig Spaziergänge unternommen – inwieweit er dabei, vor allem in den Alpen, an seine körperlichen Grenzen ging, ist ebenfalls nicht bekannt, vermutlich war er eher Flaneur als Extremsportler. Wer von ihm konkrete Hinweise auf Sport und Training erwartet, wird enttäuscht. Für Nietzsche steht zunächst einmal ein grundsätzlich positives Körperbild im Vordergrund, das gegen eine körperfeindliche Moral und Religion durchgesetzt werden muss, damit man erst zum fertigen Menschen (in diesem Sinne zum Übermenschen) werden kann. Es geht Nietzsche darum, die damals herrschende Körperverachtung, die mit einer Verherrlichung von Geist und Seele einherging, zu bekämpfen:  

Der Körper ist etwas Böses, die Schönheit ist eine Teufelei; mager, gräßlich, verhungert, schwarz, schmutzig, so soll der Leib aussehen. Am Leibe zu freveln das gilt mir als ein Freveln an der Erde und am Sinn der Erde. Wehe dem Unseligen, dem der Leib böse und die Schönheit teuflisch scheint!7  

An anderer Stelle schreibt er:  

Der Begriff „Seele“, „Geist“, zuletzt gar noch „unsterbliche Seele“, erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank – „heilig“ – zu machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen, den Fragen von Nahrung, Wohnung, geistiger Diät, Krankenbehandlung, Reinlichkeit, Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen!8

Stattdessen sollte dem Menschen die unauflösliche Verbindung von Geist und Körper bewusst werden und er sollte danach leben. Das körperliche Training geht dem geistigen Aufschwung voraus: „[E]rst den Leib hoch bilden: es findet sich da schon die Denkweise.“9

In manchen Äußerungen Nietzsches hat man sogar den Eindruck, dass er den Körper über den Geist stellt und die geistige Leistung als bloße Ableitung der körperlichen Vitalität betrachtet:  

Hinter deinen Gedanken und Gefühlen steht dein Leib und dein Selbst im Leibe: die terra incognita. Wozu hast du diese Gedanken und diese Gefühle? Dein Selbst im Leibe will etwas damit.10  
Und kurz gesagt: es handelt sich vielleicht bei der ganzen Entwicklung des Geistes um den Leib: es ist die fühlbar werdende Geschichte davon, daß ein höherer Leib sich bildet. Das Organische steigt noch auf höhere Stufen. Unsere Gier nach Erkenntniß der Natur ist ein Mittel, wodurch der Leib sich vervollkommnen will.11

Der mentale Zugang zum eigenen Körper, die Bejahung des eigenen Körpers, die Befreiung von körperfeindlicher und sinnenfeindlicher christlicher Moral waren für Nietzsche wichtige Schritte zur (Über-)Menschwerdung, wobei Nietzsche statt „Sport“ oder „Training“ das Wort gymnastisch verwendet. Dies aber nicht konkret im Bezug auf Leibesübungen, sondern sinnbildlich auf das Training des Geistes bezogen.12  

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Abbildung 2: Versinnbildung des modernen Massensports. Albert Gleizes: Fußballspieler (1912/13) (Quelle).

II. Entwicklung im modernen Sport

Ausgehend von Großbritannien und den USA verbreitete sich Ende des 19. Jahrhunderts das Konzept des unterhaltsamen und wettbewerbsorientierten Sports in Europa. Industrialisierung, Massenmedien und Sportwesen entfalteten sich parallel und unter wechselseitigem Einfluss. Im Sport spiegelte sich die kapitalistische Wirtschaft und Arbeitswelt. Rekorde, Leistungsmessungen und Konkurrenz bestimmten die Regeln und Dynamik des Sportgeschehens, die Ergebnisse waren Gegenstand von lukrativen Wetten, sorgten für Medienberichterstattung und Investments. Sportvereine wurden zu Orten, an denen sich regionale oder soziale Identität manifestierte, Nationalmannschaften in internationalen Wettbewerben stärkten das Nationalbewusstsein in den teilnehmenden Ländern. Zudem fand im Sport wie auch in der Industrie eine permanente Entwicklung zu intensiverer Rationalisierung, Spezialisierung und Technisierung statt. „Der moderne Sport“, erkannte Adorno schon vor Jahrzehnten,  

