Der künstliche Nietzsche
Wie K„I“ unser Nietzsche-Bild verfälscht und wie wir dem begegnen können
Der künstliche Nietzsche
Wie K„I“ unser Nietzsche-Bild verfälscht und wie wir dem begegnen können


Unser Autor Paul Stephan hat langsam die Nase voll. Das Internet wird überflutet von K„I“-Billocontent, oft „KI-Slop“ genannt, der einfach nur auf die Nerven geht – und auch noch mit zahllosen Likes und Followern belohnt wird. Und oft geht es dabei auch noch um Philosophie – und Nietzsche. Wie groß ist der Schaden, der dadurch verursacht wird, dass der so geschaffene künstliche Nietzsche immer mehr den echten verdrängt, wenn immer wieder dieselben Halb- und Unwahrheiten wiederholenden K„I“-Outputs an die Stelle nuancierter menschlicher Interpretationen treten? Wenn maschinell erzeugte Zerrbilder in einem sehr wörtlichen Sinne echte Photographien und künstlerische Portraits verdrängen? Paul Stephan machte sich auf eine, oft frustrierende, Spurensuche und präsentiert Ihnen einige „Glanzstücke“. Auch wenn er nach wie vor der Ansicht ist, dass die K„I“ auch positive Möglichkeiten erschließt – und davon auch selbst hin und wieder Gebrauch macht – hält er es in seinem dritten Aufschlag zum Thema (lesen Sie gerne den ersten und den zweiten Kommentar hier und dort) für angebracht, die Samthandschuhe auszuziehen und den Hammer auszupacken. Stop the slop!

I. In der Welt der „Denk-, Schreib- und Redemaschinen“
Ausgerechnet Nietzsche äußert sich immer wieder kritisch über die Kulturpraktik des Lesens:
Von allem Geschriebenen liebe ich nur Das, was Einer mit seinem Blute schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, dass Blut Geist ist.
Es ist nicht leicht möglich, fremdes Blut zu verstehen: ich hasse die lesenden Müssiggänger.
Wer den Leser kennt, der thut Nichts mehr für den Leser. Noch ein Jahrhundert Leser – und der Geist selber wird stinken.
Dass Jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken.
Einst war der Geist Gott, dann wurde er zum Menschen und jetzt wird er gar noch Pöbel.
Wer in Blut und Sprüchen schreibt, der will nicht gelesen, sondern auswendig gelernt werden.2
Er warnte davor, dass sich die Menschen in Zeiten eines überbordenden Bildungsbetriebs in „Denk-, Schreib- und Redemaschinen“3 verwandeln könnten.
Was er sich nicht hätte träumen lassen, ist, dass es einmal Menschen geben würde, die, um sich über seine Gedanken zu informieren, weder zu seinen Werken noch zu von Menschen verfassten Interpretationen, Zusammenfassungen und Kommentaren greifen würden, sondern zu den Outputs von „Denk-, Schreib- und Redemaschinen“ im ganz wörtlichen Sinne. Weder Lesen noch Auswendig-Lernen, erst recht kein mühsames „Wiederkäuen“4: Einfach nur Faulheit und gewollte „Bildungsphilisterei“5, wie es Nietzsche nennen würde, Bildung ohne Bildung. Geschrieben nicht mit „Blut“, sondern mit Elektrizität.
Man mag es gutheißen, dass Nietzsches Gedanken dadurch einem noch größeren Publikum mitgeteilt werden. Doch die folgende Blütenlese soll zeigen: Wir haben es hier mit einer riesigen Gefahr zu tun, wenn die Outputs der K„I“ gerade bei jungen Leuten mehr und mehr definieren, was die Realität ist. Nicht nur bezogen auf Nietzsche, sondern auf alles: Eine ganze Generation könnte verlernen, sich eigenständig mit Gegenständen auseinanderzusetzen, um im Prozess der Erfahrung zu einem authentischen Urteil zu kommen – sich also zu bilden, indem sie ihr eigenes Bild von der Welt formt und schafft. Dieses verzerrte Bild zweiter Hand, ein von realer Erfahrung abgekoppelter „Schein des Scheins“6, könnte den hässlichen, lieblosen Fratzen gleichen, mit denen uns jetzt schon die K„I“-generierten „großen Denker“ tagtäglich anglotzen und um unsere Aufmerksamkeit buhlen – jedenfalls, wenn man in den sozialen Medien unterwegs ist, wo sich ausgerechnet K„I“-generierter Content zu bedeutenden Vertretern der Existenzphilosophie von Kierkegaard über Nietzsche bis Heidegger und Sartre großer Beliebtheit erfreut. Die Denker der Authentizität als Kronzeugen vollendeter Inauthentizität, stundenlange von Robotern erstellte Videos, die sich mit Heideggers Technikkritik befassen – und zu allem Überfluss auch noch solche, die vor den Gefahren der K „I“ warnen! Ein größerer Zynismus auf Seiten der Produzenten ist kaum vorstellbar und die Qualität erreicht in der Regel kaum besseres Schrottniveau, so dass man meinen könnte, von derlei Unfug gehe keine große Gefahr aus. Doch man darf Dummheit und Faulheit der Menschen nie unterschätzen, denn diese Ausgeburten der Dreistigkeit und Idiotie werden tausendfach geklickt, geliked und in zahllosen begeisterten Kommentaren gefeiert, die kaum alle ihrerseits von Bots stammen können (auch wenn das nicht auszuschließen ist). – Folgen Sie mir also ins Rattenloch des K„I“-Nietzsche-Müllbergs. Nur ein Hinweis noch: Es wird sich bewusst um eine Auswahl einiger besonders peinlicher und skandalöser Funde handeln. Bestimmt ließen sich auch Beispielen für von kompetenten Nutzern erstellte Outputs finden, die besser sind – doch die fallen dann womöglich, wenn sie nicht eigens gekennzeichnet sind, gar nicht als solche auf. Vielleicht ist das sogar die größte Gefahr: Dass wir es vermehrt mit Content zu tun haben, der von Maschinen stammt, aber gar nicht mehr als solcher zu erkennen ist.
