„Wie müsstest du dir selber und dem Leben gut werden“

Prolegomena zu einer jeden künftigen Philosophie, die als Aufklärung wird auftreten können – Teil I

„Wie müsstest du dir selber und dem Leben gut werden“

Prolegomena zu einer jeden künftigen Philosophie, die als Aufklärung wird auftreten können – Teil I

25.3.26
Michael Meyer-Albert
Der folgende Text versucht sich an der Hypothese, dass jede Philosophie des Zeitgeistes ihren Ansatz an etwas findet, das sie stört: Am Anfang war die Verstimmung. Dieses Etwas wird hier als illiberal verstimmte Aufklärung gedeutet, der sich in der aktuellen „Polarisierung“ verkörpert. Mit Francis Fukuyamas Hilfe wird dieser Spur nachgegangen und das Drama der Anerkennung der modernen Aufklärung beschrieben. Der 1952 in Chicago geborene Philosoph Fukuyama wurde vor allem durch seinen Essay The End of History?, „Das Ende der Geschichte?“ von 1989, bekannt. Er vertrat dort die Auffassung, dass das von Hegel angenommene „Ende der Geschichte“ mit dem sich abzeichnenden Zusammenbruch der Sowjetunion endlich gekommen sei. In den triumphierenden liberalen westlichen Demokratien erblickte er die finale Stufe des historischen Fortschrittsprozesses. 1992 publizierte Fukuyama dann sein darauf aufbauendes Hauptwerk The End of History and the Last Man („Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch“), in dem er Hegels These mit Nietzsches Diagnose vom „letzten Menschen“ verknüpft. Auf dieses Buch bezieht sich auch unser Autor. Es sorgte für weltweite kontroverse Debatten und provoziert bis heute. – Leben wir wirklich nach dem „Ende der Geschichte“? Unser Autor schließt sich Fukuyama an: Während mit der Form liberale Demokratie eine finale Verkörperung für den Gang der Geschichte gefunden wurde, geht die Geschichte als Konflikt innerhalb dieser Verkörperung jedoch weiter. Welt- wird Liberalismusgeschichte.

Der folgende Text versucht sich an der Hypothese, dass jede Philosophie des Zeitgeistes ihren Ansatz an etwas findet, das sie stört: Am Anfang war die Verstimmung. Dieses Etwas wird hier als illiberal verstimmte Aufklärung gedeutet, der sich in der aktuellen „Polarisierung“ verkörpert. Mit Francis Fukuyamas Hilfe wird dieser Spur nachgegangen und das Drama der Anerkennung der modernen Aufklärung beschrieben.

Der 1952 in Chicago geborene Philosoph Fukuyama wurde vor allem durch seinen Essay The End of History?, „Das Ende der Geschichte?“, von 19891, bekannt. Er vertrat dort die Auffassung, dass das von Hegel angenommene „Ende der Geschichte“ mit dem sich abzeichnenden Zusammenbruch der Sowjetunion endlich gekommen sei. In den triumphierenden liberalen westlichen Demokratien erblickte er die finale Stufe des historischen Fortschrittsprozesses. 1992 publizierte Fukuyama dann sein darauf aufbauendes Hauptwerk The End of History and the Last Man („Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch“), in dem er Hegels These mit Nietzsches Diagnose vom „letzten Menschen“ verknüpft. Auf dieses Buch bezieht sich auch unser Autor. Es sorgte für weltweite kontroverse Debatten und provoziert bis heute. – Leben wir wirklich nach dem „Ende der Geschichte“? Unser Autor schließt sich Fukuyama an: Während mit der Form liberale Demokratie eine finale Verkörperung für den Gang der Geschichte gefunden wurde, geht die Geschichte als Konflikt innerhalb dieser Verkörperung jedoch weiter. Welt- wird Liberalismusgeschichte.