sucht dem Leib einen Teil der Funktionen zurückzugeben, welche ihm die Maschine entzogen hat. Aber er sucht es, um die Menschen zur Bedienung der Maschine um so unerbittlicher einzuschulen. Er ähnelt den Leib tendenziell der Maschine an, darum gehört er ins Reich der Unfreiheit, wo immer man ihn auch organisiert.13  

Die „Mechanisierung des Körpers“ ging bis zur Jahrtausendwende ungebremst weiter, so dass der Philosoph Volker Caysa schon 1997 andeutete, es könne im Sport der „Tod des Körpers“14 stattfinden, eine These, die vor dem heutigen Hintergrund von Neuralink- und Cyborgexperimenten, Protheseneinsatz und „Enhanced games“ an Plausibilität gewonnen hat. Der lustvoll, frei und spielerisch ausgeübte Sport des Sportliebhabers („Amateurs“) ist mittlerweile nur noch eine ferne Erinnerung, bis hinein in den Freizeit- und Breitensport wird auf „Professionalität“ und messbare „Leistung“ gedrängt. Heute werden Sport und Profisportler wissenschaftlichen und technologischen Optimierungsverfahren unterzogen, sie bekommen Maschinenkörper, die wiederum als massenmediale Unterhaltungsobjekte und als Werbeträger für Produkte dienen, welche in irgendeiner Weise von der Aura der Jugendlichkeit profitieren, die Sport und Sportler umgibt. Diese Produkte in den Sparten Ernährung, Kleidung. Schuhe, Fahrzeuge, Sportgeräte, Körperpflege sind für den Massenmarkt der Freizeitsportler konzipiert, die ihr Hobby möglichst profimässig ausüben, um den eigenen Körper zum Fetisch ihrer Selbstoptimierungs- und Langlebigkeitsträume machen zu können. Aber selbst die Nichtsportler möchten von der Aura der Sportprodukte und Merchandise-Artikel profitieren. Allein schon der Siegeszug der Jogginghose als Alltags- und Strassenkleidung von Passivsportlern und Unsportlern zeugt davon. Sportbegeisterte Normalverdiener nutzen hingegen neben ihrer Ausrüstung noch zusätzlich Online-Kurse, Fitnessstudios, -tracker und -apps. Und wer es sich leisten kann, arbeitet mit angeheuerten Ernährungsberatern, Physiotherapeuten und Personal Trainern. Während Breitensport im Zeitalter des Nationalismus vor allem der „Volksgesundheit“, konkret der Stärkung der Wehr- und Gebärfähigkeit diente, weil man gesunde Arbeiter für die Industrie und massenhaft Infanteristen für die Heere brauchte, wollen sich heute vor allem Individuen mit einem sportlichen Lebensstil optimieren und profilieren, oder diesen zumindest durch geeignete Produkte simulieren.

Sowohl für Profi- als auch für Breitensport gilt heute laut Niklas Luhmann:  

Am Sport fällt die extreme Reduktion weiterreichender Sinnbezüge auf, die dann als Grundlage dient für ein komplexes Arrangement von Leistungsbewertungen, Leistungsmessungen, Notierungen, Vergleichen, Fortschritten und Rückschritten.15  