.png)
II. Die große Weichspülung
Die größte Gefahr besteht, in einem Wort gesagt, in der Weichspülung der kritischen, radikalen Impulse der besprochenen Denker. Die Hexenküche der Datacenter als große Waschmaschine, die kaum einen Inhalt unberührt lässt. Was das bedeutet, kann man in meinem kürzlich veröffentlichten dritten „Interview“ mit ChatGPT leicht nachverfolgen. Natürlich beruhigt es, dass sich die Maschine – wie auch? – von den Provokationen meines alter ego Zero Newman nicht aus der Ruhe bringen lässt und gegen dessen reaktionäre Positionen durchaus sinnvoll argumentiert. Wer mehr oder weniger die gegenwärtige Standardmeinung zu Nietzsche lesen und diese in leicht konsumierbaren Häppchen präsentiert bekommen möchte, der ist mit ChatGPT sicher gut bedient, wenn man über die nach wie vor vorhandenen massiven inhaltlichen Schnitzer, die ihm hier und da unterlaufen, einmal hinwegsieht. – Aber darüber hinaus kommt eben auch nicht viel, egal, in welcher Richtung.
Es fängt schon damit an, welche „seriösen Quellen“ ChatGPT zu Beginn nennt. Zweifellos sind dies, vom kuriosen Irrläufer Mazzino Montinari, der einfach kein bedeutender Interpret war, sondern zuvorderst Editor,7 abgesehen, wichtige und zu Recht anerkannte Forscher, die in der Tat „zu den einflussreichsten und methodisch zuverlässigsten Stimmen gehören“, doch sie spiegeln zugleich einen bestimmten Mainstream der Forschung wider, den man durchaus kritisch betrachten kann. Davon abweichende prominente Stimmen wie Martin Heidegger, Gilles Deleuze oder selbst Michel Foucault, für viele der Nietzsche-Interpret schlechthin, nennt ChatGPT erst auf Nachfrage und unter Vorbehalt, von dezidiert linken oder rechten Deutungen einmal abgesehen.
Wahrheit wird so, sehr unnietzscheanisch, zum Von-der-Mehrheit-für-wahr-Gehalten-Werden – und dies ist notwendig so, denn wie soll ChatGPT sich auch eine eigene Meinung zu Nietzsche bilden? Es gehorcht seiner Natur nach der Statistik und mithin dem, was in seinen Quellen häufig genannt wird. Wenn es schreibt: „Ich habe diese Autoren nicht ausgewählt, weil ich ihre Interpretationen für durchweg richtig halte, sondern weil sie in der Forschung als ernstzunehmende Referenzpunkte gelten“, dann ist das eine Tautologie, denn es müsste ja eine eigenständige Interpretation entwickelt haben, um eine solche Einschätzung vornehmen zu können. Doch genau das kann es seiner Natur nach nicht, auch wenn es anderes vorgibt. Dies ist eigentlich leicht zu durchschauen – doch die meisten durchschnittlichen Benutzer dürften der Fassade Glauben schenken.
Wirklich negativ überrascht war ich bei diesem dritten Experiment aber von den visuellen Outputs. Klar, es ist schon beeindruckend, dass ein Computer überhaupt in Sekundenschnelle solche komplexen Bilder generieren kann: Wer hätte das vor zehn oder auch nur fünf Jahren für möglich gehalten? Doch der Inhalt enttäuscht: Das Artikelbild passt überhaupt nicht recht zum Artikel, auf den beiden Bildern von Nietzsche im Kreis bedeutender Interpreten werden plötzlich ganz andere Figuren abgebildet, als sie ChatGPT im Gespräch nennt – vor allem nur Autoren – und sie strotzen jeweils von Fehlern. Insbesondere fingiert ChatGPT, wie üblich, anstatt seine Grenzen zuzugeben: Zahlreiche der Portraits weisen noch nicht einmal Ähnlichkeit mit den Dargestellten auf und das betrifft sogar Foucault, dessen Gesicht tausendfach im Netz verfügbar ist. Jaspers und Heidegger sehen auf dem ersten Bild so aus wie Zwillingsbrüder, auf dem zweiten hat „Chattie“ anscheinend Heidegger mit Albert Einstein verwechselt … Es handelt sich einfach um stereotype Darstellungen von Philosophen des 19. und 20. Jahrhunderts, wie man sie sich so vorstellt, nicht um wirkliche Portraits, auch wenn das Bild genau das suggeriert.
Jeder, der sich einigermaßen mit der Philosophiegeschichte der Moderne auskennt, erkennt die Fehler mehr oder weniger schnell – doch was ist mit all denen, die es nicht tun? Was könnte die Folge sein, wenn diese Zerrbilder bald millionenfach im Netz kursieren, ihrerseits zur Quelle der Chatbots werden und irgendwann zu unserem Normalbild werden? Wird man dann vielleicht echte Photos für K„I“-Fakes halten, weil sie dem Gewohnten nicht entsprechen?