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„Wir verneinen nicht leicht, wir suchen unsere Ehre darin, Bejahende zu sein.“
Nietzsche, Götzen-Dämmerung, Moral als Widernatur, 6

„Proktophantasmist: Ihr seid noch immer da! Nein, das ist unerhört!  
Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt!
Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel.
Wir sind so klug, und dennoch spukt’s in Tegel.
Wie lange hab’ ich nicht am Wahn hinausgekehrt,
Und nie wird’s rein; das ist doch unerhört!“
Goethe, Faust

1. Grundverstimmung

Ein Gespenst geht um im Westen – das Gespenst einer antiliberalen Verstimmung. Es stammt aus einer Kultur der Aufklärung, die ihr Versprechen auf ein besseres Leben durch Intelligenz in den Hintergrund drängt durch einen Habitus der Kritik. Weil Geist und Freiheit sich scheinbar nicht komplementieren, beginnt Geist Freiheit zu verdächtigen. Der skeptische Geist wird dadurch selbst zu einem Grund, warum das Vertrauen in das vitale Aufstiegsversprechen des Geistes einem intelligenten Argwohn gewichen ist. Aus der listigen Klugheit, mit der Odysseus aus Polyphems Höhle entkam und mit der Boccaccio in seinem Decamerone Diesseitssympathie gegen ein dogmatisches Christentum literarisch plausibel machte, wird ein abstrakter Diskurs des hyperkritischen Bewusstseins, der seine Erfindungskraft in immer neuen Verdächtigungen gegen sich selbst entfaltet. Sein wird Dagegensein als Gegen-Sich-Sein. Als „Aufklärung über die Aufklärung“ schlägt Aufklärung vom erheiternden Logos in den Mythos einer Tribunalisierung um, die in immer avancierteren Narrativen das eigene Bestehen in ein düsteres Licht taucht – zur Freude der autokratischen Internationale, die die westliche Kultur missgünstig beäugt. Adorno, der sirenenhafte Großmeister der apodiktischen Überempfindlichkeiten einer Kulturkritikindustrie gegen alles, was ist, erklärte zusammen mit seinem Koautor Horkheimer: „Aufklärung ist totalitär“2. Denken muss richtig sein, wenn es immer wieder neu einstimmt in den Chor, dass es kein richtiges Leben im falschen gäben könne. Durch diese Art der Diagnosen, die totalitär Aufklärung für totalitär erklärt und deren Erbe heute fast hegemonial die Thematik der Geisteswissenschaften bestimmen, wird ein Punkt erreicht, an dem sich Aufklärung fragen muss, ob sie nicht in einen Extremismus der Kritik geraten ist, der masochistische Züge trägt und in diesem Zustand dazu beiträgt, das Problem eines dysfunktionalen Liberalismus zu verschärfen. Eine Aufklärung, die dem Furor der Kritik nicht weiter folgt, hat die verstimmenden Deutungen umzudeuten, damit eine Umstimmung der Stimmung sich ergeben könnte. Ihren Maßstab findet sie darin, Freiheit als fragile Chance zum Erkennen eines unwahrscheinlichen Überflusses zu erfahren, dem wir immer wieder erstaunlicherweise angehören.3

2. Toxische Wahlverwandtschaften

In einer Art Aufklärung über die Aufklärung der Aufklärung wären zunächst phänomenologisch zwei Haupttypen einer extremistischen Kritik zu unterscheiden. Die eine Litanei, die häufig eher dem linken Lager zugehörig ist, richtet sich gegen das Eigene als eine Aggressivität gegen das Fremde. Der Westen wird als kapitalistisch-kolonialistisches Komplott der weißen Männer gegen den Rest der Welt stigmatisiert. In einer Ausdrücklichkeit, die nichts zu wünschen übriglässt, schreibt in diesem Sinne die junge Susan Sontag: „Die weiße Rasse ist der Krebs der Menschheit.“4 Diese Art der Großdeutung verleitet zu der Plausibilität einer sozialen Chemotherapie, die der Utopie einer radikal anderen Zukunft huldigt: „solidarisch“, „empathisch“, „konsensual“. Heute tritt diese Kritik des Eigenen oft unter dem Wert der „Gerechtigkeit“ auf.

