Gesteigerte Idylle

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Nietzsche und der Wald

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Teil II: Den Missmut verwinden. Idyllik on the edge

Gesteigerte Idylle 2

Nietzsche und der Wald Teil II: Den Missmut verwinden. Idyllik on the edge

29.10.26
Michael Meyer-Albert
Nietzsche modifiziert die typisch deutsche Vorstellung des Walds als Idylle, die unser Autor im ersten Teil dieses Zweiteilers beschrieb. In dieser Fortsetzung geht es nun darum, diese Modifikation und ihre Bedeutung für unsere Zeit genau zu verstehen. Nietzsches bevorzugte Landschaft des Denkens wird das Hochgebirge. Der Wald wird in diesem Zuge wichtig als Waldgrenze und damit als Zone, in der das Leben gerade noch möglich ist, bevor es erfriert. Für Nietzsche wird die Vegetationsgrenze zur Muse eines Denkers, der gefährlich lebt und immer on the edge denkt. Die Moderne wird so als ein kultureller Hochwald beschreibbar, der stets am Rande des Verdorrens ist; das Verblassen der Idylle der Waldeinsamkeit für die Deutschen offensichtlich. Nietzsches Haltung ist dabei schon lange keine elitäre Attitüde mehr, sondern wird in der Nachkriegsmoderne, etwa in den unterschiedlichen Subkulturen, zur Massenmentalität. In der aktuellen gesellschaftlichen Radikalisierungsbewegung beobachten wir eine demgegenüber eine neue Massenverstimmung – um ihr zu entkommen, gilt es, die Kunst, das eigene Leben als heroische Idylle am Abgrund zu gestalten, neu zu lernen.

Nietzsche modifiziert die typisch deutsche Vorstellung des Walds als Idylle, die unser Autor im ersten Teil dieses Zweiteilers (Link) beschrieb. In dieser Fortsetzung geht es nun darum, diese Modifikation und ihre Bedeutung für unsere Zeit genau zu verstehen.

Nietzsches bevorzugte Landschaft des Denkens wird das Hochgebirge. Der Wald wird in diesem Zuge wichtig als Waldgrenze und damit als Zone, in der das Leben gerade noch möglich ist, bevor es erfriert. Für Nietzsche wird die Vegetationsgrenze zur Muse eines Denkers, der gefährlich lebt und immer on the edge denkt. Die Moderne wird so als ein kultureller Hochwald beschreibbar, der stets am Rande des Verdorrens ist; das Verblassen der Idylle der Waldeinsamkeit für die Deutschen offensichtlich. Nietzsches Haltung ist dabei schon lange keine elitäre Attitüde mehr, sondern wird in der Nachkriegsmoderne, etwa in den unterschiedlichen Subkulturen, zur Massenmentalität. In der aktuellen gesellschaftlichen Radikalisierungsbewegung beobachten wir eine demgegenüber eine neue Massenverstimmung – um ihr zu entkommen, gilt es, die Kunst, das eigene Leben als heroische Idylle am Abgrund zu gestalten, neu zu lernen.

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5. An der Waldgrenze

Nietzsches Philosophie, die die konstitutive Erdung des Geistes im Leib wahrnimmt und reflektiert, thematisiert ihre Existenzspannungen als Ausdifferenzierungen der Verständnisse vom erhabenen Leben. Entscheidend für das Thema Wald ist es, dass sich Nietzsche von dem Motiv des Waldes als einer Projektionsfläche für Erhabenheit verabschiedet. Die „Neutralität der großen Natur“ befriedigt die Ambitionen nicht mehr, ja kränkt sogar als eine Art Majestätsbeleidigung:

Die Neutralität der grossen Natur (in Berg, Meer, Wald und Wüste) gefällt, aber nur eine kurze Zeit: nachher werden wir ungeduldig. „Wollen denn diese Dinge gar nichts zu uns sagen? Sind wir für sie nicht da?“ Es entsteht das Gefühl eines crimen laesae majestatis humanae [„Majestätsbeleidigung gegen die Menschheit“; MMA].1