Von der Zensur schließlich, die ich bei der Bilderstellung sowohl bei „Chattie“ als auch beim Konkurrenten Grok erlebte, habe ich bereits im „Interview“ genug geschrieben. Während die K„I“ auf der Textebene einiges durchgehen ließ, erlebte ich hier relativ rigide Vorgaben, die teilweise durch das einfache Vermeiden von Reizwörtern wie „faschistisch“ umgangen werden konnten, aber mitunter auch sehr starr waren. Selbst ChatGPT selbst gelang es mitunter nicht, meine Prompts so zu entschärfen, dass mir endlich ein Bild ausgespuckt wurde. Schwierig wurde es insbesondere, selbst im „spicy mode“ von Grok, wenn es um Prompts ging, die in irgendeiner Weise sexistische Unterdrückung und Sexualität kombinieren (übrigens nur auf Frauen bezogen). So oder so liegt natürlich die Frage nahe, warum es etwa einem Geschichtslehrer nicht möglich sein soll, eine fiktives faschistisches Propagandaplakat zu kreieren. Und die Darstellung einer Frau, die in einer patriarchalen Gesellschaft auf sexuelle Weise entwürdigt wird, könnte doch auch mit feministischer Intention erfolgen. Aber gut, für die Erstellung „anstößiger“ Bilder aller Art findet man im Netz ohnehin schnell Alternativen …
Was an den Erzeugnissen der K„I“ jedoch am meisten abstößt, ist, dass sie einfach kitschig und uninspiriert sind. Jeder einigermaßen fähige menschliche Gestalter hätte es deutlich besser hinbekommen. Die K„I“ kommt einfach nicht auf gute Bildideen – und ist noch nicht einmal in der Lage, sie einigermaßen zufriedenstellend umzusetzen. Die Bilder gleichen gespenstisch dem, was man kennt und erwartet – und weichen doch davon ab durch die eigentümliche Kälte, die sie ausstrahlen. Wenigstens ist diese K„I“-Ästhetik noch relativ leicht erkennbar (auch in Texten, wenn man auf die entsprechenden stilistischen Merkmale achtet) – doch was, wenn sich unsere Seh- und Lesegewohnheiten dahingehend ändern, dass wir durch die permanente Konfrontation mit dem slop abgestumpft werden und ihn für normal halten? Eine nachhaltige Beschädigung unserer ästhetischen Sensibilität ist zu befürchten, ein weiterer Fortschritt in der „Verdüsterung und Verhässlichung Europa’s“8.

III. Fratzenbuch
Eine Verhässlichung, die gerade als Verschönerung auftritt, denn das gruselige der K„I“-Fratzen besteht ja darin, dass sie wie die Bilder von echten Menschen aussehen, doch eigentümlich geglättet sind. Dies wird besonders deutlich im Fall Sartres.
Der französische Philosoph ist, abgesehen von seinen provokanten Thesen und seinem eifrigen politischen Engagement, vor allem durch sein geradezu „hässliches“ Äußeres bekannt. Er schielte stark und war gerade einmal 1,57 m groß. Er rauchte viel und legte wenig Wert auf sein Aussehen, seine Kleidung war nachlässig, er selbst oft ungepflegt.
Trotzdem gelang es ihm, durch seinen feurigen Enthusiasmus und seinen glänzenden Intellekt, charismatisch zu wirken und zahlreiche Frauenherzen zu erobern. Für mich passte das immer zu Sartres Philosophie: Egal, wie schlecht die Startvoraussetzungen sind – man kann immer etwas aus sich machen, man ist nicht zur „Hässlichkeit“ verdammt, wenn man sie nicht selbst zu seinem Schicksal macht. Und: Man darf sich niemals vom Blick der Anderen definieren lassen, der authentische Mensch unterwirft sich ihrem Urteil nicht, auch wenn er ihn nicht ignoriert. Sartre war so wahrhaft, vielleicht noch mehr als Nietzsche und viele andere, ein Philosoph, der nach seinen philosophischen Ideen gelebt, der sie geradezu in seiner gesamten Physiognomie verkörpert hat. Er entwarf sich selbst immer wieder neu und integrierte sein gesamtes Wesen zu einem totalen Gesamtprojekt, dessen Ziel die Freiheit war – was insbesondere auch bedeutete, sich immer wieder in Wort und Tat gegen Unterdrückungsverhältnisse aller Art zu engagieren, sei es den Sexismus, den Kolonialismus, den Faschismus oder die Regierung Charles de Gaulles’. Sartre träumte von einer befreiten, sozialistischen Gesellschaft – selbst wenn er in seinen philosophischen Texten schreibt, dass dies eigentlich ein Widerspruch in sich sei, da es nie eine „freie Gesellschaft“ geben könne9. Er entkam sogar nur zwei Mal knapp einem rechtsterroristischen Bombenanschlag auf ihn! Und ganz offen betonte er immer wieder: Der Kampf gegen Unterdrückung schließt notwendig Gewalt und unmoralische Akte gegen die Unterdrücker mit ein. Man muss sich „die Hände schmutzig machen“.
Die Zunftphilosophen nehmen ihm diese Konsequenz, diese Radikalität, die ihn zeitweilig dazu brachte, mit der KPF zu kooperieren und die Verbrechen des Stalinismus zu beschönigen, bis heute übel und man reduziert Sartre am liebsten auf sein Frühwerk, in dem er noch mit dem gängigen Liberalismus kompatible Ansichten vertrat.