Zahlen, Daten und Messmethoden scheinen hier für sich selbst zu stehen. Als Gegengewicht zu dieser eigentlich öden und sterilen Körpertechnologisierung führen die Athleten für Medien und Zuschauer eine ästhetisch aufgemotzte und zugleich moralgesättigte Körpershow auf. Dazu bedienen Sportler und Sportfunktionäre weithin die immerwährende Erwartung der Zuschauer, es würden faire und ehrliche Wettbewerbe stattfinden, die Athleten würden sich also nicht wegen des Geldes, sondern – wie ehemals die Amateure – aus Leidenschaft und Liebe für Spiel und Sport engagieren. Der moderne Sport verkörpert einerseits einen „Hyperindividualismus“16 und setzt einen Siegerinstinkt voraus, schreibt Guillaume Martin-Guyonnet, andererseits verlange die Olympische Bewegung und die offizielle Sportwelt eine altruistische Teamleistung, was heuchlerisch sein und Misstrauen geradezu hervorrufen müsse.17  

„Diese Spaltung des Spitzensports in eine Show auf der einen und eine moralisierende Rede auf der anderen Seite zeigt deutlicher als jedes zeitgenössische Theaterstück den Zustand der Gesellschaft“, kritisierte der Sportsoziologe Gunter Gebauer bereits 1997.18

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Abbildung 3: Mentzers Trainingspartner war kein Mensch – es war der Wille zur Macht. Bildschirmfoto “NIETZSCHE WAS MY TRAINING PARTNER!“, Heavy Duty College. Online: https://www.youtube.com/watch?v=rIeQKeVmwT0 (04.04.2025)

III. Nietzsche-begeisterte Sportler

Körpermaschinen und kommerzielle Körpershows, Nationalismus. Kommerz, Sinnlosigkeit und Doppelmoral – es ist unwahrscheinlich, dass Nietzsche die heutige Sportwelt in irgendeiner Weise goutiert hätte. Trotzdem gilt Nietzsche in manchen Sportlerkreisen als Vorbildfigur, als eine Art Übertrainer, der das Mindset des Athleten entscheidend zu ändern vermag. Er gilt als Apologet des menschlichen Individuums, das über sich hinauswächst. Diese Denkfigur ist im Sport äußerst populär, denn sie suggeriert ein Hinauswachsen über bisherige Leistungen, Bestmarken und Rankingpositionen, aber auch ein buchstäbliches körperliches Hinauswachsen durch neu erworbene Muskelmasse, die die zu eng gewordene Kleidung sprengt: Das freudig festgestellte „Bulging out“ der Body Builder und Freizeitpumper. So verwundert es nicht, dass Nietzsches Werk Trainern, Fitness-Youtubern und Personal Coaches als Steinbruch für Motivationssprüche dient. Hier einige Beispiele aus der Online-Recherche. So erläutert der Bodybuilder Alexander Bromley in seinem YouTube-Kanal „What Nietzsche Taught Me About Lifting Weights“, während ein texanischer Coach die Frage stellt: „Should Friedrich Nietzsche be your personal trainer?“, und seine „Friedrich Nietzsche training method“ mit dem bekannten Zitat schmückt: „That which does not kill us makes us stronger“.19 Der englische Personaltrainer Daniel Welsteadt verspricht: „Indem ich die Lehren Nietzsches und Schopenhauers in mein Coaching integriere, kann ich meine Kunden dazu inspirieren, ihre inneren Krieger anzuzapfen und ihre Fitnesschallenges ohne Umschweife anzugehen.“20 Die Sportjournalistin Mandy Bonilla räsoniert: „Warum die meisten Männer das Gym nach sechs Wochen verlassen: Nietzsche hat’s vor 150 Jahren gewusst.“ Laut Bonilla sah Nietzsche

den modernen Impuls, Bequemlichkeit zu suchen, als einen direkten Weg zur Schwäche. Für den deutschen Philosophen waren Entbehrungen ein notwendiger Widerstand, der einen stärkeren Willen schmiedet. Er glaubte, dass darin die einzige Ursache für jede echte Verbesserung der Menschheit besteht.21

