Zwei Jahre durch Wälder von Symbolen

Ausblick und Resümee unseres bisherigen Schaffens

Zwei Jahre durch Wälder von Symbolen

Ausblick und Resümee unseres bisherigen Schaffens

11.3.26
Paul Stephan
Vor recht genau zwei Jahren haben wir auf diesem Blog unseren ersten Artikel publiziert, Der umkämpfte Nietzsche, einen Bericht von Paul Stephan über die Jahrestagung der Nietzsche-Gesellschaft im Jahr 2023. Zeit, einen Moment innezuhalten und darüber nachzudenken, was wir bislang auf diesem Blog gemacht haben und wie die Zukunft aussehen könnte. Unser Chefredakteur zieht ein Zwischenfazit und gibt einen Einblick in unsere Pläne. Dieses Jubiläum verbinden wir mit zwei besonderen Aufrufen an Sie. Zum einen haben wir ein kleines Quiz erstellt (Link). Beantworten Sie vier Fragen richtig, deren Antworten sich aus unseren bisherigen Artikeln ergeben, und Sie können einen von dreizehn Preisen gewinnen – und wenn Sie möchten, können Sie uns darüber hinaus wertvolles Feedback zu unserer Arbeit geben. Wir möchten Sie außerdem auf unseren Crowdfundingcall aufmerksam machen. Bis zum 10. Juli rufen wir Sie herzlich dazu auf, uns dabei zu unterstützen, 6.000 € zu akquirieren, um weitere professionelle Übersetzungen unserer Artikel finanzieren zu können. Wir bieten Ihnen im Gegenzug einige phantastische Prämien an wie insbesondere die Möglichkeit, einen Artikel Ihrer Wahl zu übersetzen oder uns ein Artikelthema aufzutragen, zu dem Sie schon immer gerne etwas auf diesem Blog lesen wollten. Oder Sie können einige unserer Autorinnen und Autoren bei einem exklusivem Zoom-Workshop für unsere Unterstützer kennenlernen. Werden Sie zum Brückenbauer!

Vor recht genau zwei Jahren haben wir auf diesem Blog unseren ersten Artikel publiziert, Der umkämpfte Nietzsche, einen Bericht von Paul Stephan über die Jahrestagung der Nietzsche-Gesellschaft im Jahr 2023. Zeit, einen Moment innezuhalten und darüber nachzudenken, was wir bislang auf diesem Blog gemacht haben und wie die Zukunft aussehen könnte. Unser Chefredakteur zieht ein Zwischenfazit und gibt einen Einblick in unsere Pläne.

Dieses Jubiläum verbinden wir mit zwei besonderen Aufrufen an Sie. Zum einen haben wir ein kleines Quiz erstellt (Link). Beantworten Sie vier Fragen richtig, deren Antworten sich aus unseren bisherigen Artikeln ergeben, und Sie können einen von dreizehn Preisen gewinnen – und wenn Sie möchten, können Sie uns darüber hinaus wertvolles Feedback zu unserer Arbeit geben.

Wir möchten Sie außerdem auf unseren Crowdfundingcall aufmerksam machen. Bis zum 10. Juli rufen wir Sie herzlich dazu auf, uns dabei zu unterstützen, 6.000 € zu akquirieren, um weitere professionelle Übersetzungen unserer Artikel finanzieren zu können. Wir bieten Ihnen im Gegenzug einige phantastische Prämien an wie insbesondere die Möglichkeit, einen Artikel Ihrer Wahl zu übersetzen oder uns ein Artikelthema aufzutragen, zu dem Sie schon immer gerne etwas auf diesem Blog lesen wollten. Oder Sie können einige unserer Autorinnen und Autoren bei einem exklusivem Zoom-Workshop für unsere Unterstützer kennenlernen. Werden Sie zum Brückenbauer!

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Natur: ein Tempelbau, lebendige Säulen ragen,
Manchmal daraus ein wirres Wort entflieht;
Der Mensch durch Wälder von Symbolen zieht,
Die mit vertrauen Blicken ihn befragen.