Die maßgebliche Inspiration für Nietzsche wird nun der Wald in der Bedeutung der Waldgrenze als Vorspiel der Vegetationsgrenze. Aus der Waldeinsamkeit wird die Lebenseinsamkeit. Die Landschaft seiner Philosophie, das alpine Hochgebirge – insbesondere das Schweizer Oberengadin rund um Sils Maria – bot ihm dafür Anschauungsbeispiele.2 Nietzsches wanderndes Denken erkundet die Möglichkeiten von psychisch-symbolischer Lebendigkeit im Hinblick auf die Todeszone, die kein humanes Leben mehr erlaubt. Hier findet sein Denken eine inspirierende Erhabenheit wieder. In dieser verdeutlicht sich Nietzsche frühe Intuition der Macht der Illusion. Nietzsches Antwort auf die Frage von Sein oder Nichtsein, die die Waldgrenze stellt, lautet: Schein. Denn:

Könnten wir uns eine Menschwerdung der Dissonanz denken – und was ist sonst der Mensch? – so würde diese Dissonanz, um leben zu können, eine herrliche Illusion brauchen, die ihr einen Schönheitsschleier über ihr eignes Wesen decke.3

Seine Erkenntnis, dass zu den Bedingungen des Lebens der übertreibende Schein gehört als Imprägnierung mit motivierenden Illusionen und Verklärungen, übertrieb Nietzsche selbst immer wieder mit dem Aufsuchen von gewollten Desillusionierungen am Rande der Verzweiflung. Ohne die von Platon – das Wahre ist das Gute, der Geist nimmt daran teil - und Augustinus – die Vollendung ist im Kommen, Gott ist als dein intimes Du – geprägten alteuropäischen Grundverklärungen verliert das Leben seine strukturelle Idyllik. Nietzsche setzte sich dem immer wieder aus.

Seine Erkenntnis der Wahrheit des Scheins präzisiert sich so zu der grundsätzlichen Erkenntnis in die Scheinökonomie des Lebens als Zusammenspiel von Ausblenden und Verdichten. Damit werden die Verklärungskräfte, die in der Tradition des Abendlandes bislang an den Konzepten von Platon und Augustinus klebten, denkbar als freigesetzte seelische Konstruktionsstrategien. Man muss sich selbst die Welt zurechtmachen, in der man leben kann. Sein als Scheinen. Schein: als „die Realität noch einmal, nur in einer Auswahl, Verstärkung, Korrektur“4.

Der Wald als Waldgrenze impft Nietzsche mit den Gedanken, die die Bedingungen der Möglichkeit des gelungenen Lebens ausloten. Er erkennt: Idylle ist mehr als ein Ort, verstanden als Zustand. Sie wird verständlich als ein Equilibrium, das eine gelungene Abstimmung von Ausblenden und Verdichten verkörpert. Ausblenden und Verdichten sind somit keine Eigenschaften der Idylle. Sie werden zu Kräften, die den Ort erst schaffen, an dem Idylle sein kann. Leben kann sich so als Gemisch von Ausblendung und Verdichtung selbst entwerfen. Aus dem klassischen ora et labora (Bete und arbeite!) wird ein neuklassisches secerne et densa (Blende aus und verdichte!). Die postplatonische Tragik liegt für Nietzsche darin, dass diese Arbeit der existenziellen Idylle auch vollzogen werden muss:

Und dies ist ein allgemeines Gesetz: jedes Lebendige kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar werden; ist es unvermögend einen Horizont um sich zu ziehen und zu selbstisch wiederum, innerhalb eines fremden den eigenen Blick einzuschliessen, so siecht es matt oder überhastig zu zeitigem Untergange dahin.5

Im Dämmer der Konstruktionen kann das Leben aufleuchten. Damit die Resonanzen sein können, muss zunächst das Ausblenden den Raum des Seelischen einräumen. Der Vorrang der Exklusion bejaht die Grenze, die Trennung, die Abschirmung als

Entschluss zur Unwissenheit, zur willkürlichen Abschliessung, ein Zumachen seiner Fenster, ein inneres Neinsagen zu diesem oder jenem Dinge, ein Nicht-heran-kommen-lassen, eine Art Vertheidigungs-Zustand gegen vieles Wissbare, eine Zufriedenheit mit dem Dunkel, mit dem abschliessenden Horizonte, ein Ja-sagen und Gutheissen der Unwissenheit.6