Die Kritik in der gegenläufigen Tendenz richtet sich gegen das Eigene als eine von Fremde durchzogene Größe. Sie verläuft unter der Leitperspektive „Dekadenz“. Die eigene Kultur als „überfremdet“ wahrzunehmen, wird dabei zumeist von rechten Kritikern geübt. Der Verfall der Werte wird stilisiert zum berüchtigten „Untergang des Abendlandes“ (Oswald Spengler, 19185). Er wird beschworen im Modus der dunklen Romantik einer endzeitlichen Götterdämmerung. Kulturkritik wird Grabrede. Das Heil liegt dabei in der Nostalgie der guten alten Zeit, garniert mit der Autorität Gottes. Aktuell zeigt sich diese gegen das als „überfremdet“ gedeutete Eigenen gerichtete Kritik zumeist als Verteidigung der „Freiheit“.  

Beide Kritiken ließen sich in gewissen Maßen als berechtigt deuten. Eine moderne liberal-demokratische Gesellschaft benötigt den Streit, der aus ihrer inneren Spannung von Freiheit und Gerechtigkeit rührt. Eine verhältnismäßige und wieder abschwellende Immunreaktion gegen Unfreiheit und gegen Ungerechtigkeit zeigt soziale Fitness an. Diese vitale und vitalisierende Reaktion hat aktuell aber den Ausnahmezustand einer permanenten Stressreaktion erreicht, der die Umrisse einer doppelten Autoimmunerkrankung annimmt. Das Vertrackte: Beide Überreaktionen werden nicht abgebaut, weil sie füreinander ein Milieu darstellen, das ihren jeweiligen Alarmzustand als angemessen erscheinen lässt. Diese aus konträren Winkeln, aber verwandten Gefühlslagen gebildeten Kulturkritiken schaffen sich somit gegenseitig Stabilität. Sie bilden eine gelungene toxische Beziehung als ineinander verschränkte kulturelle Autoimmunkrankheiten. Dabei werden die Übertreibungen der jeweils anderen Seite zu willkommenen Anlässen, um die eigenen Übertreibungen als objektiv und realistisch verklären zu können. Während man alleine in seinen Verzerrungen deutlich auffiele, macht man im Licht der konträren Verzerrungen eine gute Figur. Eigene Widersprüche und Radikalismen können so leicht als „fake facts“ und angemessene Verhältnismäßigkeit umgedeutet werden. Die Agenda der einen Seite bestimmt die Agenda der anderen. So ergänzen sich in den USA „Woke“ und „MAGA“.

Je länger diese doppelte Autoimmunreaktion andauert, desto stärker stabilisiert sie sich. Die Stimmungen des okzidentalen Neins gegen sich selbst verdichten und organisieren sich in diametral angeordneten Kulturkritikindustrien. Diese zeigt sich etwa in einer heimathassenden Fremdenfreundlichkeit, die sich für das Fremde ansonsten nicht interessiert und einer fremdenfeindlichen Heimatliebe, die von der eigenen Kultur wenig verstanden hat. Das jeweilige Für-etwas-sein wird aus dem Gegensein gegen das andere Gegensein gespeist. Man findet etwas gut, weil es die andere Seite schlecht findet. In dieser Interprovokation bilden sich bestimmte Schibbolethe, Codes der Zugehörigkeit, heraus, mit denen die eigene Hordenzugehörigkeit markiert wird. Sie liefern jeweils die philosophische Dienstleistung einer wärmenden Horde des gemeinschaftlichen Schlechtfindens und Schlechtmachens in den Zeiten einer funktional „ausdifferenzierten Gesellschaft“ (Luhmann). Hassen verbindet und erzeugt den Zauber der Gemeinschaft. In diesen Rackets gilt die Parole: Der Kampf muss immer weiter gehen. Gemeinsam gegeneinander im Hassen verschränkt wird man zu analogen Verschwörungstheorien gegen den Westen. So bildet sich im Westen ein bipolarer Kulturkampf gegen den Westen, der seine Integrität aus dem Kampf der beiden Hauptpole der Kulturkritik unterhält im Selbstverständnis als rationale Immunreaktion.  

