„ich bekenne, dass der tiefste Einwand gegen die ‚ewige Wiederkunft‘, mein eigentlich abgründlicher Gedanke, immer Mutter und Schwester sind.“1

On Nietzsche's Relationship with his Mother. Mother's Day Greetings

„ich bekenne, dass der tiefste Einwand gegen die ‚ewige Wiederkunft‘, mein eigentlich abgründlicher Gedanke, immer Mutter und Schwester sind.“

On Nietzsche's Relationship with his Mother. Mother's Day Greetings

15.5.26
Natalie Schulte
Nietzsches Philosophie gilt als Akt der Selbstbefreiung – doch gegen die eigene Familie blieb auch der Übermensch machtlos. Dieser Essay beleuchtet das pathologische Spannungsfeld zwischen dem einsamen Denker und den „Canaille“-Verwandten, Mutter Franziska Nietzsche und Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche. Während der Philosoph in seinen Schriften das „Weib an sich“ als flach, unselbstständig und geistlos (de)konstruiert, lässt er sich gleichzeitig Strümpfe stopfen und Wurstkisten aus Naumburg schicken. Ein Essay über den tiefsten Einwand gegen die ewige Wiederkunft: die eigene Verwandtschaft.

Nietzsches Philosophie gilt als Akt der Selbstbefreiung – doch gegen die eigene Familie blieb auch der Übermensch machtlos. Dieser Essay beleuchtet das pathologische Spannungsfeld zwischen dem einsamen Denker und den „Canaille“-Verwandten, Mutter Franziska Nietzsche und Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche. Während der Philosoph in seinen Schriften das „Weib an sich“ als flach, unselbstständig und geistlos (de)konstruiert, lässt er sich gleichzeitig Strümpfe stopfen und Wurstkisten aus Naumburg schicken. Ein Essay über den tiefsten Einwand gegen die ewige Wiederkunft: die eigene Verwandtschaft.

Dies ist der zweite Teil einer kleinen Serie zum diesjährigen Muttertag. Im ersten Teil schrieb Henry Holland über Franziska Nietzsches Leben mit besonderem Fokus auf ihre Zeit vor Nietzsche und ihre letzten Jahre.

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„Ich hatte den Eindruck, daß er in diesem Zustand seine Mutter möglicherweise einmal erschlagen oder erwürgen könne.“2 Diese Zeilen schreibt Köselitz 1893 an Overbeck nach einem Besuch bei Nietzsche, nachdem dieser, der geistigen Umnachtung bereits anheimgefallen, von seiner Mutter aufopferungsvoll gepflegt wurde. Vielleicht ist das von Köselitz beobachtete aggressive Verhalten nur als ein Symptom des Wahnsinns und der bereits verfallenden Persönlichkeit Nietzsches zu deuten. Bösere Zungen könnten behaupten, dass sich in eben jener Aggressivität das unterdrückte Gefühl offenbare, das Nietzsche in Wirklichkeit seiner Mutter entgegengebracht hätte: Verachtung, die unter der Oberfläche in Hass zündet.  

Nun, so könnten wir fragen, was geht uns das eigentlich an? Ob Nietzsche seine Mutter geliebt oder verachtet hat, ob ihre Pflege aufopferungsvoll war oder ob sie unabhängig von ihren tatsächlichen Gefühlen nur den gesellschaftlichen Erwartungen an eine „liebende Mutter“ entsprechen wollte? Ob sie Nietzsche vor den Blicken der Nachbarn schützen wollte oder sich selbst vor ihrem Gerede, als sie ihn zunehmend im Haus einschloss? Ob sie geistig beschränkt war und ihre christlichen Ideale bigott, ob das „Tugendgewäsch“ und die zahlreichen „möge Gott es richten“3 einer tapferen, schicksalsergebenen Seele entsprangen oder einer des Ressentiments, die niemanden und erst recht nicht ihren Kindern ein Leben jenseits des normativen Korsetts zugestehen wollte, die sie lieber unglücklich gesehen hätte, aber verheiratet und den Sohn in einem ordentlichen Beruf statt dauerhaft krankgeschrieben und vagabundierend in von ihm selbst für gut befundenen klimatischen Kuren?4  