Wie lang ein Hall und Widerhall von weit
In Eines dunkel tief zusammenklingen,
Ton, Duft und Farbe ineinander schwingen,
Endlos wie Nacht und wie die Helligkeit.1

I. Der Spleen von Leipzig

Seit nunmehr zwei Jahren wandere ich im Zuge meiner Arbeit für Nietzsche POParts durch „Wälder von Symbolen“, wie sie der Dichter Charles Baudelaire (1821–1867) in seinem berühmten Gedicht Übereinstimmungen beschreibt. Es ist das labyrinthische Denken Nietzsches inklusive seiner vielfältigen Rezeptionen, Interpretationen, Bezüge zur Gegenwart, das mich immer wieder neu in seinen Bann schlägt, verwirrt, begeistert. Mal ist es mir zumute, als hätte ich es mit einem „Chaos, ungeheuer groß“2 zu tun und ich möchte mit Nietzsches großem Geistesbruder aus den Tiefen schreien: „Ich neide den geringsten Tieren noch ihr Los“ (ebd.), manchmal – und glücklicherweise entspricht dies eher meinem Normalgefühl – genieße ich diese Fahrt hinaus aufs offene Meer, zu der mich Nietzsche immer wieder einlädt: „Dort ist nur Schönheit und Genuß, [/] Ordnung, Stille, Überfluß.“3

Ich bin der, dessen Aufgabe es ist, Kurs zu halten auf dieser Fahrt „in‘s Blaue“4 hinein. Mal begebe ich mich tief hinab in den Motorenraum like a textmachine, mal steige ich hoch hinaus in den Ausguck und suche nach dem „tanzenden Stern“, den dieses Chaos doch vielleicht gebären könnte.5 Unterdessen ergeben sich mal heitere, mal tieferschürfende Gespräche auf den Zwischenetagen. Bisweilen kommt es zum Streit. Und ja, mir ist mitunter so, als würde ich fündig, wenn mir eine begeisterte Leserin schreibt, dass sie ein Text besonders bewegt oder zu einem neuen Gedanken gebracht habe. Das ist es ja, am Ende des Tages, was zählt.

Doch ich möchte der Versuchung widerstehen, hier also persönlich zu werden. Alles, was ich in dieser Hinsicht noch zu sagen hätte, ist, dass ich außerordentlich dankbar bin für alle, die dieses Projekt seit seinem Beginn vor eigentlich mehr als zwei Jahren unterstützt und begleitet haben, sei es als Autorinnen, Leser, Übersetzer, Geldgeber, Kritikerinnen, Lektoren, Assistenten im Maschinenraum. Besonders danke ich dem Buser World Music Form für seine großzügige finanzielle Unterfütterung und ideelle Begleitung des Projekts. Ein herzlichstes Dankeschön! Schaffen wir einen Regenbogen, immer wieder aufs Neue!

Über was ich nun eigentlich schreiben möchte, ist unser Projekt. Da gibt es offenkundig zwei Hauptebenen, die zu berücksichtigen sind – Vergangenheit und Zukunft. Denn über die Gegenwart extra zu schreiben, erübrigt sich wohl. Also, ganz einfach: Teil 1: Wo stehen wir? Was ist bislang passiert? Teil 2: Wohin könnte es in den nächsten Jahren gehen?