Es ist klar, dass K„I“-Tools sich auf diesen Sonntagsreden-Sartre beziehen. Die K„I“ macht es möglich, dass auch völlig unbelesene Anbieter von Motivationskursen und Ähnlichem „inspirierende“ Philosophieposts absetzen und damit ärgerlicherweise auch noch eine große Reichweite erzielen – Nietzsche, Sartre, Kierkegaard und andere Figuren der Existenzphilosophie sind dabei besonders beliebt, kommen sie doch (scheinbar) der individualistischen, neoliberalen Ideologie entgegen, die diese „Contentcreator“ täglich abfeiern.
Ein ominöser Kanal mit dem Namen „Mr. Kingdom“ etwa teilt in regelmäßigen Abständen, meist offenkundig K„I“-generierte, Bilder aus dem angeblichen Luxusleben des Urhebers – aber eben auch hier und da philosophische „Lebensweisheiten“. Der „simple man“ äußerte sich etwa in einem eindeutig künstlich erzeugten, wenn auch nicht als solchem gekennzeichneten, Post zu Sartre.
In dem zugehörigen Bild (vgl. Abb. 3) sieht Sartre ganz und gar nicht wie er selbst aus, sondern wie ein gemütlicher Philosophieprofessor, der sein Pfeifchen pafft,10 während um ihm herum die Welt untergeht. Er schielt nicht, habe gelehrt: „human beings are completely free“, und seine Beziehung zu Simone de Beauvoir wird als „a lifelong intellectual partnership“ bezeichnet, so als wären sie kein Paar gewesen. All die erwähnten störenden Aspekte seines Engagements werden selbstverständlich verschwiegen.
Normalerweise kommentiere ich derartige Ergüsse nicht einmal, doch diese Entstellung brachte mich so auf, dass ich tatsächlich eine längere Replik auf diesen Post verfasste, der bis jetzt ganze 4.232 Mal geliked und zig Mal lobend kommentiert wurde. Die Replik des Urhebers auf meinen längeren Kommentar: „you are also a philosopher, according to my understanding of philosophers they are anti-intellectual just like you did“. „Mr. Kingdom“ kann anscheinend keinen geraden Satz auf Englisch schreiben, doch gibt vor, längere Posts zu philosophischen Themen selbst verfasst zu haben. Und wer ihn kritisiert und nicht einfach bejubelt, gilt ihm auch noch als „anti-intellectual“.
Und dabei wäre es so einfach: Photos vom echten Sartre findet man im Netz Hunderte, auch gemeinfreie. Es gibt keinerlei Notwendigkeit, ein schlechtes K„I“-Bild für solch einen Post zu verwenden.
Dies ist nun keine Ausnahme, sondern auf Facebook längst die Regel: Immer mehr Kanäle setzen auf K„I“ und erschreckend viele davon widmen sich philosophischen Themen, vermarkten sogar philosophische E-Books.11 Nun wird man einwenden: Gut, Facebook ist eh schon lange tot. Doch auf anderen sozialen Medien sieht es leider nicht anders aus …

IV. Im Abflussrohr
Auf YouTube stieß ich zum ersten Mal bewusst auf einen K„I“-Nietzsche, als ich Christian Saehrendts wunderbaren Artikel über Nietzsche und Techno redigierte. Dessen Artikelbild ist einer YouTube-Playlist entnommen, die ganz unterschiedliche Techno-Tracks beinhaltet, die alle etwas mit Nietzsche zu tun haben. Ich war von der Playlist ziemlich begeistert und hörte sie eine Weile rauf und runter, wurde jedoch ein wenig stutzig, da sich der Stil der Songs untereinander stark unterschied und irgendwas mit dem Gesang mich irritierte. Manche Wörter wie „gaya scienza“ wurden komisch ausgesprochen, andere seltsam betont. Irgendetwas stimmte einfach nicht, war an diesen Songs nicht richtig. Dann fand ich heraus: Der Creator gibt in den Beschreibungstexten ganz offen zu, die Songs und sogar die Graphik mit Suno und anderen K„I“-Tools erstellt zu haben.
Hier würde ich anerkennen: Da hat sich jemand wirklich Gedanken gemacht und eine interessante Playlist erstellt, auch wenn im Detail manches nicht ganz aufgeht. Es geht hier schließlich auch um recht generischen Techno und die entsprechenden synthetischen Stimmen – dass man solche Musik mit K„I“ sehr gut produzieren kann, überrascht wenig. Allerdings erhielten diese Songs kaum Klicks; wahrscheinlich ist eine derartige künstlerische Annäherung an Nietzsche doch zu „nitzschig“.
Was auf deutlich bessere Resonanz stößt und meist produziert wird, ohne die K„I“-Nutzung offenzulegen – obgleich sie jedem nicht völlig ahnungslosen Betrachter nach 10 Sekunden offensichtlich ist –, sind „Dokus“, die oft mehr als eine halbe Stunde dauern und beanspruchen, die Grundgedanken wichtiger Philosophen oder deren Werke darzulegen. Auch hier sind es frappierenderweise die Existenzphilosophen, die sich anscheinend als beliebtes Opfer der Scammer anbieten.
Der Kanal „Philosophy Origins Deutsch“ hat gegenwärtig etwa fast 5.000 Abonnenten und beinhaltete zahlreiche Videos, die mit einer derart monotonen, künstlich schnellen Stimme „eingesprochen“ wurden, dass man eigentlich denken sollte, dass sie für jeden normalen Benutzer völlig unerträglich ist – ganz davon abgesehen, dass auch ihr zahllose peinliche Aussprachefehler unterlaufen. Entweder die Fans dieses Kanals und ähnlicher hören mit reduzieren Geschwindigkeit oder lassen sich die Videos von einer K„I“ zusammenfassen – Sprechstimmen, die auf Lauschmaschinen treffen. Oder sie hören das monotone Gebrabbel einfach zum Einschlafen – dafür taugt’s vielleicht tatsächlich.