Ja, das könnte uns natürlich ganz egal sein oder nur unsere persönliche Neugier befriedigen, wenn nicht diese Überlegungen uns behilflich sein könnten, Nietzsches Philosophie ein wenig mehr zu mögen, indem wir nachjustieren, ausgleichen und besser verstehen: Wenn er in seinem Frauenhass mal wieder so ausfällig wird, wenn er gegen die christliche Nächstenliebe so wütet, wenn er sich so gehen lässt im Furor seiner Verachtung.

Abbildung 1: Franziska Nietzsche zwischen Elisabeth und ihrem Mann, dem Antisemiten Bernhard Förster, der mit ihr in den 80ern vergeblich versuchte, in Paraguay eine ‚reinrassige‘ germanische Siedlungskolonie zu etablieren, und Nietzsche. Zeichnung von Christina Stephan.

I. Zwischen Mama und Lama

Nun gut, so könnten wir sagen, er hat zwar auch Malwida von Meysenbug, Lou von Salomé, Meta von Salis und Ida Overbeck gekannt – alles kluge Frauen –, aber geprägt wurde er doch von zwei anderen. Denn die Familie lässt einen doch nie ganz los oder zumindest nicht Nietzsche.

Dass sie ihm nicht guttun, findet man immer wieder in seinen Briefen: „Ich mag meine Mutter nicht, und die Stimme meiner Schwester zu hören macht mir Mißvergnügen; ich bin immer krank geworden, wenn ich mit ihnen zusammen war.“5 Dass er seiner Mutter sehr beschränkten Einblick in sein Innenleben gewährt – oder wir könnten auch sagen: gar keinen –, dass er ihr davon abrät, seine Bücher zu lesen, hindert ihn nicht daran, sich immer wieder Fresspakete von ihr schicken zu lassen. Diese Tradition beginnt in seiner Schulzeit, ein Kistchen wandert hin und her, Nietzsche schreibt der Mutter, was des Sohnes Herz begehrt, und dann kommt das mit Fressalien und gewaschenen Kleidungsstücken gefüllte Kistchen zurück. Warum damit aufhören? Auch ein einsamer Philosoph darf einmal gut essen:

Wenn die Wurst Ende nächster Woche eintrifft, so wäre es die beste Zeit! Dann bitte ich um 1) 1 Paar wollne Strümpfe, 2) einen Handschuh (gestrickt) zum Waschen (wie das gute Lama mir sie zu machen pflegt) (ich meine zu meinem Bade morgens) und 3) endlich ein Paar schwarze gestrickte recht lange Handschuh mit einem Daumen. Bitte bitte!“6

Und auch die viel geschmähte Schwester darf aushelfen, Nietzsche das Leben leichter zu machen. In Basel führt sie dem gesundheitlich immer mal wieder angeschlagenen Nietzsche den Haushalt, so dass sie „etwa ein Drittel von Nietzsches Basler Zeit mit ihm gemeinsam“7 verbringt. Und wird sie gerufen, so kommt sie, selbst als Anstandsdame nach Tautenburg, wo Salomé und ihr Bruder im August des Jahres 1882 etwa drei Wochen lang miteinander diskutieren und wandern. Ein nietzschescher Fehlgriff mit letztlich fatalen Folgen für die Freundschaft zwischen Nietzsche und Lou von Salomé, zumindest aus seiner späteren Sicht. Denn es bleibt fraglich, ob ohne Schwester Friedrich Nietzsche der spitzen Zunge von Salomé gewachsen gewesen wäre.

