Nietzsche, Comedy und die Kunst der Grenze

Ein Gespräch mit Sandra Schmidt

Nietzsche, Comedy und die Kunst der Grenze

Ein Gespräch mit Sandra Schmidt

22.9.26
Bernhard Ostheimer & Sandra Schmidt
Nietzsche ist ein Meister der Provokation und der Pointe. Im Hofnarren erkennt er eine Figur, die sich nicht anpassen kann und den Mächtigen deshalb Wahrheiten sagt, die sie sonst kaum zu hören bekommen – und sie damit zugleich zum Lachen bringt. Lässt sich darin eine Parallele zur heutigen Stand-up-Comedy erkennen? Wie kommen hier Haltung und Handwerk zusammen? Welchen Einfluss haben Bühnenraum, Publikum und soziale Medien darauf, was wann und wo als komisch empfunden wird? Und wer sind überhaupt die Mächtigen von heute: politische Machthaber, gesellschaftliche Mehrheiten oder Algorithmen? Unser Autor Bernhard Ostheimer traf sich mit der Comedian und promovierten Philosophin Sandra Schmidt, um über Nietzsche, das Handwerk der Komik und die Kunst zu sprechen, Grenzen zu überschreiten, ohne den Kontakt zum Publikum zu verlieren.

Nietzsche ist ein Meister der Provokation und der Pointe. Im Hofnarren erkennt er eine Figur, die sich nicht anpassen kann und den Mächtigen deshalb Wahrheiten sagt, die sie sonst kaum zu hören bekommen – und sie damit zugleich zum Lachen bringt. Lässt sich darin eine Parallele zur heutigen Stand-up-Comedy erkennen? Wie kommen hier Haltung und Handwerk zusammen? Welchen Einfluss haben Bühnenraum, Publikum und soziale Medien darauf, was wann und wo als komisch empfunden wird? Und wer sind überhaupt die Mächtigen von heute: politische Machthaber, gesellschaftliche Mehrheiten oder Algorithmen?

Unser Autor Bernhard Ostheimer traf sich mit der Comedian und promovierten Philosophin Sandra Schmidt, um über Nietzsche, das Handwerk der Komik und die Kunst zu sprechen, Grenzen zu überschreiten, ohne den Kontakt zum Publikum zu verlieren.

Eine längere, unredigierte Fassung des Gesprächs können Sie auch auf YouTube ansehen oder auf Soundcloud anhören.

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Abbildung 1: „Ungezügelt“ sein als Erfolgsfaktor beim Dating. Screenshot der App Bumble (16.07.2026).

Bernhard Ostheimer: Bei Nietzsche POParts trifft Nietzsches Philosophie auf Phänomene der Gegenwart – diesmal auf die Bühnen und Hinterbühnen der Stand-up-Comedy.  

Nietzsches Philosophie wie auch die Stand-up-Comedy leben von Inszenierungen, Gesten und dem kunstvollen Spiel mit Masken. Vor allem aber verbindet sie ein besonderes Verhältnis zu Grenzen. Witz und Humor entstehen häufig dort, wo bestehende Ordnungen irritiert, verschoben oder überschritten werden. Und auch Nietzsches Philosophie bewegt sich in solchen Grauzonen – zwischen Moral und Unmoral, Wahrheit und Schein oder Ernst und Spiel.  

Mit der Stand-up-Comedy teilt Nietzsche deshalb einen gewissen Hang zur Provokation – oder, wie man heute vielleicht sagen würde: zur Edginess. Im Urban Dictionary wird Nietzsche sogar als jemand bezeichnet, der ein „Edgelord [war], bevor es cool war“1. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Ein Edgelord will provozieren, während ein Comedian das Publikum zum Lachen bringen will. Comedy kann sich den Grenzgang leisten – aber nur, solange sie den Kontakt zum Publikum nicht verliert.  

Dass dieser Reiz der Grenze keineswegs nur ein Faible einiger Außenseiter ist, zeigen drei gegenwärtige Beispiele.

Erstens: Auf der Dating-App Bumble kann man gezielt nach jemandem suchen, der „ungezügelt“ ist. Edginess erscheint hier als Attraktivitätsfaktor (vgl. Abb. 1)2.  

Zweitens: ChatGPT wurde vielfach dafür kritisiert, zu gefällig zu sein – ein digitaler people pleaser. Es dauerte jedoch nicht lange, bis eine neue Persönlichkeit eingeführt wurde, die dem Edgelord durchaus ähnelt: Seit 2025 kann man mit einem „Zyniker“ sprechen. User beschreiben ihn als „amüsant“, „scharfzüngig“ und als jemanden „mit klarer Kante“.3 Auch Nietzsche bezeichnete sich gelegentlich als Cyniker – allerdings als einen, dem man gerade nicht nur zustimmen sollte, sondern dem man (wie er selbst schreibt) auch mit ironischem Widerstand begegnen sollte.4

Damit sind wir beim dritten Beispiel – und beim heutigen Thema. Auch in der Stand-up-Comedy bei Netflix taucht gelegentlich das Wort „zynisch“ auf, z. B. in Kurz-Beschreibungen oder als Such-Vorschläge (vgl. Abb. 2). Die übergeordnete Rubrik heißt dort allerdings „Gewagt“. Das Wagnis spielt auch bei Nietzsche eine zentrale Rolle. An einer Stelle meint er sogar, dass „gefährlich leben“ „den grössten Genuss vom Dasein“ mit sich bringen kann.5 Sein berühmtestes Bild dafür findet Nietzsche in Also sprach Zarathustra: Dort ist der Mensch „ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, – ein Seil über einem Abgrund“. Der „Mensch“ wird hier als etwas dargestellt, das durch einen Balanceakt überwunden werden kann. Doch wer derart hochtrabende Botschaften verkündet, riskiert auch, sich lächerlich zu machen. So endet Zarathustras Auftritt auf dem Marktplatz damit, dass er ausgelacht wird.6 Und auch der Seiltänzer stürzt ab. Missverstanden oder herabgesetzt zu werden waren Gefühle, die Nietzsche auch aus seinem Leben kannte.7 Obwohl er über Jahre hinweg zahlreiche Bücher schrieb, wurde er zu Lebzeiten kaum bemerkt.  

Unser heutiger Gast kennt dagegen das unmittelbare Echo des Publikums. Sandra Schmidt steht seit Jahren auf Comedybühnen im ganzen Land, veröffentlicht Sketche auf Social Media und ist im ZDF-Streaming-Portal zu sehen. Im Herbst erscheint zudem ihr erstes Buch im Trabantenverlag. Es heißt Shit Happens und wird einige Erzählungen beinhalten.8 Und dann hat sie auch noch vor Kurzem in Philosophie promoviert! Damit kommt bei ihr Wesentliches zum Thema zusammen. Heute, am 18. Juni 2026, treffe ich sie in Berlin.

Abbildung 2: Suchvorschläge zum Begriff „zynisch“ auf Netflix. Screenshot vom 01.08.2026.

1) Philosophie-Hirn und Comedy-Bauch

B: Hallo Sandra, schön, dass wir miteinander sprechen können. Du bist ja, wie gesagt, Philosophin und Comedian. Das heißt also, dass du einerseits geübt im Analysieren bist, eine vielleicht eher kopflastige Tätigkeit, und andererseits musst du ja auch sehr auf Bauchgefühle achten, damit die Witze keine ‚Kopfgeburten‘ werden. Wie geht das Philosophie-Hirn mit dem Comedy-Bauch zusammen?  

Sandra Schmidt: Also erstmal vielen Dank, dass ich da sein darf und direkt in einem Atemzug mit Nietzsche erwähnt wurde. Also wenn ich das richtig verstehe, bin ich quasi schon ein bisschen besser als Nietzsche, denn ich habe mehr Follower als er. Geil, Leute, das ist das, was ich immer erreichen wollte.  

B: Ja, ein Sieg im Diesseits, er sei dir gegönnt!

S: Nun aber zu deiner Frage. Das geht direkt rein in die Thematik „Wie mache ich Comedy?“. Ich merke die Spannung schon. Etwa daran, dass ich mir manchmal denke: Ich möchte philosophische Jokes schreiben und den Leuten Philosophie näherbringen. Darüber denke ich dann nach, aber meistens sind das nicht die Jokes, die die Leute hören wollen.

B: Sind das dann diese Kopfgeburten? ‚Cancelst‘ du viele Kopfgeburten vor ihrer Veröffentlichung?  