II. Was passierte bislang auf Nietzsche POParts?

Zweiteiler doppelt gezählt, haben wir bislang recht genau 90 Artikel publiziert, durchschnittlich einen pro Woche. Hinzu kommen noch mittlerweile 112 Aphorismen in der Rubrik Darts & Donuts, ganz zu schweigen von gelegentlichen Sonderinhalten auf unseren social media-Kanälen und auf YouTube, wo wir mittlerweile 33 Videos publiziert haben. Wenn man Google Analytics Glauben schenken darf, erreichten wir mit unseren Texten bislang insgesamt etwa 16.000 Besucher aus aller Welt – vor allem natürlich aus Deutschland (5.500), der Schweiz (900) und Österreich (700), aber auch den USA (2.450), China (1.900) und Indien (1.500) –, die unsere Seite insgesamt 36.500 Mal aufriefen. Die meistgelesenen Artikel waren dabei, jedenfalls in quantitativer Hinsicht, mit jeweils mehr als 300 Aufrufen Seht, ich lehre euch den Transhumanisten von Jörg Scheller, das Interview Nietzsche und die Ukraine, das ich mit Vitalii Mudrakov führte, Ist Nietzsche ein Pubertätsphilosoph?, der Debütartikel von Natalie Schulte, Sternenweh. Prolegomena einer Kritik der extraterrestrischen Vernunft von Michael Meyer-Albert, Henry Hollands Besprechung von Jonas Čeikas Buch How to Philosophize with a Hammer and Sickle, die erst kürzlich erschienene Beiträge Dionysos als rolling stone von Hans-Martin Schönherr-Mann und Frieden aus Stärke von Tobias Brücker, mein Interview mit Andreas Urs Sommer über dessen neue Nietzsche-Biographie sowie, was mich natürlich besonders freut, meine eigenen Artikel Noch ist Polen nicht verloren“. Deutschlands Nachbarland als politische Utopie in Nietzsches Nachlass und Zwischen Selbstwerdung und Gesellschaft, mein erstes „Gespräch“ mit ChatGPT.

Diese Zahlen lassen gewiss, was die quantitative Reichweite angeht, noch einigen Spielraum nach oben, zeigen aber zugleich auch, dass unser Blog durchaus häufig frequentiert wird, auch wenn wir uns bisweilen eher ‚nieschigen‘ Themen zuwenden und unsere Texte oft nicht gerade massentauglich geschrieben sind. Nietzsche selbst träumte zwar immer wieder von großen Verkaufserfolgen, doch warnte ebenso, vielleicht nicht zuletzt sich selbst: „Was? du suchst? du möchtest dich verzehnfachen, verhundertfachen? du suchst Anhänger? – Suche Nullen! –“6 Am Ende wurde sein Traum von den Millionenauflagen und globalen Übersetzungen seiner Werke wahr – doch vielfach wurde er auch einfach zum Stichwortgeber und zur Galionsfigur, zu einem jener „Modephilosophen“7, von denen er sich selbst stets abzugrenzen bemühte, auch wenn sein eigener Schreibstil ihn eigentlich eher zu einem populären als elitären Autor macht.

Was ist am Ende mehr wert? 1.000 Likes von Leuten, die die eigenen Inhalte bestenfalls oberflächlich zur Kenntnis nehmen und denen man sich angebiedert hat, oder fünf Leserinnen, denen man etwas Entscheidendes vermittelt hat. Nietzsches eigener Lehre nach wäre klar die letztere Option vorzuziehen, doch er blieb sich, wie gesagt, in dieser Hinsicht selbst nicht ganz treu. Es muss wohl am Ende darum gehen, darauf zu hoffen, dass die richtigen Leser schon zu einem finden werden, wenn man nur seinen eigenen Ideen treu bleibt und sich darum bemüht, sie immer besser auszudrücken; quantitativer Erfolg sollte eher als Effekt, nicht als Zweck an sich verstanden werden.