Auf dem Youtube-Kanal „Heavy-Duty-College“ wird der amerikanische Bodybuilder und Mr. Universum-Titelträger von 1978, Mike Mentzer (1951–2001), posthum als überzeugter Nietzscheaner porträtiert (vgl. Abb. 3):

In einer Welt voller Lärm … trainierte ein Mann in aller Stille. Während andere dem Hype nachjagten, suchte Mike Mentzer die Wahrheit – in den Werken Nietzsches. Dies ist nicht nur eine Geschichte über Sätze und Wiederholungen. Es geht um Schmerz. Philosophie. Kraft. Und das Feuer, das es braucht, um nicht nur einen Körper aufzubauen … sondern ein höheres Selbst. In den Wochen, bevor er als Mr. Universe Geschichte schrieb, war Mentzers Trainingspartner kein Mensch – es war der Wille zur Macht. Nietzsches Worte zündeten die Lunte. Das Eisen formte den Rest. Was braucht es, um ein Übermensch zu werden? Einsamkeit. Leiden. Und eine im Feuer geschmiedete Seele.22

Im Rückblick wird Mentzer, der 2001 an einer Morphinüberdosis starb, zur Inkarnation von Nietzsches Übermenschen stilisiert.

Für Guillaume Martin-Guyonnet sind die echten Übermenschen die Extremsportler, die an der Grenze des menschlich Möglichen kratzen – wohlgemerkt ohne Doping.23 Im Blick auf das Zitat „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ sagt Martin-Guyonnet:  

Es stimmt zwar, dass Nietzsches Worte oft aus dem Kontext gerissen und psychologisiert werden, um besonders resiliente Menschen zu loben, aber in diesem Fall trifft es tatsächlich den Kern der Sache. Ich habe dieses Zitat deshalb in gewisser Weise auch zu meinem Mantra gemacht. Nietzsche verstand, dass körperliche Strapazen und hartes Training, was ja auch eine Form der Aggression gegen den eigenen Körper ist, letztlich zu einer Steigerung von Leistungskraft und Widerstandsfähigkeit führen.24  

Zusammengefasst: Der Übertrainer Nietzsche steht für Härte gegen sich selbst, trainierbare Willensstärke, Unempfindlichkeit gegen Rückschläge. Seine Lehren sind sowohl im Ausdauertraining, als auch im Kraft- und Kampfsport anwendbar. Am häufigsten wird dabei „aus der Kriegsschule des Lebens“ der berühmte Aphorismus „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ zitiert. Ebenfalls sehr bekannt ist der Satz aus dem Zarathustra:

Wer sich stets viel geschont hat, der kränkelt zuletzt an seiner vielen Schonung. Gelobt sei, was hart macht! Ich lobe das Land nicht, wo Butter und Honig – fliesst!25  

Und schließlich bildet der Satz: „Hat man sein warum? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem wie?“26, die Grundlage jeglicher Leistungs- und Leidensfähigkeit im Training wie im Leben.

Ein weiterer, etwas seltener genannter Topos, der Nietzsche für Sportler interessant macht, ist die Vorstellung vom individuellen Siegeswillen, der geweckt und trainiert werden könnte. In einer akuten Duellsituation mache dieser „Wille zur Macht“ den entscheidenden Unterschied zu den ebenso gut trainierten und physisch ebenso starken Konkurrenten aus. Der frühere MMA-Kämpfer Josh Barnett, der sich auf seiner Website als „Master mixed martial artist better described as a Nietzsche-quoting warrior poet“ vorstellt, sieht Nietzsche geradezu als Apostel des Kampfsports:

Wenn ich im Ring stehe und gegen einen anderen Menschen kämpfe – um mein Leben, um meinen Lebensunterhalt –, dann ist der Moment gekommen, in dem ich mich am meisten im Einklang mit meinem Sein fühle. Das ist etwas, was Nietzsche als den höchsten Zustand der Existenz beschrieb.27