S: Nee, ich ‚cancel‘ sie nicht. Ich probiere sie schon auf der Bühne aus und dann bomben9 sie halt und dann rede ich doch wieder über Sex und so reiß ich das Ruder rum.  

B: Das heißt, du nimmst dir diesen Freiraum, den es da bei Comedy gibt. Da gibt’s ja Open Mics. So wie es auch eine Open Stage für Musiker gibt, auf der man sich ausprobieren kann. Aber wenn man sich unter Impromusikern verspielt oder verzockt, sind einem die Leute vielleicht nicht ganz so gram. Es ist ja ein amateurfreundliches Setting. Das gilt zwar auch für die Kunstform Stand-up-Comedy auf Open Mics, aber da wird das von der Moderation nochmal explizit gerahmt, indem angekündigt wird, dass das jetzt alles eine Testphase ist und dass hier auch Witze „zum ersten und zum letzten Mal“ erzählt werden. Braucht Comedy Schutzräume?  

S: Es gibt da schon noch irgendwie diesen Rahmen, dass selbst wenn ein Joke bombt, das ja nicht heißt, dass die Leute das jetzt komplett dumm fanden oder uninteressant. Vielleicht fanden sie ihn sogar gut, aber sie haben nicht gelacht. Man hört halt oft, dass ein Stand-up-Set kein TED-Talk sein soll. Also es kann ja trotzdem für die Leute interessant sein, wenn man dann über Philosophie was erzählt, aber sie lachen halt nicht. Wobei es ist auch nicht immer so. Ich glaube übrigens, man kann über alles einen Joke machen. Es gibt nur bestimmte Themen, bei denen es sehr viel schwieriger ist. Philosophie ist so ein schwieriges Thema. Man muss erst mal ganz viel erklären, und eigentlich müssten da schon die Jokes liegen. Dazu kommen noch Klischees, mit denen wir konfrontiert sind: Wir arbeiten alle nur als Taxifahrer, wir arbeiten gar nicht. Oder ich werde mit einer Psychologin verwechselt, weil beides mit P anfängt.  

B: Dann hast du also auch mal was in der Richtung versucht. Es gibt ja auch Comedians, die einen philosophischen Dreh drin haben.10  

Abbildung 3: Kupferstich Narr und Närrin (um 1538) von Hans Sebald Beham (1500–1550) (Quelle).

2) Schärfe und Handwerk

B: Aber letzten Endes ist es ja auch so, dass Humor (und insbesondere der Witz) oft von einer gewissen Schärfe lebt.11 Und das Thema Philosophie gibt das jetzt vielleicht nicht auf den ersten Blick her. Es gab natürlich Satiriker und Philosophen, die auch mit Witzen gearbeitet haben. Doch es gibt ja auch eine Humortheorie, da ist hier [bewegt die Hand in eine Richtung] das absolut harmloseste, ja, fast schon langweilig – und hier [bewegt die Hand in andere Richtung] geht’s halt gar nicht mehr klar, ja, also da sagt sogar eine Sandra Schmidt: „Jetzt ist mal gut!“. Aber so kurz davor – ja, es baut sich so auf – kurz bevor es ganz furchtbar wird, gibt’s für uns alle ein Gewürz versteckt. Und danach sucht man doch auch ein bisschen als Comedian.12 Stimmt das?  

S: Ja, du hattest vorher schon gesagt, dass Nietzsche die Grenze immer gesucht hat. Und ich glaube, das ist auch das, was wir Comedians machen. Also, wir suchen die Grenze und wir überschreiten sie auch.13 Wichtig ist nur, dass es wirklich gut gemacht ist. Und da gibt’s auch so Fälle wie bei Dave Chappelle. Der hatte dieses eine Special, für das er sehr stark kritisiert wurde.14 Da bin ich mir z. B. bin nicht sicher, ob’s ihm vielleicht egal war, dass er die Grenze jetzt so überschritten hat. Man weiß ja auch nicht, ob er gesagt hat: „Ich nehme den Gegenwind in Kauf“. Oder ob’s auch daran lag, dass die Jokes einfach besser hätten gemacht werden müssen und dann wär’s anders gelaufen.

B: Ja, eine handwerkliche Frage oder eine moralische Frage? Das sind die zwei großen Fragen, die man sich als Comedian stellt, wenn man heikle Themen berührt, beim Balanceakt eines Seiltänzers. Filiz Tasdan meinte z. B. in einem Interview, dass sie nicht jeden Witz ihrem Vater erzählt,15 Erika Ratcliffe meinte in einem Interview, dass sie privat einen viel krasseren Humor hat als auf der Bühne.16 Wobei der auch schon krass ist. Vielleicht haben Comedians auch vom Temperament her ein bestimmtes Verhältnis zur Grenze. Und du wirst ja wahrscheinlich auch ab und zu mal Witze machen, wo du sagst: „Das geht aber nicht auf der Bühne“.  

S: Das stimmt. Ich bin mir dann immer unsicher … Also edgy Jokes funktionieren bei mir nicht so gut. Ich glaube, das liegt an dieser Familiengeschichte, in der ich noch mit drinstecke. Vielleicht liegt es daran, dass die Leute, wenn ich vorher erzähle, dass ich Kinder habe, bei solchen Jokes, selbst wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt im Set auftauchen, denken: „Hey, du bist jetzt Mutti und das wollen wir nicht hören“. Wobei es natürlich auch andere Comedians gibt, die Mütter sind. Dann ist es vielleicht doch so eine Attitude-Geschichte. Dass ich mich selber nicht traue, diese Sachen zu erzählen und das Publikum das merkt. Aber es gibt schon bestimmte Jokes für bestimmte Personen, und man legt sich irgendwann fest, in welche Richtung man geht. Ich rede viel über meine Kinder oder meinen Mann, sodass ich dann schon eher in diese Richtung gehe und vieles unausgesprochen lasse, aber die Leute schon drauf kommen … Also ich rede schon viel über Sex, ist mir irgendwann aufgefallen, haha. Ist schon ein großes Thema, aber halt nicht so explizit. Ich mach’s jetzt nicht so wie Erika Ratcliffe.

Abbildung 4: In der frühen Neuzeit unterschied man zwischen „natürlichen“ Stock- und bewussten Schalksnarren (Quelle).

3) Dunkle Räume, Grenzen, David gegen Goliath

B: Ich war schon auf Open Mics in etwas dunkleren Kellern und dachte manchmal, dass es dort ähnlich ist wie bei Konzerten. Die perfekte Formel für ein gutes Konzert könnte vielleicht sein: Der Raum muss bisschen zu eng sein. Es darf nur die Band sichtbar sein. Das Publikum darf sich nicht sehen. Und weil es so eng ist, wird es schnell auch mal ein bisschen schmutzig. Also man wird irgendwie angerempelt, das Bier kippt einem auf die Hose, und man denkt sich: „Jetzt ist auch scheißegal“, weißte?17 Könnte das auch auf gute Bedingungen für einen Comedy-Keller zutreffen?18 Abgesehen vom Getränk, das man auf die Hose bekommt – was würdest du sagen?

S: Ja, das stimmt.  

B: Und dann funktionieren vielleicht auch edgy Jokes mehr in so einem Keller, wo die Leute sich nicht sehen?  

S: Ja, schon. Das ist auf jeden Fall wichtig. Das Publikum darf sich nicht sehen, es muss eng sein, nur der Comedian darf beleuchtet werden. Und die Leute müssen eng beieinander sitzen. Deswegen sind so Open-Air-Veranstaltungen z. B. schwierig, weil dann alles hell ist und die Leute sich gegenseitig sehen. Dann kann man nicht so frei lachen. Das stimmt schon auf jeden Fall. Ich glaube, es ist schon auch eine Personality-Sache. Wenn ich über bestimmte Themen rede und mich in den ersten paar Minuten als eine bestimmte Art von Comedian etabliere, dann ist es komisch, wenn ich plötzlich umschwenke und super edgy werde. Wenn ich in solchen Räumen spiele – bei mir sind das eher so 23 Uhr Shows an einem Freitagabend, wo nur Besoffene im Publikum sind – dann habe ich sieben Minuten Jokes, die einfach nur edgy sind. Aber das würde ich jetzt nicht auf … Also das ist dann wirklich nur mein Material für diese Situation. Man muss halt irgendwann solche Entscheidungen treffen, so „in welche Richtung gehe ich?“. Man kann nicht alles machen als Comedian. Und das meiste Material von mir ist schon clean und weniger edgy.