Ihrem Herzensfritz können zumindest die beiden blutsverwandten Frauen Elisabeth und Franziska Nietzsche nur schwerlich etwas ausschlagen und man wird sich nicht wundern, wenn für solchen Liebensdienst auch eine Gegenleistung erwartet wird: ein anständiges bürgerliches Leben, das wäre doch nicht zu viel verlangt, keine Ausfälligkeiten gegen Autoritäten und ein wenig mehr Anpassung an den Zeitgeist. Da hat man so ein wunderschönes Schreibetalent – könnte sich die Schwester gedacht haben – und dann schreibt er ausgerechnet sowas. Die Mutter liest die Bücher gar nicht erst und das ist wohl auch besser so.

Das große Zerwürfnis mit Mutter und Schwester geschieht 1882 im Zuge der „Lou-Affäre“. Elisabeth Nietzsche intrigiert gegen Lou von Salomé, von der sie, wie man zugeben muss, wohl mehr als abschätzig behandelt wurde. Eifersucht spielt sicherlich eine Rolle. Wie unpassend die Freundschaft zwischen den beiden sei, was Lou von Salomé hinter Nietzsches Rücken über diesen behaupte, diese Spitzen Elisabeth Nietzsches erreichen sowohl die Mutter als auch Friedrich. Ein Besuch in Naumburg endet im Desaster. Nietzsche reist ab und schreibt an Overbeck:

So ist es mir zum Beispiel noch nicht Eine Stunde aus dem Gedächtnisse weggeblieben, daß mich meine Mutter eine Schande für das Grab meines Vaters genannt hat. Von anderen Beispielen will ich schweigen – aber ein Pistolenlauf ist mir jetzt eine Quelle relativ angenehmer Gedanken.8  

Als Dank für all die Zuwendung und die enttäuschten Erwartungen lastet nun – von vielen Nietzscheforschenden verhängt – eine große Schuld auf Mutter und Schwester. All das Unsägliche, was Nietzsche über Frauen geschrieben hat, sei ihnen anzulasten. Und vielleicht noch der herrischen Großmutter Erdmuthe und den Tanten: der schwächlichen Auguste und der nervösen Rosalie. Was aus so einem Frauenhaushalt entspringt, ist Frauenhass, der auch ein guter Teil Selbsthass ist, denn wenn wir unseren Hass nicht ausleben können und uns nicht frei und frech von ihm befreien, dann geht er ins Innerliche, dann hassen wir uns eben selbst und diejenigen, die uns geformt haben.

II. Nietzsches Misogynie

Franz Overbeck schreibt in seinen Erinnerungen über Nietzsche:

[S]ich selbst zu behaupten und durchzusetzen war ihm keineswegs überall leicht, und er hat vielleicht den „Willen zur Macht“ mit solcher Beredtsamkeit zum Ideal entwickelt, wie es nur Einem möglich war, dem dieses Ideal so sehr als solches vorschwebte und ihm selbst nicht eigentlich Fleisch geworden war.9

Wie mit Frauen umgehen, die einen fortwährend auf der Nase herumtanzen? Einige Aphorismen aus Menschliches, Allzumenschliches klingen wie Überlegungen zu dieser Frage. Frauen mit ihren „plötzlichen Entscheidungen über das Für und Wider“ einer Sache, die man doch besser gründlich abzuwägen habe, wurden seiner Meinung nach viel zu häufig von Männern als „sibyllinische Orakel“ romantisiert, obwohl die Vielseitigkeit der Dinge es schlicht nahelegt, dass „die Natur der Dinge […] so eingerichtet [ist], dass die Frauen immer Recht behalten“10.

Spricht da ein Mann, der sich nicht zur Wehr setzen kann gegen die weibliche, pragmatische Vernunft? „Der Intellect der Weiber zeigt sich als vollkommene Beherrschung, Gegenwärtigkeit des Geistes, Benutzung aller Vortheile.“11 Sind sie einmal in Hass entflammt, kennen die Frauen nach Nietzsche keinerlei Zurückhaltung. Kein moralisches Korsett zwängt sie ein und so üben sie sich, „wunde Stellen […] zu finden und dort hinein zu stechen: wozu ihnen ihr dolchspitzer Verstand treffliche Dienste leistet“12.