Zu den Highlights dieses Kanals in Sachen Nietzsche zählt etwa ein Video mit dem Titel Zur Genealogie der Moral: Nietzsches Gefährlichstes Buch – Dokumentation, das bislang mehr als 4.000 Aufrufe erlangte, fast 100 Likes erhielt und einen User zum begeisterten Kommentar verleitete: „Das ist bis jetzt die beste zusammenfassung die ich je sah!“ Mit der deutschen Groß- und Kleinschreibung haben es offenbar weder die Macher dieses Kanals noch ihre Fans so ganz – jedenfalls wissen erstere anscheinend nicht, dass es im Deutschen keinen title case wie im Englischen gibt (oder die K„I“, die sie nutzen …). In fast einer Stunde erfährt der leidensfähige Zuschauer nicht nur vieles zu Nietzsches Buch, sondern auch umfangreiche biographische Informationen über den Sohn eines „luthérischen“ Pastors und seine Frau (!) Elisabeth Förster-Nietzsche.
Ein weiteres Meisterstück des Kanals ist Studien Über den Pessimismus: Das Grausamste Buch von Schopenhauer Über die Existenz- Dokumentarfilm. 83 Likes und einige begeisterte Kommentatoren können kaum irren – der Haken nur: Fast eine Stunde lang quakt die Sprechmaschine über ein Buch, das es überhaupt nicht gibt. Es existiert nur eine populäre englischsprachige Anthologie mit dem Titel Studies in Pessimism – doch das bleibt in der „Doku“ natürlich unerwähnt.
Zu den „Lieblingsautoren“ des Kanals zählen ansonsten ausgerechnet George Orwell und Aldous Huxley, Autoren dystopischer Romane also, die vor genau derartigen Entwicklungen, wie sie jetzt durch die K„I“ beschleunigt werden, gewarnt haben. Die Personen hinter diesen Videos scheinen einfach nur Zyniker zu sein …
Man mag dem entgegnen, dass dieser Kanal und ähnliche wie der weniger erfolgreiche „Genies der Welt“, wo ebenfalls eine Stunde lang über Friedrich Nietzsche – Einsamkeit, Wahnsinn und Wahrheit gefaselt wird, ja vielleicht doch brauchbare einführende Informationen über die behandelten Werke und Denker bereitstellen. Doch das eigentliche Ärgernis besteht darin, dass jede Sekunde, die man auf diesen Videos verweilt, den Kreatoren dieser Totgeburten Einnahmen beschert, die professionellen YouTubern, die viel Zeit und Mühe aufwenden, um ähnliche Inhalte zu produzieren, entgeht. Aufmerksamkeit ist eben ein begrenztes Gut.

V. niX
Dass es auf der Plattform X, die offensiv zur Nutzung der eigenen K„I“-Software Grok aufruft, nicht viel anders aussieht, verwundert kaum. Besonders negativ fällt hier der Kanal „Friedrich Nietzsche“ auf, der durch seinen Benutzernamen – @NIETZSCHESOURCE – auch noch suggeriert, in irgendeiner Weise mit dem seriösen Portal nietzschesource.org in Verbindung zu stehen. Mehr als 100.000 Follower bekommen von diesem Kanal fast täglich „inspirierende“ (mehr oder weniger authentische) Nietzsche-Zitate mit (mehr oder weniger) passenden Bildern ausgespielt, die mittlerweile mehrheitlich K„I“-generiert sind. Regelmäßige Verwendung findet dabei etwa ein Bild (vgl. Abb. 5), das Nietzsche zeigt, wie er in einem Buch Human Nature schmökert, das von ihm selbst stammen soll. Er sitzt im Kerzenschein, gleichzeitig strömt zum Fenster Sonnenlicht herein. Auch hier gilt: Jede Sekunde Aufmerksamkeit, die für diesen Trashkanal draufgeht, geht einem ernsthaften Nietzsche-Kanal verloren …
.png)
VI. Schrottipedia
Das eigentliche Prestigeprojekt Elon Musks in Sachen K„I“ ist jedoch die Plattform Grokipedia. Das Portal ging Anfang 2026 online und soll an die Stelle der klassischen „linksgrün versifften“ Wikipedia treten, die erfreulicherweise nach wie vor ausschließlich auf von Menschen erstellte Inhalte setzt. Der „linken Propaganda“ von Wikipedia will Musk mithilfe der K„I“ „die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit“12 entgegensetzen. Das Skandalöse und Lächerliche – bei einem Projekt Musks, bei dem es nicht um Geld und Technik geht, kaum anders zu erwarten –: Es stellte sich heraus, dass zahlreiche der Artikel auffällig hohe Übereinstimmungen zu den entsprechenden bei Wikipedia aufwiesen bzw. von dieser sogar einfach übernommen wurden.