Der öffentliche Diskurs wird in dem Phänomen der „Polarisierung“ zunehmend aufgezehrt, weil die Räume des neutralen Gegenübertretenkönnens selbst unter den Verdachtsstress geraten, parteiisch zu sein. Eskaliert wird diese Situation durch die von beiden Seiten forcierte Utopie eines radikalen Neuanfangs. Dabei stehen links das Konzept der Weltrevolution und rechts das Konzept der Wiedergeburt zur Verfügung. In Parolen gefasst: „Smash the system!“ „Make America great again!“

Unter dem Stress zweier sich selbst stabilisierender Autoimmunkrankheiten fehlen dem sozialen Körper zunehmend die Kapazitäten für die nachhaltige kulturelle Arbeit, bei der das Fremde und das Eigene tiefgehender rezipiert erkennbarer werden, sich auf dieser Basis miteinander befreunden oder zumindest sich gegenseitig zivilisierend in einem bewussten Andersseinkönnen kooperativ bleiben können. Im Sinne Odo Marquards ließe sich sagen: Gesund wäre, was die Ausrufungen des Ausnahmezustands vermeidet.6

3. Und sie geht doch weiter

Um das Phänomen einer radikalen Aufklärung gegen die eigene Aufklärung besser zu verstehen, ließe sich auf Gedanken verweisen, die Francis Fukuyama im letzten Kapitel seines großartigen Buches The End of History and the Last Man aus dem Jahr 1992 vorstellt. Anders, als bisweilen unterstellt, spricht sich Fukuyama nicht in triumphalischer Manier dafür aus, dass die Geschichte mit dem Sieg des Westens gegen den Osten im Kalten Krieg zu Ende sei. Stattdessen nimmt er eine Sichtweise an, die „schwach deterministische“7 Argumente dafür versammelt, warum die geschichtliche Entwicklung die Tendenz hat, in liberale Demokratien einzumünden. Fukuyama begründet diese Deutung damit, dass die liberale Demokratie die politische Form ist für die Möglichkeit einer rationalen Zivilisierung einer psychischen Grundenergie, die er mit Hinweis auf Platos Lehre von den drei Seelenteilen als „Thymos“ versteht. Anders als die „Sophia“, die weise Besinnung verkörpert und der „Eros“, der das gierige Begehren meint, steht Thymos für eine in der Moderne wenig beachtete psychische Größe. Sie umfasst das Spektrum der Gefühle, die etwa mit Stolz, Anerkennung, Selbstachtung, Neid, Eifersucht und Ambitioniertheit zusammenhängen. Der Thymos, übersetzbar etwa als „das Muthafte“, wird von Fukuyama in der Weise eines Triebes nach Heldenhaftigkeit porträtiert:

„Thymos“ bezeichnet diejenige Seite des Menschen, die aktiv nach Anstrengung und Opfer sucht, die sich darum bemüht zu beweisen, dass das Selbst etwas Besseres und Höheres ist als ein angsterfülltes, bedürftiges, instinktgeleitetes, physikalisch determiniertes Tier.8

Fukuyama unterscheidet bei seiner Diagnose zwei Formen des Thymos. „Isothymia“ ist stimuliert von einer erlittenen Diffamierung und drängt darauf, gleichberechtigt behandelt zu werden. „Megalothymia“ hingegen bezeichnet den Drang, die eigenen Fähigkeiten ambitioniert zur Schau stellen und „es allen Anderen zu zeigen“.9 Beide Formen des Thymos beweisen sich in einem Kampf um Anerkennung in der Qualität eines sich ehrenvoll Opfernkönnens für etwas Höheres als das eigene Leben.

