Der postmoderne Wald

Wie im Wald der Totalitätsanspruch der Moderne konterkariert wird

Der postmoderne Wald

Wie im Wald der Totalitätsanspruch der Moderne konterkariert wird

5.6.26
Mandus Craiss
Der Wald ist im Trend. Und damit steht er keineswegs im Widerspruch zu einem anderen, noch größeren Trend unserer Zeit: der Digitalisierung. Mandus Craiss zeigt in diesem Artikel, dass der Wald ein Netzwerk ist. Auch die Digitalisierung geschieht netzwerkförmig; beide Phänomene sind daher charakteristisch für die Postmoderne. Im ersten Teil des Artikels wird der Wald charakterisiert als nicht-zentralistisches und damit typisch postmodernes Naturphänomen. Im zweiten Teil wird die „Postmoderne“ definiert und die Frage erörtert, inwieweit dieser Epochenbegriff noch oder wieder aktuell ist – ein Diskurs, dessen ganz frühe Wurzeln auch bis zu Nietzsche zurückreichen. Im dritten Teil wird schließlich dargelegt, wie der Netzwerkaspekt der Postmoderne sich zeigt und wie sich das Mensch-Wald-Verhältnis in jüngster Zeit entwickelt hat.

Der Wald ist im Trend. Und damit steht er keineswegs im Widerspruch zu einem anderen, noch größeren Trend unserer Zeit: der Digitalisierung. Mandus Craiss zeigt in diesem Artikel, dass der Wald ein Netzwerk ist. Auch die Digitalisierung geschieht netzwerkförmig; beide Phänomene sind daher charakteristisch für die Postmoderne.  

Im ersten Teil des Artikels wird der Wald charakterisiert als nicht-zentralistisches und damit typisch postmodernes Naturphänomen. Im zweiten Teil wird die „Postmoderne“ definiert und die Frage erörtert, inwieweit dieser Epochenbegriff noch oder wieder aktuell ist – ein Diskurs, dessen ganz frühe Wurzeln auch bis zu Nietzsche zurückreichen. Im dritten Teil wird schließlich dargelegt, wie der Netzwerkaspekt der Postmoderne sich zeigt und wie sich das Mensch-Wald-Verhältnis in jüngster Zeit entwickelt hat.

Dieser Artikel ist Teil unserer diesjährigen Schwerpunktreihe „Lebensgrundlage Wald“.

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Bild 1: Die vertikale und horizontale Dimension des Waldes (bei Leipzig).

I. Der Wald als „gekerbter Raum“

Lange nur als Kulisse am Horizont interessant, ist es mittlerweile für die arbeitende Bevölkerung aus den Städten wieder zum Ziel geworden, den Wald auch von innen zu entdecken. Wildnisschulen schießen wie Pilze aus dem Boden, allein im online-Verzeichnis wildnisschulen.de sind 121 Wildnisschulen im deutschsprachigen Raum zu finden. Dort wird eine Mischung aus Survival-Skills, Achtsamkeit in der Natur, Artenkenntnis und „Fühlen“ der Natur einem immer breiteren Publikum nahegebracht.1 Apropos Pilze: Auch das „in die Pilze gehen“ erlebt eine ungeahnte Renaissance, wie man bei YouTube oder in den Auslagen von Buchhandlungen erkennen kann. In den bildenden Künsten, auf Musikfestivals und auf (digitalen) Plattencovern sind Natur- & Wildnismotive schwer „en vogue“ – spätestens seit durch die Corona-Lockdowns breite neue Bevölkerungsteile in die wenigen verbliebenen Naturgebiete unseres industrialisierten Erdteils drängen, allen voran in die Wälder.