B: Gut, du warst wahrscheinlich früher mal edgier, weil man es halt ausprobiert und seine Grenze kennenlernt, ne?  

S: Genau, ja

B: Aber man kriegt auch seinen Schliff, ne?

S: Ja. Viele junge Comedians wollen am Anfang sofort dark und edgy sein und die krassen Themen anfassen, auch politische Themen, und dann bomben sie halt. Weil es einfach schwieriger ist da gute Jokes zu machen. Außerdem möchte man ja auch nicht nur Applaus oder Lacher bekommen, weil es edgy ist. Also wenn man halt auf die Bühne geht und bestimmte Wörter sagt, die einfach schon ‚an sich‘ lustig sind – dann ist das auch so ein bisschen … Mir macht das nicht so viel Spaß.  

B: Es zeigt sich ja doch auch, dass es in einem Witz eine gewisse Herausforderung oder einen bestimmten Gegner geben sollte. Das kann man sowohl auf diese Edginess beziehen als auch auf so eine ganz abgeschmackte, politische Art von Comedy, bei der nur noch Strohmänner oder -frauen ausgelacht werden und es keinen Reiz mehr gibt, weil kein „David gegen Goliath“ zu sehen ist. Und genau das wollen wir sehen. Etwas ähnliches passiert glaube ich auch in so Fällen wie Dave Chappelle, wie du vorhin meintest. Da wird die Herausforderung auch nicht ganz so ‚genommen‘, wie sie vorgefunden wurde, oder? Also, Jerry Seinfeld hat in einem Interview mal etwas in der Richtung gesagt, dass Political Correctness es schwieriger machen würde, Comedy zu machen.19 Aber später hat er seine Aussage dann dahingehend nochmal angepasst und korrigiert, so dass er sagte, Political Correctness und Tabus seien eben gerade nicht das Problem in der Comedy, sondern Teil der handwerklichen Aufgabe.20 Sie ermöglichen es überhaupt erst Witze zu machen.21  

S: Ja, genau. Ich glaube auch, es ist Handwerk. Man kann über alles Jokes machen. Ich glaube nicht, dass es so eingeschränkt ist, wie manche sagen. Man muss es nur gut machen, dann funktioniert auch das.  

Abbildung 5: Kaiser Maximilian I. schrieb ein Versepos, in dem ein Hofnarr erfolglos versucht, zwei Pulverfässer zur Explosion zu bringen (Quelle).

4) Edgelord, Lebensbejahung durch Kunst

S: Du hattest jetzt gesagt, Nietzsche war der erste Edgelord?

B: Ja, so wird's im Urban Dictionary gesagt.22  

S: Oh, ok. Was ist denn ein Edgelord?

B: Das ist jemand, der kontroverse bis extreme Ansichten äußert, meistens in Internetforen. Es gibt aber auch Fälle im Real Life. Die größten Edgelords im popkulturellen Gedächtnis, also der allerextremste ist vielleicht GG Allin.23 Das ist ein Punkmusiker, der sein Leben so abgefuckt durchgezogen hat, wie man sich’s nur vorstellen kann. Nicht, dass ich das gut finde, aber es taugt hier als Beispiel. Und dann kommt erstmal lange Zeit nichts. Aber ich glaube irgendwann kommt dann auch mal Nietzsche und vielleicht noch ein paar andere dunklere Philosophen wie E. M. Cioran oder so. Aber entscheidend ist, dass es dem Edgelord oder der Edgequeen so’n bisschen egal ist, wie sie auf andere Leute wirken.24 Das ist aber auch der Unterschied z. B. zu einem Dandy, der die Kunst beherrscht, die Widersprüche in der Gesellschaft provokant zuzuspitzen oder sich in ihnen zu inszenieren, „ohne […] von ihr verstoßen zu werden“25.  

S: Ich finde das interessant. Ich hätte jetzt Nietzsche gar nicht so als Edgelord gesehen, ehrlich gesagt. Was ich interessant finde, ist, wenn ich versuche, Philosophie ein bisschen in mein Set reinzubringen und dann im Publikum frage, interessieren sich alle, die nicht Philosophie studiert haben, wegen Nietzsche für Philosophie. Also Nietzsche ist ja der Philosoph. Der popkulturelle Philosoph überhaupt. Den kennt jeder.  

B: Ja, weil er halt auch leicht lesbar ist, am Ende.  

S: Echt? Findest du?  

B: Ja, du kannst schon irgendwie eine Klolektüre zusammenbauen aus ein paar Sprüchen. Würde, glaube ich, hinhauen.  

S: Haha, ja, okay. Ja, ja ... ein bisschen cool ist er natürlich, mit diesen Sachen, „Gott ist tot“ und so. Ich sehe schon, dass er früher so der Rebell war und Leute das jetzt so mitnehmen.  

B: Gut, klar, es widerspricht natürlich ein bisschen den Gesetzmäßigkeiten des Edgelords bei Nietzsche, dass er ja viel schreibt und Lesende sucht. Sonst würde sich natürlich die Frage stellen, warum man überhaupt einen Stift in die Hand nehmen sollte, wenn man ein so destruktives Verhältnis zum Leben hat. Also es gibt immerhin noch ein starkes Kommunikationsbedürfnis und er erklärt sich ja auch viel. Deswegen stimmt das mit dem Edgelord nur teilweise26 und ist auch nicht so einfach wie bei einigen der popkulturellen Nachfolger dieses Typus.27  

S: Also ich lese Nietzsche auch gar nicht so destruktiv. Ich lese bei Nietzsche vor allem, ausgehend von seiner Kritik der Moralphilosophie, seine eigene Lebensphilosophie mit der ‚Bejahung des Lebens‘. Dass man dadurch ein gutes Leben führt, indem man sich immer wieder vor Augen führt: „Bejahe ich jetzt mein Leben, wenn ich‘s noch mal so leben würde? Würde ich das wieder so machen?“28 Und dann ja auch die Verbindung zur Kunst. Durch sie bejahen wir unser Leben, und da sehe ich mich als Comedian. Das ist das, wo ich die Verbindung zwischen mir und Nietzsche sehe, die wir ja schon herausgestellt haben, und gar nicht in dieser ganzen Edgelord-Geschichte.  

B: Andere Philosophen sind ja eher weiter weg von Comedy. Kant z. B. Also, es gibt viele Leute, die unglaublich viel erklären, und gelacht wird eigentlich nie. Bei Nietzsche wird manchmal gelacht.  

S: Und ich denke, dass er auch möchte, dass wir lachen und dass er sich genau gegen diese strikten kantischen und christlichen Moralvorstellungen stellt, weil sie unterdrückend und nicht lebensbejahend sind.  

B: Ja, genau. Er stellt sich Gott lachend vor und sowas.29 Und das sieht er im Christentum jetzt nicht so unbedingt.  

Abbildung 6: Karikatur, die Joseph Fröhlich, Hofnarr von August dem Starken, beim Segnen zwei anderer Höflinge zeigt (um 1729) (Quelle).

5) Hofnarr, der Algorithmus als zusammengeflickter Herrscher, Beliebigkeit, eigene Community bauen

B: Das bringt uns jetzt eigentlich schon direkt auf den Aphorismus, den wir uns ausgesucht haben, um darüber zu sprechen.30 Es geht darin um den Hofnarren:

Wem ein Hofnarr nötig ist. – Die sehr Schönen, die sehr Guten, die sehr Mächtigen erfahren fast nie über irgend etwas die volle und gemeine Wahrheit – denn in ihrer Gegenwart lügt man unwillkürlich ein wenig, weil man ihre Wirkungen empfindet und diesen Wirkungen gemäß das, was man an Wahrheit mitteilen könnte, in der Form einer Anpassung vorbringt (also Farben und Grade des Tatsächlichen fälscht Einzelheiten wegläßt oder hinzutut und das, was sich gar nicht anpassen lassen will, hinter seinen Lippen zurückbehält). Wollen Menschen der Art trotz alledem und durchaus die Wahrheit hören, so müssen sie sich ihren Hofnarren halten – ein Wesen mit dem Vorrechte des Verrückten, sich nicht anpassen zu können.31

Sandra, du bist ja auch keine Newcomerin mehr im Gebiet der Comedy. Vielleicht könnte man dich auch als ‚erfolgreich‘ bezeichnen. In diesem Aphorismus geht’s ja auch darum, dass man diesen Hofnarren umso dringender braucht, je mächtiger man wird. Hältst du dir denn einen Hofnarren?  