Traditionell wird im politischen Denken die Negativität des Megalothymischen bedacht. In einem instruktiven Überblick zählt Fukuyama die bisherigen Umgangsweisen damit auf. Während bei Platon auf die Erziehung des Thymos Wert gelegt wurde, votiert Machiavelli realpolitisch für eine balance of thymos, Kraft soll durch Kraft in Schach gehalten werden.10 Der moderne Liberalismus bei Hobbes und Locke denkt daran, den Thymos als eitlen Geltungssucht, „vainglory“ (Hobbes) gänzlich zu neutralisieren. Ein rationales Streben nach Selbsterhaltung und materiellem Wohlstand soll die barbarische Ruhmsucht ersetzen. Die Gründerväter der USA schließlich trachteten danach die thymotischen Energien nicht „wegzurationalisieren“, sondern sie politisch klug durch checks and balances zu kanalisieren.11 Diesem Modell schließt sich Fukuyama an. Er verdeutlicht, dass der liberale Versuch, den Thymos allein durch Vernunft und Konsum zu domestizieren, zu kurz greift. Frieden erzeugt keinen Frieden und Wohlstand erzeugt keinen Wohlstand. In einer liberalen Demokratie müssen die Extreme des Thymos nicht nur gezähmt werden, sondern sie müssen so transformiert werden, dass sie als Zivilcourage und als Streben, sein Bestes zu geben, zu wesentlichen produktiven Elementen des sozialen Lebens werden.12 Dies geschieht jedoch immer nur in einer Balance von Freiheit und Gerechtigkeit, die immer als trade off anzusehen ist. Betonungen der Freiheit gehen auf Kosten der Gerechtigkeit und umgekehrt. Als Beispiele nennt Fukuyama die USA, wo der Vorrang der Freiheit und Europa, wo der Vorrang der Gerechtigkeit bestimmend ist, und er nennt auch explizit Deutschland als das Land, in dem der „European Dream“ als erfolgreiches Enden der Geschichte in Frieden und Wohlstand am deutlichsten verwirklicht wurde.13

Fukuyama sieht das Kernproblem der westlichen Kultur darin, die unaufhebbaren Spannungen und Exzesse von Isothymia und Megalothymia nicht wirkungsvoll genug moderieren zu können. Grund dafür ist ein Unverständnis für die Macht der Anerkennung. Hinzu kommt, dass Isothymia als postgeschichtlich plausible Größe kulturell als das Gute und Megolathymia als scheinbares Relikt aus unzivilen Zeiten als das Böse gedeutet wird. Insofern endet die Geschichte für Fukuyama nicht. Sie geht weiter. Nun aber als Innenspannung der erfolgreich aus der Geschichte der imperialen Geschichte ausgestiegenen liberalen Demokratien.14  

Das gute Leben im Wohlstand hat seine spezifische Schwierigkeit darin, dass der Zauber der Anerkennungskämpfe ausbleibt. Damit entsteht der Typus des „letzten Menschen“, den Fukuyama anders als Nietzsche nicht als blinzelnde Bequemlichkeit in kleinen Tages- und Nachtlüsten porträtiert. In der Thymosvergessenheit des Wohlstandes steckt eine aggressive Unzufriedenheit. Der Friede wird unfriedlich, weil er sich mit sich langweilt. Man ist nicht mehr gefragt als Höchstleister. Der Alltag lässt sich bewältigen, indem man nur 40% gibt. Die Schlachten sind geschlagen, wozu sich noch anstrengen. Wenig Feind, wenig Ehre. Normalität ist Unterforderung. „Das Unzulängliche / Hier wird’s Ereignis“ (Goethe). Daher entsteht eine Gier nach symbolischen Scheingefechten, die davon ablenken, dass die wahren Kämpfe um Anerkennung im Westen weitestgehend erfolgreich beendet wurden und im Westen weitestgehend erfolgreich institutionalisiert sind.