Wikipedia beansprucht nun gar nicht, zu irgendeinem Thema „die Wahrheit“ abzubilden, sondern einfach nur das, was sich im Streit der Verfasser und Kommentatoren der Artikel als das Stichhaltigste durchsetzt. Dabei kommt bisweilen auch Unfug heraus und Wikipedia krankt seit vielen Jahren daran, dass die Artikel einfach viel zu lang sind und oft nebensächliche Detailinformationen beinhalten, die in einem Lexikon eigentlich nichts zu suchen haben. Oder ellenlange Auflistungen aller möglichen Einschätzungen zu einem bestimmten Thema, die einen auch nicht viel weiterbringen, wenn man sich wirklich ein eigenes Bild machen möchte. Von der in der Tat bisweilen fragwürdigen Moderationspolitik der ehrenamtlichen Administratoren der Seite einmal abgesehen …
Wikipedia ist dennoch für viele zu Recht die erste Anlaufstelle, wenn es um einigermaßen glaubwürdige und belegbare Informationen zu einem Thema geht – jedenfalls bis die K„I“ (leider) mehr und mehr diese Aufgabe übernahm. Dass dahinter fehlbare Menschen standen, wusste man – so, wie klar ist, dass jedes Lexikon trotz aller Sorgfalt Fehler beinhalten kann.
Dass die K„I“ ihrer Natur nach auch nicht mehr leisten kann als Wikipedia, sollte eigentlich ebenso offenkundig sein. Doch ist es anscheinend nicht, wenn selbst Menschen wie Musk, die doch eigentlich intelligent sein müssten, ernsthaft meinen (sofern es ihm nicht einfach nur um Marketing geht), eine K„I“ könnte zu irgendeinem Thema „die Wahrheit“ sagen, sofern diese nicht schon zuvor von Menschen erforscht wurde – und damit so „wahr“ ist wie nun einmal jede menschliche Behauptung.
Vielleicht hätte Musk auch einfach mal Grok selbst fragen sollen. Auf meine Frage hin „Kann man auf Grokipedia zu allen Themen die Wahrheit lesen?“ antwortete die K„I“ jedenfalls direkt: „Nein. Auf Grokipedia kann man nicht zuverlässig ‚die Wahrheit zu allen Themen‘ lesen“, und verwies als Quelle zu diesem Satz ausgerechnet auf den englischsprachigen Wikipediaartikel zu Musks Enzyklopädie. Sein Fazit:
Kein einzelnes Medium oder Modell liefert die objektive Wahrheit zu allen Themen. Wikipedia hat eigene Bias- und Qualitätsprobleme, Grokipedia hat andere (KI-Fehler, Abhängigkeit von Trainingsdaten, fehlende lebendige Korrektur, erkennbare weltanschauliche Einfärbung). Für seriöse Recherche bleiben Primärquellen, Fachliteratur und der Abgleich mehrerer unabhängiger Darstellungen nötig – nicht eine einzige KI-Enzyklopädie.
Wie schlägt sich Grokipedia nun, wenn es um Nietzsche geht?
Man muss zunächst zugestehen, dass sich der englischsprachige Wikipedia-Artikel und der auf Grokipedia recht deutlich unterscheiden – zumal es bei Lexikoneinträgen ohnehin kaum vermeidlich ist, dass sie sich stark ähneln.
Es fallen jedoch schnell Fehler auf, wenn man nur die Überblicksangaben am rechten Seitenrand betrachtet. So wird als Nationalität Nietzsches „German“ angegeben, obwohl er – wie Grokipedia im Artikel selbst darlegt – niemals Bürger des Deutschen Reiches gewesen ist, sondern ab 1869 staatenlos und zuvor Bürger Preußens gewesen war. Seine kurzzeitige Freundin Lou Andreas-Salomé firmiert in der Kurzübersicht als sein „partner“, als maßgeblicher Einfluss wird neben Wagner und Schopenhauer seltsamerweise sein akademischer Lehrer Friedrich Wilhelm Ritschl genannt.
Doch man stößt auch auf gröbere Schnitzer. So behauptet Grokipedia etwa: „By 1869, his dissertation on Theognis of Megara and habilitation on Diogenes Laërtius positioned him for academic advancement, though his interests increasingly veered toward philosophy.” Tatsächlich schrieb 1864 Nietzsche seine Abschlussarbeit in Schulpforta über den griechischen Dichter Theognis und hatte die Absicht, über den spätantiken Philosophiehistoriker Diogenes Laërtius zu promovieren, wurde jedoch zum Professor berufen, bevor er diese Schrift vollendet hatte.13 Pikanterweise – und dies ist ein typischer K„I“-Schnitzer – wird für diesen Satz sogar eine Internetseite als Quelle angegeben, auf der jedoch von alldem überhaupt keine Rede ist. Es wird so der Eindruck einer fundierten Behauptung erweckt, die jedoch in keiner Weise zutrifft. – Und im folgenden Absatz schreibt Grokipedia sogar selbst: „Though Nietzsche had not completed a formal doctoral dissertation, the University of Leipzig awarded him a doctorate without examination based on his published scholarly work“!
Das Kapitel über Nietzsches „Independent Philosophical Period“ wird dann mit einem Bild illustriert (vgl. Abb. 6) – wie üblich ohne Quellenangabe –, das im Netz zwar immer wieder als Portrait Nietzsches fungiert,14 den Philosophen aber schlicht nicht zeigt, sondern allenfalls vage Ähnlichkeit mit ihm aufweist. Es handelt sich wahrscheinlich um kein K„I“-Fake, sondern ein authentisches Photo irgendeiner anderen Person.
Derartige Fehler und weitere Kuriositäten finden sich in dem Eintrag zahlreiche.15 Von der „Wahrheit“ ist Grokipedia also nach wie vor weit entfernt, auch wenn man zugestehen muss, dass der Artikel eine halbwegs brauchbare Überblicksdarstellung über die wichtigsten Fakten zu Nietzsche tatsächlich liefert. Er krankt freilich, wie auch der Wikipedia-Eintrag, daran, für einen Lexikonartikel einfach viel zu lang zu sein. Er ist zudem schlecht gegliedert – erst der letzte Absatz widmet sich seinen „Major Works and Nachlass“, nachdem zuvor ausführlich über „Scholarly Debates“ und „Reception“ berichtete wurde – und strotzt von Redundanzen. Als Quellen fungieren zudem keine richtigen Bücher, sondern irgendwelche Netzfundstücke von wechselndem Wert.