S: Oh, das ist spannend. Ich würde sagen, vielleicht mein Mann oder meine Kinder. Wenn ich jetzt irgendwas Neues entdecke und es meinem 14-jährigen Sohn zeige, sagt er mir, dass ich einfach keine Ahnung habe. Man denkt ja von sich selber oft, man sei am Zahn der Zeit, aber meine Familie zeigt mir dann schon wo die eigenen Grenzen liegen – und auch ehrlich, also die halten nicht zurück mit der Wahrheit, die beschönigen auch nichts, denen ist alles egal, haha. Aber eigentlich gab’s ja zu Nietzsches Lebzeiten am Ende des 19. Jahrhunderts keine Hofnarren mehr. Selbst heutzutage ist es ja nicht so, dass irgendwer sich dachte: „Oh, wir brauchen Stand-up-Comedians und supporten das mal“, sondern es kam ja genau andersrum. Also Comedians haben ja das Gefühl, man muss in der Gesellschaft gewisse Dinge ansprechen und das möchte man dann halt durch diese Kunstform machen.32 Ich weiß gar nicht, ob die Mächtigen heutzutage noch so darauf aus sind, die Wahrheit zu hören.  

B: Der wichtigste Unterschied zu heute ist, scheint mir, dass die exklusive Beziehung zwischen Hofnarr und Herrschenden heute eine öffentliche Beziehung zwischen Comedian und Publikum ist.

S: Aber wer sind die Mächtigen?  

B: Zum einen sind es „die Schönen“ und „Guten“. Aber stimmt – wer sind die ebenfalls explizit erwähnten „Mächtigen“?  

S: Sind das jetzt Trump, Putin oder Merz … Oder eher sowas wie ‚die Gesellschaft‘, das Internet, Social Media, Influencer usw.? Also die Machthaber werden ja auf jeden Fall kritisiert. Trump wird ja von allen Comedians kritisiert, so dass es fast schon ein bisschen langweilig ist, wenn man Comedians hört, die erzählen, dass Trump, Merz oder Söder dies und jenes gemacht haben. Da denkt man sich so: ‚Jo, wissen wir“. Das ist eigentlich schon nicht mehr so spannend und lustig.  

B: Ja, das sind dann häufig zum Popanz gesteigerte Gegner. Vielleicht macht es einen guten Comedian auch aus, eben noch die Stellen zu finden und zu adressieren, an welchen eine Macht ohne offiziöse Ankündigung auftaucht und trotzdem, oder gerade deswegen, wirkt.33 Man könnte auch fragen: Wer braucht heute am dringendsten einen Hofnarren? Wer lässt sich gerade einen Hofnarren entgehen?  

S: Also, ich glaube, viele brauchen ihn schon.  

B: Wahrscheinlich sind es eher weniger die Leute, die sich ohnehin für Comedy interessieren?  

S: Es würde ja sowieso vielen gut tun, gerade in Deutschland, ein bisschen mehr zu lachen und die Sachen nicht so ernst zu nehmen. Ich habe aber auch den Eindruck, dass Leute sich immer mehr auf Comedy einlassen. Trotzdem glaube ich auch, dass viele nicht wissen, ob sie jetzt lachen dürfen oder nicht, und das auch wieder sehr verkopft sehen. Und das ist auch ein bisschen schade. Außerdem habe ich ein bisschen das Gefühl, dass vieles in der deutschen Comedy schnell mainstreamig wird, und zwar einfach, weil die Szene gerade auf so ’nem Hoch ist und alle daran teilhaben wollen. Ich finde, es fehlt ein bisschen eine alternative Comedy-Szene. Andererseits ist es auch schwer, das zu sagen, weil jeder, dem Erfolg geboten wird, nimmt den natürlich an. Also ich wüsste jetzt nicht, wo’s irgendwie ein bisschen edgier zugeht. Weil alle denken: „Wenn ich das und das und das mache, werde ich erfolgreich. Also mach ich’s“.  

B: Also sind das die Mächtigen, denen man schmeichelt und die man „unwillkürlich“ ein wenig anlügt? Denn die Anpassung der Wahrheit gegenüber diesen Leuten ist ja keine bewusste Täuschung, sondern man erliegt ihren Wirkungen.

S: Also das beste Beispiel ist die Sache mit Social Media. Da achte ich schon darauf, was ich sage und was nicht, und das ärgert mich auch. Was ich auf Social Media mache, sind eher alltägliche Sachen und nichts Politisches. Und ich weiß, wenn ich jetzt mit politischen Sachen anfangen würde, würde ich wahrscheinlich Follower verlieren. Das wollen die gar nicht sehen. Die wollen irgendwas mit meiner Frisur sehen oder irgendwelche dummen Sachen, die mit meinen Kindern passiert sind. Es war schon auch eine bewusste Entscheidung, dass ich gesagt habe: Nee, da möchte mich raushalten. Weil ich das Gefühl habe, es ist sowieso alles so emotional, was Politik angeht, man ist so konfrontiert mit allen möglichen politischen Sachen. Aber manchmal spiele ich mit der Idee, ein bisschen deepere Sachen zu machen. Man wägt diese ganzen Sachen ab. Also vielleicht sind Social-Media-Algorithmen die Mächtigen? Andererseits ist es auch schwer, das so zu sagen, weil der Algorithmus ja aus Menschen besteht, die bestimmte Sachen konsumieren ...

B: Aber er hat sich verselbständigt und ist zu einer Art Herrscher geworden, könnte man vielleicht schon sagen. Ein zusammengeflickter Herrscher. Trotzdem gibt es ihn noch, du hast ihn noch nicht zum Schweigen gebracht, deinen inneren Hofnarren. Und ich glaube, er wartet noch auf eine Gelegenheit sich zu präsentieren, da sind wir sehr gespannt …

S: Aber ich glaube, dafür braucht man schon auch ein gewisses anderes Standing, dann geht das. Aber all das ist immer ein Risiko. Ein echter Hofnarr ist heutzutage ein Risiko. Mehr als damals. Obwohl – wurden damals die Hofnarren nicht auch geköpft, wenn sie was Falsches gesagt haben?  

B: Es gab wohl auch solche Settings.34 Unter solchen Bedingungen noch witzig zu sein … Uff!

S: Siehste, wir sollten uns gar nicht beschweren.

B: Klar, man will sich nicht beschweren. Aber weil das Hofnarr-Setting ja so exklusiv ist, schwingt da ein bisschen die Idee mit, dass es für Witze vielleicht nicht das Schlechteste ist, wenn sie in einer Halböffentlichkeit stattfinden können. Das war in der alten Medienordnung vielleicht eher der Fall (wobei das auch nicht alles gut war). Nicht alles war für alle gleich zugänglich, was auch ein anderes Spiel mit Tabus und Grenzen bedeutete. Heute adressiert man dagegen die komplette Öffentlichkeit und sollte auch von ihrer Reaktion ausgehen. So dass ein gemeinsamer Freund von uns, Mathias Haze, neulich mal meinte: „Man kann schon noch alles sagen, was man möchte, man darf nur nicht alles posten“ – die goldene Regel für den Hofnarren in uns allen, könnte man meinen.35 – Aber ist es nicht so, dass dann vielleicht auch ein bisschen die Qualität des Humors leidet?  

S: Ja, ich glaube tatsächlich, vieles wird ziemlich beliebig oder langweilig. Bei Social Media gucke ich hauptsächlich, was auf meiner Seite passiert, aber ich konsumiere selbst kaum, weil mich das meiste nicht interessiert. Vieles ist wirklich öde oder wiederholt sich ständig. Z. B. das eine Reel, wo jemand mit dem Staubsauger gegen die Zimmertür klopft und dann kommt so: „Wenn meine Eltern mich besuchen“. Ich glaube, das hab ich zwanzig Mal in unterschiedlicher Ausführung gesehen, weil sowas ja dann auch kopiert wird. Andererseits profitiere ich auch von Social Media und freue mich über das Feedback meiner Follower. Es ist einfach geil, wenn man merkt, dass sie deinen Humor verstehen und dich feiern. Das ist ganz anders als auf einer Mixed Show, wo Leute dann zwar lachen, aber ich mir auch nicht immer sicher bin, ob sie alles verstehen ... Obwohl, auf Social Media kommt das auch vor. Z. B. habe ich jetzt ein Reel gepostet, in welchem ich irgendwie sage, dass ich das Flugzeug landen kann. Und es gibt ja diesen Running Gag, dass 60% aller Männer sagen, sie könnten ein Flugzeug landen. Ich hatte das Gefühl, niemand hat meine schöne Referenz bei diesem Reel verstanden. Und sowas ist natürlich schade, aber ich glaube, man kann sich trotzdem über Social Media seine Community zusammenbauen. Und irgendwann verstehen sie einen besser und gehen mit der Qualität mit. Ich glaube schon, dass man sich das aufbauen kann. Weil ich finde, das ist ein großartiger Joke. Aber wenn die Referenz nicht verstanden wird, bringt es halt auch nichts.