Es geht Nietzsche bei seinem Konzept des „Willens zur Macht“ aber nicht im engeren Sinne darum, einen Gegner zu besiegen und sich seiner zu bemächtigen, also die Macht im Ring zu ergreifen, vielmehr steht sein „Wille zur Macht“ für eine ganzheitliche Bejahung des Lebens mit seinem permanenten Werden und Vergehen, seinem permanenten Kämpfen und Streben, und ist damit eher allgemeiner Ausdruck des vitalistisch-biologistischen Zeitgeistes des 19. Jahrhunderts:  

Und wißt ihr auch, was mir „die Welt“ ist? Soll ich sie euch in meinem Spiegel zeigen? Diese Welt: ein Ungeheuer von Kraft, ohne Anfang, ohne Ende, eine feste, eherne Größe von Kraft […]: diese meine dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens […] – Diese Welt ist der Wille zur Macht – und nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht — und nichts außerdem!28

Möglicherweise liegt hier also ein Missverständnis vor, ein Fehler von Sportlern, den Trainer Nietzsche allzu wörtlich zu nehmen. Für Guillaume Martin-Guyonnet wäre das eine Verzerrung des Denkens für praktische Zwecke:

Das entspricht nicht meinem Philosophieverständnis, das meiner Ansicht nach nicht unbedingt nützlich sein muss. Philosophie ist vielmehr wertvoll, da sie einen bis ins Mark erschüttert. Kurz gesagt: Wenn mir die Philosophie im Radsport geholfen hat, dann weniger wegen der Ideen, die ich ihr entnommen habe, sondern vielmehr, weil sie mir ermöglichte, eine Art Balance zu finden, zu erkennen, dass es jenseits des Lebens eines Spitzensportlers andere Welten gibt. Umgekehrt bin ich überzeugt, dass mir der Sport immer schon zu klarerem Denken verholfen hat.29

Für Martin-Guyonnet ist „diese Unauflöslichkeit von Körper und Geist“ eine originär nietzscheanische Idee. Ihn spricht „die zentrale Rolle, die er dem Körper in seinem Werk beimisst“, als Sportler direkt an, ebenso „wie Nietzsches konkrete Ausführungen, (insbesondere in Ecce Homo) zur Frage des optimalen Umfelds für die persönliche Entwicklung, der besten Ernährung usw. […] Nietzsches Stärke liegt auch darin, dass sein Werk die Leser zum aktiven Denken und Interpretieren anregt.“30  

Für den Radrennprofi Martin-Guyonnet ist Nietzsche also kein Coach, dessen Motivationssprüche man auswendig lernt und direkt im Training umsetzt. Er begreift seine Philosophie als ganzheitliche Lebensbegleitung und Formung der Persönlichkeit, als deren Nebeneffekt auch bessere sportliche Leistungen und souveräneres Agieren in Extremsituationen abfallen.

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Abbildung 4: Am Willen zur Macht knabbern. Nietzsche-Energieriegel „Will-to-Power-Bar“ (Online Sale Unemployed Philosophers Guild USA, vergriffen).

IV. Fazit: Nietzsche oder Gott?

Ist Nietzsche nun also ein besserer Sport-Mentor als andere Philosophen oder religiöse Figuren? Ist der weithin als „Gottesleugner“ bekannte Nietzsche ein besserer Trainer als – Gott? Abgesehen davon, dass Nietzsche weder Gott geleugnet noch getötet hat – er wünschte sich lediglich einen anderen, lebensbejahenden, sinnen- und körperfreundlichen Gott31 – ist er tatsächlich derjenige Philosoph, der für Sportler am hilfreichsten sein könnte. Nietzsche ist näher am Sport als ein abstrakter, belohnender, strafender oder alles steuernder Gott, weil Nietzsche den Körper wertschätzt, die unauflösliche Verbindung von Körper und Geist erkannt hat und einen ganzheitlichen diätetischen Lebensstil predigt. In diesem Sinne also: Ja, Nietzsche ist ein besserer Trainer als Gott.