Dass darin ein Drang nach Freiheit sich Bahn bricht, legt der Philosoph und Publizist Alexander Grau in seinem 2023 erschienenen Band Vom Wald. Eine Philosophie der Freiheit sehr stringent dar. Seine These, die sich in verschiedener Varianz im Buch wiederholt, ist:  

Der Wald eignet sich als Symbol der Freiheit gegenüber dem menschlichen Kontrollstreben und Ordnungswahn deshalb so gut, weil er faktisch ein Raum vielfältiger Kontingenzerfahrung und permanenter Veränderung ist. Insofern ist der Wald ein Veto gegen „die Absolutmachung des Menschen und seine moderne Zuspitzung“.2

Im letzten Halbsatz wird hier Sartre zitiert. Bemerkenswert an Graus Abhandlung ist seine dezidierte Schilderung von Werken mit Waldbezug quer durch polittheoretische Lager: Angefangen bei den Gebrüdern Grimm, Ludwig Tieck und Wilhelm Heinrich Wackenroder über Heinrich Heine hinüber zu Ralph Waldo Emerson und natürlich Henry David Thoreau (Walden), streift er Marx und auch Adorno, geht detailliert ein auf Adalbert Stifter und Wilhelm Raabe, aber auch auf die Wandervogel-Bewegung und dabei auf Nietzsche, allem voran den Zarathustra, um schließlich bei Ernst Wiechert noch einmal sehr ins Detail zu gehen wie auch bei Ernst Jünger und zuletzt bei Jean-Paul Sartre3.  

Einzelne Details von Grau – tendenziell im konservativen Milieu zu verorten – und seiner Abhandlung sind freilich streitbar; so bleibt die Begründung, warum das Umarmen von Bäumen und Waldbaden „intellektueller Kitsch der Extraklasse“ (S. 171) sei, noch etwas dürftig, artikuliert sich doch eigentlich genau darin der von Grau im selben Absatz hochgehaltene intuitive Zugang zum Wald ohne „Sinndeutung“ (ebd.). Insgesamt besticht der Text dennoch durch eine Radikalität im besten Sinne von „an die Wurzel gehend“ und hinterfragend, ohne gleich neue Konzepte zu liefern, die immer auch Korsette sind für die demgegenüber uneinfangbar komplexe Natur:

Wer in einem Anfall von Größenwahn und Weltvergessenheit aus der Harmonie des Naturganzen ausbricht, wird zugrunde gehen. Wahre Freiheit findet der Mensch nicht im Streben nach privaten oder politischen Wolkenkuckucksheimen, sondern indem er sich in den Fluss der Natur begibt. Wir würden heute von Flow sprechen.4

Hier klingt das postmoderne „Ende der großen Erzählungen“ an ebenso wie Nietzsches Kritik an der „Hybris“ als unserer ganzen „Stellung zur Natur, unsre Natur-Vergewaltigung mit Hülfe der Maschinen und der so unbedenklichen Techniker- und Ingenieur-Erfindsamkeit“5, wie Nietzsche in der Genealogie der Moral schon 1887 verlautbarte.  

Auch die Erfahrung von Kontingenz und permanenter Veränderung in Wald und Natur wird von Nietzsche an einigen Stellen vorweggenommen, wie hier in der Götzen-Dämmerung: „Die Natur, künstlerisch abgeschätzt, ist kein Modell. Sie übertreibt, sie verzerrt, sie lässt Lücken. Die Natur ist der Zufall.“6 Natur als Kontingenz und auch sich verschenkende Verschwendung – wie zur Baumblüte.

Bei Grau wird die Beschreibung des Waldes als Paradebeispiel für die Kontingenz (das Heidegger’sche „Geworfensein“?) in der Natur besonders dann spannend, wenn er den Vergleich zu anderen Naturräumen aufmacht:

Auch am Meer oder in der Steppe wird Geschichte erlebt […]. Doch diese Lebensräume selbst scheinen zeitlos, das Meer ebenso ewig und unverrückbar wie die Gebirge oder die Wüste. Im Wald jedoch wird der Mensch nicht nur mit Ereignissen konfrontiert und dem zyklischen Lauf der Jahreszeiten, sondern mit der Zeit selbst. Vergänglichkeit wird hier unmittelbar erlebt, der Wald entlarvt die Ewigkeit, die Meere oder Gebirge suggerieren, als perspektivische Fehlwahrnehmung.7

Alles fließt, panta rhei – Heraklit kommt wieder einmal zu neuem Recht.  