B: Perlen vor die Säue. Aber was soll man machen? Sind halt die Fans, haha.

S: Ja, leider, haha. Und ich krieg auch oft Kommentare von Leuten, die keine Follower sind, die’s aber irgendwie auf meine Seite verschlagen hat. Die glauben dann, dass ich das ernst meine, und posten ernsthafte Antworten unter meine Reels. Also die gucken vorher gar nicht aufs Profil.  

B: Ahja interessant. Das sind dieselben Leute, die auch bei AI-Personen sowas kommentieren wie „Hey, Sweetie“ oder so, haha.

S: Es ist halt alles so ein bisschen ein Abwägen, mit der Qualität. Es ist ein Seiltanz. Aber durch Social Media kann man sich eben die Leute holen, die einen verstehen. Also es gibt auf der einen Seite natürlich auch die, die es gar nicht verstehen, aber dann gibt’s halt auch die, die genau deinen Humor verstehen, was einfach cool ist!

B: Ein ähnlicher Humor ist ja auch eine der wichtigsten Eigenschaften für Freundschaften.36  

Abbildung 7: In seiner Spottschrift Der gelehrte Narr (1729) verspottete David Fassmann seinen Kollegen Jakob Paul von Gundling (1673–1731), der sich für einen Gelehrten hielt, jedoch am Hof des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. als „Lustiger Rat“, also Hofnarr, diente (Quelle).

6) Hintenrum & Vornerum, der ungezügelte Hofnarr, Zynismus und (Miss-)Erfolg, Lachen und Staunen, Adorno vs. Nietzsche

S: Was ich in diesem Aphorismus am spannendsten finde, ist die Weisheit des Königs, zu sagen: „Ich brauche jemanden, der mir die Wahrheit sagt“. Weil das Ding ist: Es denken sowieso alle. Und dann wird’s halt unter vorgehaltener Hand gemacht oder hintenrum oder so. Und das ist ja jetzt auch so. Also bestimmte Sachen sollte man nicht oder darf man nicht sagen, Cancel Culture usw. Und letztendlich passiert das dann doch irgendwie alles hintenrum. Und das ist dann noch beschissener.

B: Richtig. Der Zensor wird entweder auf der Bühne mit Mikrofon als Comedian umgangen oder raffiniert irgendwie vorbeigetrickst – oder halt auf der Hinterbühne umso offener. Man geht auf Tuchfühlung und sagt’s halt dann. Dann wird auf einer parodistischen Hinterbühne die Vorderbühne „entheiligt“.37 Das Witzpotenzial in der Welt ist einfach nicht totzukriegen.  

S: Du hattest ja am Anfang das mit Bumble erwähnt. Was hat das zu bedeuten, dass Leute dort nach jemandem „ungezügelten“ suchen? Hat das damit zu tun, dass sie etwas Ungefiltertes38 oder Wildes wollen?

B: Ja, da ist mir mal aufgefallen, dass es siebzehn Kategorien gibt, nach denen man suchen kann und eine davon ist „ungezügelt“. Es gab auch „sarkastisch“. Aber „ungezügelt“ steht dem Grenzspiel am nächsten. Ich dachte, das geht in Richtung Freigeistigkeit oder ‚nach eigenen Regeln leben‘.

S: Bezüglich des Hofnarren und der Frage, wer welche Wahrheit hören möchte und welche nicht, frage ich mich, ob Leute deswegen auf Dating-Apps sagen: Ich möchte aber jemanden, der „ungezügelt“ ist, der sich von diesen ganzen Sachen nicht beeindrucken lässt. Einen ähnlichen Drang merke ich auch hinsichtlich Comedians. Da heißt es dann „Ah endlich sagen die mal das“ oder „Endlich … die dürfen das noch sagen“. Oder?  

B: Ja, stimmt. Der Hofnarr und der Ungezügelte sind hier nah beieinander. Man möchte das scharfe Gewürz, von dem ich vorhin sprach, irgendwann auch einmal essen – auch wenn es nicht jeder Magen verträgt, auch wenn es eine gewisse Zubereitung erfordert. Wer könnte das denn so sein im deutschsprachigen Raum … Felix Lobrecht? Filiz Tasdan ist ja auch schon angeeckt mit ihrer Comedy. Erika Ratcliffe könnte man auch dazuzählen. Oder Ryan Long.

S: Es gibt jetzt einen neuen Comedian, der sofort durch die Decke gegangen ist, Jerry Vsan. Comedians sagen ja sowieso Sachen auf der Bühne, die man eigentlich nicht sagen darf, deswegen lachen Leute ja. Und Jerry Vsan treibt das noch mal ein bisschen mehr auf die Spitze. Und wegen dem Thema Edgelord: Nietzsche hat ja nicht gesagt: „Oh, ich möchte jetzt aber mal was sagen, was sich hier niemand traut. Ich möchte jetzt hier mal anecken oder provokant sein“, sondern er hat die Sachen, die er gesehen hat, philosophisch und wissenschaftlich kritisiert. Also ich glaube nicht, dass er unbedingt provozieren wollte. Und bei heutigen Edgelords, so wie ich dich jetzt verstanden hab, bin ich mir da halt nicht sicher. Und manchmal denk ich auch bei Comedians, ob die Provokation nicht mehr im Vordergrund steht als … Ja, ich weiß auch nicht – welche Motivation hatte denn Nietzsche?

B: Also im Idealfall ist ja ein Zyniker jemand, der „standhalten[d] erkennen“39 kann oder sowas, aber im schlechtesten Fall ist es nichts weiter als die Zurschaustellung einer „Enttäuschungsfestigkeit“40 und eines „missgünstige[n]“41 Außenseitertums. Was niemand hören möchte. Beim Zyniker gibt’s also auch ein Spektrum von Erfolg bis Misserfolg. Adorno kritisiert den Satiriker Karl Kraus, indem er sagt, dass jemand, der die Argumente42 nicht auf seiner Seite hat eben „die Lacher auf seiner Seite“ braucht.43 Und das sind natürlich die Gesetze und die Techniken eines Comedians, ne?  

S: Das finde ich ja sehr interessant. Weil bei meiner Herangehensweise habe ich manchmal das Gefühl, ich habe zwei Persönlichkeiten: Philosophin und Comedian. Ich krieg sie nicht zusammen und habe mich damit abgefunden. Als Philosophin denke ich auf eine gewisse Art und als Comedian bin ich in einem ganz anderen Modus. Ich finde Philosophen haben heutzutage keine Chance mehr mit ihren Argumenten. Ich kann das perfekte Argument aufstellen, das möchte heutzutage niemand mehr hören. Das ist ein bisschen deprimierend. Aber ist halt der Zeitgeist. Social-Media-Emotionen, geringe Aufmerksamkeitsspanne, Leute wollen anders abgeholt werden. Kann man jetzt von halten, was man will, aber so ist es nun mal. Und deswegen finde ich, die Lacher sind eigentlich die besseren Argumente. Weil da holst du die Leute ja ab.  

B: Ja, es zeigt sich zumindest auch eine sehr starke Verbindung von „Leiblichkeit“ durch das Lachen mit der Wahrheit oder mit dem Kontroversen. Weil Lachen wirkt ja sofort körperlich. Und sowas war für Nietzsche natürlich wichtig.44 Kannst du dich denn selber noch mit Pointen überraschen?  