Nach einem ausgiebigen Zank reue es das eine Geschlecht, dass es weh getan habe, während es das andere stört, „dem andern nicht genug Wehe gethan zu haben, wesshalb er sich bemüht, durch Thränen, Schluchzen und verstörte Mienen, ihm noch hinterdrein das Herz schwer zu machen“13. Welcher Leser mag sich bei diesen Worten nicht einen familiären Streit im Hause Nietzsche vorstellen? Und sich einen Nietzsche imaginieren, der, statt sich schön ungebunden, frei von „Zwang, Störung, Lärm, von Geschäften, Pflichten, Sorgen“14 in philosophischen Weiten bewegt, sich über häusliche Angelegenheiten grämt – und das auch noch mit vermaledeit schlechtem Gewissen. Garstige Frauenzimmer!

Gerade darin gewannen sie ihre Macht, dass sie das ganze häusliche Leben der Männer vergiften konnten (damit, so Nietzsche, hat Xanthippe ihren Mann Sokrates erst raus auf die Gassen und zur Philosophie getrieben15). Die Frauen herrschen, aber im Kleinen und verdeckt16 – und das ist auch die einzige Art, wie Frauen es können –, so Friedrich Nietzsche. Daher sollten sie um ihrer selbst willen nicht begehren, worin sie den Mann neuerdings Konkurrenz zu machen wünschen: nach Emanzipation.17 Nicht auszumalen, was das für die Wissenschaft bedeuten würden, wenn da Frauen mit ihrem allzu spitzen, schnellen, widersprüchlichen Denken hineinlangten.18 Und je weiter die Emanzipation gehe, desto mehr verlören die Frauen ihre ursprüngliche Macht über Männer. Sie vermännlichten sich selbst, weswegen ein Zeitalter mit einem höheren Maß an Emanzipation paradoxerweise weniger Macht für Frauen bedeute.  

Dies schreibt Nietzsche auch in Jenseits von Gut und Böse, wo er nochmal tüchtig nachlegt. Er versieht dabei interessanterweise die Aphorismen 231 bis 239 aus dem Siebten Hauptstück, unsere Tugenden (wir ahnen es schon – keine weiblichen), mit einer einleitenden Überlegung:

Aber im Grunde von uns, ganz „da unten“, giebt es freilich etwas Unbelehrbares, einen Granit von geistigem Fatum, von vorherbestimmter Entscheidung und Antwort auf vorherbestimmte ausgelesene Fragen.  Bei jedem kardinalen Probleme redet ein unwandelbares „das bin ich“; über Mann und Weib zum Beispiel kann ein Denker nicht umlernen, sondern nur auslernen.19

Diese „Entscheidungen“ werden später zu anderen Zeiten, anders ausgelegt und auf den Denker, der solches aussagte, selbst gemünzt, als

Wegweiser zum Probleme, das wir sind, - richtiger, zur grossen Dummheit, die wir sind, zu unserem geistigen Fatum, zum Unbelehrbaren ganz „da unten“. – Auf diese reichliche Artigkeit hin, wie ich sie eben gegen mich selbst begangen habe, wird es mir vielleicht eher schon gestattet sein, über das „Weib an sich“ einige Wahrheiten auszusagen: gesetzt, dass man es von vornherein nunmehr weiss, wie sehr es eben nur – meine Wahrheiten sind.20

Man kann diese Zeile dazu nutzen, zu behaupten, dass Nietzsche sich in den folgenden Aphorismen über die herrschenden Vorurteile gegenüber Frauen lustig macht, indem er sie zuspitzt und als „Dummheit“ persifliert. Indes, wir können ihn auch beim Wort nehmen, dass es in der Tat seine Wahrheit war und dass er doch wusste, wie sehr es zu seinem „Unbelehrbaren ganz ‚da unten‘“ gehörte. Vielleicht findet ein jeder Mensch in sich ein paar hässliche, niedrige Überzeugungen, die öffentlich auszusprechen er sich gewöhnlich scheuen würde, nicht weil er nicht an sie glaubt, sondern weil er sich davor fürchtet, wie man dann über ihn denkt.