Als Begründung wird von Grau angeführt, dass Ackerflächen, die vor wenigen Jahren angelegt wurden, heute schon zugewachsen sind und vor Kurzem passierbare Pfade heute kaum noch zu erkennen sind8 und auch, dass Flora und Fauna des Waldes seit Jahrtausenden auch Produkte „unzähliger Menschheitsgenerationen, ihrer Art zu jagen, [zu roden,] zu siedeln und Ackerbau zu betreiben“ sind.9  

Daraus lassen sich drei Landschaftsmuster ableiten: Zuerst der „glatte“10 Raum der von der Natur aus „ewigen“ Landschaften: Wüste, Berge, Meer. Dann zweitens der „gekerbte“ Raum der ewig veränderlichen Landschaft des Waldes – in welcher Natürlichkeit und Anthropogenität untrennbar verwoben sind. Und drittens schließlich der ganz vom Menschen geschaffene glatte Raum der „cultura“, von Grau als „gerodetes Ackerland“ beschrieben,11 in welchem der Mensch landschaftliche und soziale Ordnung herzustellen und sich von der biologischen Evolution abzukoppeln anstrebt, anders ausgedrückt: Ewigkeit herstellt durch Rationalität und Mathematik in Zeit (Erntezyklen, Planung) und Raum (Geodäsie, Geometrie). Diese Bestrebungen perfektionieren sich mit jedem Entwicklungszyklus der menschlichen Kultur und kulminieren in der Moderne, in welcher kein wildes Tier und kaum ein gesundheitliches Risiko noch nicht vom zivilisierten Menschen beherrscht wird, der Zufall mit jeder Prozessoptimierung mehr stirbt und die Freiheit mit der Sicherheit im Panoptikum des digitalisierten „Qualityland“12 zu Grunde geht.  

Ohne Beispiele zu nennen, zieht Grau eine Verbindung zur Philosophiegeschichte:

Entsprechend sahen Philosophen aller Zeiten in der Weite der Ozeane und der Majestät der Gebirge geradezu Allegorien des Denkens, die das Philosophieren zudem ästhetisch aufwerteten und ihm Pathos und Majestät verliehen. Damit verbunden war der Anspruch der Philosophie, Wahrheiten und Einsichten zu verkünden, die genauso ewig, unverrückbar und grenzenlos sind wie Meere oder Gebirge. Der so erhobene Absolutheitsanspruch hat allerdings unverkennbar totalitäre Züge. […] Anders der Wald. Hier ist nichts ewig. Hier ist nichts zeitlos. Und statisch ist hier schon einmal gar nichts. Wald bedeutet Veränderung, Zeitlichkeit und Relativität.13

Gut, dass sich die Kritik an Totalitarismus und Absolutheitsansprüchen nicht nur bei Alexander Grau, sondern in allen relevanten Feldern der Philosophie und der Politik durchgesetzt hat. Dies zeigt einerseits eine gewisse Lernfähigkeit der Spezies Mensch angesichts der „totalitären“ Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, andererseits aber auch (etwas später) eine Weitung des Blickwinkels für bisher „subalterne“ Perspektiven, sei es durch Feminismus, Postkolonialismus, Indigenous Rights Movements oder allgemeiner im Hintergrund davon: Poststrukturalismus und Sozialkonstruktivismus.

Bild 2: Verfall und Zeitlosigkeit in einem Wald bei Leipzig.

II. Was ist die „Postmoderne“?

Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs zeigte die Gefahren und Abgründe des Totalitarismus auf, jedoch dauerte es noch eine knappe Generation, bis die Erkenntnis sich verbreitete, dass es nicht entscheidend ist, welches politische System der Moderne im Krieg siegreich ist, sondern dass die Hybris der Moderne mit ihrem subtilen Absolutheitsanspruch selbst auf Holz gebaut ist (oder, mit Grau und Sartre: auf zurückgedrängtem Wald, der lauernd auf das Verschwinden der ordnenden Hand wartet). Denn in jener Epoche, die aus heutiger Zeit zum Teil schon wieder als historisch abgeschlossen und mit einem „Post-Präfix“ bezeichnet werden kann, in welcher Foucault, Deleuze & Derrida ihre Blütezeiten erlebten, James Stirling neben Charles Willard Moore die Architektur prägte und Modedesignerin Vivianne Westwood oder Grace Jones, Sängerin und vieles mehr, die Kultur, wurde zum ersten Mal in einem groß angelegten Konzept die Vergänglichkeit und Kontingenz der menschlichen Ratio selbst als Kultur artikuliert: Die Rede ist natürlich von der Postmoderne!  