S: Ja, schon. Das ist auch ein großartiges, ein ganz anderes Gefühl. Also Philosophie ist für mich auch sehr befriedigend. Ich habe ja analytische Philosophie studiert und darin promoviert. Da hast du eine Idee, wo ein Argument liegt, du möchtest diese These verteidigen, und wenn am Ende alles zusammenkommt, dein Argument steht und alles perfekt ineinanderfließt, dann ist das sehr befriedigend. Der Prozess beim Comedy-Schreiben ist komplett anders, weil es viel kreativer ist und ich in einem ganz anderen Mindset sein muss. Und wenn mir dann sowas einfällt und ich denke „Wow das ist lustig“, dann freut man sich schon, dass man sich da überrascht hat.  

B: Bei Nietzsche heißt’s auch: „Der Reiz der Erkenntniss wäre gering, wenn auf dem Weg zu ihr nicht so viel Scham zu überwinden wäre“45. Das ist vielleicht ein Satz, der in die Mitte von Comedy und Philosophie passen könnte.  

S: Aber welche Scham?  

B: Naja, falsche Vorurteile, falsche Scham. Es gibt natürlich schon Sachen, für die man sich schämen sollte, aber man kann ja auch prüfen.46 Aber worauf ich eigentlich hinauswollte: Neben dem, was man vielleicht ‚die Erkenntnis des Lachens‘ nennen könnte, gibt es ja auch einen körperlichen Aspekt beim Philosophieren. Man sagt ja, beim Philosophieren empfindet man das Gefühl des Staunens. Und beim Staunen und beim Lachen guckt niemand auf die Uhr.  

S: Ich glaube, in der Comedy kommt beides zusammen: das Staunen und das Lachen. Weil es geht ja auch um’s Handwerk und dass die Worte und die Struktur passen, bis der Joke rund ist. Ich bin da auch eher auf Nietzsches als auf Adornos Seite, mal wieder.  

Abbildung 8: In Sebastian Münsters Weltchronik Cosmographia (1564) kommt Kuony von Stocken, Hofnarr des habsburgischen Herzogs Leopold I. (1290–1326) vor, der seinen österreichischen Herren, vergeblich, vor einem verheerenden Feldzug gegen die Schweiz warnte (Quelle).

7) Erster Auftritt, das Publikum lesen, unterschiedliche Humorfarben

B: Jetzt würde mich mal noch interessieren: Wie war denn so deine erste Show?

S: Ich hatte total Schiss, meine Beine haben gezittert. Es war wirklich schlimm, aber es lief gut. Es ist natürlich so, dass das Publikum beim ersten Auftritt total nett und lieb ist, die lachen mehr und so. Vielleicht war’s gar nicht so gut, wie ich dachte, aber mein Gefühl war: „Wow das war richtig cool.“ Und dann habe ich weitergemacht.  

B: Du hast aber sicher auch schon an einem Abend ein mega gutes Set gehabt, Leute haben gelacht und applaudiert. Dann macht man’s am nächsten Abend genauso und niemand lacht. Wenn man dann später im Hotelzimmer oder so liegt, fragt man sich vielleicht: Woran lag’s?  

S: Ja, meistens an einem selber, also meistens, dass man sich nicht auf das neue Publikum eingestellt hat, sondern vielleicht noch beim letzten Auftritt war und dachte: „Ah, ich mache jetzt einfach wieder genau das gleiche, es wird schon funktionieren“, und das Publikum nicht gelesen hat. Und ja, also es gibt natürlich auch Shows, da kann man machen, was man will, und es wird nichts. Aber eigentlich ... Ja, wenn man gut ist, sollte man schon in jedem Raum gut sein. Klar, die Leute lachen mal bei anderen mehr und bei einem selber weniger, aber meist hat man ja doch auch Leute im Publikum abgeholt. Mittlerweile weiß ich auch, dass das Publikum es gut findet, wenn’s unterschiedliche Humorfarben gibt. Ich selbst lache manchmal auch über die dümmsten Jokes. Das muss man dem Publikum auch lassen, auch den anderen Comedians. Ich meine, Mario Barth ist z. B. schwierig – aber es muss ja auch nicht alles immer super deep oder klug sein. Man möchte manchmal auch über dumme Sachen lachen.  

B: Ja, aber selbstverständlich!  

S: Und das Publikum möchte das auch. Und dann, im nächsten Moment, möchten sie aber auch wieder darüber lachen und dann wieder darüber, usw.

B: Sandra, ich danke dir vielmals für dieses Gespräch!  

S: Vielen Dank für die Einladung. Es war sehr schön.  

B: Fand ich auch.  

Sandra Schmidt (geb. 1985) stammt aus einem kleinen südhessischen Dorf, wohnt allerdings seit 2011 mit ihrer Familie in Berlin. Seit 2021 ist sie erfolgreiche Stand-up-Comedian und tritt regelmäßig in verschiedenen Comedy-Clubs im deutschsprachigen Raum auf. Im Herbst 2026 startet ihr Soloprogramm Beste Entscheidung. Vor ihrer Comedykarriere hat sie Philosophie studiert, und zwar an der University of Western Australia in Perth und der Humboldt-Universität zu Berlin. Schließlich hat sie an der Universität Potsdam promoviert. Das Thema ihrer Dissertation: Personale Autonomie und die Grenzen subjektivistischer Konzepte. 2027 erscheint ihr Buch Shit Happens, welches persönliche Kurzgeschichten beinhaltet.

Bernhard Ostheimer hat Soziale Arbeit und Kulturwissenschaften studiert und theater- und musikpädagogisch gearbeitet. In seiner Bachelorarbeit in Soziale Arbeit untersuchte er, wie nichtprofessionelle Akteure im Mitmach-Web Inhalte produzieren, sich inszenieren und gegenseitig beobachten. Im Mittelpunkt standen dabei die Schwellen zwischen Bühne und Leben, Darstellung und Inszenierung sowie Öffentlichkeit und Privatheit. Mit Kindern mit begrenzten Deutschkenntnissen entwickelte er halb improvisierte Theaterstücke, deren grober Handlungsrahmen Raum für spontane Einfälle ließ. In seiner Masterarbeit analysierte Bernhard Ostheimer anhand eines Impro-Debattierspiels, wie kontroverse Positionen innerhalb eines Als-ob-Rahmens ausgelotet und erprobt werden können. Darin verbindet sich sein Interesse am Performativen – dem Darstellen und Erproben –, am Agonalen – dem geregelten Widerstreit – und am Ludologischen – dem Spiel und seinen Regeln. Was wiederum nicht allzu weit von Nietzsche entfernt ist. Außerdem ist er Mitglied der Halkyonischen Assoziation für radikale Philosophie.

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Fußnoten

1: Übers. BO. Wobei hierfür auch Diogenes von Sinope in Frage käme. Denn er lebte bereits 400 v. Chr. und war als öffentlicher Provokateur und unkonventioneller Lebenskünstler zu seinen Lebzeiten sowohl in Athen als auch darüber hinaus bekannt. Ganz im Gegensatz zu anonymen Internet-Trollen war wohl fast alles, was er tat ‚nicht-anonym‘. Diogenes gehörte der antiken philosophischen und gegenkulturellen Strömung des Kynismus an. In deren Umfeld lässt sich womöglich auch eine Anwärterin auf den Titel der ersten „Edgequeen“ finden: Hipparchia, die mit Diogenes’ Schüler Krates eine für ihre Zeit unkonventionelle Partnerschaft führte. Auch sie pflegte ein kynisches, „demonstrativ provokantes Auftreten auf der Straße“, galt als frech, spöttisch und schamlos und konnte sich durch überzeugende „Argumentation“ und „Schlagfertigkeit“ in der damaligen Männerdomäne der Philosophie als eine der wenigen historisch überlieferten Frauen behaupten (vgl. Hartmann, Kynische Grenzüberschreitungen, S. 237 ff.).

2: Die User bezeichnen sich bei Bumble jedoch nicht selbst als „ungezügelt“. Die App scheint diese Eigenschaft vielmehr indirekt aus Profilangaben und Auskünften der User abzuleiten.

3: Vgl. Jantz, ChatGPT und seine Persönlichkeiten und Becker, So funktionieren die neuen ChatGPT-5-Personas.

4: Vgl. hierzu etwa den Brief an Carl Fuchs v. 29.07.1888 (Nr. 1075), Jenseits von Gut und Böse, Aph. 26, Menschliches, Allzumenschliches II, Vorrede, Abs. 5 und Ecce homo, Warum ich so gute Bücher schreibe, Abs. 3.

5: Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 283. Vgl. Frischmann, Gefährlich leben!