Auch hier zeigt sich: Natürlich ist es beeindruckend, dass ein Computerprogramm überhaupt so einen Text erstellen kann. Aber so richtig überzeugt das Resultat auch hier nicht. Vor allem beinhaltet der Text neben vielen Fakten auch einige Falschbehauptungen und Halbwahrheiten. Wer sich wirklich sachlich über Nietzsche informieren möchte, findet im Internet hunderte bessere, von Menschen verfasste, Angebote, die natürlich auch nicht fehlerfrei sind, aber idealerweise besser geschrieben – und diese Angebote sind es ja, die für Grokipedia überhaupt erst das Datenmaterial geben, das es nur kompiliert, und dies auch noch schlecht.

VII. Stop the Slop!
Man mag das alles für Nörgelei und gewissermaßen umgekehrte Rosinenpickerei halten. Doch das Hauptproblem wird niemand leugnen können: Die K„I“ überschwemmt uns massenhaft mit qualitativ fragwürdigen Inhalten, die unser Bild von der Realität verzerren. Und das Schlimmste: Zahllose Nutzer verlassen sich in mehr und mehr auf die Outputs der Maschine und halten dieses Zerrbild für die „Wahrheit“ – da es von einer Maschine kommt, muss es ja stimmen. Dieser naive Umgang mit K„I“ führt nicht zuletzt dazu, dass menschliches Handwerk mehr und mehr weniger wertgeschätzt wird – was so weit geht, dass selbst prominente Politiker selbst für wichtige Reden und Zeitungsartikel keine professionellen Redeschreiber mehr bezahlen und die Kritik daran als elitäre „unzeitgemäße“ Meckerei abtun.16
Es ist eine gefährliche Situation. Das breite Publikum wird gegenüber der K„I“ immer unkritischer und erleichtert so den Ersatz menschlicher kreativer Arbeit durch – scheinbar – billigere K„I“-Outputs (scheinbar, weil die wahren Kosten der Rechenleistung noch gar nicht in Rechnung gestellt werden17). Es droht so – wenn das durchschnittliche Qualitätsniveau kultureller Erzeugnisse immer weiter absinkt und immer weniger Leute von kreativer Arbeit leben können – ein massiver Kulturverfall.18 Es ist alles so, wie in dem düsteren Kulturindustriekapitel der Dialektik der Aufklärung Adornos und Horkheimers, nur hundert Mal schlimmer.
Es hilft nur, kritisch zu bleiben und sich dem „Slop“ so weit wie möglich zu entziehen. Und zugleich hat diese ganze Situation auch einen positiven Nebeneffekt: Wir erinnern uns plötzlich daran, dass hinter den Inhalten, die wir so gerne konsumieren, Menschen stecken, die sie mit viel Zeit und Liebe erstellen – und die dafür ordentlich bezahlt werden sollten. Das Internet hat uns vielleicht zu sehr daran gewöhnt, kreative Inhalt kostenlos beziehen zu können. Und klar: Es ist toll, dass so viele kulturelle Produkte wie noch nie in der Geschichte zuvor auf einfachstem Wege gratis oder nahezu umsonst verfügbar sind. Doch diese Gratismentalität ist womöglich das eigentliche Problem.
Vielleicht bekommen wir am Ende einfach die Kultur, die wir verdienen, Ramschcontent auf Ramschniveau. Ein Ausweg bestünde darin, für gute kulturelle Arbeit wieder bereit zu sein, mehr Geld auszugeben – gerade jetzt.
Ich werde jedenfalls für meine philosophische Arbeit die K„I“ nur als peripheres Hilfsmittel verwenden und dies soll auch weiterhin die Linie von Nietzsche POParts sein. Wir sind überzeugt, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, diese klare Haltung wertschätzen. Nur bei den Übersetzungen machen wir aus Kostengründen eine Ausnahme, doch kennzeichnen diese ggf. eindeutig als K„I“-Produkt. Für meine eigenen Übersetzungen greife ich noch nicht einmal, außer in Ausnahmefällen, auf die schon länger etablierten Übersetzungstools zurück. Ich vertraue einfach auf meine eigenen geistigen Fähigkeiten und habe noch keinen Nutzen der K„I“ für meine Arbeit erkannt, vielfach im Gegenteil Mehraufwand, da ich die Outputs der Maschinen ja immer noch selbst prüfen muss, habe ich am Ende doch immer noch selbst die Verantwortung für sie zu tragen. Mir geht es zumal bei der philosophischen Arbeit vor allem um den kreativen Prozess: Ich möchte, selbst wenn es ineffektiv sein sollte, selbst zu einem Urteil kommen und es in einer meiner Intention entsprechenden Form mitteilen. Am Ende soll vor allem ich selbst mit dem Resultat zufrieden sein – denn nur dann kann ich erwarten, dass auch andere es interessant finden. Erfolg mit K„I“-Outputs zu haben, die überhaupt nichts mit meinen eigenen Werten und Gedanken zu tun haben, reizt mich schlichtweg nicht, da könnte ich mein Geld leichter anders verdienen. Die K„I“ nutze ich lieber zur privaten Belustigung und für Dinge wie meine Steuererklärung oder die Reparatur meines PCs – um dadurch mehr Zeit für das zu haben, was ich eigentlich gerne machen möchte. Wieso sollte ich es umgekehrt machen?