Abbildung 2:  Von 1890 bis zu ihrem Tod widmete Franziska Nietzsche einen guten Teil ihrer Zeit der Pflege ihres umnachteten Sohnes. Zeichnung von Christina Stephan.

III. Eine Entschuldigung?

Es mag schwer sein, sich von den Erfahrungen zu distanzieren, die man macht, und in einer Zeit, in der Frauen bevormundet und kleingehalten wurden, waren die sie größtenteils so, wie sie geformt wurden. Denken wir an Franziska Nietzsche, die ihren Ehegatten mit 17 Jahren kennenlernte (es ist alles richtig daran, „[d]er einzige Fehler ist nur daß ich so zu jung bin Mutterchen“21), oder daran, dass sie von Ludwig Nietzsche einen Entwurf als Musterbrief vorgesetzt bekam dafür, wie sie als Frau Pastorin zu schreiben habe.22 Elisabeth Nietzsche, Absolventin einer Mädchenschule, besaß Zeit ihres Lebens eine eigenwillige Zeichensetzung, die hauptsächlich durch Aussparungen gekennzeichnet war. Ihr jugendlicher Schreibstil wird von Kerstin Decker treffend charakterisiert:

Gewöhnlich klang sie so, wie ein junges Mädchen nach allgemeiner Übereinkunft klingen sollte, schwärmerisch, aufblickend, sentimental, nicht klinisch dumm, aber etwas, und erschauernd vor männlicher Größe: „Geliebter Fritz! Wie lange sehne ich mich schon an Dich zu schreiben, besonders lebendig aber ist die Sehnsucht seit den letzten acht Tagen seitdem ich berauscht durch Dein liebes neues Buch wandre“[.]23

Aber kann man, indem man die anerzogene Geistlosigkeit der Frauen beschreibt, das Gesamturteil, das Nietzsche über Frauen fällt, entschuldigen? In der Nietzsche-Forschung wird häufig argumentiert, die vermeintliche geistige Beschränktheit von Elisabeth und Franziska Nietzsche habe Friedrichs frauenfeindliche Einstellung provoziert oder gar legitimiert. Doch diese Sichtweise verfängt sich in einer absurden Täter-Opfer-Umkehr: Man bürdet den Opfern einer repressiven Erziehung und intellektuellen Einkerkerung die moralische Verantwortung für ein männliches Denksystem auf, das eben jene Unterdrückung rechtfertigt. Es ist die Perfektion des Zirkelschlusses: Den Frauen wird angelastet, dass sie durch ihre (erzwungene) Unmündigkeit dem Philosophen die Argumente für ihre eigene Abwertung lieferten. Die Deformation, wie sie die Erziehung und Bevormundung bei den Frauen anrichtete, wird zur Ursache des männlichen Ressentiments verklärt statt sie als dessen Produkt zu begreifen. Und hatte Nietzsche nicht genug „Gegenmaterial“ von Frauen bei der Hand, das ihn genauso gut von seinem „Fatum“ hätte befreien können?