Ja, es ist möglich, in den sozialen Medien und anderswo mit Nietzsche eine weitaus größere Reichweite als wir zu erreichen. Doch das meiste, was man dort findet, ist kaum das, was wir als Philosophieblog als vorbildhaft erachten können: Fake-Zitate mit gefälligen KI-Bildern, meist bloße Kalendersprüche, die niemanden provozieren (es sei denn auf billige Art) oder gar zur „Selbstüberwindung“ anregen. Damit wollen wir uns nicht gemein machen, solche fragwürdigen Nietzsche-Kanäle gibt es genug. Bei uns gilt auch weiterhin: KI, wenn überhaupt, als bloßes Hilfsmittel und slow food statt Algorithmenfutter. Wir suchen nach denkerischer Tiefe und authentischer Leidenschaft für die Sache.8

Blickt man auf die also eigentlich entscheidende qualitative Seite, sind die Dinge natürlich schwieriger zu erfassen und ich selbst wohl der Falsche, darüber zu urteilen. Wie jedenfalls diese kleine Aufzählung unserer ‚Bestseller‘ nahelegt, ist unsere Themenwahl, bewusst, so vielfältig wie Nietzsches Werk selbst. Wir versuchen nicht, eine bestimmte Lehre oder Ideologie zu vermitteln, sondern einfach immer wieder neu über, mit und gegen Nietzsche nachzudenken, die von ihm entwickelten Perspektiven aufzugreifen und zum Ausgangspunkt eigener Expeditionen zu machen. Wir sind nicht unbedingt Nietzscheanerinnen, aber doch überzeugt, dass Nietzsche etwas Wichtiges zu sagen hat und es sich lohnt, sich immer wieder neu mit seinem Werk auseinanderzusetzen, um unsere Gegenwart besser zu verstehen.

Es entstand in diesem Geiste in den letzten zwei Jahren auf unserem Blog ein Archiv möglicher gegenwärtiger Perspektiven auf und mit Nietzsche. Wir berichteten über mehrere wichtige Nietzsche-Tagungen, unsere anfänglichen Stammautoren legten in einer Artikelserie ihre persönliche Beziehung zu Nietzsche offen, immer wieder stießen wir auf das Thema „Marx und Nietzsche“ und darauf, was von Nietzsche eigentlich allgemein in politischer Hinsicht zu halten ist. Doch ein besonderer Themenschwerpunkt lag, wie der Name unseres Blogs vermuten lassen mag, auf ästhetischen und popkulturellen Themen. So widmete sich gleich zwei Artikel – einer von Christian Saehrendt und einer von mir selbst – dem Verhältnis Nietzsches zur Musik, wir untersuchten Nietzsches Rezeption in der Heavy-Metal-Szene, verglichen Nietzsche mit Franz Kafka, schrieben über Klaus Kinski und Werner Herzog, analysierten Taylor Swift mit Nietzsche und Nietzsche mit den Rolling Stones. Doch ebenso behandelten wir Nietzsches zeitgenössischen Kontext: immer wieder seine illustre Beziehung zu Richard Wagner, seinen wohl wichtigsten Vordenker, Arthur Schopenhauer, und seinen großen „Bruder im Geiste“, Søren Kierkegaard. In unserer Hauptartikelserie im vergangenen Jahr unternahmen wir diverse „Wanderungen mit Nietzsche“, die uns bis nach Südostasien führten, und schrieben erstmalig den Eisvogel-Preis für radikale Essayistik aus, gewidmet dem Thema „Wo sind die Barbaren des 21. Jahrhunderts?“ – eine Frage, die einige hervorragende Einsendungen provozierte. Was Nietzsches Nachwirkung angeht, interessierten sich unsere Autoren vor allem für seine französische, postmoderne Rezeption, sei es diejenige von Michel Foucault, Georges Bataille oder Gilles Deleuze. Immer wieder untersuchten wir verschiedene Aspekte der Digitalisierung wie insbesondere die kulturellen Auswirkungen der zunehmenden Nutzung von künstlicher ‚Intelligenz‘. Zu kurz kamen aber auch nicht Interpretationen von Nietzsches Schriften selbst, wie etwa seinem Grundbegriff des „Amor fati“ oder demjenigen des Ressentiments, dem wir auch den diesjährigen Eisvogel-Preis widmen. Und nicht zuletzt beschäftigten wir uns mit Neuigkeiten aus der „Nietzsche-Welt“, sprachen etwa mit einschlägigen Expertinnen und Experten wie Andreas Urs Sommer,  Werner Stegmaier und jüngst Barbara Straka über ihre Forschungen, stellten aktuelle Publikationen mit Nietzsche-Bezug vor und besuchten mit Ihnen wichtige „Nietzsche-Orte“ wie Tribschen, Sils Maria und Naumburg.