Und auch bei Werken anderer ist es so. Ich will ja erfahren, was jemand selbst zu einem bestimmten Thema nach intensiver Beschäftigung herausgefunden hat, zu welchem Urteil er gekommen ist. Wieso sollte mich ein K„I“-Output überhaupt interessieren, wenn es nicht um einen reinen Gebrauchstext geht? Wieso sollte es überhaupt irgendjemanden interessieren?
Da ich bestimmt nicht der einzige bin, der die Dinge so sieht, bin ich am Ende doch verhalten optimistisch gestimmt. Dennoch gilt die Devise: Wehret den Anfängen! Stop the Slop! Wenn das Internet mehr und mehr in einen K„I“-Ramschladen verwandelt wird, hat am Ende niemand etwas davon, nicht einmal die Techkonzerne selbst, die schon jetzt vor dem Problem stehen, gar nicht mehr genug menschliches Trainingsmaterial für ihre Maschinen vorzufinden. Oder es wird zu einer großen Abwendung von der digitalen Welt und zur Rückbesinnung aufs Analoge kommen, auf authentische Begegnungen, echte Kreativität, originelle Gedanken, selbst wenn sie formal nicht perfekt präsentiert sein mögen. Die Universitäten sollten in diesem Sinne etwa ihre Bewertungskriterien bei Prüfungen vollkommen neu überdenken und sichtbare eigenständige Reflexion statt formaler Genauigkeit honorieren. Und es wird womöglich zu einem Boom von Dienstleistern kommen, die solche Erfahrungen ermöglichen. Eine Gegenbewegung, die sich bereits jetzt abzeichnet. Auch dies wäre vielleicht nicht die schlechteste Möglichkeit …
Das Artikelbild stammt von einem Onlineshop (Link). Der Betreiber möchte für diesen „AI Art Sticker“ tatsächlich 2,86 € haben, andere Merchandiseprodukte mit demselben Motiv sind noch teurer.
Literatur
Sartre, Jean-Paul: Entwürfe für eine Moralphilosophie. Übers. v. Vincent von Wroblewsky. Reinbek b. Hamburg 2005.
Fußnoten
1: Diese und auch die anderen Zahlenangaben in diesem Artikel geben dem Stand vom 01.09.2026 wieder.
2: Also sprach Zarathustra, Vom Lesen und Schreiben.
3: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben, Abs. 5.
4: Zur Genealogie der Moral, Vorrede, Abs. 8.
5: Menschliches, Allzumenschliches II, Vorrede, Abs. 1.
6: So Nietzsche über die Visionen des apollinischen Künstlers (Die Geburt der Tragödie, Abs. 4).
7: So stammen etwa die lesenswerten Nachworte der verbreiteten DTV-Studienausgabe, die auf seiner kritischen Edition basiert, nicht von ihm, sondern seinem Co-Herausgeber Giorgio Colli.
8: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 222.
9: Allenfalls als völlige Anarchie wäre sie wohl möglich, so schreibt Sartre in den posthum veröffentlichten Entwürfen für eine Moralphilosophie: „Eine Ordnung der Freiheiten ist undenkbar, weil kontradiktorisch“ (S. 724). Ganz ähnlich spricht Nietzsche davon, dass eine „freie Gesellschaft“ nur durch ein „hölzernes Eisen“ erreicht werden könne (Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 356). Beide ziehen aus dieser Feststellung jedoch entgegengesetzte Folgerungen: Sartre sieht den Kampf um Befreiung trotzdem als wertvoll an, dem späten Nietzsche geht es allein noch um die Befreiung des Einzelnen bzw. bestimmter weniger „Herrenmenschen“.
10: Sartre war übrigens, wie man jedenfalls diesem Beitrag entnehmen kann, Zigaretten-, nie regelmäßig Pfeifenraucher.
11: Ein typisches Beispiel ist etwa der Kanal von „Nick Kasmik“, der sich wenigstens noch die Mühe macht, die K„I“-Outputs selbst vorzulesen.
12: Zit. n. Deutsche Welle.
13: Nietzsche erhielt stattdessen ein Ehrendoktorat der Universität Leipzig und publizierte Beiträge zur Quellenkunde und Kritik des Laertius Diogenes 1870, ohne sie als Dissertationsschrift einzureichen.
14: So häufig, dass auch die Google-K„I“ meldet: „Das Bild zeigt den deutschen Philosophen und Kulturkritiker Friedrich Nietzsche“.
15: Um nur ein Beispiel zu geben: Ganz am Ende heißt es im Abschnitt „Major Works and Nachlass“: „Turkish translations of these key works have garnered high user ratings on Goodreads, approximately: Böyle Buyurdu Zerdüşt (4.07/5), İyinin ve Kötünün Ötesinde (4.02/5), Ahlakın Soykütüğü Üzerine (4.12/5), Putların Alacakaranlığı (4.15/5), and Ecce Homo (4.13/5), with Turkish editions typically scoring similarly to originals depending on translation quality.“
16: Vgl. FragDenStaat.
17: Vgl. diese detaillierte Analyse des auf Dumping setzenden Geschäftsmodell der Techkonzerne.
18: Einem Bericht der FAZ zufolge führte etwa der fast vollständige Umstieg auf K„I“ bei der Produktion von Mikroserien, die aus extrem kurzen Folgen bestehen, in China zu einer Massenarbeitslosigkeit unter Schauspielern und anderen Mitarbeitern der entsprechenden Filmindustrie.