6: Passend zu Zarathustras Marktplatzszene schreibt eine Person hinter dem Pseudonym „PostPostPost“ in einem Artikel namens In Defense Of The Edgelord, Edgelords seien „verrückt genug, es allein mit dem Konsens oder der Hegemonie aufzunehmen, ohne den Rückhalt eines Stammes. Manchmal sind sie sogar närrisch, scheuen es aber nicht, für cringe zu gelten“ (Übers. PS). Ausgehend von der bei Hegel kritisch entworfenen und von Lacan aufgegriffenen Figur der „schönen Seele“ konstruiert PostPostPost den Edgelord als deren Gegenfigur. Während die „schöne Seele“ den eigenen Anteil an den kritisierten Verhältnissen verkennt und so ihr moralisch integres Selbstbild bewahrt, inszeniere der Edgelord bewusst eine gesellschaftlich anstößige Rolle.

7: Vgl. Niemeyer, Nietzsches Leben, S. 17 & 21 f. und Treiber, Freund, S. 35 & 43.

8: Weitere Infos hierzu finden sich auf der Verlagsseite.

9: Bomben bedeutet im Comedysprech „versagen auf der Bühne, sich keine Lacher abholen, schlechte bzw. nicht-zündende Witze über dem Publikum abwerfen, sodass dieses gezwungen ist, sich innerlich im Bunker zu verkriechen“ (Hiergeist, Bomben).

10: Berühmte zeitgenössische Beispiele sind hier George Carlin, Louis C.K., Ricky Gervais oder Hannah Gadsby.

11: Witz und Humor lassen sich anhand einer Frage aus Max Frischs Fragebogen unterscheiden: „Wenn Sie spüren, daß Ihnen jemand mit Antipathie begegnet: was gelingt Ihnen dann eher, Witz oder Humor?“ (S. 37.)

12: Die Schärfe-Skala und die Metapher eines „Gewürzes“ ist dem Vortrag Humor in unserem Leben von Vera F. Birkenbihl entlehnt. Der Grundgedanke geht jedoch auf Sigmund Freud zurück. Demnach entsteht der Witz durch die „Ersparung moralischen Hemmungs- und Unterdrückungsaufwandes zugunsten eines Lustgewinn[s]“ bei welchem eine unnütz gewordene Energie ‚abgelacht’ wird (vgl. Sigmund & Utz, Über Zynismus, S. 44, Pietzcker, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten und ders., Der Humor). Je mehr Energie bzw. Hemmungsaufwand auf eine vermeintliche Gefahr bezogen war, kann demnach ‚verschwendet‘ werden (vgl. Bataille, Spiel und Ernst, S. 84). Im Gegensatz zu vielen anderen Theorien Freuds, ist seine Witztheorie bis heute im Einsatz, wenn es darum geht, den Witz als einen „kurzzeitige[n] Kontrollverlust“ und „als Ventil zur Abfuhr angestauter Energie“ zu erklären (Bossart, Trotzdem lachen, S. 21 f.). Auch die Autoren Potter und Heath kommen zum Schluss, dass „[die] Freudsche Theorie, wie immer man sie letztlich bewertet, […] durchaus einen gewissen Erklärungswert [hat]. Oder hat etwa jemand eine bessere Witztheorie?“ (Konsumrebellen, S. 61.)

13: Siehe hier auch Yves Bossarts aktuelle philosophische Einführung in den Humor namens Trotzdem lachen: „Komik, Scherz und Witz sind oft spielerische Formen der Grenzüberschreitung. Die Regeln des gesunden Menschenverstands und des Anstands werden für einen Moment vergessen – was entlastend und befreiend wirkt“ (S. 12).

14: Gemeint ist Dave Chappelles 2021 bei Netflix erschienenes Special The Closer, in dem sich Chappelle kritisch zu bestimmten queerfeministischen Positionen äußerte – was manchen als gelungene Satire, manchen als plumpe Polemik erschien. Einen kurzen Überblick über diese äußerst komplexe Kontroverse können Sie der deutschen Wikipedia entnehmen.

15: Vgl. Comedian Filiz Tasdan über Berlin.

16: Vgl. Ben Saoud & Weiss, Kennt Satire Grenzen?

17: Wobei ein solches Szenario eher auf Rock- oder Punk-Konzerte zutrifft als z. B. auf Klassik. Absichtliche Bierduschen sind hier nicht gemeint. Das leicht ausgeschüttete Getränk ähnelt hier dem Schwitzen im selben Raum, bei welchem man ebenfalls klatschnass werden kann.

18: Hier ließe sich auch der Begriff der Heterotopien anführen. Diese werden als „ander[e] Räume“ oder „Gegenräume“ charakterisiert (vgl. Foucault, Die Heterotopien, S. 10 f.). Sie schaffen Illusionen, „die der Wirklichkeit etwas entgegensetzen, sie entwerten, und eventuell radikal in Frage stellen“ (Ruoff, Foucault-Lexikon, S. 174). Der Begriff geht auf Michel Foucault zurück. Demnach gibt es „[w]ahrscheinlich“ in allen Gesellschaften Räume, in denen zeitweilig andere oder ungewöhnliche (Spiel)regeln gelten (Foucault, Die Heterotopien, S. 11). In diesem Sinne lassen sich die Comedy-Keller in die Reihe jener Gärten, Museen und FKK-Strände einordnen, die Foucault als Beispiele für Heterotopien anführt (siehe auch das Kapitel „Comic heterotopias“ in Susanne Colleary, Performance and Identity in Irish Stand-Up Comedy). Für diese ist es bspw. nicht unüblich, dass das Publikum in die Performance miteinbezogen wird (die sog. Crowdwork) oder auch, dass es sich von selbst einbringt, indem es den Comedian unterbricht oder kritisiert, was wiederum die Schlagfertigkeit des Comedians herausfordert oder zum Rauswurf der provozierenden Person(en) führen kann. Entscheidend ist hier, dass die grundsätzlich konfliktträchtige Dynamik im heterotopischen Rahmen des Comedy-Kellers vornehmlich als spielerischer und interaktiver Nervenkitzel erfahrbar werden kann. In seltenen Fällen kommt es aber auch dazu, dass Konflikte eskalieren und das Sicherheitspersonal einschreiten muss.

19: Vgl. ein Gespräch, das Seinfeld mit Tom Papa führte (Link).

20: Seinfeld sagt: „Wenn du Linday Vonn bist, wenn du ein Ski-Champion bist, dann ist es egal, wo die Tore auf dem Berg stehen, sie wird das Tor passieren. So ist es auch mit Comedy. Mit was für einer Kultur wir es auch immer zu tun haben, wir fahren durch’s Tor. Wenn du’s nicht schaffst, bist du raus aus dem Spiel. Das Spiel findet dort statt, wo das Tor ist, und wie ich es durch’s Tor schaffe, um den Hügel runterzukommen (Phillips, Jerry Seinfeld Regrets His Comments About the “Extreme Left” Ruining Comedy; Übers. PS).

21: Vgl. Kloë, Komik als Kommunikation der Kulturen, S. 185.

22: Siehe auch das Essay 6 Reasons Nietzsche Was The Original Internet Edgelord von Miles Trivera.

23: Der 2017 erschienene Dokumentarfilm The Allins des dänischen Regisseurs Sami Saif beleuchtet anhand von Gesprächen mit GG Allins Mutter und Bruder einen möglichen Zusammenhang zwischen seiner traumatisch geprägten Kindheit und seinem späteren „Edgelord“-Dasein.

24: Mit Walter Benjamin lässt sich ergänzen: „Der destruktive Charakter ist gar nicht daran interessiert, verstanden zu werden. Bemühungen in dieser Richtung betrachtet er als oberflächlich. Das Mißverstandenwerden kann ihm nichts anhaben. Im Gegenteil, er fordert es heraus […]. Das kleinbürgerlichste aller Phänomene, der Klatsch, kommt nur zustande, weil die Leute nicht mißverstanden werden wollen. Der destruktive Charakter läßt sich mißverstehen; er fördert den Klatsch nicht“ (Der destruktive Charakter, 304 f.).