Im Gegensatz zu Elisabeth Nietzsche versucht Nietzsches Mutter nie, selbst zu eigenständigen intellektuellen Urteilen zu gelangen. Wann immer es sich anbietet, zieht sie jemanden zu Rate, der ihr sagen kann, wie die Dinge aussehen. Und wenn sie doch anders fühlt, als sie zu denken hat, gerät sie in inneren Aufruhr. Über ihre Uneinsichtigkeit, den wahnsinnigen Nietzsche für unheilbar zu halten, verhängt der behandelnde Arzt folgendes Urteil: „Mutter macht einen beschränkten Eindruck“24. Die wohl selbstmächtigste Tat in ihrem Leben wird die Entscheidung sein, den kranken Nietzsche zu sich zu nehmen25 und ihn auch gegen die Vereinnahmungen der Schwester bei sich zu behalten. Die Vollmacht über sein geistiges Erbe gibt sie schließlich ab,26 auch wenn die Veröffentlichung des Antichristen sie stark schmerzt27 und fraglich bleibt, welches Werk überlebt hätte, wenn die Vollmachten in Mutters Hand geblieben wären und ob sie nicht dem Drängen des Pastors nachgegeben hätte, das ein oder andere Schriftstück zu vernichten.

In Sachen Frauen-Männer-Beziehung können wir sowohl Friedrich als auch Elisabeth und Franziska Nietzsche als Opfer ihrer Zeit betrachten. Und wer am Ende mehr am anderen gelitten hat, wird immer unser eigenes Phantasieprodukt bleiben:

Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine Mutter und Schwester, – mit solcher canaille mich verwandt zu glauben wäre eine Lästerung auf meine Göttlichkeit. Die Behandlung, die ich von Seiten meiner Mutter und Schwester erfahre, bis auf diesen Augenblick, flösst mir ein unsägliches Grauen ein: hier arbeitet eine vollkommene Höllenmaschine, mit unfehlbarer Sicherheit über den Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann[.]28

Am 15. August 1900 stirbt der seit gut 10 Jahren geistig umnachtete Nietzsche wohlverwahrt von seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche in der Villa Silberblick in Weimar.  

Das stammt von der Zwickauer Künstlerin Christina Stephan, die uns auch zu dieser kleinen Reihe inspirierte. Erfahren Sie mehr zu ihrer Kunst auf ihrer Internetseite. Es zeigt Nietzsches Mutter mit ihren Kindern Elisabeth und Friedrich und ihrem jung verstorbenen Gatten.

Literatur

Decker, Kerstin: Die Schwester. Das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche. Berlin & München 2016.

Gabel, Gernot U. & Carl Helmuth Jagenberg (Hg.): Der entmündigte Philosoph. Briefe von Franziska Nietzsche an Adalbert Oehler aus den Jahren 1889-1897. Hürth 1994.

Janz, Curt Paul: Friedrich Nietzsche. Biographie. Die Jahre des Siechtums. Dokumente. Quellen und Register, Bd. 3. Frankfurt a. M. 1993.

Overbeck, Franz: Werke und Nachlaß. Autobiographisches. „Meine Freunde Treitschke, Nietzsche und Rohde“, hrsg. von Barbara Reibnitz und Marianne Stauffacher-Schaub. Stuttgart & Weimar 1999.

Podach, Erich F. (Hg.): Der kranke Nietzsche. Briefe seiner Mutter an Franz Overbeck. Wien 1937.

Schmidt-Losch, Ursula: „ein verfehltes Leben“? Nietzsches Mutter Franziska. Aschaffenburg 2001.

Volz, Pia Daniela: Nietzsche im Labyrinth seiner Krankheit. Eine medizinisch-biographische Untersuchung. Würzburg 1990.

Fußnoten

1: Ecce homo, Warum ich so weise bin, Abs. 3.

2: Zit. n.: Pia Daniela Volz, Nietzsche im Labyrinth seiner Krankheit, S. 471.

3: Zur christlichen Sprache in Nietzsches Elternhaus siehe das Kapitel „der liebe Gott wird“… Religiöse Sprache im Hause Nietzsche 1844-1850 und ihre früh(st)en Folgen in Ursula Schmidt-Losch, „ein verfehltes Leben“?, S. 105-120.