Im engeren Sinne kann diese Epoche als eine zentrale kulturelle Strömung der 1970er bis 1990er Jahre begriffen werden. Die Ölkrisen, der Zusammenbruch der Dollar-Gold-Bindung 1971, die Club of Rome-Berichte zu den „Grenzen des Wachstums“ ab 1972 und andere Ereignisse deuteten an, dass der im Westen wie im Osten geglaubte Absolutheitsanspruch der technologisch-ökonomischen Machbarkeitsideologie erste Risse zu bekommen schien.14  

Michel Foucault macht philosophisch deutlich, dass der Anspruch der Aufklärung, eine humanere Gesellschaft zu fördern –  zum Beispiel durch rationalere Systeme der Psychiatrie und des Strafvollzuges – einen sehr hohen, vielleicht unverhältnismäßigen Preis erfordert.  

Deleuze und Guattari erörtern in ihren Tausend Plateaus 1980, dass die Rationalität, welche der kapitalistischen Moderne zugrunde liegt, auch mathematisch nur eine von verschiedenen Möglichkeiten darstellt; sie beschreiben Fluchtlinien zu minoritären Strömungen in Mathematik, Wissenschaft und auch Geschichte (eben nicht jener der Sieger) bis hin zu Schamanismus und anderen nicht von den Kolonialmächten kommenden Zugängen zu Körper und Geist. Selten wurde der illusionäre Charakter ewiger Wahrheiten facettenreicher – oder in ihrem eigenen Begriff: mannigfaltiger – beschrieben als bei Deleuze & Guattari in deren gemeinsamen Werken, deren Stil passend zur Postmoderne eklektizistisch wirkt.15

Denn Postmoderne definiert sich, wie der Kunstwissenschaftler Klaus Kowalski beschreibt, durch eine „auf Unabhängigkeit gerichtete Demokratisierung kulturellen Lebens, die sich in einem Poly-Stilismus äußert“16 und als „bereichsübergreifende inhaltliche Vermischungen“17 in Abgrenzung vom bisherigen „allgemeinen, die Welt deutenden Anspruch“18. Als stilgebende graphische Form findet die Collage Verbreitung; in der Architektur wird das Vermischen von technischer Modernität mit Merkmalen früherer Epochen wie klassischen Säulen oder dann auch gotischen oder primitivistischen Elementen stilgebend. Die berühmte Äußerung von Jean-François Lyotard über der Postmoderne als „Ende der großen Erzählungen“ steht hinter all diesen Entwicklungen im Raum.19

Antonio Negri & Michael Hardt fügen zu diesen Perspektiven auch noch eine Veränderung der Arbeitswelt als Argument mit an, denn

ab den 1970er Jahren verlagerten sich die Techniken und die Organisationsform der industriellen Produktion [...] hin zu kleineren und mobileren Arbeitseinheiten und flexibleren Produktionsstrukturen – ein Wandel, der oft als Übergang von der fordistischen zur postfordistischen Produktion bezeichnet wird.20

Sie bezeichnen daher als Postmoderne „die heutige kapitalistische Produktion“, die gekennzeichnet ist „durch eine Reihe von Übergängen, die verschiedene Facetten desselben Wandels benennen: von der Hegemonie der industriellen Arbeit hin zu der der immateriellen Arbeit, vom Fordismus zum Postfordismus und von der Moderne zur Postmoderne“21.  

Sie beschreiben daraus hervorgehend als neue netzwerkförmige globale Supermacht das „Empire“, eine komplex-verstricktes globales Herrschaftsverhältnis, das sich nicht durch Sturm auf ein Zentrum angreifen lässt. Dem setzen sie als progressiven, emanzipatorischen Akteur die „Multitude“ gegenüber:

Eine Multitude ist eine irreduzible Vielfalt; die singulären sozialen Differenzen, aus denen sich die Multitude zusammensetzt, müssen stets zum Ausdruck kommen und dürfen niemals zu Gleichheit, Einheit, Identität oder Indifferenz nivelliert werden.22

Als solche kommen sie punktuell, rhizomförmig,23 für ein Ziel zusammen, lösen sich schnell wieder auf, verbinden sich neu – auch hier die Netzwerkform:

Die Multitude ist die eigentliche produktive Kraft unserer sozialen Welt, wohingegen das Empire ein bloßer Apparat der Vereinnahmung ist, der einzig von der Vitalität der Multitude lebt – oder, wie Marx es ausdrücken würde: ein Vampirregime akkumulierter toter Arbeit, das nur überlebt, indem es das Blut der Lebenden aussaugt.24

Der „Vereinnahmungsapparat“, den Deleuze & Guattari auf der psychologischen Ebene beschreiben, hier in seiner politisch-ökonomischen Dimension. Auch Guy Debords Konzept der „Rekuperation“, der Aneignung subversiver Impulse durch die „Gesellschaft des Spektakels“, lässt grüßen … Die Omnipräsenz eines alles vereinnahmenden Marktes ist in den letzten Jahrzehnten eher gewachsen, verbunden mit dem ebenfalls typisch postmodernen Verlust „großer Heilslehren“ (Kommunismus, Religion, …).

Viele dieser Dimensionen der Postmodernität können wir in der Gegenwart der 2020er Jahre durchaus wieder in einer gestiegenen Brisanz erleben: Man denke an „Deep Fake“ und „Postfaktizität“, an unsere fragile globale Menschheitskultur mit ihrer Öffentlichkeit und ihren Warenströmen, die durch Covid19, die Lockdowns, die Havarie im Suezkanal und die Blockade der „Straße von Hormus“ empfindlich gefährdet wurden, wie auch daran, dass selbst die Natur angesichts des Klimawandels nicht mehr unvergänglich ist: Berge bröckeln mit dem Permafrost dahin, das Meer ist sowohl unter Wasser (Korallenriffe) als auch am Wasserspiegel nicht mehr dasselbe.  

Somit passt der im Wald verkörperte „panta rhei“-Anspruch sehr gut in ein langsam Fahrt aufnehmendes 21. Jahrhundert, das Foucault zurecht als das „deleuzianische Jahrhundert“ prophezeit hat.25

Bild 3: Auch die Graffities bejahen den Trend – passend an einer Brücke im Leipziger Auwald.

III. „Wir sind ein Wald, der leise wächst.“

Der Wald ist, mit seinen überwuchernden Pfaden, seiner Verflechtung aus stehend-lebenden und sterbend-liegenden Bäumen, seiner Laubzersetzung und seinem mannigfaltigen unterirdischen Bodengeflecht, in jedem Falle eine Multitude – wie auch die Multitude selbst gesehen werden kann als „Wald, der leise wächst“26.

Wälder sind sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene ein Netzwerk – was dem Internet gar nicht so unähnlich ist.

Auf der Mikroebene ist der Waldboden ein äußerst komplexes filigranes Netz, kommunizieren Bäume, wie man in den Bestseller-Büchern von Peter Wohlleben nachlesen kann, mittels Wurzelrhizomen miteinander, tauschen in Symbiose mit Pilzmycel Stoffe aus, „stillen“ sogar ihre Kinder oder warnen vor Fressfeinden durch Botenstoffe in rhizomatischen Verbindungen.27 Generell ist der Waldboden durchwoben von einem Netz unterschiedlichster hauchdünner Fäden und Stränge.

Auf der Makroebene sind Wälder Wanderkorridore für die Migration der Fauna und Flora. Denn das „Gespenst der Migration“28 geht nicht nur um in der (post-)modernen Menschheitsgesellschaft, sondern auch bei Tieren und Pflanzen, die ihre Populationen einerseits durchmischen müssen, um Inzucht entgegenzuwirken, andererseits im Zuge des Klimawandels durch Wanderkorridore in jene Regionen vordringen können sollten, in welchen das Klima (noch) zu ihnen passt. Während im Laufe der industrialisierten Moderne der Mensch immer mehr Infrastruktur durch die rationalen Techniken des Städte-, Straßen- und Landschaftsbaus errichtet und miteinander vernetzt hat, die Landschaft durchzogen ist von Autobahnen, Stromtrassen und Telekommunikationskanälen, arbeiten Umweltverbände wie der BUND seit etwa 20 Jahren daran, demgegenüber durch gezielte, wissenschaftlich begleitete Korridorpflanzungen die weitgehend isolierten Wälder zu einem Waldbiotopnetz zu verbinden, welches von Wildkatze, Luchs & Co. genutzt wird, aber auch generell den ursprünglichen Charakter des Waldes als Netzwerk wieder herstellen soll. Auf dem deutschen Naturschutztag hat Mitte März dieses Jahres Bundesumweltminister Carsten Schneider dazu einen Gesetzesentwurf zur „Sicherung der natürlichen Infrastruktur“ angekündigt; in Zeiten einer eher defensiven Umweltpolitik ein beachtlicher Schritt29, mit 2 % Wildnis als Ziel bis 2030 – zumindest steht es so im Nationalen Strategiepapier30.  