Man kann durchaus sagen, dass wir damit einige ‚klassische Nietzsche-Themen‘ abgehandelt haben (und auch ein paar eher randständige), doch der Stoff für weitere Artikel dürfte uns kaum ausgehen angesichts der Breite von Nietzsches Wirken und vor allem seiner Wirkung. Wir haben eigentlich gerade erst damit begonnen, die ‚fabelhafte Welt des Professor Nietzsche‘ gemeinsam mit Ihnen zu erkunden und haben in der Tat auch noch einiges vor in naher und ferner Zukunft.

III. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft

Die gegenwärtige Themenvielfalt und -abwechslung wollen wir definitiv beibehalten, denn anders geht es bei Nietzsche wohl kaum. Themenschwerpunkte werden dabei weiterhin die französische Rezeption Nietzsches sein, Kunst und Ästhetik, Popkultur und auch Digitalisierung. Wir wollen ebenso weiterhin Wert auf die visuelle Gestaltung legen und unsere Artikel hochwertig illustrieren lassen – besonders hervorheben möchte ich dabei die großartige Arbeit unseres ‚Cheflayouters‘ Linus Rupp, der nicht nur für die Gestaltung und Programmierung der Seite verantwortlich ist, sondern auch immer wieder die Artikelbilder gestaltet (seinen besonderen Stil dürften Sie beim Durchscrollen schnell erkennen und er wird auch weiterhin immer wieder Artikelbilder gestalten).

Neben dem Begriff des „Ressentiments“ soll das Schwerpunktthema in diesem Jahr allerdings der Wald sein. In mehreren Artikeln werden wir uns mit verschiedenen Aspekten des Waldes als Lebensgrundlage beschäftigen, mit Nietzsche und über ihn hinaus. Es wird um die Einsamkeit des Waldes gehen, seine Bewohner (von Fabelwesen über Hexen bis hin zu den Tieren), um Wanderungen durch den Wald, aber auch seine zunehmende Bedrohung durch die Eingriffe des Menschen.

Wo wollen wir mit all dem hin? Ich denke, unser Anspruch muss sein, der Ort für aktuelle Nietzsche-Forschung auf der Höhe der Zeit im Internet zu werden, zumindest was den deutschsprachigen Raum angeht. Darauf möchten wir in den kommenden Jahren hinarbeiten und haben dafür in den vergangenen zwei Jahren unseres Bestehens gewiss eine gute Grundlage gelegt. Es muss darum gehen, Nietzsche-Forschung nicht als Elitenprojekt oder als akademische Fingerübung zu verstehen, sondern Nietzsche-Rezeption „im Handgemenge“ zu betreiben – ganz nah dran an aktuellen Themen und Interessen, ohne sich darum dem Zeitgeist anzubiedern oder Nietzsche in einem schlechten Sinne zu popularisieren und seines kritischen Potentials zu berauben.

Denn das ist er ja vor allem: Ein „Seismograph“, wie Ernst Jünger es formulierte, der Widersprüche und Tendenzen seiner Zeit, ihr Beobachter und Kritiker – der darum auch geeignet ist, die Erdbeben und Verwerfungen unserer Zeit besser einordnen und verstehen zu können, uns zu ihnen in eine perspektivische Distanz zu begeben, um dadurch, mit Nietzsches Hammer bewaffnet, immer tiefer in die Dimensionen vorzudringen, wo sich die tektonischen Platten bewegen und die nächsten Vulkane entstehen.