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Artikelbild

Das Sixpack-Denkmal. Plastik Citius – Altius – Fortius des spanischen Künstlers Miguel Ortiz Berrocal im Park des Olympischen Museums in Lausanne. Foto: Christian Saehrendt 2023.

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Literatur

Adorno, Theodor W.: Das Reich der Unfreiheit und der Sport. In: Volker Caysa (Hg.): Sportphilosophie. Leipzig 1997, S. 42 f.

Balmer, Rudolf: Sisyphos im Sattel. Online: https://taz.de/Erfolglose-Franzosen-der-Tour-de-France/!5425567/ (01.07.2017).

Barnett, Josh: Josh ‘The Warmaster’ Barnett. Online: https://www.joshbarnett.com/thewarmaster.

Bates, Steve: Hasebe, an author and philosopher. Online:

https://timesofindia.indiatimes.com/sports/football/fifa-world-cup/hasebe-an-author-and-philosopher/articleshow/64822264.cms (02.07.2018).

Bonilla, Mandy: Why most men quit the gym in 6 weeks. Nietzsche nailed it 150 years ago. Online: https://www.msn.com/en-us/health/fitness/why-most-men-quit-the-gym-in-6-weeks-nietzsche-nailed-it-150-years-ago/ss-AA21h2ZC (19.04.2026).  

Caysa, Volker: Vorwort. In: Ders. (Hg.): Sportphilosophie. Leipzig 1997, S. 7–13.

Gebauer, Gunter: Von der Körpertechnologisierung zur Körpershow. In: Volker Caysa (Hg.): Sportphilosophie. Leipzig 1997, S. 275–289.

KellyPersonalTraining, Should Friedrich Nietzsche be your personal trainer? Online: https://kellypersonaltraining.com/blog-overview/2016/10/04/should-friedrich-nietzsche-be-your-personal-trainer (11.04.2017).

Legros, Martin & Guillaume Martin: Guillaume Martin: „Ich habe Nietzsches Worte zu meinem Mantra gemacht“. Online: https://www.philomag.de/artikel/guillaume-martin-ich-habe-nietzsches-worte-zu-meinem-mantra-gemacht (15.09.2020).

Luhmann, Niklas: Der Körper als Fluchtpunkt der Sinnlosigkeit. In: Volker Caysa (Hg.): Sportphilosophie, Leipzig 1997, S. 226–228.

Martin-Guyonnet, Guillaume: Die Gesellschaft des Pelotons. Eine Philosophie des Einzelnen in der Gruppe. Bielefeld 2022.

Ders.: Sokrates auf dem Rennrad. Eine Tour de France der Philosophen. Bielefeld 2021.

Sickenberger, Ulrika: Der Fußball-Philosoph. Online:

https://www.bild.de/sport/fussball/makoto-hasebe/der-fussball-philosoph-makoto-hasebe-37122128.bild.html (06.08.2014).  

TS Staff: Top 15 Athletes Who Are Atheist. Online: https://www.thesportster.com/entertainment/top-15-athletes-who-are-atheist/ (24.09.2014).

Tyson, Mike: Mike Tyson Explores Kierkegaard. Online: https://www.wsj.com/articles/SB10001424052702303932504579256390785052798 (13.12.2013).

Welstead, Daniel: Warrior Wisdom. Online: https://www.danielwelstead.com/post/warrior-wisdom-how-philosophy-fuels-your-fitness-game (06.05.2023).

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Fussnoten

1: Vgl. TS Staff, Top 15 Athletes Who Are Atheist.

2: Mike Tyson, Mike Tyson Explores Kierkegaard (Übers. Paul Stephan).

3: Vgl. Steve Bates: Hasebe, an author and philosopher.

4: Vgl. Ulrika Sickenberger, Der Fußball-Philosoph.

5: Vgl. Guillaume Martin-Guyonnet, Die Gesellschaft des Pelotons und ders., Sokrates auf dem Rennrad.