Die Ambivalenz steckt natürlich tief in diesem Vorhaben, wie in vielen Methodiken des zeitgenössischen Naturschutzes, durch neue Eingriffe in einer vom Menschen bereits stark überprägten Umwelt frühere Eingriffe zu korrigieren31; der endgültige Übergriff der „cultura“ auf den Wald – oder eine späte Anerkennung der wertvollen, uns übersteigenden Komplexität? Immerhin wird hier mit rationalen Techniken und planerischer menschlicher Vernunft eine Infrastruktur der „Wildnis“ in die Wege geleitet (auch im wörtlichen Sinne), die dann jedoch unabhängig von „uns“ weiter existieren und sich entwickeln soll.

Wenn man Grau, und auch Sartre, nachgeht, dürfte der Wald jede Chance nutzen, sich eigenständig zu entwickeln, die „cultura“ wieder zu überwuchern: „Permanent versucht der Wald sich zurückzuholen, was ihm zuvor mühsam abgerungen wurde“32. Jedoch ist es nicht in allen Naturregionen der Erde der wuchernde Wald, der sich als wilde, permanent verändernde Natur gegen die Kultur ausbreitet – in anderen Erdteilen sind es z. B. die Wüsten, die sich zurückholen, was ihnen abgerungen wurde. Oder die Steppen. In seltenen Fällen auch das Wasser, z. B. auf Deichmarschland oder im Bereich von Talsperren.  

Daran anschließend steht in Frage, ob es in Zeiten des Klimawandels immer Wald ist, der sich auf verlassenen Flächen als erstes ausbreitet; die „Lieberoser Wüste“ in Brandenburg zeigt, dass es auch anders kommen kann.33 Und es gibt Berechnungen, dass viele Wälder durch den Klimawandel dauerhaft bedroht sind, denn auch hier macht die ewige Veränderung und auch die Entropie durchaus nicht halt: Dauerhafte Trockenheit führt zu Schädlingsbefall, Absterben und häufig auch zum Abbrennen von Waldgebieten.34 Der glatte Raum könnte auf dem Vormarsch sein, in diesem Fall die Wüste. Damit hätte die „cultura“ es geschafft, sich selbst zu reproduzieren und den „Rückfall“ des Waldes für immer zu unterbinden. Es wäre der Sieg der „metropolitanen Wüste“, von der in post-situationistischen Schriften die Rede ist.35 Oder ein Sieg von Markt, Lärm und „giftigen Fliegen“, welche Nietzsche im Zarathustra der Waldnatur gegenüberstellt:

Würdig wissen Wald und Fels mit dir zu schweigen. Gleiche wieder dem Baume, den du liebst, dem breitästigen: still und aufhorchend hängt er über dem Meere. Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt; und wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm der grossen Schauspieler und das Geschwirr der giftigen Fliegen.36  

Ein Sieg, der nicht nur äußerlich sein könnte, sondern sogar unser Innenleben bedroht. So warnt Zarathustra an anderer Stelle: „Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt!37

Dem entgegen steht, dass es gerade eine zentrale Eigenschaft von Natur wie von Wald ist, anpassungsfähig und damit resilient zu sein. Auch die menschengemachten Wüsten wie die Lieberose oder Bledow in Polen können zurückgehen,38 in den Waldbrandgebieten von Harz oder Sächsischer Schweiz breiten sich neue, resilientere Baumarten aus. Das entbindet uns allerdings nicht von verantwortungsvollem Handeln, denn gerade weil wir Menschen Teil des Netzes der Natur sind, sind es nicht zuletzt auch unsere Entscheidungen, die zwischen Verwüstung und Bewaldung den Ausschlag geben.