In dieser Perspektive gewinnt Philosophie eine erweiterte Bedeutung. Nietzsche erfindet Philosophie neu als Stimulus des Lebendigen. Philosophie wird zu der Arbeit an der Idylle, der es gelingt, die Verzweiflung auszugrenzen und die Munterkeit resilienter zu machen, ohne in abwegige Utopien zu verfallen, indem sie sich selbst als autogenes Euphorisieren mittels spekulativ-ironischer Höhenflüge entdeckt. Philosophische Idylle ist, weil sie immer wieder neu errungen wird, eine heroische. Anders als in Heideggers Der Feldweg – als das Manifest eines gewollt besinnlich-demütigen Gehens in der „Weite und Weile“ der horizontalen Gegenden –, gewinnt Nietzsches alpine Besinnlichkeit Einsichten in die Kraft der Übertreibungen für das Sein zur Lebendigkeit. Nietzsches heroische Idylle ist eine Akademie, die an der Waldgrenze erbaut ist und durch Eis und Einsamkeit mediterrane Lebensgefühle entfacht.7

Nietzsche hat die Idylle vierfach gesteigert, indem er sie besser verstanden hat. Er steigert ihre Idyllik, indem er die klassischen Muster der Ausblendung – Platons sentimentalischer Sog zur Vergangenheit und Augustinus utopischer Sog zum Kommen des Gottesreiches – zur Gegenwart hin konfiguriert. Er verstärkt zudem die Idylle, indem er selbst sich immer wieder dem Unidyllischen aussetzt und am eigenen Leib erfährt, was dann noch idyllisch sein lässt. Es gelingt ihm ferner durch seine Besinnung auf Wahrheit als Schein die idyllischen Grunddimensionen Ausblendung und Verdichtung als autonome Kräfte freizulegen. Und schließlich verkörpert sein Denken eine Motivation auch angesichts der Zerstörung alter Verständnisse von Idylle die Arbeit an der Neukonfiguration von Ausblendung und Verdichtung immer wieder aufzunehmen.

In seinen Idyllen aus Messina wird die Doppelbödigkeit von Nietzsches Idyllik deutlich. Das Oberflächliche ist errungen. Das Bukolische wird übermütig und zeigt Züge einer dionysischen Anakreontik. Die Melancholie des Unerreichbaren und die Furcht vor ungewährter Gnade bleiben draußen. Man hat auch keine Elfen mehr nötig. Das Rauschen des Waldes wird zum Rauschen der Flügel, die einen erheben:

Nur Schritt für Schritt – das ist kein Leben!
Stäts Bein vor Bein macht müd und schwer!
Ich lass mich von den Winden heben,
Ich liebe es, mit Flügeln schweben
Und hinter jedem Vogel her.

Vernunft? – das ist ein bös Geschäfte:
Vernunft und Zunge stolpern viel!
Das Fliegen gab mir neue Kräfte
Und lehrt’ mich schönere Geschäfte,
Gesang und Scherz und Liederspiel.8

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6. Die Moderne als Wald

Nietzsche gesteigerte Idylle zeigt deutlicher die antimodernen Wurzeln des rechten und linken Waldverständnisses auf. Bei den mythischen Waldjüngern dominiert die platonische Melanchokratie. Sie speist sich aus der tragischen Paralyse, für die das Gute immer nur als Unwiederbringliches anwesend ist und sich allenfalls einer kleinen Elite in Spurenelementen kundtut. Bei den revolutionären Waldjüngern bestimmt die agitative Moral der augustinischen Phobokratie die Begriffe. Ihre Mobilisierung denkt den Wald als Teil des gladius dei, des Schwerts Gottes, das das falsche Ganze einmal zerstören wird im Namen eines kommenden Guten.9

Auch wenn Nietzsches Idee der heroischen Idylle, die sich von der Erfahrung der Waldgrenze inspirieren ließ, um damit eine Umstimmung der alteuropäischen Grundstimmungen zu wagen, als fortlaufendes Projekt unabdingbar für jede zukünftige Kontur eines Begriffs von Hochkultur erscheint: Die Figur des einsamen Wanderers über dem Nebelmeer der verworrenen Kultur hat ihr zeitgemäßes Pathos verloren. Die Umstimmung, die Nietzsche anstrebte, hat sich verwirklicht in den Wohlstandszonen der Erde. Die von ihm explizit angefangene Freisetzung des Scheins als Ausblendung und Verdichtung vollzog sich dort unphilosophisch. Die heroische Idylle hat sich postheroisch etabliert. Die Epoche von 1945 bis 1990 ergab ein halbwegs gelungenes Enden der Geschichte. Sloterdijk hat dafür schon 2004 nachhaltigste Beschreibungen geliefert:

Die neue Liaison von „Massen“-Kaufkraft und „Massen“-Frivolität führt auf breitester Front zu einem psychosozialen Stimmungswandel. […] Die starke Ausweitung der Freizeiten affiziert den modus vivendi sämtlicher Subkulturen und Einkommensgruppen. Unzählige nutzten ihre Überschüsse an freier Wachzeit, um ihre Launen, ihre Talente, ihre Krankheiten, ihre Opfersubjektivitäten und privaten Metaphysiken zu elaborieren […].10

Die Moderne erscheint für Sloterdijk „als ein expandierendes transkulturelles Levitationsexperiment“, als ein „Vielkammersystem von Auftriebszellen“11. Die prästabilisierte Nicht-Disharmonie wird durch die Fortschritte im Gesund- und Versicherungswesen, in der Technik, in der Erfahrung mit radikaler Politik, durch eine Kultur der Wissenschaft, durch die eigentumsbasierte Marktwirtschaft, durch elaborierte Rechtssysteme, durch die Leitkultur des schöpferischen Unternehmers und die Ausbreitung der kulturellen Konsumzone plausibel.12 All dies erzeugt Effekte von Lebendigkeitssteigerungen, die die alphabetisierte Lebenserwartung bei massiver Erweiterung der Freizeit erhöhen, Herkunftszwänge verflüssigen und so die metaphysisch gestimmten Lebensgefühle und Realitätskonstrukte, die das Beste immer in einem Jenseits verorten und das Diesseits als Mangel, Not und Misere ausmalen, notorisch aufhellen. Und genau das, was im klassischen Antimodernismus der Moderne als Ursache für die Entseelung der Verhältnisse identifiziert wurde, wird hierbei zu einer wesentlichen Stabilisierung der errungenen Freiheiten: die optimierten Automatismen eingespielter Prozesse. Das schöne Funktionieren der Systeme sichert tausendfach die schönsten Kristallisierungen der Bürger.

Die Moderne etabliert sich so als realexistierende Idylle aus Idyllen, in denen vielfache Experimente der angemessenen Konfiguration von Ausblendung und Verdichtung ablaufen. Nun kann jede individuelle Monade durch ihre spezifischen Fenster und Türen intermonadische Idyllen gestalten und steigern. Jenseits von metaphysischen monomanischen Dogmatiken und ihren säkularen Radikalisierungen im Links- und Rechtsfaschismus kann jeder sein Refugium aus Resonanzen gegen den Rest der Welt aufbauen. Man ist sich gegenseitig die Luft, die man atmen kann, vorausgesetzt, dass es Grenzen gibt zu der Luft, die andere als atembar empfinden. Schon der Nachbar im Haus gegenüber ist wie die Luft fremder Planeten. Vielfaches rhizomhaftes Verwobensein, ermöglicht durch klare Grenzen, macht die Kultur der Moderne aus. Sie ist ein Wald aus tausend Wäldern. So hat man etwa die Wahl, seinen elaborierten Musikgeschmack in der Subkultur Metal in den Subsubkulturen Folk Metal, Symphonic Metal, Doom Metal, Black Metal, Thrash Metal, Power Metal, Nu Metal oder auch Metalcore auszuleben. Wenn bei der Krefelder Metal-Band Blind Guardian das Lied The Bard’s Song (In the Forest) von Tausenden mitgesungen wird, wird die Wahrheit der Moderne als freie Wahl für die passende Form der eigenen hymnischen Freiheit klar und deutlich.

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7. Die neue Nachhaltigkeit

In einer Epoche, in der der Mangel zur Mangelware wird, wird die Situation für die Pessimisten aller Länder weniger idyllisch. Auch sie müssen ihre Idylle steigern und ihre Künste der Ausblendung des Gelungenen und ihrer Verdichtung des Katastrophalen eskalieren. Für die Neoaugustianer muss der moderne Wohlstand weiterhin ein ungutes Gutes als eine „Galeere“ (E. Jünger), ein „Verblendungszusammenhang“ (Adorno) sein oder als böses Gutes ein verbrecherischer Nexus einer Hybris der Privilegierten darstellen, die andere ausbeuten. „[U]nd so malen sie das Unglück Anderer an die Wand: sie haben immer Andere nöthig! Und immer wieder Andere!“13 Dabei helfen den „Nothsüchtigen“, die die ganz große Wiedergutmachung wollen, überzogene Utopien. Der größte Feind der guten Gesellschaft ist die Idee einer perfekten Gesellschaft:

Während die Entlastung ihre Vorboten allenthalben vorausschickte, gaben die extremen Realisten sich zügellos wie nie zuvor einem Kult des depressiven Denkens hin. Walter Benjamin verstieg sich zu dem Bild vom Engel der Geschichte, der eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft, vor Augen zu haben meint – er kreierte damit das Testbild für die Sehstörungen eines von Radikalismen geblendeten Jahrhunderts.14

Vorteilhaft für die Antimodernen ist die Modernevergessenheit der Modernen. Die Selbstverständlichkeit der unharten Tatsachen in den Wohlstandsblasen sorgt dafür, dass es eine Moderneblindheit – um nicht von einer mutwilligen „Levitationsleugnung“ (Sloterdijk) zu sprechen – gerade bei denen gibt, die modern leben können.

Eine Philosophie, die den Spuren Nietzsches folgte, hätte demgegenüber als neue Nachhaltigkeit eine Sprache zu finden für den verwirklichten Reichtum des Realen. Hier wird Denken eine Form des Dankens und der Großzügigkeit. Sie verkörpert sich in einem „Prinzip Verantwortung“ (Jonas), das die verantwortungslos überholten negativen Sprachspiele der fatalistischen Katastrophenwilligkeit, der lethargischen Tristesse und der populistischen Phantasmen einer neuen oligarchischen Elite, gegen die es zu kämpfen gelte, von sich weist. Die Wucht der großen Wiedergutmachung wird aufgefangen.

In der Negation der Negativität kehrt Nietzsches Muse der Waldgrenze verändert wieder. Auch hier wirkt eine negative Inspiration, nun aber weniger existenziell als kulturell. Aus der Waldgrenze wird die Modernegrenze. Sie wird erahnbar in der polarisierenden Verdrossenheit in den Wohlfahrtsstaaten, die Züge einer chronischen Verstimmung zeigt, bei deren Beobachtung nicht viel Phantasie dazu gehört, um sich vorzustellen, dass die Kapazitäten einer modernen Bürgerlichkeit davon massiv demoralisiert werden. Die aktuelle abgründige Leblosigkeit ist die Agonie des Wohlfahrtstaates als emotionaler failed state. Wie auch bei Nietzsche ist daher das Idyllische zu steigern und als neue Nachhaltigkeit explizierter gegen die toxische Romantik linker, rechter und religiöser Reaktionäre zu verteidigen. Das Politische ist, dass das Private unpolitisch bleiben kann. Damit sind der Jargon des Populismus, die aggressiven Dualismen und die Stimmung des ins Vergeltende kippenden Pessimismus wieder und wieder bewusst auszublenden und durch eine idealisierende Verdichtung des Gelungenen indirekt zu widerlegen. Es gilt, für eine andere Art der Wiedergutmachung zu werben:

[D]as Idealisieren besteht nicht, wie gemeinhin geglaubt wird, in einem Abziehn oder Abrechnen des Kleinen, des Nebensächlichen. Ein ungeheures Heraustreiben der Hauptzüge ist vielmehr das Entscheidende, so dass die andern darüber verschwinden.15

In einer Philosophie des modernen Idealisierens der unharten Tatsachen kann der Wald wieder einer von vielen Erhebungsorten sein, die die Möglichkeiten schöner Vielfalt lebbar machen. Endlich werden die Bäume wieder sichtbar, die die übersteigerten Ideen vom Wald ausgeblendet haben. Aus den abwegigen Konzepten der Antimodernen herausgelöst und neu geerdet wird der Wald zum Naherholungsgebiet, zum sinnlichen Erlebnispark, zum Waldspielplatz für den Nachwuchs. Er gewinnt aufgrund extremer Hitzewellen als schattiger, kühler Ort an Bedeutung für ein Urlaubsverhalten, das als sogenanntes „Coolcation“ bezeichnet wird. Für die Leser von Eichendorff, Goethe und Stifter wird der Wald weiterhin das regenerative Refugium bleiben, das, nach den Wirren des 20. Jahrhunderts, keine kulturrevolutionären Träumereien mehr nötig hat. „Ich ging im Wald / So vor mich hin / Und nichts zu suchen, / Das war mein Sinn.“ (Goethe) Das Waldesrauschen kann wieder nur ein Rauschen sein. Die Feen warten zuhause auf einen.  