Wir wollen aber auch verstärkt international wirken. Wie die obige Analyse zeigt, ist das Interesse an unseren Artikeln durchaus vorhanden und wir haben auch bereits im vergangenen Jahr alle unsere Inhalte ins Englische übersetzt. Verstärkt wollen wir diese größtenteils provisorischen und teilweise noch sehr mangelhaften KI-Übersetzungen durch professionelle ersetzen – ein durchaus ambitioniertes Vorhaben, bei dem wir um Ihre Unterstützung in Form eines Crowdfundingcalls bitten. Wir wollen dies damit verbinden, in Zukunft öfter im Original englischsprachige Texte zu veröffentlichen, die wir dann wiederum ins Deutsche übersetzen werden.9 – Wer weiß, vielleicht können wir es sogar schaffen, der Ort im Internet für aktuelle Nietzsche-Forschung weltweit zu werden? Wenn Ihnen unsere bisherige Arbeit gefällt: Unterstützen Sie uns gerne dabei und werden Sie zu einem „guten Europäer“ im Sinne Nietzsches, einem „Dolmetscher und Vermittler der Völker10.

Wir leben in einer Zeit nicht nur „der Abschliessung der Nationen durch Erzeugung nationaler Feindseligkeiten“ (ebd.), sondern sogar der Fragmentierung der „Nationen“ selbst in Submilieus, die sich kaum noch etwas zu sagen haben und in ihren je eigenen Lebenswelten zu hausen scheinen. Der intellektuelle grenzüberschreitende Austausch ist daher wichtiger denn je, um dieser gefährlichen Tendenz entgegenzuwirken und wieder zu einem gemeinsamen oder zumindest: gemeinsameren Verständnis der Welt zu kommen. Nietzsche, der große Verfechter des „Perspektivismus“11, der so unterschiedliche Perspektiven in seinem eigenen Werk entwickelte und durchspielte, der für so unterschiedliche Milieus und „Nationen“ interessant und wichtig geworden ist – in wenn auch bisweilen äußerst unterschiedlicher, ja: entgegengesetzter Gestalt –, eignet sich wie kaum ein anderer Denker nicht nur als Galionsfigur, sondern als echter Dialogpartner bei einem solchen Ansinnen. Er war, entgegen manchen Vorurteilen, entschiedener Internationalist und Kosmopolit, träumte nicht nur von einem vereinten Europa,12 sondern auch von „Eine[m] Ziel“13, das die gesamte Menschheit einigen könnte. Er war vor allem eines: Ein „freier Geist“ im Kampf mit den „Götzen“ seiner Zeit. Dass ihn diese geistige Ungebundenheit bisweilen auf Abwege führte, ist unstrittig und wird auf unserem Blog immer wieder diskutiert14 – dass er uns ein Vorbild und Ideengeber beim Kampf mit den „Götzen“ unserer Zeit, sei es KI, sei es Taylor Swift, sei es Donald Trump, sein kann, ist es ebenso.

IV. „Ein Träumer will immer noch mehr“

Mein und unser Motto bleibt jedenfalls – nicht mit Nietzsche, sondern mit Ernst Bloch gesprochen, doch bestimmt in seinem Sinne: „Ein Träumer will immer noch mehr“, und wir stehen gerade erst am Beginn einer Reise, die uns gemeinsam immer tiefer in den Kaninchenbau des ‚Nietzscheversums‘ hineinführen wird.

Doch wozu das alles in letzter Instanz? In einem Vortrag über die gesellschaftliche Rolle der Kunst15 zitiert Herbert Marcuse, wie Bloch ein nietzscheanischer Marxist, eine Strophe aus einem Gedicht des englischen Dichters und Zeitgenossen Nietzsches Arthur O’Shaughnessy (1844-1881):

One man with a dream, at pleasure
Shall go forth and conquer a crown;
And three with a new song’s measure
Can trample an empire down.16

Diese Verse treffen durchaus Nietzsches eigenes Verständnis der Rolle von Kunst und Philosophie für die Gesellschaft, wenn er etwa im Zarathustra schreibt: „Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen, lenken die Welt.“17