6: Auf jeden Fall turnte er als Schüler Schulpfortas viel. In den Briefen an seine Mutter während seiner Schulzeit ist auffällig oft davon die Rede, sie lassen jedoch keinen Rückschluss auf sein Geschick dabei zu. Auch das Wort „turnen“ gehört fest zu Nietzsches Wortschatz.

7: Nachgelassene Fragmente, Nr. 1882 5[30].

8: Ecce homo, Warum ich ein Schicksal bin, Abs. 8.

9: Nachgelassene Fragmente 1884, Nr. 1884 26[353].

10: Nachgelassene Fragmente, Nr. 1882 5[31].

11: Nachgelassene Fragmente, Nr. 1883 24[16].

12: Vgl. etwa Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 252 & 266 und Götzen-Dämmerung, Streifzüge, Aph. 23. In diesem metaphorischen Sinne verwendet Nietzsche auch zwei Mal das Wort „Turnen“ (vgl. Morgenröthe, Aph, 207 & Menschliches, Allzumenschliches II, Der Wanderer und sein Schatten, Aph. 4). Die Begriffe „Training“ und „Sport“ verwendet Nietzsche im Werk nur in der dritten Abhandlung der Genealogie der Moral – und zwar dezidiert als englische Fremdwörter, um abwertend die betäubenden Selbstpraktiken zu charakterisieren, die die asketischen Priester empfehlen, um vom „Ressentiment“ loszukommen. Im Nachlass findet sich noch folgende interessante Verwendung des Worts „Sport“: „Natürlicher ist unsere erste Gesellschaft, die der Reichen, der Müssigen: man macht Jagd auf einander, die Geschlechtsliebe ist eine Art Sport, bei dem die Ehe ein Hinderniß und einen Reiz abgiebt; man unterhält sich und lebt um des Vergnügens willen; man schätzt die körperlichen Vorzüge in erster Linie, man ist neugierig und gewagt“ (Nr. 1887 10[53]).

13: Theodor W. Adorno, Das Reich der Unfreiheit und der Sport, S. 43.

14: Volker Caysa, Vorwort, S. 11.

15: Niklas Luhmann, Der Körper als Fluchtpunkt der Sinnlosigkeit, S. 228.

16: Martin-Guyonnet, Die Gesellschaft des Pelotons, S. 29.

17: Vgl. ebd., S. 107 f.

18: Gunter Gebauer, Von der Körpertechnologisierung zur Körpershow, S. 289.

19: Vgl. KellyPersonalTraining, Should Friedrich Nietzsche be your personal trainer? Allerdings verändert der Autor das Pronomen des Originalzitats: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile, Aph. 8).

20: Daniel Welstead, Warrior Wisdom (Übers. Paul Stephan).

21: Why most men quit the gym in 6 weeks (Übers. Paul Stephan).

22: https://www.youtube.com/watch?v=rIeQKeVmwT0 (04.04.2025) (Übers. Christian Saehrendt).

23: Vgl. Rudolf Balmer, Sisyphos im Sattel.

24: Martin Legros & Guillaume Martin: Guillaume Martin: „Ich habe Nietzsches Worte zu meinem Mantra gemacht“.

25: Also sprach Zarathustra, Der Wanderer.

26: Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile, Aph. 12.

27: Josh Barnett, Josh ‘The Warmaster’ Barnett (Übers. Paul Stephan).

28: Nachgelassene Fragmente, Nr. 1885 38[12].

29: Guillaume Martin-Guyonnet per E-Mail an den Autor (15.04.2026).

30: Guillaume Martin-Guyonnet per E-Mail an den Autor (15.04.2026).

31: Vgl. v. a. Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 125 und auch folgende Bemerkung: „Die ganze lange ungeheure Licht- und Farbenleiter des Glücks nannte der Grieche […] mit dem Götternamen: Dionysos“ (Nachgelassene Fragmente, Nr. 1885 41[6]).