25: Hörner, Der Dandy, S. 60. Interessanterweise trifft vieles von Albert Camus Beschreibung des Dandys nach heutigem Verständnis mehr auf den Edgelord zu. Spätere Charakterisierungen des Dandys bei Foucault und Fernand Hörner heben hingegen einen geselligen Faktor hervor (vgl. Camus, Der Mensch in der Revolte, S. 41 ff., Foucault, Was ist Aufklärung?, S. 44 und Hörner, Der Dandy, S. 60 ff.). Darin deutet sich möglicherweise eine begriffliche Entwicklung seit den 1950er-Jahren an. Der Begriff des Edgelords taucht hingegen erst ab den 2010er Jahren auf (vgl. den entsprechenden Eintrag im Oxford English Dictionary). Edgelord/-queen und Dandy können als unterschiedliche Ausprägungen des Nonkonformismus verstanden werden. Edgelords und -queens irritieren oder schockieren also vergleichsweise mehr, während Dandys trotz ihrer Abweichung eine gewisse Mindestmenge an Bewunderung oder Anerkennung zukommt.

26: Zu nennen sind hier Nietzsches gelegentlich eher destruktive Inszenierungen. Bekannt ist hier sein Ausspruch „Ich bin Dynamit“ (Ecce homo, Warum ich ein Schicksal bin, Abs. 1), wobei die Dynamit-Metapher aus einer Rezension von Jenseits von Gut und Böse stammt und Nietzsche sie sich daraufhin aneignet (vgl. Brief an Heinrich Köselitz v. 20.09.1886; Nr. 751). Ebenso beschreibt er sein eigenes Projekt mit „Wie man mit dem Hammer philosophirt“, so der Untertitel der Götzen-Dämmerung.

27: Zu einem ähnlichen Urteil kommt Trivera in 6 Reasons Nietzsche Was The Original Internet Edgelord: „Edgy“ zu sein bedeute häufig nichts Anderes als das „Spektakel der Substanz“ (Übers. PS) vorzuziehen. Den entscheidenden Unterschied zwischen Nietzsche und dem bloßen Edgelord sieht er jedoch in der Wirksamkeit der Provokation: Nietzsche „wirkte. Er war nicht edgy, weil es ihm um Edginess ging, er war kein Querschläger, weil er eine bestimmte Punkrockästhetik suchte. Und er log nicht. Nietzsche hatte wirklich einen edge und er stellte die Welt, mit der er es zu tun hatte, wirklich in Frage, und diese Fragen stellten ihrerseits die Gestalt der Welt in Frage“ (Übers. PS). Nietzsche erscheint damit nicht lediglich als Vertreter eines bereits bestehenden Typus, sondern retrospektiv als dessen „Archetyp“ (Trivera; Übers. PS). Dies entspricht wiederum Nietzsches Selbstinszenierung als Ausnahme. In diesem Sinn finden sich neben großspurigen Formulierungen wie „ich bin Dynamit“ oder „wie man mit dem Hammer philosophiert“ auch unscheinbarere, aber nicht weniger distinguierende Aussagen wie „ich bin eine Nuance“ (Ecce homo, Der Fall Wagner, Abs. 4, vgl. Christians, Schaffen& ders., Typus). Was Comedy angeht, lassen sich hier außerdem Nietzsches Selbstinszenierungen und -maskierungen als „Narr“ und „Hanswurst“ anführen (vgl. Menschliches, Allzumenschliches I, Nachspiel, Abs. 2 und Ecce homo, Warum ich ein Schicksal bin, Abs. 1).

28: So einer der Grundaspekte der Philosophie der Ewigen Wiederkunft (vgl. insb. Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 341).

29: Vgl. etwa Jenseits von Gut und Böse, Aph. 294.

30: Im Zarathustra heißt es außerdem: „Lieber keinen Gott, lieber auf eigne Faust Schicksal machen, lieber Narr sein, lieber selber Gott sein!“ (Ausser Dienst.)

31: Morgenröthe, Aph. 451.

32: Für eine historische Übersicht von „Spaßmachern“ von Possenreißer, Clown, Hofnarr, Schelm bis Comedian siehe auch den 2017 erschienenen gleichnamigen Artikel von Hans Rudolf Velten.

33: Ähnlich argumentiert auch PostPostPost in In Defense Of The Edgelord. Mit Stuart Hall hebt er/sie hervor, dass Ideologie am besten funktioniert wenn sie „wächst und gedeiht, unterhalb des Bewusstseins“ (Übers. PS). Auf der Ebene des „‚gewöhnlichen common sense‘“ (Übers. PS) verankern sich ideologische Bezugssysteme am stärksten und entfalten ihre größte Wirkung, „denn es ist hier, wo ihre ideologische Natur am wirkungsvollsten verschleiert wird“ (Übers. PS).

34: So steht in einem Text der Ausstellung „Narrenfreiheit!?“ der Badischen Landesbibliothek: „Der Status eines Hofnarren war von großer Unsicherheit geprägt: Einerseits stand kein Höfling dem Fürsten näher, niemand durfte sich mehr Freiheiten herausnehmen als er oder die oft sehr strengen Hofrituale so ungestraft durchbrechen. Andererseits brauchte er ein feines Gespür dafür, wann die Grenzen der Geduld seines Herrn erreicht waren, denn vor Strafe war auch er nicht gefeit.“ Siehe auch den Ted-Talk How dangerous was it to be a jester? von Beatrice K. Otto (Link).FormularbeginnFormularende

35: Vgl. hierzu den theaterwissenschaftlichen Lexikoneintrag zu „Performance“ von Umathum. In diesem wird die Abgrenzung zwischen flüchtigem Ereignis und medialer Konservierung ausdrücklich verhandelt. Mit Bezug auf Peggy Phelan wird Performance dort (neben anderen Ansätzen) als unwiederholbares Ereignis bestimmt, das ausschließlich in der Gegenwart existiert – und seinen Status verändert, sobald es aufgezeichnet, dokumentiert oder in die Zirkulation medialer Repräsentationen überführt wird. Diese Flüchtigkeit kommt hier also als genuines Wesensmerkmal von Performance in den Blick (vgl. S. 232).

36: Vgl. Teichert, Freundschaft, S. 57.

37: Vgl. Goffman, Wir alle spielen Theater, S. 158 f. Das Kapitel von Erving Goffman heißt „Behandlung der Abwesenden“. Der Unterschied zum Gossip besteht in der stärkeren Betonung von gestischen und mimischen Aspekten, während Gossip/Klatsch mehr diskursiv-informativ ist.

38: Auch „ungefiltert“ gehört zu den geläufigen Bezeichnungen von Comedy bei Netflix.

39: Heinrich, Antike Kyniker und Zynismus in der Gegenwart, S. 115.

40: Bredow & Noetzel, Politische Urteilskraft, S. 252.

41: Sigmund & Utz, Über Zynismus, S. 43.

42: Bei Adorno steht im Original der Begriff „Beweise“ statt „Argumente“. Für den weiteren Gesprächsverlauf kann hier jedoch auf den Beleg (beziehungsweise das Beispiel) verwiesen werden. Ein Argument besteht aus den drei Komponenten Behauptung, Begründung und Beleg. Der Beleg besitzt dabei im Idealfall eine Überzeugungskraft, die der eines Beweises nahekommt.

43: Vgl. Adorno, Minima Moralia, S. 280 (Aph. 134).

44: Vgl. Caysa, Leib/Körper.

45: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 65.

46: Siehe hier auch den Eintrag zu „Scham“ im Nietzsche-Lexikon von Walter Gebhard. Demnach sieht Nietzsche in der Scham zwar einerseits einen „Anreiz zur Selbst-Entwicklung“. Andererseits bezeichnet er die Beschämung in sozialen Situationen als „schlecht“ und warnt insbesondere vor einem Beschämungsrisiko im Mitleiden (vgl. S. 334). Gebhard meint, dass Nietzsche generell „den Geltungsanspruch von [Scham] ab[baue], sofern sie Hemmung und Unfreiheit verordnet“. Insbesondere „zielt“ Nietzsche „auf metaphysische Entschämung“ (ebd.). Dies betrifft vor allem einen christlich geprägten Umgang mit Scham (vgl. ebd.). Seine Kritik gilt jedoch weder der Scham per se noch ihrer Überwindung schlechthin: Wo sie hemmt und unfrei macht, kann ihre selbstbestimmte Überwindung geboten sein; wo sie hingegen das Verborgene vor zudringlicher Enthüllung schützt oder im sozialen Umgang Grenzen wahrt, erscheint sie als bewahrenswert (vgl. Die fröhliche Wissenschaft, Vorrede, Abs. 4 und Menschliches, Allzumenschliches II, Vermischte Meinungen und Sprüche, Aph. 256).