Nietzsche gehörte zweifellos zu den Erfindern neuer „Versmaße“. Er definierte wie nur wenige die Philosophie neu durch seine Art zu schreiben und zu denken – und revolutionierte, nebenbei bemerkt, auch die Lyrik, entwickelte neue „Versmaße“ in einem recht wörtlichen Sinne. Immer wieder dient er als Inspirationsquelle für intellektuelle, politische oder kulturelle Avantgarden, die auf der Suche nach dem Neuen sind, die versuchen, ein paar Schwimmzüge hinaus ins „offne[] Meer“18 zu wagen. Ihnen spricht Nietzsche aus dem Innersten ihrer Seele, wenn er schreibt:

[E]ine neue Gerechtigkeit thut noth! Und eine neue Losung! Und neue Philosophen! Auch die moralische Erde ist rund! Auch die moralische Erde hat ihre Antipoden! Auch die Antipoden haben ihr Recht des Daseins! Es giebt noch eine andere Welt zu entdecken – und mehr als eine! Auf die Schiffe, ihr Philosophen!19

Was hat es nun gebracht, dieses Pathos des Neuen? Stürzen diese Mutigen Reiche? Oder blieb ihr Wirken relativ peripher, führte gar zur Stiftung neuer, die meinten, „tausendjährig“ zu sein …

Ich bin skeptisch, doch möchte mir meine ‚Naivität‘ zugleich nicht nehmen lassen. Nietzsche ist es ja, der uns immer wieder ermahnt: „[B]ei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich dich: wirf den Helden in deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine höchste Hoffnung!“20 Und schon der frühe Nietzsche warnt: „[W]er die Illusion in sich und Anderen zerstört, den straft die Natur als der strengste Tyrann“21. Denn: „[N]ur in Liebe aber, nur umschattet von der Illusion der Liebe schafft der Mensch, nämlich nur im unbedingten Glauben an das Vollkommene und Rechte“ (ebd.).

Ich denke, man kann vielem von dem, was Nietzsche in seinem Leben so geschrieben hat, skeptisch gegenüberstehen und diesen einen Gedanken doch zumindest für bedenkenswert halten. Dann wäre aber nicht so sehr die Frage, inwieweit es irgendwelchen Avantgarden wirklich gelang, die Welt zu verändern, sondern was die Haltung einer solchen Avantgarde sein sollte, wenn sie zumindest die Chance haben will, es zu tun.

Eine Zumutung? Wie mir scheint, ist ein solcher „militanter Optimismus“ (Ernst Bloch) vielmehr eine Notwendigkeit in einer Zeit, die (scheinbar) wenig zum Hoffen übriglässt. Wir müssen hoffen, dass kühne Visionen wie diejenigen O’Shaughnessys, Marcuses oder eben Nietzsches wahr werden können, um den Mut zum Handeln nicht zu verlieren – wodurch die Welt erst recht eine würde, wie sie Nietzsche in seiner Dystopie zu Beginn des Zarathustra beschreibt: „Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in’s Irrenhaus.“24

Nietzsche ist zumindest ein Denker für all jene, die nicht freiwillig den Weg in die Psychiatrie antreten, die sich ihren  ‚Wahn‘, so individuell wie sie selbst, nicht von der einseitigen und längst widerlegten ‚Vernunft‘ der Wissenschaft ausreden lassen möchten. Nicht, wohlgemerkt, im Namen der bloßen Unvernunft, sondern der „großen Vernunft“! Für all jene, die noch Chaos in sich tragen, die Mut zur Geburt eines „tanzenden Sterns“ haben.

Ich denke, es macht nach wie vor – und heute vielleicht mehr denn je – Sinn, diesem Grundansatz treu zu bleiben. Auf ihn sollten wir uns, beim Schreiben mit, über, gegen Nietzsche immer wieder rückbesinnen und als entscheidenden Kernpunkt eines jeden möglichen ‚Nietzscheanismus‘ festhalten. Der „tanzende Stern“, um nicht gleich vom „Übermenschen“ zu reden, als Orientierungspunkt, um durch das geordnete Chaos der Welt des 21. Jahrhunderts irgendwie hindurchzukommen und sich dabei zumindest ein Mindestmaß an Würde zu bewahren.