Die beste aller politischen Welten trägt in sich das Problem, dass sie durch ihr zu kurz greifendes Verständnis von Entradikalisierung zu Radikalisierungen dispositioniert. Daher muss der Mangel an Herausforderung so auszubalanciert werden, dass Leben weiterhin thymotisch stimuliert bleibt, aber nicht in ungehemmte thymotische Exzesse kippt (siehe „Cancel Culture“ und „MAGA“ und die Wut-Aufmerksamkeitsindustrie, wofür im Englischen die Begriffe angertainment, doomporn oder ragebait kursieren).

Den Mangel an Bewusstsein für die negativen Folgen einer Anerkennung der Anerkennung aufzulösen, sieht Fukuyama die zukünftige Aufgabe der liberalen Demokratien. Politisch hat man latent die Anerkennung anerkannt, theoretisch aber noch nicht tief genug verstanden, was sie bedeutet. So kommt es zu einer Konfusion. Es bleibt unklar, was ein thymotisch umfassender würdevoller humaner Zustand ist und wie genau Menschenrechte zu definieren sind und so bleibt auch ungeklärt, wie die thymotischen Energien in dem Rahmen einer liberalen Demokratie zu behandeln sind.15 Diese Unklarheit führt zu einer konsensualen Lebensart, die thymotisch unterfordert ist und angezogen wird von thymotischen Übertreibungen. Das öffnet den Weg für zwei radikale Extreme – einerseits die hyperintensivierte Forderung nach der Anerkennung immer spezifischerer Identitätsrechte (Isothymia) und andererseits die entfesselte Wiederkehr der Megalothymia, die sich im rücksichtslosen Geltungsdrang imperialistischer Überlegenheiten manifestiert. Damit entsteht eine seelische Situation, die Fukuyama 1992 voraussah: „Das ebnet die Bahn für eine hyperintensivierte Nachfrage nach der Anerkennung gleicher Rechte einerseits, der erneuten Befreiung der Megalothymie andererseits.“16 Geschichte geht weiter: Als Kampf der Bürger, die Nachfahren sind von Bürgern, die erfolgreich die Geschichte beendeten.

Das Artikelbild wurde von Linus Rupp gestaltet auf Basis des Gemäldes Diogenes von Jules Bastien-Lepage (1873; Link).

Fortsetzung folgt.

Fußnoten

1: Eine deutsche Übersetzung dieses wichtigen Textes von Alexander Görlitz und Paul Stephan erschien, herausgegeben von der Halkyonischen Assoziation für radikale Philosophie, 2020 als Band 1 der Schriftenreihe Edition Halkyon (Link). (Anm. d. Red.: Sie können diese Broschüre auch als Prämie bei unserem aktuellen Crowdfundingcall erhalten.)

2: Adorno & Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, S. 12.

3: Folgende Gedanken können als Ergänzungen gesehen werden zu den Aphorismen, mit denen das kleine Heft Die Freiheit zu sein aus dem Jahr 2022 (Link), das als eine Art Versuch zu einer verhalten bejahenden Philosophie gedacht war -, ausklingt. (Anm. d. Red.: Sie können diese Broschüre auch als Prämie bei unserem aktuellen Crowdfundingcall erhalten.)

4: Susan Sontag, What’s Happening to America, S. 57 f.

5: Anm. d. Red.: Vgl. zu Spenglers Rechts-Nietzscheanismus auch Christian Saehrendts Artikel Nietzsches Affe, Nietzsches Pfaffe auf diesem Blog.

6: Anm. d. Red.: Vgl. den Artikel Abgrund und Ermöglichung? Die Schwebe der Kontingenz. Johannes Hansmann diskutiert Odo Marquard und Richard Rorty von Natalie Schulte und Paul Stephan auf diesem Blog (Link).