Eine Grundlage ist hier sicher Respekt vor der uns übersteigenden Komplexität der Natur, was Nietzsche pantheistisch anmutend beschreibt, wenn er fordert: „[B]ei einem durch einen Fichtenwald gehauenen Weg der Dome gedenken: der Wald hat einen überwältigenden Einfluß auf den Erbauer geübt.“39

Ob beim Errichten von „Domen“ und Kathedralen oder in unzähligen weiteren Beispielen: Die Waldnatur beeinflusst große Teile menschlichen Kulturschaffens – aber deutlicher als zu Nietzsches Zeiten sehen wir heute, wie auch die menschliche Kultur wachsende Teile der Waldnatur beeinflusst. – Mensch und Wald sind eben multidimensional miteinander verbunden.

Mandus Craiss (geb. 1983) ist in Ludwigsburg aufgewachsen und hat Politikwissenschaft, Kulturwissenschaften, Philosophie, Neue Geschichte und Geographie in Tübingen und Leipzig studiert. Er ist in der ökologischen und altermondialistischen Bewegung sozialisiert und in diesem Kontext viel gereist, zu einem großen Teil per Anhalter. Als zentraler Redakteur der früheren BUNDjugend-Zeitschrift Kritische Masse hat er auch Artikel und Interviews zu politischer Philosophie von Fromm bis Foucault veröffentlicht. Seine Magisterarbeit behandelt die Werke von Deleuze & Guattari in Bezug auf das bedingungslose Grundeinkommen. Er lebt mit seinem Sohn in einer Hausgemeinschaft am Rande von Leipzig. Für die Halkyonische Assoziation für radikale Philosophie hielt er auf YouTube einen einführenden Vortrag zu Deleuze & Guattari. 

Das Artikelbild stammt von dem australischen Künstler Mitchell Nolte (Link), den wir mit der Illustration unserer kompletten Waldreihe beauftragt haben. Die Photos stammen von Mandus Craiss.

Literatur

Deleuze, Gilles & Félix Guattari: Tausend Plateaus.  

Foucault, Michel: Schriften in vier Bänden II. Frankfurt a. M. 2017.

Franke, Nils: Naturschutz – Landschaft – Heimat. Romantik als eine Grundlage des Naturschutzes in Deutschland. Wiesbaden 2016.

Grau, Alexander: Vom Wald. Eine Philosophie der Freiheit. München 2023.

Hardt, Michael & Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung. Frankfurt a. M. 2003.

Dies.: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire. Frankfurt/ Maina. M. 2004.

Kling, Marc-Uwe: QualityLand. Berlin 2017.

Ders.: QualityLand 2.0. Kikis Geheimnis. Berlin 2022.

Kowalski, Klaus: Postmoderne. Stil, Epoche oder Firlefanz? Hanau 2013.

Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Paris & Wien 1979.

Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand. Hamburg 2010.

Wohlleben, Peter: Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren. Die Entdeckung einer verborgenen Welt. München 2015.

Fußnoten

1: Vgl. https://www.sueddeutsche.de/kultur/wildnisschulen-natur-selbsterfahrung-umweltschutz-li.3213587?reduced=true.

2: S. 169.

3: Es ist bemerkenswert, dass Sartre in Graus Argumentation eine so große Rolle spielt, gilt er doch als eher naturferner Denker (vgl. das Gespräch mit Jens Bonnemann über Sartre und Nietzsche auf unserem Blog).

4: Ebd., S. 116.

5: Zur Genealogie der Moral, Abs. III, 9.

6: Götzen-Dämmerung, Streifzüge, Aph. 7. Leider sind Nietzsches Zitate zum Thema „Natur“ allzu oft durchsetzt von einer Verachtung für das Schwache (ebd: „Das Studium ‚nach der Natur‘ scheint mir ein schlechtes Zeichen: es verräth Unterwerfung, Schwäche, Fatalismus“); die Natur wird gegen das Christentum in Stellung gebracht, weil dieses die Schwachen beschützt; es wird polemisiert gegen Rousseaus Forderung „Zurück zur Natur“ (die „canaille“; vgl. Götzen-Dämmerung, Streifzüge, Aph. 48) und gegen die sozialistische Pariser Commune (vgl. Zur Genealogie der Moral, Abs. I, 5). Natur wird dann bewundert, wenn das Raubtier sich die Beute schnappt; zugleich wird menschliche Naturzerstörung („Zerbrechen von Zweigen, Ablösen von Steinen, Kampf mit wilden Thieren“ [Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 103]) dann hochgehalten, wenn sie die Überlegenheit der Überlegenen manifestiert. Darin äußert sich ein tiefes Glauben an Ungleichwertigkeit und eine ideologische Fundierung von Sadismus als eines „natürlichen Akts“, als wäre dies ein Grundbedürfnis – und nicht eine Sublimation eines unbefriedigten solchen, wovon eher auszugehen ist.