Und wer weiß, vielleicht gelingt es dann unverhofft doch: eine philosophische Idee, eine ästhetische Vision, das stille Gebet eines „kapellenlosen Glaubens“ (Rainer Maria Rilke), das mächtig genug wäre, dieses Reich zu Fall zu bringen und eine neue Vernunft, ein neues Leben, einen neuen Leib aus seinen Ruinen hervortreten zu lassen. Folgen wir Baudelaires und Nietzsches Einladung zur Reise, bleiben wir uns selbst treu: „Dort ist Schönheit und Genuß, / Ordnung, Stille, Überfluß“.  

En avant!

Literatur

Baudelaire, Charles: Die Blumen des Bösen / Les Fleurs du Mal. Übers. v. Monika Fahrenbach-Wachendorff. Stuttgart 2014.

Marcuse, Herbert: Kunst in der eindimensionalen Gesellschaft. In: Peter-Erwin Jansen (Hg.): Nachgelassene Schriften Bd. 2: Kunst und Befreiung. Lüneburg 2000, S. 71–85.

Fußnoten

1: Charles Baudelaire, Übereinstimmungen. In: Die Blumen des Bösen, S. 19.

2: Baudelaire, De profundis clamavi. In Ebd., S. 65.

3: Baudelaire, Einladung zur Reise. In: Ebd., S. 109.

4: Die fröhliche Wissenschaft, Lieder des Prinzen Vogelfrei, Nach neuen Meeren.

5: Vgl. Also sprach Zarathustra, Vorrede, 5.

6: Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile, Abs. 14.

7: Menschliches, Allzumenschliches II, Vermischte Meinungen und Sprüche, Aph. 5.

8: Eine kritisch-polemische Auseinandersetzung mit dem ‚KI-Nietzsche‘, dem man im Netz auf Schritt und Tritt begegnet, ist für die nahe Zukunft geplant!

9: Tatsächlich liegen auch bereits einige Texte auf Englisch bzw. in professioneller englischer Übersetzung vor (Link).

10: Menschliches, Allzumenschliches Bd. 1, Aph. 475.

11: Vgl. insb. Zur Genealogie der Moral, Abs. III, 12.

12: „Dank der krankhaften Entfremdung, welche der Nationalitäts-Wahnsinn zwischen die Völker Europa’s gelegt hat und noch legt, Dank ebenfalls den Politikern des kurzen Blicks und der raschen Hand, die heute mit seiner Hülfe obenauf sind und gar nicht ahnen, wie sehr die auseinanderlösende Politik, welche sie treiben, nothwendig nur Zwischenakts-Politik sein kann, – Dank Alledem und manchem heute ganz Unaussprechbaren werden jetzt die unzweideutigsten Anzeichen übersehn oder willkürlich und lügenhaft umgedeutet, in denen sich ausspricht, dass Europa Eins werden will“ (Jenseits von Gut und Böse, Aph. 256).

13: Also sprach Zarathustra, Von tausend und Einem Ziele.

14: Für eine kritische Diskussion des Konzepts des „guten Europäers“ vgl. meinen älteren Text Das Problem Europa. Überlegungen mit Friedrich Nietzsche.

15: Vgl. Kunst in der eindimensionalen Gesellschaft.

16: Zit. n. ebd., S. 75.

17: Also sprach Zarathustra, Die stillste Stunde.

18:Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 343.

19: Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 289.

20: Also sprach Zarathustra, Vom Baum am Berge.

21: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben, Abs. 7.

22: Also sprach Zarathustra, Von den Verächtern des Leibes.

23: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 222.

24: Also sprach Zarathustra, Vorrede, 5.