7: Fukuyama, The End of History and the Last Man, S. 354. Übersetzung hier und im Folgenden von der Redaktion.

8: Ebd., S. 304.

9: Ebd., S. 180.

10: Man denke hierbei an die europäische Pentarchie von 1763 bis 1914, die sich derzeit in einem größeren Format auf globaler Ebene wiederholen könnte, wenn ein posttransatlantischer Westen entstünde. Sie bestünde aus den USA, China, Russland, Europa und der Golfregion.

11: Vgl. ebd., S. 184 ff.

12: Zusätzlich muss es Räume, Arenen geben, in denen Megalothymisches sein kann. Fukuyama nennt etwa „Free-Solo-Bergsteiger“, „Fallschirmspringen“, „Ironman“: „Die Bergsteigerin hat, kurz gesagt, für sich selbst alle Bedingungen vergangener Anstrengung wiederhergestellt: Gefahr, Krankheit, harte Arbeit – und schließlich das Risiko eines gewaltsamen Todes“ (ebd., S. 319).

13: Ebd., S. 293 f. & 346 f. Der thymotische Epochenwandel in Deutschland ließe sich vielleicht fassen als Ausbruch aus einem totalen Krieg für alle zum Wohlstand für alle, der derzeit womöglich unter der Parole „Fürsorge für alle“ firmieren könnte. Aus dem Wohlfahrts- wird der Betreuungsstaat. Das Selbstbild als Opfer wird dabei zum Opium für das Volk und die Verteidigung dieses Selbstbildes zum Kokain der Volksvertreter. Beide Seiten instrumentalisieren Isothymia als „Affekt-Medikation“ (Nietzsche). Die einen wollen sich nicht verachten und ändern und die anderen wollen sich wichtig vorkommen und darum den Souverän nicht verärgern. Mediokratie statt Meritokratie. Vielleicht ist es die Unvertrautheit im Umgang mit den thymotischen Energien, die in Deutschland, dem Sonderschüler der Moderne und dem Musterschüler der Posthistoire, eine Sitte des leichten Beleidigtseins wachsen ließ, so dass sich auch aktuelle Staatsoberhäupter nicht scheuen, die strengen Sanktionen des Paragraphen 188 im Strafgesetzbuch auch gegen harmlose Satire anzuwenden.

14: Ebd., S. 292 ff. – Realpolitik bleibt weiter akut, insofern es eine Ungleichzeitigkeit hinsichtlich der historischen Entwicklung der Nachgeschichte gibt (vgl. ebd., S. 276 ff.) An den Kollisionszonen von Neu- und Altgeschichte kann es weiter zu Spannungen kommen, bei denen die Sprache der Realpolitik lingua franca ist. Zu beobachten ist dieses Phänomen aktuell – März 2026 – an dem Konflikt zwischen der schiitischen Theokratie im Iran und ihren westlichen Gegnern. Fukuyama mahnt aber auch an, dass das Paradigma der Realpolitik beachtliche Schwächen darin besitzt, alles durch den Filter von Stärke zu betrachten. Zu ergänzen wäre: Es gehört zu dem Schema des Realpolitischen, dass die Kritik an diesem Schema schon als Form der Schwäche gedeutet wird. Das führt zu Problemlösungen, die zu Problemen werden: „Indem sie eine Krankheit behandeln, die es nicht mehr gibt, neigen Realisten heute dazu, gesunden Patienten teure und gefährliche Therapien anzuempfehlen“ (ebd., S. 253).

15: Ebd., S. 296 f. & 337 f. – Das sogenannte Erstarken der rechten Politik wäre zu deuten als kultureller backlash megalothymischer Energien in einer Hegemonie isothymischer Dramatiken. Es fehlen Formen rationaler Thymotik, die nicht die alten Idiotien wiederholen müssten, um sich verkörpern zu können.

16: Ebd., S. 337 f.