4: „Bin ich es nicht, der ein Übermaaß von unverdienter Güte Euch im letzten Jahr bewiesen hat? Seid Ihr denn undankbar durch und durch? Oder so in den letzten Grund hinein verlogen, daß die einfachste Wahrheit bei Euch auf dem Kopfe steht? Wer hat sich denn schlecht gegen mich benommen, wenn nicht Ihr? Wer hat mein Leben in Gefahr gebracht, wenn nicht Ihr? Wer hat mich so vollständig in Stich gelassen, wie Ihr, und damals, wo ich Trost nöthig hatte, mir mit Verhöhnung und Beschmutzung meines ganzen Lebens und Strebens geantwortet? Ich kenne erst recht, und von Kindheit an, die moralische Distanz, die mich und Euch trennt, und habe all meine Milde, Geduld und Stillschweigen nöthig gehabt, um Sie Euch nicht allzufühlbar zu machen. Begreift Ihr denn Nichts von dem Widerwillen, den ich zu überwinden habe, mit solchen Menschen, wie Ihr seid, so nahe verwandt zu sein! Was bringt mich denn zum Erbrechen, wenn ich Briefe meiner Schwester lese und diese Mischung von Blödsinn und Dreistigkeit, die sich gar noch moralisch aufputzt, hinunterschlucken muß?“ (Brief an Franziska Nietzsche in Naumburg (Entwürfe), Nizza, Januar/Februar 1884, Nr. 482.)

5: Brief an Franz Overbeck v. 06/03/1883, Nr. 386.

6: Brief an Franziska Nietzsche v. 13/07/1881, Nr. 126.

7: Schmidt-Losch, ‚ein verfehltes Leben‘? Nietzsches Mutter Franziska, S. 29.

8: Brief an Franz Overbeck v. 10/02/1883, Nr. 373.

9: Franz Overbeck, Werke und Nachlaß, S. 25.

10: Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 417.

11: Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 411. Könnte da Nietzsche auch an seine Mutter gedacht haben, die beim pragmatischen Haushalten äußerst geschickt darin war, finanziell für sich und die ihren vorzusorgen? So schreibt Schmidt-Losch unter Berücksichtigung von Franziska Nietzsches Korrespondenz: „Dabei entwickelt sie ein Maß an Geschicklichkeit, ja Virtuosität, das in einer erstaunlichen Diskrepanz zu Beurteilungen ihrer Intelligenz steht, denen Franziska seitens mancher Biographen unterworfen wurde. Schon die junge Röckener Witwe wußte alle Register zu ziehen, wenn es um das Organisieren von Unterstützung ging; und noch gegen Ende ihres siebten Jahrzehnts spielte Franziska ihre Meisterschaft im Erbitten von Unterstützung brillant aus“ („ein verfehltes Leben“? Nietzsches Mutter Franziska, S. 27).

12: Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 414.

13: Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 420.

14:Zur Genealogie der Moral III, Abs. 8.

15: Vgl. Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 433.

16: Vgl. Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 412 & Jenseits von Gut und Böse, Aph. 239.

17: Vgl. Jenseits von Gut und Böse, Aph. 232 & 239.

18: Vgl. Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 416, 419 & 425 und Jenseits von Gut und Böse, Aph. 232, 233, 234 & 239. Man kann eine Verschiebung im Akzent des Urteils zwischen den beiden Werken erkennen. Während die Unfähigkeit der Frau zur Wissenschaft in Menschliches, Allzumenschliches als gegenwärtiger Zustand beschrieben wird, der sich auch eines Tages ändern könnte (vgl. Aph. 416 & 425), wird in Jenseits von Gut und Böse die angeborene Flachheit der Frauen und die Widernatürlichkeit ihrer Instinkte, wenn sie sich für den Geist interessieren, behauptet (vgl. Aph. 234, 238 & 239). Insofern kann man die Entwicklung als eine Verschärfung des misogynen Gedankenguts innerhalb von Nietzsches Philosophie beschreiben.  

19: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 231.

20: Ebd.