7: Grau, Vom Wald, S. 38.

8: Vgl. ebd., S. 10 f.

9: Vgl. ebd., S. 37 f.

10: Das Konzept von „glattem“ und „gekerbtem“ Raum stammt von Deleuze & Guattari und wird in deren Werk Tausend Plateaus (1980) beschrieben.

11: Vgl. Grau, Vom Wald, S. 9 f. Was übrigens nicht der tatsächlichen lateinischen Wortherkunft entspricht, welche eher vom Begriff der „Pflege“ (von Körper und Geist im Innen und Außen) herrührt. Vgl. https://www.dwds.de/wb/etymwb/Kultur.

12: „Qualityland“ nennt sich der globalisierte Staat in den beiden gleichnamigen dystopischen Romanen von Marc-Uwe Kling aus den Jahren 2017 und 2022; Orwell und Huxley könnten aber auch Pate stehen.

13: Grau, Vom Wald, S. 12 f.

14: Im Vergleich mit einem Boot würde man heute nicht mehr von Rissen in der Bordwand sprechen, sondern von einem Trümmerhaufen im Meer des Chaos treibender Planken, auf denen Vereinzelte in permanenter Gefahr und steuerungsunfähig dahintreiben.

15: Nietzsche nimmt diese Kritik an allgemeingültigen Wahrheiten bereits vorweg, auch wenn er eher dazu neigt, viele eigene allgemeingültige Wahrheiten gegen die bisherigen verkünden zu wollen.

16: Postmoderne. Stil, Epoche oder Firlefanz?, S. 156.

17: Ebd., S. 90.

18: Ebd., S. 88.

19: Vgl. Jean-François Lyotard, Das postmoderne Wissen, S. 23 ff.

20: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, S. 82.

21: Ebd., S. 146.

22: Ebd., S. 105.

23: Der Begriff des „Rhizom“ als Gegenstück zur klassischen Logik der Wurzel ist auch ein Schlüsselbegriff von Deleuze & Guattari (vgl. Tausend Plateaus).

24: Empire. Die neue Weltordnung, S. 62.

25: Vgl. Michel Foucault, Schriften in vier Bänden II, S. 94.

26: Es gibt einen ökologisch-spirituellen Protestsong mit diesem Namen: „Wir sind ein Wald, der leise wächst“. Vgl.: https://music.youtube.com/watch?v=v7F1zlT3I7k.

27: Am bekanntesten neben etlichen anderen Veröffentlichungen des Autors: Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren (2015).

28: Hardt & Negri, Empire, S. 213.

29: Vgl. https://www.bundesumweltministerium.de/rede/rede-von-carsten-schneider-anlaesslich-des-deutschen-naturschutztages.

30: Vgl. BUNDmagazin 2 / 26, S. 10; mit derzeit 0,62 % sieht es so aus, als werde die Umsetzung der Ziele ähnlich stiefmütterlich wie jene der internationalen Klimaziele verfolgt – wenngleich mit zugestanden geringerer Dringlichkeit.

31: Vgl. Nils Franke, Naturschutz – Landschaft – Heimat. Romantik als eine Grundlage des Naturschutzes in Deutschland.

32: Grau, Vom Wald, S. 13 f.

33: Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Lieberoser_Wüste.

34: U. a. nachzulesen unter: https://www.bundesumweltministerium.de/faqs/waelder-im-klimawandel.

35: Vgl. Unsichtbares Komitee, Der kommende Aufstand, S. 70.

36: Also sprach Zarathustra, Von den Fliegen des Marktes.

37: Also sprach Zarathustra, Unter Töchtern der Wüste, 2.

38: Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/B%C5%82%C4%99d%C3%B3w-W%C3%BCste.

39: Nachgelassene Fragmente 1882 17[12].