Dass Nietzsche Ideen, verstärkt durch Camus’ Gedanken zu einem „mediterranen Denken“, in der Wirklichkeit ankamen, zeigt sich auch an dem Stimmungswandel der Kultur einer neuen Nachhaltigkeit in Bezug auf ihre Leitidyllen. Der Wald ist nicht mehr so wichtig. Sehnsucht wird abgeklärter. Das Teutonische ist weniger „dämmerungssüchtig“ (Heine) geworden: „Weg, du Traum! so gold du bist; / Hier auch Lieb’ und Leben ist.“ (Goethe) Wo metaphysisch überdehnte Sehnsucht war, wird weltlich ambitionierte Lust. Moderne Teutonik wird weltfroher. Sie ist der Erde treuer und dem Wald untreuer geworden. Die Sehnsucht zum Wald wich einer Reiselust zum Mittelmeer. Die deutsche Italienschwärmerei konnte zur Massenware werden. Nun konnte jeder wie Goethe 1786 in das Land ziehen, wo die Orangen blühen. „Süden für alle.“16 Die neue Dialektik des realexistierenden historischen Materialismus lautet: Sola fide, sola solitudine, o sole mio.

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Das Artikelbild stammt von dem australischen Künstler Mitchell Nolte (Link), den wir damit beauftragt haben, unsere gesamte Waldserie zu illustrieren. Es zeigt Zarathustra in einer Waldlandschaft seiner Heimat, wie er den Seiltänzer – in diesem Fall Nietzsche selbst – zu Beginn des Buches als Sinnbild für den heroischen Menschen, der über dem Abgrund schwebt, fungiert, gleich den Aborigines in einem „hohlen Baum“ begräbt.

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Quellen

Canetti, Elias: Masse und Macht. Frankfurt a. M. 1980.

Eichendorff, Joseph von: Gedichte. Stuttgart 1998.

Heine, Heinrich: Romanzero. Stuttgart 1998.

Jünger, Ernst: Der Waldgang. Stuttgart 2001.

Sloterdijk, Peter: Sphären III. Frankfurt a. M. 2004.

Ders.: Wer noch kein Grau gedacht hat. Berlin 2022.

Vergil: Eklogen. Stuttgart 1999.

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Fußnoten

1: Menschliches, Allzumenschliches II, Der Wanderer und sein Schatten, Aph. 205.

2: Sloterdijk weist darauf hin, dass vor allem das Phänomen der Vegetationsgrenze eine gewichtige Inspiration für Nietzsche gewesen sein müsste, um bei seinen „Randgängen der Lebendigkeit“ ein erweitertes Verständnis für die Natur der menschlichen Existenz zu erlangen. Vgl. Sloterdijk, Wer noch kein Grau gedacht hat, S. 207 f.

3: Die Geburt der Tragödie, Abs. 25.

4: Götzen-Dämmerung, Die „Vernunft“ in der Philosophie, Abs. 6.

5: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben, Abs. 1.

6: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 230.

7: Anm. d. Red.: „Baut eure Städte an den Vesuv!“, ruft Nietzsche in der Fröhlichen Wissenschaft diejenigen zu, die wie er „gefährlich leben“ möchten (Aph. 283).

8: Idyllen aus Messina, Prinz Vogelfrei.

9: Anspielung auf den quasireligiösen Hass der militant-eschatologischen Naturschützer gegen die Kultur als Fortschritt und Wachstum durch die Anspielung auf das Zitat „Gladius Dei super terram … Cito et velociter“ („Das Schwert Gottes über der Erde … Rasch und schnell“) des Florentiner Bußpredigers Girolamo Savonarola (1452–1498).

10: Sloterdijk, Sphären III, Schäume, S. 691 f.

11: Ebd., S. 722 f.

12: Vgl. ebd., S. 677 f.

13: Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 56.

14: Sloterdijk, Sphären III, Schäume, S. 696.

15: Götzen-Dämmerung, Zur Psychologie des Künstlers, Abs. 8.

16: Der begabte FDP-Politiker Rudi Ascherl nutzte „Süden für alle“ als zentralen Slogan auf seiner Webseite und für seine politischen Positionen vor allem 2019 und 2020 im Wahlkreis Leipzig-Süd.