21: Diese Erinnerung und auch die Erwiderung ihrer Mutter „‚dieser Fehler verbessert sich alle Tage mein Kind‘“, schreibt Franziska Nietzsche in ihren Lebenserinnerungen auf (siehe: Franziska Nietzsche: Mein Leben,. In: Schmidt-Losch, „ein verfehltes Leben“, S. 80-103; 99).

22: So beschreibt Schmidt-Losch Franziska Nietzsches „Umerziehung“ in der frischen Ehe wie folgt: „[A]us dem natürlichen und unkomplizierten Mädchen vom Lande soll eine Frau Pastorin werden. In einer Konzeptkladde übt sie, Briefe zu schreiben, die ihr Herr und Meister korrigiert. Ein Briefentwurf fällt offensichtlich so miserabel aus, daß schließlich der Herr Pastor einen Musterbrief auf der Grundlage von Franziskas Text entwirft, an dessen betuliche Formulierungen sich Franziska künftig brav hält“ („ein verfehltes Leben“?, S. 19).

23: Die Schwester, S. 157.

24:  Curt Paul Janz: Friedrich Nietzsche. Bd. 3, S. 51.

25: Bereits die Entscheidung, Nietzsche von Basel nach Jena zu verlegen, kann als Kompromiss mit Overbeck verstanden werden, der in einem Brief an Köselitz antwortet: „Ich bin vor einem Jahre überhaupt der Ansicht gewesen, Nietzsche solle hier in meiner Nähe bleiben, habe insbesondere gegen die übereilte Art, wie Nietzsche von seiner Mutter mitgenommen wurde, gekämpft, verlangt, sie solle zunächst allein reisen und nach einem passenden Unterkommen in ihrer Nähe erst förmlich suchen“ (zit. n. ebd.).

26: Wenn auch widerwillig: „Die soeben gethane Unterschrift hinsichtlich der Abtretung des Geistesschatzes meines Sohnes, um fremdes Geld, habe ich nur auf Bitten und Drängen meiner Tochter Frau Dr Foester gethan und es ist somit durch eine gewußte Nöthigung geschehen“ (Gernot U. Gabel & Carl Helmuth Jagenberg [Hg.], Der entmündigte Philosoph. Briefe von Franziska Nietzsche an Adalbert Oehler aus den Jahren 1889-1897, S. 74).

27: „[I]ch finde, daß man im achten Band den schrecklichen Antichrist und mehrere Gedichte weglassen konnte, ich empfinde darüber bitteren Kummer: hat er doch schon mehr als genug darüber in seinen Werken gesagt und ich begreife jetzt doppelt seine Worte: ‚Lies es nicht Mutterchen, es ist von einem ganz anderen Standpunkt aus geschrieben.‘“ Diese klagenden Worte über das Schriftstück schreibt Franziska Nietzsche naiverweise an Franz Overbeck, dem sie glücklicherweise vermelden kann, dass sie aber als Frau auch gar nicht urteilsfähig sei im Hinblick auf philosophische Bücher, denn „[ü]berhaupt finde ich, daß Philosophie nichts für Frauen ist, wir verlieren den Boden unter den Füßen.“ (Erich F. Podach [Hg.], Der kranke Nietzsche. Briefe seiner Mutter an Franz Overbeck, S. 180 f.). Letzteres kann man sicherlich als Seitenhieb auf die Tochter verstehen, die sich für die Herausgabe der philosophischen Werke des Bruders als geeignet ansieht.

28: Ecce homo, Warum ich so weise bin, Abs. 3. Elisabeth Förster-Nietzsche ließ das Blatt mit diesen Zeilen von Köselitz vom Verleger Naumann abholen und vernichtete es. Köselitz hatte aber bereits eine Abschrift angefertigt. Franziska Nietzsche erfuhr erst spät (1895) mündlich von ihrer Tochter von der abwertenden Stelle mit dem Ziel, sie zu verletzen.